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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 15. Juni 2003
Liebe Gemeinde,
die erbittertsten Feinde Jesu war die Oberschicht in
Jerusalem. Die höchsten Vertreter des jüdischen Volkes – theologisch
hochgebildete Adlige, die in einem Rat, dem Synhedrium in Jerusalem tagten. Von
Anfang des Wirkens Jesu an, waren sie sehr argwöhnisch und hatten schon früh
beschlossen, ihn aus dem Weg zu räumen. Sie waren maßgeblich daran beteiligt,
dass er an die römische Justiz ausgeliefert und zu Tode gequält wurde. Und Jesus
wusste das sehr gut. Dennoch, lässt er sich auch auf ein ernsthaftes Gespräch
mit einem ihrer Vertreter ein.
Ich lese: Joh 3,1-8
Es war ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus einer von den
Oberen der Juden. Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir
wissen, du bist ein Lehrer von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun,
die du tust, es sei denn Gott mit ihm. Jesus antwortete und sprach zu ihm:
Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren
werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus spricht zu ihm: Wie
kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner
Mutter Leib gehen und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich
sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann
er nicht in das Reich Gottes kommen. Was vom Fleisch geboren ist, das ist
Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass
ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er
will, und du hörst sein Sausen wohl, aber du weißt nicht woher er kommen und
wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.
Liebe Gemeinde,
„es war ein Mensch unter den Pharisäern.“ – Man neigt
normalerweise dazu, unsere Feinde als Unmenschen zu bezeichnen. In der modernen
psychologischen Kriegsführung wird großer Wert darauf gelegt, den Gegner gezielt
zu verteufeln und schlecht zu machen. Denn je fremder und grausamer man den
anderen darstellt, um so leichter fällt es, ihn zu bekämpfen und zu töten. Wenn
ein Soldat aber das menschliche Antlitz des Feindes erkenne, so las ich vor
einiger Zeit in einem Bericht der Zeitschrift Spiegel, dann melde sich das
Gewissen zu Wort und man zögere, loszuschlagen.
Liebe Gemeinde – Jesus sieht auch in seinen Gegnern den Menschen. Und darum
lässt er auch die Feinde an sich heran. Dadurch wurde Nikodemus ein Freund Jesu.
Aber schauen wir, was er zu sagen hat: Er sagt zuerst:
„Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer von Gott
gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit
ihm.“
Er kommt in der Nacht, da kann ihn niemand sehen. Da gibt es
keine Zeugen, die behaupten könnten: „Wir haben Nikodemus bei Jesus gesehen.“ Er
tastet sich vor – heimlich und doch ist aus seinen Worten auch Anerkennung zu
hören. Nikodemus, begrüßt ihn sehr höflich und anerkennend. Aber „schön reden“,
schmeicheln ist noch kein Zeichen von Freundschaft. Darum lässt sich Jesus gar
nicht auf seine anerkennenden Worte ein. Er hätte ja dann fragen können – und,
warum sucht ihr mich dann zu töten. Sondern sagt ihm klipp und klar, worauf es
ankommt, wenn er die Seite wechseln will. Wenn er von einem Gegner zu einem
Anhänger Jesu werden will. Wenn er zum Reich Gottes gehören möchte. Dann gibt es
nur eines:
Jesus antwortete und sprach zu ihm: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei
denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht
sehen.“
Mit anderen Worten: Ohne einen Neuanfang, ohne eine neue Geburt, die von oben,
also von Gott kommt, kann ein Mensch nicht zu Gottes Reich gehören.
Liebe Gemeinde – Glauben wir das? Oder sind wir der Meinung:
Es reicht, dass man sich mit ein bisschen Mühe das
Himmelreich doch verdienen kann. Im Sinne von: Wenn man sein Bestes tut und ein
guter Mensch ist, dann füllt noch Jesu Gnade den Rest auf, der noch fehlt und
verzeiht die gröbsten Sünden. Aber dann hat man sich doch den Himmel verdient.
Ich denke, dass genau Nikodemus so ähnlich denkt. Ich glaube, dass er fest der
Ansicht ist, dass ein frommer Lebensstil ausreicht, um das Reich Gottes zu
sehen. Denn er geht gleich zum Gegenangriff über und versucht Jesus zu
widerlegen.
Nikodemus spricht zu ihm: „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt
ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?“
Mit anderen Worten: Wenn ein Mensch geboren ist, dann ist er nun mal auf der
Welt. Und es liegt an ihm, was er aus sich macht. Er kann nicht mehr zurück in
den Bauch der Mutter. Er hat eine Geschichte, er hat Spuren hinterlassen. Er
kann nicht so einfach von neuem geboren werden, neu anfangen, er nimmt sich doch
immer selber mit. Man kann doch nicht so einfach noch einmal von neuem beginnen.
Darum muss man aus sich selbst, das Beste machen, um das Himmelreich zu sehen.
Doch Jesus erklärt es nun deutlicher. Jesus antwortete:
„Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass
jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes
kommen. Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren
ist, das ist Geist.“
Die Bibelübersetzung Hoffnung für alle gibt den Sachverhalt folgendermaßen
wieder: „Ein Mensch kann immer nur menschliches, vergängliches Leben zeugen: aber
der Geist Gottes gibt das neue, ewige Leben.
Es ist wie bei einem richtigen Stück Fleisch. Wenn Sie ein Fleisch vom Metzger
holen, dann wird es irgendwann einmal faul und schlecht werden. Sie können den
Zerfallsprozess vielleicht verlangsamen, indem sie das Stück Fleisch in die
Kühltruhe oder den Kühlschrank legen. Aber sie können es nie wieder zum Leben
erwecken.
Und so ähnlich ist es auch mit dem fleischlichen und geistlichen Leben. Wir
können durch einen frommen, anständigen Lebenswandel den Zerfallsprozess, der
durch die Sünde angefangen hat, zwar sehr verlangsamen, aber sich selbst
erneuern kann der natürliche Mensch nicht. Dazu braucht er den Geist Gottes.
Ich möchte dies an einem Bericht aus dem letzten Heft von „Offene Grenzen“
vorlesen. Offene Grenzen ist eine Organisation, die versucht, verfolgten
Christen zu helfen.
Ich lese ein Erlebnis, das ein Christ namens Farid hatte.
„Als ich Christ wurde, war ich mit drei Kollegen in der gleichen Abteilung einer
Firma tätig. Weil wir zu unterschiedlichen Schichten arbeiteten, sahen wir uns
so gut wie nie. Wir teilten uns ein Büro. Dort besaß jeder von uns einen Kasten,
in dem er seine Werkzeuge und Kleider einschließen konnte. Es war am Ende jenes
Monats, und ich hatte mein Gehalt bekommen. Um das Geld während der Arbeit nicht
zu verlieren, schloss ich es im Kasten ein. Nach Schichtende ging ich nach Hause
und vergaß, das Geld mitzunehmen. Am anderen Tag stellte ich fest, dass jemand
meinen Kasten aufgebrochen und das Geld gestohlen hatte. Sofort meldete sich
mein altes Ich: Ich wollte nur Rache! Anstatt an die Bibelzitate zu denken, in
denen von Vergebung die Rede ist, fielen mir nur noch Stellen aus dem Koran
ein, in denen zur Rache aufgefordert wird. Ich vermutete, dass einer meiner
Kollegen der Täter war. Deshalb beschloss ich, ihre Schränke aufzubrechen, den
Inhalt herauszunehmen und zu verbrennen. Ich ergriff einen Hammer und holte aus,
um das Schloss zu zerschlagen.
Liebe Gemeinde, Hand aufs Herz. Würden wir nicht ebenso handeln? Kommt nicht all
das viele Leid und Unglück und letztendlich der Tod durch all diese Empfindungen
des „Fleisches“? Vielleicht erkennt der Verstand hin und wieder, dass es dumm
ist so zu handeln, aber so oft tun wir, was wir im Grunde nicht wollen. Das ist
und bleibt „Fleisch“. Aber hören wir wie es weiter geht:
Ich ergriff einen Hammer und holte aus, um das Schloss zu zerschlagen. Plötzlich
war mir, als ob eine unsichtbare Hand mein Handgelenk packte und mich
zurückhielt. Vor Furcht zitternd, musste ich mich setzen. Was war mit mir los?
Plötzlich hörte ich eine sanfte Stimme voller Anteilnahme und Liebe. Sie
flüsterte: Mein Lieber, nimm keine Rache um deinetwillen. Lass Satan nicht
gewähren.“
Ich entgegnete: „Aber Herr, mein Gehalt ist das einzige, was ich habe. Wer soll
für meine Frau und mein Kind sorgen?“ Der Herr antwortete: „Denk daran, was
geschrieben steht: Vertraue auf Gott und er wird für dich sorgen.“ Darauf
erwiderte ich: „Dann lösche bitte die Flammen des Zorns, die mich verzehren. Sag
mir, was ich tun soll.“ Der Herr forderte mich auf, folgende Worte auf ein Stück
Papier zu schreiben: „An den Bruder, der meinen Kasten geöffnet hat: Es tut mir
Leid, dass ich nichts Kostbares besitze, das ich dir schenken könnte. Wenn du
etwas Bestimmtes benötigst, lass es mich wissen, und Gott wird dafür sorgen. Ich
werde das zerbrochene Schloss nicht reparieren. Es ist ein Beweis dafür, dass
ich Ernst meine, was ich sage. Ich wünsche dir, dass der Frieden Gottes dein
Leben erfülle und die Gnade des Herrn und Erlösers Jesus Christus dich
umgibt.“
Ich unterzeichnete mit: „Dein Bruder, der dich trotz allem, was geschehen ist,
liebt.“
Als ich den Brief in meinen Kasten gelegt hatte, erfüllte mich riesige Freude.
Liebe Gemeinde, ich frage Sie: Kann ein normaler Mensch, ein Mensch wie sie und
ich, ein Mensch wie Farid so etwas aus sich heraus tun?
Das geht nur, wenn der Geist Gottes ihn bewegt und erfüllt. Ich lese weiter:
Ich konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen und meiner Familie von diesem
großen Sieg zu erzählen. Meine Frau stimmte dem, was ich getan hatte, voll und
ganz zu. „Denk daran, was der Herr versprochen hat“, ermunterte sie mich. „Ich
werde dich nie verlassen; ich werde dich nie vergessen.“
Trotz meiner Erleichterung über die Worte meiner Frau stieg erneut Sorge in mir
hoch. Womit sollte ich zu essen kaufen für mein kleines Kind? Womit die Miete
bezahlen? Nachts brachte ich kein Auge zu. Nachdem ich mich stundenlang im Bett
herumgewälzt hatte, stand ich auf und ging auf den Balkon. Dort betete ich lange
und bat Gott, mir Frieden zu schenken. Als ich ins Haus gehen wollte, warf
jemand einen Stein auf den Balkon. Daran befestigt war ein Brief eines
Mitchristen, den ich aus Sicherheitsgründen seit Monaten nicht getroffen hatte.
Der Brief enthielt einen Geldbetrag in der Höhe meines Gehalts. Ich war
erschüttert: Wie treu sorgte der Herr für mich!
Das war noch nicht die letzte Überraschung, die der Herr für mich bereithielt.
Als ich tags darauf ins Büro kam, erwartete mich einer der drei Kollegen, ein
frommer Moslim. Mit bebender Stimme sagte er: „Ich weiß nicht, was ich sagen
soll, aber ich bitte dich um Verzeihung. Ich war derjenige, der deinen Kasten
aufgebrochen hatte. Gestern fand ich deine Nachricht und war zutiefst bewegt.
Das gestohlene Geld habe ich für meine kranken Kinder ausgegeben. Ich werde es
zurückzahlen, sobald ich kann.“
Ich entgegnete: „Das Geld gehört dir. Ich brauche es nicht mehr. Gott hat mir
alles vergütet.“
Ich meinte es ernst, doch es war schwer, meinen Kollegen zu überzeugen.
Schließlich nahm er das Geld an. „Beantworte mir eine Frage“, sagte er. „Wie
hast du gelernt, dich so zu verhalten?“ Natürlich wusste ich die Antwort auf
diese Frage, doch ich hatte Angst, ihm den Grund für meinen Wandel zu nennen.
Wie würde ein gläubiger Muslim reagieren, wenn ich ihm von meiner Bekehrung
erzählte? Deshalb antwortete ich so allgemein wie möglich: „Das lernte ich von
Gott und seinen Geboten“, sagte ich. Mein Kollege ließ nicht locker. „Wo hast du
von diesen Geboten erfahren?“ fragte er. „Ich sage es dir ein anderes Mal“,
antwortete ich, in der Hoffnung, er würde es vergessen.
Mein Kollege aber war so beeindruckt von dem, was geschehen war, dass er mir
immer wieder die gleiche Frage stellte. Schlussendlich entschloss ich mich, ihm
ein Neues Testament zu schenken. Er kam aus dem Staunen nicht heraus. „Das ist
eine Bibel! Oh Gott, vergib uns!“ rief er aus. Ich sagte: „Ja, das ist ist ein
Neues Testament. Wenn du wirklich die Antwort auf deine Frage erfahren willst,
musst du das lesen. Also nimm es, oder lass es bleiben.“ Eine Weile lang sagte
er kein Wort. Dann nahm er das Buch mit zitternden Händen. Einen Monat später
kam mein Kollege zu mir und sagte: „Ich habe einen Abschnitt gelesen, in dem es
heißt: „Wer an Gott glaubt und getauft wird, wird Heil finden. Hier bin ich. Ich
glaube.“ Und ich dachte, es ist wahr, was Jesus sagte: „Die Menschen werden
deine guten Taten sehen und deinen Vater im Himmel preisen.“
Liebe Gemeinde, die Worte Jesu liebevoll in Taten umzuwandeln, das schafft
meiner Ansicht nach kein Mensch aus sich heraus.
Er muss von neuem geboren werden. Es ist der Heilige Geist, der ihn erneuert und
verwandelt.
Ebenso auch, dass ein Mensch eine Sehnsucht nach Gott bekommt, dass er fragt,
dass er umkehren will.
Auch dieses Verlangen ist vom Heiligen Geist.
Vielleicht fragen Sie mit Nikodemus: Kann man nicht ein bisschen selber dazu
beitragen, um das Reich Gottes zu sehen?
Ich denke ja, sogar sehr viel. Jesus sagt: Wer von neuem geboren wird aus Wasser
und Geist.
Wasser ist eine Andeutung auf die Taufe. Und Leben aus der Taufe bedeutet: Immer
wieder umkehren und den Alten Menschen ersäufen zu lassen durch die Liebe und
Güte Gottes. Leben aus der Taufe, das bedeutet gehorsam zu sein, wenn mich die
Stimme Gottes anspricht, wenn er meine geballte Faust mit dem Hammer in der
Hand öffnet, um zu geben, um die Hand zu reichen. Wenn ich meinen Sorgengeist
ersäufen soll, um zu vertrauen, wenn ich meine Furcht aufgeben muss, um von
seiner Liebe weiter zu erzählen.
Aber von Gehorsam, von Zeugnis, von Dienst wird gerade in der Trinitatiszeit
viel die Rede davon sein.
Darum möchte ich mit dem geheimnisvollen Satz Jesu über das Wirken des Heiligen
Geistes schließen:
„Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren
werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl, aber du weißt
nicht woher er kommen und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem
Geist geboren ist.“
Amen.
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