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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 14. April 2002
Liebe Schwestern und Brüder,
„Meine Zeit steht in Deinen Händen!“ heißt es in einem bekannten Lied.
„Meine Zeit steht in Deinen Händen“ Dieser Vers stammt aus Ps. 31,16.
Meine Zeit – was ist darunter zu verstehen?
Wir haben heute ein rundes Zeitverständnis. Das kann
man am besten an unseren Uhren verdeutlichen. Unsere Uhren laufen rund. Es geht
irgendwie immer weiter. Die Zeit hat keinen Anfangs- und keinen Endpunkt. Es
geht irgendwie immer weiter so. Ist einmal Mitternacht vorbei, geht es gleich
mit 1 Uhr des nächsten Tages weiter.
Die Folge von diesem Zeitverständnis ist, dass Zeit eigentlich gar nicht so
wichtig ist. Man hat ja unendlich viel davon. Es geht irgendwie immer weiter.
Sie läppert so vor sich hin.
Etwas anders sieht die Bibel die Zeit. Die Bibel versteht die Zeit wie eine
Sanduhr. Am Anfang hat ein Mensch noch ganz viel Zeit, aber unentwegt rinnt sie
dahin und irgendwann einmal ist der Zeitpunkt gekommen, dann ist sie abgelaufen.
Dann ist sie zu Ende. Jedes einzelne Menschenleben auf dieser Erde hat einen
Anfang und ein Ende. Es läuft ab. Die Folge bei dem biblischen Verständnis von
Zeit ist, dass Zeit etwas unendlich kostbares ist. Zeit ist nach biblischen
Maßstäben etwas, das man nur einmal hat, etwas, was nie wieder zurückkommt. Gut
und Geld kann man verlieren, man kann es aber auch wieder gewinnen. Freunde kann
man verlieren, aber auch wieder neue bekommen.
Aber die Zeit ist einmalig.
Wenn die Zeit Knospe, der Kindheit, vorüber ist, dann ist sie
vorüber und nicht mehr zu wiederholen. Die Kindheit kommt nicht wieder. Wenn die
Zeit der Blüte - der Jugend - vorbei ist, dann ist sie vorbei und kein Mensch
kann sie zurückholen. Wenn die Zeit der Frucht – also des Erwachsenenalters –
vorüber ist, dann ist sie verstrichen. Wenn die Zeit der Ernte gekommen ist –
das Alter – dann hat auch dieser Lebensabschnitt todsicher seinen Endpunkt.
Wenn man das von dieser endgültigen Sicht her betrachtet, dann kann man ganz
schön Angst bekommen. Man fragt sich: Ja, was passiert denn, wenn meine Kindheit
völlig daneben ging, was ist los, wenn ich meine Jugend durch Sünden verdorben
habe, was passiert, wenn ich in meiner Lebensmitte keine Frucht gebracht habe?
Es macht einem der Gedanke Angst, dass man seine Zeit einfach
so hat verrinnen lassen, ohne sie auszukaufen, ohne etwas sinnvolles, etwas
Gottgefälliges, ohne etwas befriedigendes daraus zu machen. Man stelle sich vor,
dass man Tage, wenn nicht sogar Monate seiner kostbaren, unwiederbringlichen
Lebenszeit, einfach so vor dem Fernseher verplempert hat, indem man sie gefüllt
hat durch den Konsum von nichts sagenden Talkshows, brutale Metzeleien oder wie
ein paar Leute hinter einem Ball herlaufen oder in Autos im Kreis herum fahren.
Diese Zeit ist dann einfach weg, was ist von ihr geblieben? Wie soll ich mich
vor dem verantworten, der sie mir gegeben hat?
Ich werde gleich im Anschluss darauf eingehen, wie man denn die Zeit füllen
soll.
Aber zuvor will ich etwas unendlich tröstendes sagen: „Meine Zeit steht in
Deinen Händen“, das heißt, auch wenn ich meine Zeit nicht befriedigend,
nicht verantwortungsbewusst zu füllen vermochte, dann ist sie dennoch in Gottes
Händen. Ich brauche mich nicht vor meiner Vergangenheit zu fürchten. Denn sie
ist in seinen Händen geborgen.
Einmal brachten ein paar Freunde, einen Gelähmten zu Jesus. Und Jesus machte ihn
zuerst gar nicht gesund, sondern sagte: „Deine Sünden sind Dir vergeben.“
Mit anderen Worten – Jesus brachte seine unheilvoll genutzte Zeit in Ordnung. Er
kann zurückgreifen in die Zeit in der ich ein verletzendes Wort gesagt habe, das
ich nie wieder zurücknehmen konnte, er kann meine Vergangenheit, meine bösen
Erinnerungen, die mir nachts den Schlaf rauben und mich morgens nicht in den
Spiegel schauen lassen heilen. Auch wenn ich Fehler gemacht habe, auch wenn ich
andere zerstört und verletzt habe, auch wenn ich viel zu wenig geliebt habe,
auch wenn ich viel zu spät Gott die Ehre gegeben habe – Jesus kann das vor
Gottes Augen in Ordnung bringen. Denn meine Zeit steht in seinen Händen. Das ist
unendlich tröstlich für alle, die sich den Kopf zermartern, die sagen: Ich hab
alles nur falsch gemacht.
Aber auch die Gegenwart. Wenn meine Zeit in seinen Händen steht, dann muss ich
nicht gierig hinter allem, was irgendwie Leben verspricht herlaufen. Ich brauch
nicht die ganze Zeit Angst zu haben, irgendetwas zu verpassen. Meine Zeit ist in
seiner Hand, ich kann mich ihm in jeder Zeit anvertrauen und er wird das Beste
daraus machen.
Und auch meine Zukunft ist in seinen Händen. Manchmal bekommt man ja richtig
Angst, wenn man an die Zukunft denkt. Alles wird teurer, die Menschen scheinen
immer roher, egoistischer und gewalttätiger zu werden. Auch da gilt: Meine Zeit
steht in deinen Händen – auch meine Zukunft. Gott wird schon dafür sorgen.
Wenn nun meine Zeit in Gottes Händen steht – welche Auswirkungen sollte das für
meine Zeitplanung haben?
Die Bibel spricht davon, dass man zum optimalen Zeitpunkt (kairos) genau das
richtige tun soll. Dann ist die Lebenszeit optimal genutzt. Vieles kann sehr gut
und sinnvoll sein, aber wenn es zum falschen Zeitpunkt eingesetzt ist, dann
bewirkt es das genaue Gegenteil. Wenn ich zum Beispiel meiner Frau umarmen und
ihr ein Küsschen gebe will, gleichzeitig aber die Kinder schreien, das Telefon
klingelt und ein Arzttermin bevorsteht, dann kann sie das unmöglich als
Liebesbeweis verstehen. Dann wird aus positive Zärtlichkeit sexuelle Belästigung
am Arbeitsplatz. In dieser Zeit wäre es angebrachter, die Kinder zur Vernunft zu
bringen, den Anrufbeantworter einzuschalten und zu bedenken, was vor dem Termin
noch erledigt werden muss.
Nun, aber wie kann ich meine Zeit optimal nutzen?
Wenn es heißt, dass meine Zeit in Gottes Händen steht, dann sollte man sie
zuallererst auch in seine Hände legen! Das fängt damit an, dass man die Zeit, in
der man in Bestform ist, Gott widmet. Die Zeit hat ja unterschiedliche
Qualitätsstufen. Es gibt Leute, die sind früh am Morgen fit wie ein Turnschuh,
währenddessen richtige Nachteulen nach acht Uhr abends so richtig in die Gänge
kommen.
Man sollte nun gerade diese Zeit, in der man in Bestform ist, Gott widmen.
Gerade in dieser Zeit, Beten, in der Bibel lesen, ihn loben, auf ihn hören, für
ihn da sein. Wenn man Gott, gerade diese wertvolle Zeit widmet, dann hat man sie
am besten investiert. Dann kann ich ihm meine Pläne für meine Zeit darlegen, auf
seine leise Stimme hören, darauf achten, was er zu sagen hat.
Ich muss leider gestehen, dass mir das nicht immer gelingt. Das Ergebnis ist,
dass ich von einer Anforderung zu anderen hechele und manchmal kaum zu Atem
komme. Aber wenn es mir gelingt, dann bin ich zufrieden mit dem, wie der Tag
gelaufen ist.
Luther wurde einmal gefragt, wie er es denn schafft, all die
viele Arbeit eines Reformators zu bewältigen. Dem Sinn nach antwortete er: Wenn
ich viel zu tun habe, muss ich viel beten.
Da kommen wir zur zweiten Zeitform, die wir erleben. Ich nenne die Zeit zwischen
Bestformzeit und müde, erschöpft und ausgelaugt sein, Arbeitszeit. Wie sollen
wir diese Zeit füllen?
Ich denke, in dieser Zeit müssen wir die Dinge tun, die
einfach getan werden müssen. Das fängt bei A wie Abwasch an und hört bei Z wie
Zeitung lesen auf. In dieser Zeit muss sich bewähren, was wir von Gott in
unserer Zeit mit ihm bekommen haben. Dann müssen wir teils gehorsam auch das
erledigen, was er uns aufgetragen hat. Aber es ist auch wichtig, dass wir das,
was wir tun mit Liebe und Sorgfalt erledigen. Paulus schreibt einmal: Alles, was
ihr tut, das tut, als würdet ihr es für den Herrn tun. Die Lehrer sollen die
Kinder unterrichten, als ob sie Jesu Kinder unterrichten, die Büroangestellten
sollten kopieren, als ob sie für Jesus kopieren, die Ärzte, als würden sie Jesus
behandeln, die Köche sollten kochen, als würde Jesus zu Gast sein. Ich weiß, das
ist unendlich anstrengend, aber es ist auch sehr schön und es erfüllt uns. Wir
Menschen sind nämlich so geschaffen, Gutes zu tun und erst, wenn wir Gutes tun,
sind wir zufrieden mit uns selbst.
Nach der Bestformzeit, nach der Arbeitszeit kommt noch die letzte Zeit. Die
Zeit, wenn man erschöpft in seinen Sessel zurücklehnt und einfach müde und
ausgelaugt ist. Ich nenne diese Zeit Aus-Zeit. Das ist eine gefährliche Zeit.
Man will sich etwas gönnen, eine Freude machen, sich belohnen. Dabei schießen
wir Menschen leicht über das Ziel hinaus. Aus einem Gläschen in Ehren wird ein
Rausch, bei einem gemütlichen Fernsehabend lädt man Schund in seine Seele. Für
diese Zeit bedarf es großer Disziplin sie noch sinnvoll zu gestalten. Es gibt
durchaus gesunde Zeitfüller: Einen Spaziergang machen, Sport treiben, aufräumen,
etwas gutes Lesen, schöne Musik hören oder machen, basteln, sich mit seinen
Familienangehörigen unterhalten oder einfach schlafen. Ganz im Sinne von Psalm
128 in dem es heißt: „Der Herr gibt es den seinen im Schlaf.“
Bittet Gott darum, dass auch in dieser Zeit das tut was das
Beste für Euch ist, und ihn ehrt.
Meine Zeit steht in Deinen Händen. Das ist ein großer Trost,
denn dadurch ist mein ganzes Leben in seiner Hand geborgen.
Meine Zeit – in Gottes Händen, das ist ebenfalls eine Herausforderung an mich,
meine Zeit auszukaufen und mir unter Gottes Anleitung, das Beste daraus zu
machen. In diesem Sinne wünsche ich uns allen: Eine Gute Zeit.
Amen.
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