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Wiederkunft Christi                                    

   

Predigt von Vikar Darius Tomczak vom 20. November 2005 (Ewigkeitssonntag)

Liebe Gemeinde,

vor einiger Zeit starb Simon Wiesenthal, der Leiter des jüdischen Dokumentationszentrum. Der Mann hatte wenig Freunde. Und wer wenig Freunde hat, hat meistens viele Feinde.

Und er hat einmal gesagt, es sind schon viele Jahre her: Gott und Hitler, das passt nicht zusammen. Aber Gott ist stärker. Wenn wir uns das als Christen anhören, dann stehen wir vor einem Dilemma.

Die Theologen würden sagen: vor einem Problem! Ein Christ würde sagen:

ich stehe vor einer Zerreißprobe.

Einerseits Genesis 1: Die Schöpfung ist gut. Gott sah: es war alles gut.

Aber anderseits die Aussage: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Hab nicht lieb diese Welt. Ich werde in der Welt gekreuzigt. Sie kennen diese Aussage.

Hier ist eine Spannung. Wir stehen vor einem Problem. Einerseits: Gott in der Welt, für die Welt und anderseits: Gott passt nicht in diese Welt. Es ist ein Problem.

Ich erinnere mich wie ich am letzen Sonntag durchs muslimische Ostjerusalem ging, und danach nach Bethlehem reiste, die unter palästinensischer Autonomie steht.

Es brach mir fast das Herz, als ich nach Bethlehem fuhr und Zeuge der neuen Sicherheitsmauer wurde, die aus 8 Meter hoch Betonblöcken besteht.

Zoll um Zoll blockiert die Breite der Mauer die Hauptstrasse, die ins Herz der Stadt Bethlehem, dem Geburtsort von Jesus Christus hineinführt. Als ich meinen Blick zu den Hügeln rund um Bethlehem und den benachbarten Jerusalem warf, wurde mir klar, Bethlehem ist zum großen Gefängnis geworden.

"Eine Mauer?" fragte ich mich selbst. "Ist das die Lösung für den palästinensisch-israelischen Konflikt?"

Liebe Gemeinde, ich kann Ihnen sagen: das Problem in Israel wird nicht gelöst. Es ist eine moderne Art zu denken: man kann die Probleme lösen.

Man muss auch mit den Problemen leben.

Probleme lösen heißt oft dogmatisch werden, und dogmatisch werden heißt versteinern. Unbarmherzig werden, aussperren.

Wir erfahren in der Bibel bei Hiob, dass auch Hiob ein großes Problem hat. Hiob wird mit seinem Leben auf dieser Erde nicht fertig. Er leidet, er weiß nicht, warum er leidet. Er kann das nicht zusammenbringen: Gott und die Welt. Er kann das nicht. Er diskutiert, er diskutiert mit Theologen. Dann aber lesen wir: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.

Als Christen lösen wir die Probleme nicht, sondern im Glaubensdurchbruch überwinden wir Probleme. Überwinden wir Probleme. Existentiell.

Auf einem Fundament, das heißt Yeschua Messiah.

Die Herausforderung des modernen Menschen heute, ist die Frage nach dem gnädigen Gott. Nicht die Frage nach dem gnädigen Gott, die Luther gestellt hat. Im gewissen Sinne auch Calvin.

Die Frage des Menschen heute lautet: Ob überhaupt Gott, überhaupt Gott mit dieser Welt etwas zu tun hat. Ob irgendwie in dieser Welt die Frage nach Gott einen Sinn hat. Die Antwort ist einerseits: Optimismus, wir werden die Welt verändern. Das waren die Ideologien des 20 Jh.: der Nationalismus und der Kommunismus. Heute mehr Resignation, Abwarten.

Das ist das Problem, liebe Gemeinde und jetzt werden wir es nicht lösen. Aber wir werden es überwinden.

Viele von Ihnen wissen, dass ich in Basel studiert habe. Dort lehrte an der theologischen Fakultät Franz Overbeck. Von 1870 bis 1897.

Die Schweiz war so liberal, Basel war so liberal, dass er auch Theologie Professor bleiben konnte, nachdem er gesagt hatte: Ich bin nur aus Missverständnis ein Theologe geworden. Und das Christentum hat mich das ganze Leben gekostet, und ich habe ein Leben gebraucht, um es ganz loszuwerden.

Aber dieser Franz Overbeck hielt Vorlesungen, er hielt auch eine sechs stündliche Vorlesung vor einem Studenten. Und als er krank wurde, setzte er die Vorlesung an dessen kranken Bett fort.

In seinem Buch über die Christlichkeit unserer heutigen Theologie (1873) machte er eine entscheidende Aussage. Das Christentum, so sagte er, wollte seit Konstantin, seit dem 4 Jh. die Welt erobern. Aber während es versuchte die Welt zu erobern, eroberte die Welt das Christentum.

Und darin sah er die Korruption der Theologie. Die Theologen waren für ihn korrupt. Weil sie nichts anderes versuchen, als sich das Christentum vom Leibe zu halten, nämlich das Christentum, das eindeutig bekundet, dass diese Welt nicht das Letzte sondern Vorletzte ist. Und das wir auf einen neuen Himmel und auf eine neue Erde warten. Dass das Christentum in seinem Wesen konsequente Eschatologie ist. Die Theologie, so sagte er in diesem Buch, die Theologie ist immer modern gewesen, weil sie immer versucht - das Christentum der Welt anzupassen.

Nun bin ich heute am Ewigkeitssonntag der Meinung, dass das Wesen des Christentums, also die Grundlage, darum geht es heute, das Fundament, die endzeitliche Aussage wird.

In jedem Gottesdienst in dieser Kirche beten wir gemeinsam Vater Unser.

Es heißt im Vater Unser: Dein Reich: elteto he basileia sou, es komme deine Königsherrschaft. Es heißt: Dein Wille geschehe im Himmel wie auf Erden.

Er geschieht noch nicht vollends auf dieser Erde, so wie es unmöglich ist, dass der Himmel auf dieser Erde geschehe, oder ton arton hymon ton epiusion dos hymin semeron, ich sage es deswegen auf griechisch, damit es noch deutlicher wird: also das tägliche Brot gibt uns heute. Nun episiusos darauf hat Albert Schweitzer hingewiesen, in seiner Geschichte "Leben Jesu Forschung", kommt von epieniai und das heißt bevorstehen.

Dieses tägliche Brot, das ist nicht das tägliche Brot was wir essen, sondern es ist die Anteilnahme und Teilnahme am endzeitlichen Reich. Gib uns Teil am endzeitlichen Mahl schon heute. Gib uns Kraft, von dem Mahl, in dem du heute mit uns wirst, an einem neuen Himmel und an einer neuen Erde, gib uns schon heute Anteil von der Kraft dieses Mahles, das wir überleben.

Die Aussage, die entscheidende Aussage im NT ist die Wiederkunft Christi, darauf hat die Gemeinde gewartet, und alles was wir auf dieser Erde haben ist das Vorletzte und ist nicht das Letzte. Es gibt, ich sage das jetzt ganz frech und allgemeinverständlich, es gibt auf dieser Erde kein Glück.

Es gibt keine Begriffsentsprechung über das Wort Glück weder im Alten noch im Neuen Testament. Es gibt nur falsche Übersetzungen. Sogar Sigmund Freund, der Psychoanalytiker hat erkannt, dabei ein Atheist jüdischer Abstammung, (manchmal erkennen Atheisten wie Overbeck sehr viel):

Es ist nicht vorgesehen, dass der Mensch auf dieser Welt glücklich wird.

Es gibt sicher Augenblicke des Glücks auf dieser Erde, aber das Kreuz, die Bewahrung, die Krise kommen früh genug. Auf jeden von uns zu. Früher oder später, jeder von uns wird im Glauben geprüft. Denn nur die Menschen, die glauben, werden auch angefochten.

Liebe Gemeinde, das entscheidende im Christentum ist die Wiederkunft Christi. Im Blick auf die moderne Theologie es ist ein Verbrechen, dass die Erwartung auf die Wiederkunft Christi als Mythologie entmythologisiert wurde.

Wir lesen im 1. Kor 15: Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendsten unter allen Menschen.

Es gibt eine Untersuchung von Johann Raff über Gottesbilder unserer Zeit, in der er feststellt, dass von den Christen, von denen, die sich Christen nennen, kaum noch jemand an die Wiederkunft Christi glaubt. Das ist aber das zentrales Thema meiner Predigt heute, an diesem letzen Sonntag im Kirchenjahr, bevor wir mit dem 1. Advent das neue Kirchenjahr beginnen.

Ich möchte Ihnen das klar und deutlich sagen: der Tod hat nicht das letzte Wort. Indem wir an die Wiederkunft Christi glauben, protestieren wir gegen den Tod. Der Glaube an die Wiederkunft Christi ist die Protestation in dieser Welt. Wir müssen zwar mit dem Tod leben, aber Tod und Tod ist zweierlei.

Theologisch müssen wir Tod und Tod unterscheiden. Einmal als Abschluss des Sterbens, eine Erfahrung, die auch den Christen nicht erspart wird. Anderseits bezeichnet der Tod in der Bibel die endgültige Trennung des Menschen von Gott, den so genannter zweiter Tod.

Dieser so verstandene Tod zeigt seinen ganzen Schrecken, denn es gibt dann keinen Spielraum mehr für den Trost.

Unsere irdische Existenz ist also weder das Höchste, noch ist der Tod das Letzte. Das irdische Leben und der erste Tod ist immer nur das Vorletzte.

Gott ist ein Gott der Lebenden und des Lebens. Er ist ein Gott der Hoffnung.

Gottes Kinder, das sind die wiedergeborene und geheiligte Christen, sie werden die schreckliche Begegnung mit dem endgültigen Tod nicht erleben, denn sie werden trotz ihres Sterbens diesen Tod nicht sehen.

Ihre Schau wird Christus sein. Gott in seiner ganzen Herrlichkeit. Wir werden sehen, was wir geglaubt haben. Selig sind, die zum Hochzeitsmahl des Lammes berufen sind. Denn nur die, nur die werden den neuen Himmel und die neue Erde sehen, die glauben dass der HERR bald kommt. Maranata.

Gott segne sie alle.

Amen.

 

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Stand: 04. Juni 2010