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Der Protestantismus                                    

   

Aktualität und Relevanz des Protestantismus - Dr. Guy Liagre

Im Rahmen der 150 Jahrfeier der Eupener Friedenskirche hielt unser Synodalpräsident Dr. Guy Liagre am 18. September 2005, folgendes Referat über den Protestantismus:

We must always keep our minds open, but not so open that our brains fall out. (Wir müssen unseren Verstand stets offen halten, aber nicht so offen, dass unser Gehirn herausfällt.)

Liebe Freunde,

Der Protestantismus ist heute die drittgrößte monotheistische Bewegung nach dem Katholizismus und dem Islam. Weltweit sind wir etwa 600 Millionen Menschen – nach anderen Quellen gar das Doppelte -, die sich im weiteren Sinn zum Glauben und den Traditionen des Protestantismus bekennen.

Vor einigen Jahren schrieb der französische Soziologe Jean Boubérot ein Buch mit dem Titel "Muss der Protestantismus sterben?"

In der Tat muss man feststellen, dass – auf Weltniveau – das Bild des Protestantismus sich stark verändert hat, was den falschen Eindruck erwecken kann, er sei auf dem Rückzug. In Wirklichkeit aber haben die protestantischen Kirchen nie aufgehört zu wachsen und sich zu vervielfältigen, dabei auf Basis der gleichen Überzeugungen und Werte aber unterschiedliche Weisen ihrer Anwendung entwickelt.

"Die drei großen Elemente der modernen Zivilisation sind das Pulver, der Buchdruck und die protestantische Religion" schrieb Thomas Carlyle zu Beginn des 19. Jahrhunderts (1795-1881).

Die verschiedenen protestantischen Kirchen sind im 16. Jahrhundert entstanden, innerhalb des abendländischen Christentums. Sie haben dazu beigetragen, den Katholizismus zu verändern, und sie haben sich selbst verändert, als sie Europa verließen:

Keine sichtbare Autorität anerkennend,

wurde jeder zum unfehlbaren Richter des Glaubens,

und ohne Zustimmung des römische Klerus

wurde jeder Protestant zum Papst, eine Bibel in der Hand.

Auch Nicolas Boileau, ein Zeitgenosse von Bossuet, karikierte die Neigungen der künftigen Protestanten mit ein Bild, das auch heute noch besteht: "Jeder ist seine eigene Kirche".

Und doch: "Es behagt uns, Monseigneur, Kirchen anzugehören, die sich verändern", antwortete der lutherische Philosoph Leibnitz Bossuet, der, wie viele andere vor und nach ihm die zahllosen Varianten der protestantischen Kirchen belächelte.

Das obige Bild von den sich verändernden Kirchen trifft zu, stellt aber auch ein fundamentales Charakteristikum des Protestantismus dar. Der religiöse Individualismus ist die erste protestantische Revolution, wie sie in den beiden Feststellungen verankert ist und in die alle protestantischen Kirchen glauben:

"Die Schrift allein. Die Gnade allein" (Sola Scriptura – Sola Gratia).

Die Schrift allein bestätigt die Autorität der Bibel, die für jeden vom Heiligen Geist erhellten Gläubigen verständlich ist.

Aus diesem Grund verwerfen die Protestanten in gewissem Sinn die Autorität der Tradition, des Papstes und der Konzilien, über die sich nichts in der Bibel finden lässt.

Die Gnade allein bedeutet, dass die Menschen sich durch eigene Verdienste und Werke das Heil nicht sichern können, dass Kirche und Klerus in keiner Weise in ihrem Vorteil intervenieren können. Das Heil ist Gabe Gottes, die der Mensch durch den Glauben allein erwidert (Sola Fide).

Die Protestanten lehnen Wallfahrten, den Reliquienkult und die Anbetung der Heiligen ab.

Die unmittelbare Konsequenz dieser grundsätzlichen und von allen protestantischen Kirchen übernommenen Überzeugungen ist die Lehre von der allgemeinen Priesterschaft der Gläubigen, die nach Luther "alle zum Priester geweiht sind durch die Taufe". Der vorbildliche Christ ist nun nicht mehr der zölibatäre Mönch, der hinter Klostermauern betet, sondern der verheiratete Laie, der Teil der Gesellschaft ist und öffentlich seiner Berufung nachgeht.

Der philosophische Niederschlag dieser Überzeugungen sind schwindelerregend:

  • Die Legitimität einer Kirche und ihrer Hierarchie zu verwerfen, kann auch dazu führen, dass die Bereitschaft verworfen wird, sich jeder anderen Form von Autorität zu stellen, der göttlichen Macht etwa, und auch sie für illegitim zu erklären.

  • Die Erklärung, die Bibel sei souverän und jedem verständlich, impliziert, dass jeder sie nach eigenem Dafürhalten interpretieren kann.

  • Alle Sekten können sich demnach auf die Reformation berufen, unter der Bedingung, dass sie deren Grundprinzipien akzeptieren.

  • Die Überzeugung, dass das Heil weder durch Verdienst noch durch Werke beansprucht werden kann, führt dazu, dass Ethik und Moral ständiger Überprüfung bedürfen, denn das Gewissen des Einzelnen gilt ja als die einzige richterliche Instanz.

Merkwürdigerweise lässt die Reformation also einen Gott hervortreten, der die Religion befreit. Und darin mag der Grund dafür liegen, dass in unseren protestantischen Kirchen – zumindest denen reformierter Prägung – die Anzahl der regelmäßigen Gottesdienstbesucher heute eher niedrig ist.

Trotzdem:

"Die Protestanten verfügen im Allgemeinen über bessere Kenntnisse als die Katholiken. Das heißt: Die Religion der Einen bedarf der Diskussion, die der Anderen der Unterwerfung. Der Katholik muss die Entscheidung annehmen, die man ihm reicht; der Protestant muss lernen selbst zu entscheiden."

Jean-Jacques Rousseau, von dem diese Worte stammen, war ein glühender Verfechter dieser Tradition, die die seine war.

Der evangelische Gottesdienst wird von einem Pfarrer gehalten, der mit der Predigt und der religiösen Unterweisung beauftragt ist, das Monopol der Bibelinterpretation aber nicht beansprucht.

Kürzlich meinte ein Kollege: "Die Mehrheit der Leute fühlen sich von den Bibelabschnitten beunruhigt, die sie nicht verstehen.

Ich meinerseits stelle fest, dass mich jene Abschnitte beunruhigen, die ich sehr wohl verstehe und die ich den Gemeindegliedern zu erklären versuche."

In Europa und in unserer Kirche ist der Pfarrer eine Art Geburtshelfer der göttlichen Gnade, indem er die Heilige Schrift erklärt. Er hat ein Universitätsdiplom, und sein schwarzer Talar ist ein Universitätsgewand, kein religiöses Ornat.

Voltaire sagt in seinem Philosophischen Wörterbuch:

"Jede Sekte ist in jeder Beziehung ein Sammelplatz für Zweifel und Irrtum. Scotisten, Thomisten, Königstreue, Nominalisten, Papisten, Calwinisten, Molinisten, Janseniten sind nichts anderes als Kriegsnamen.

In der Geometrie gibt es keine Sekten. Hier wird weder von Euklidianern gesprochen noch von Archimedianern. Wenn die Wahrheit evident ist, erheben sich keine Parteien und auch keine Splittergruppen. Niemals ist je diskutiert worden, ob um Mitternacht Tag ist."

Doch auch der Protestant sollte sich nicht streiten.

Da er nicht das Monopol der Bibelinterpretation besitzt, liegen Zerstückelungen in der Natur des Protestantismus. Es gibt genügend Raum für unterschiedliche Interpretationen des Wortes Gottes. Der Zerstückelung liegt in der Natur des Protestantismus, denn er verweigert jeder Kirche das Monopol der christlichen Wahrheit und lässt jeden die Bibel nach seinen persönlichen Kriterien analysieren. Die Errichtung einer neuen Kirche hat also nicht den Charakter eines schmerzhaften Bruchs, den er für einen Katholiken hätte. Alle christlichen Vereinigungen sind letztendlich menschliche und fehlbare Konstruktionen, die sich an die Entwicklungen der Gesellschaften und Kulturen anpassen müssen. Tatsächlich haben die Protestanten wesentlich dazu beigetragen, dass sich eine Laienkultur entwickelte, innerhalb der jede Person und jede Gedankengemeinschaft sich frei ausdrücken darf und soll. Ohne anderen die eigene Meinung oder Lebensregeln aufzwingen zu wollen. Aus diesem Grund ist es für einen Protestanten von größter Bedeutung, dass jeder Mensch seine Denkkraft weiterentwickelt und sein Handeln an einem aufgeklärten Gewissen ausrichtet. Aufgeklärt durch die Bibel, die ihrerseits kritisch und im offenen Dialog interpretiert wird.

Das ist es, was Theophile Bost, Pfarrer von Verviers, im 19. Jahrhundert auf seine Weise verteidigt hat. Er hat nicht nur ein Buch publiziert, sondern Dutzende von Artikeln zu verschiedenen Themen verfasst, etwa zur Kindererziehung, zur Kinderarbeit, zum Alkoholismus, zur Beziehung zwischen Kirche und Staat und so weiter.

Bost, der ausgesprochen liberal dachte, wurde von allen Seiten angegriffen, innerhalb und außerhalb seiner Synode. Insbesondere musste er - Sie können es sich vorstellen – von Seiten der belgischen christlichen Missionskirche, der seine liberale Haltung ein Dorn im Auge war, harsche Kritik einstecken.

"Bei einer hohen Anzahl evangelischer Minister besteht der Glaube gerade mal noch in einem gemäßigten und abgeschwächten Deismus, der sich vom reinen Deismus nur durch den Respekt unterscheidet, den sie noch für Christus und die Bibel empfinden", schrieb ein Zeitgenosse.

Aber Bost antwortete mit Viktor Hugo:

"Dieser Gegensatz: Gott wahr, Dogmen falsch; Lüge, die sich in die Vernunft hat gleiten lassen! Blutiger Aussatz, unheilbar, ewig, die der Mensch in seiner Seele spürt wie der Vogel unter seinen Flügeln. Oh, diese infame Arbeit!

Hier Mohammed, dort, dieser Kopf, Wesley, auf diesem Leib, Loyola; Cisneros und Calvin, deren Brandwunden man riechen kann.

Oh, ihr falschen Erleuchter! Oh, ihr Jongleure! Eure Gangart ist unheimlich, eure Schritte schleichend; Entsetzen, nicht Liebe, bilden die Grundlage für euer Gesetz..."

In der Synode der Union des Eglises wurde gegen Pfarrer Bost sogar das Verfahren zur Amtsenthebung eingeleitet. Glücklicherweise ohne Resultat, denn zu seiner Zeit war er eine bekannte Persönlichkeit. Die Tatsache, dass sein Name schon im Littré stand, während er noch protestantischer Pfarrer in Vervier und sogar Sekretär der Synode war, spricht für sein Renommé.

Im Kampf um die Säkularisierung der Friedhöfe spielte Theophil Bost eine führende Rolle.

Die Friedhöfe waren Anfang des 19. Jahrhunderts Eigentum der römisch-katholischen Kirchenfabriken. Diese verwalteten sie nicht nur, sondern kontrollierten sie auch. In Verviers brach bereits in der Mitte des 19. Jhs ein Streit aus zwischen der katholischen Kirche und den Behörden. Die Protestanten schickten den Behörden einen Brief, in dem sie die Säkularisierung der Friedhöfe beantragten, das heißt, sie baten darum, dass auch Protestanten ihre Toten in der gleichen Art und mit den gleichen Rechten bestatten durften wie die Katholiken. Bislang war der Friedhof nämlich den römisch-katholischen Gläubigen vorbehalten, während die Protestanten im so genannten "Hundeloch" begraben wurden, das heißt außerhalb des Friedhofs oder auf einer Parzelle, die den Ungläubigen, den Juden, den Protestanten und den Selbstmördern zugedacht war. Dank der Intervention und dem Druck der Protestanten sowie der Unterstützung durch die Laienbewegung wurde eine Gemeinderegelung und später auch ein nationales Gesetz erlassen, das die kirchliche Verwaltung der Friedhöfe abschaffte.

Diese kurze Periode des Vervierschen Protestantismus im neunzehnten Jahrhundert erhellt – unabhängig von seiner geringen zahlenmäßigen Stärke - einen Aspekt seines eindrucksvollen Beitrags innerhalb des Sozialgewebes.

In dem wunderbaren Buch von Jean Smet, das letzte Woche vorgestellt wurde, finden Sie zahlreiche andere Beispiele. Ich spreche darüber, weil es ein schönes Beispiel dafür ist, was den Protestantismus ausmacht. Der Protestantismus ist eine religiöse Bewegung, die den Ruf nach Freiheit und Toleranz so sehr in sich trägt, dass jeder Protestant eine Definition seines Glaubens vorlegen kann, ohne in irgendeiner Weise den Wert des Glaubens eines anderen zurückzuweisen.

Dies gilt auch für die aus Genf kommenden protestantischen Glaubensäußerungen, im Gegensatz zu katholischen Äußerungen, die stets nur aus Rom kommen können.

Historisch gesehen ist der Protestantismus ein Echo auf die Reformation der in die Tradition eingelassenen Kirche. Mit Tradition ist hier Unveränderlichkeit gemeint, ja Starre. Die Protestanten wollten nicht nur eine Reform, eine Renaissance und eine Wiederentdeckung der christlichen Religion, sondern auch die Einrichtung einer beständigen Revolution. Der Protestantismus versteht sich als eine kirchliche Bewegung, die sich von Person zu Person neu entdeckt, von Ort zu Ort, von Epoche zu Epoche. Und dies mit einer doppelten Sorge: Jesus Christus treu zu sein und damit Gott, der Bibel und dem Evangelium. Als Zeuge in seiner Zeit, für seine Zeit, als Bote der evangelischen Botschaft in einer sich unaufhaltsam weiterentwickelnden Welt.

Es gibt also keinen identifizierbaren Protestantismus, sondern protestantische Auffassungen hinsichtlich der Fleischwerdung der biblischen Botschaft in der Welt und im Menschen. Die Freiheit der Bibelinterpretation, die Gewissens-, die Glaubens- und die Redefreiheit führen zu einer Explosion an Interpretationen und spirituellen Ausdrucksformen und damit unaufhaltsam zu einer Vielfalt von Aussagen. Diese (Freiheit) begründet dann auch die relative Schwierigkeit, den Protestantismus zu verstehen und zu erklären. Sowie auch die Schwierigkeit, in allgemeinen Begriffen über die Aktualität und Relevanz des Protestantismus zu sprechen. Um den Protestantismus zu verstehen muss man seine bewegte Geschichte verstehen und auch seine Substanz. Verstehen, dass es sich um eine Religion im steten Wandel handelt, um einen Ort der freien Äußerung. Ohne Lehre kann jeder seinen Weg und seinen Glauben erfinden. Eine gewisse Zerstückelung ist die Folge. Zwar gibt es einen gemeinsamen Stamm, aber viele Zweige; und Vögel unterschiedlicher Arten nisten in ihnen, leise oder auch nicht ganz so leise. Obgleich schwierig ins Leben zu integrieren, versteht sich der Pluralismus als wesentliches Kennzeichen des Protestantismus.

Die Praxis der persönlichen Lektüre und freien Interpretation der heiligen Schriften ermutigt die Protestanten, die Pluralität der Überzeugungen und Spiritualitäten zu respektieren und zu schätzen und eine Kultur des Dialogs zu entwickeln.

Bei den Protestanten erhält jeder die Bildung, die die Voraussetzung dafür ist, dass er Gott in allen Dingen selbst erkennen kann. Das evangelische Bildungssystem zielt darauf ab, dem Einzelnen bei seiner persönlichen Entwicklung beizustehen, ihn zu seiner Identität zu verhelfen, so, wie Gott ihn erschaffen hat. Sie empfinden nicht das Bedürfnis Menschen zu zerbrechen, um sie anders erneut zu erschaffen. Deshalb ist jeder Protestant es sich schuldig zu lernen und so zu leben, als müsse er eines Tages Pfarrer werden. Tatsächlich sind die Pfarrer nicht anders als ihre Schäflein und gibt es keine Glaubensbarrieren. Der Familienvater ist der erste Pfarrer. Ein evangelischer Pfarrer kann heiraten, Kinder haben... Eine Frau kann Pfarrerin werden. Ein Protestant betet nicht, um Gott um etwas zu bitten, sondern um ihm zu danken für das, was er ihm gegeben hat. Ein Protestant glaubt, dass die Welt das Werk Gottes ist. Aber er glaubt nicht, dass Gott in allem interveniert und alles beschließt. Natürlich weiß er, dass er den blinden Gesetzen der Natur unterworfen ist, dass er nicht alles kontrollieren kann. Unabhängig davon weiß er, dass alles in seiner Verantwortung liegt und von seiner Leistung abhängt. Die Lehre von Gott, die in den Texten enthalten ist, ist dazu da, ihm zu helfen.

Seit frühesten Anfängen – der Bürgermeister hat es letzte Woche, bei der Einweihung der Kirche noch unterstrichen – hat der Protestantismus eine demokratische Form der Organisation gewählt und damit deutlich dazu beigetragen, dass die Demokratie sich in unseren westlichen Gesellschaften entfalten konnte. Die Protestanten haben stets – sei es auf dem Gebiet der Arbeit wie auch des konkreten Berufes – die persönliche Initiative gefördert, den Mut und das Risiko, sich in der säkularen Gesellschaft einzubringen. Und das bereits in einer Zeit, in der nur das Opfer der (Berufs-) Gläubigen geschätzt wurde. Und voller Misstrauen gegenüber autoritativen Traditionen schätzen die Protestanten die Leistung des Gedächtnisses und der Erinnerung sowie die Lektionen der Geschichte.

Ein Beispiel: Indem sie die persönliche Freiheit und das freie Unternehmertum verteidigen, sind sich die Protestanten durch ihre Vertrautheit mit biblischen Traditionen der Grenzen dieses Individualismus bewusst geworden und sie haben sie daraus sehr früh die Begeisterung geschöpft, im Bereich der sozialen Gerechtigkeit und der Solidarität innovativ tätig zu werden.

Nichts ist perfekt, und auch der Protestantismus kennt seine Mängel.

Zum Beispiel halten gewisse protestantische Kreise an der Verurteilung der Evolutionslehre fest. Es handelt sich bei ihnen um integristische Gruppierungen, in denen die Kinder eine höchst schwache Ausbildung erhalten.

(Daneben bestehen andere protestantische Kreise, die die Grundlage für die moderne Wissenschaft geschaffen haben, die unter anderem zur Evolutionstheorie hingeführt hat...).

Ein anderes Beispiel ist die absolute Wettbewerbsfreiheit, so, wie man sie uns zur Zeit auferlegen möchte. Sie rührt von einem protestantischen Aberglauben her, der besagt, dass, wenn ein kleiner Handel gut funktioniert, wenn die Gewinne stimmen und der Unternehmer dick und fett ist, er von Gott gesegnet sei. Deshalb, so glauben manche, wenn jemand arm ist, wenn ihr Geschäft nicht geht, dann ist er eben nicht von Gott gesegnet. Und darum verdienen sie ihr Schicksal auch. Das ist absurd und widerspricht den christlichen Werten, aber es wird noch Zeit kosten, das zu verändern.

Ich möchte die Aktualität und Relevanz des Protestantismus in fünf Punkten zusammenfassen.

Erstens: "Gott allein die Herrlichkeit"

Die Protestanten bekennen, dass außerhalb Gottes nichts heilig, göttlich oder absolut ist. Aus diesem Grund sind sie Parteien, Werten, Ideologien gegenüber wachsam, aber auch gegenüber jedem menschlichen Unternehmen, das Absolutheit, Unantastbarkeit oder Universalität beansprucht. Da Gott ein Gott der Freiheit ist, der vom Menschen eine freie Antwort fordert, eifern die Protestanten für ein Sozialsystem, das die Pluralität und Freiheit des Gewissens respektiert.

Zweitens: "Allein die Gnade"

Die Protestanten bejahen, dass der Wert eines Menschen weder von seinen Eigenschaften, seinen Verdiensten, noch von seinem Sozialstatus abhängt, sondern von der Liebe Gottes, die jedem menschlichen Wesen einen unschätzbaren Preis verleiht. Der Mensch braucht sich sein Heil also nicht zu verdienen, indem er versucht, Gott zu gefallen. Gott schenkt ihm Gnade, bedingungslos. Diese von Gott geschenkte Liebe befähigt den Menschen, seinerseits bedingungslos die Seinen zu lieben.

Der Glaube wächst aus der persönlichen Begegnung mit Gott. Diese Begegnung kann sich im Leben des Einzelnen ganz unerwartet ereignen. Meistens ist sie das Ergebnis eines langen Weges, der mit Zweifeln und Fragen gepflastert ist. Aber der Glaube wird von Gott geschenkt, ohne Bedingung. Jeder Mensch ist berufen, ihn in Freiheit anzunehmen. Er ist die menschliche Antwort auf die Liebeserklärung, die Gott uns allen macht, in den Geschichten der Bibel, in Jesus Christus.

Drittens: "Allein die Bibel"

Protestantische Christen erkennen die Bibel als einzige Autorität an. Sie allein kann ihren Glauben nähren; sie ist die entscheidende Referenz in theologischen, ethischen und institutionellen Fragen.

Durch die menschlichen Zeugnisse, die sie uns vermittelt, ist die Bibel das Wort Gottes.

Die biblischen Texte enthalten die allgemeinen Prinzipien, auf Basis derer jeder Protestant für sich selbst und jede Kirche in Gemeinschaft den Raum für ihren Glauben schaffen.

Viertens: "Sich unaufhaltsam reformieren"

Die Kirchen vereinigen in einem Glauben und Hoffen all jene, Männer Frauen und Kinder, die ausdrücklich den Gott Jesu Christi als denjenigen bekennen, der ihrem Leben Sinn gibt.

Die kirchlichen Instanzen entsprechen der Wirklichkeit des Menschen. "Sie können sich irren", sagte Luther.

Hinsichtlich des Evangeliums müssen die Kirchen beständig einen kritischen und fragenden Blick auf ihr eigenes Funktionieren werfen. Jeder muss seinen Anteil an der Verantwortung tragen und die Treue gegenüber dem Wort Gottes bezeugen.

Und schließlich: "Das allgemeine Priesteramt"

Eines der erneuernden Prinzipien der Reform ist das allgemeine Priesteramt der Gläubigen, das jedem Getauften eine individuelle Stellung im Bereich der Kirche einräumt. Keine Hierarchie, sondern ein Dienst der Predigt, des Zuspruchs und der spirituellen Anteilnahme. Nach dem Prinzip des universellen Priestertums kann es unter Christen keine naturgemäßen Unterschiede geben. Die Heilige Schrift ist jedem Gläubigen verständlich, und die direkten Verbindungen mit Gott durch Gebet und Wortmeditation machen die Existenz von Heilsvermittlern oder Priestern überflüssig.

Die geistlichen Führer haben ihre Aufgabe in der religiösen Erziehung zur Wahrheit hin und können keinen Anspruch auf sakrale Überlegenheit erheben.

Dieses Bekenntnis einer religiösen Gleichheit hat zur Ablehnung einer ordinierten Kirche geführt, das heißt, eines Klerus, der beansprucht, durch das Sakrament der Ordinierung eine göttliche Gnade empfangen zu haben, die ihm das Privileg verleihe, gewisse Riten wie die Feier der Messe oder die Vergebung der Sünden zu verwalten.

Wenn nach unserem Verständnis des Christen des einundzwanzigsten Jahrhunderts die Bedeutung der Bibel, das Heil durch den Glauben und das Priesteramt der Gläubigen evident ist, so dürfen wir doch nicht vergessen, dass diese Prinzipien aus widrigen Umständen hervorgegangen sind, aus dem der katholischen Kirche entgegengebrachten Vorwurf des Missbrauchs, aus Protest und aus der Befreiung. Und dass zahlreiche Protestanten sie mit ihrem Leben bezahlt haben.

Im Übrigen sind wir es uns schuldig, mit der Bezeichnung "protestantisch" verantwortlich umzugehen und über seine Implikationen nachzudenken, die positiven und die negativen. Sie können so weit gehen, dass sie so manche Reaktionen und Werte in Zweifel ziehen, die zur protestantischen Kultur gehören.

Die Bibel, in der jeder den Sinn seines Lebens erkennen kann, ist ein wahrer Quell von Werten, aber auch ein kritischer Quell (der Werte). Die Kirche versteht sich eher als Begleiterin dieser Suche als ihre alleinige Interpretin.

Sie fördert

  • den Wunsch nach einer persönlichen Wertefindung

  • das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen und seine Autonomie

  • die persönliche Urteilsbildung, die Freude an kritischen Überlegungen

  • die Begeisterung für die Wahrheit in allen Bereichen, einschließlich ihrer moralischen und spirituellen Dimensionen, die Freue an der Entdeckung, der Verzauberung.

  • die Emanzipation, die kulturelle Öffnung

  • den Respekt der persönlichen Weggestaltung und die Gewissensfreiheit, begründet im Wert und in der Würde eines jeden

  • die grundsätzliche Gleichheit aller Menschen aufgrund ihrer Erschaffung nach dem Bild Gottes; das Streben nach Gerechtigkeit

  • die allgemeine Botschaft der Gnade für den Menschen, den Appell nach gesellschaftlicher Solidarität

  • Selbstlosigkeit, Verantwortungssinn, Streben nach höherem Lebensniveau der Gemeinschaft und der Menschheit, Nützlichkeit

  • das Recht auf eine persönliche Meinung und ihre Äußerung, das Recht auf Protest

  • die Teilhabe aller an Wissen und Macht (Demokratie, Kollegialität, Kongregationalismus...)

  • die Abwehr des Totalitarismus, des Absolutismus, des Dogmatismus

  • die Aufforderung sich weiterzuentwickeln, sich stets aufs Neue zu reformieren.

 

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Stand: 04. Juni 2010