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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 29. April 2001
Liebe Gemeinde,
Der Predigtext für den heutigen Sonntag steht in Joh 21,
15-19. Dort steht:
Als sie nun gegessen hatten, sagt Jesus zu Simon Petrus:
„Simon, Johannes Sohn, liebst du mich mehr als diese hier?“ Er sagt: „Ja, Herr,
du weißt, dass ich dich lieb habe.“
Jesus sagt darauf: „Weide meine Lämmer!
Da fragt er ihn zum zweiten Mal: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?
Er antwortet: Ja, Herr, du weißt dass ich dich lieb habe.“ Er sagt darauf:
„Weide meine Schäflein!“
Da fragt Jesus ihn zum dritten Mal: „Simon, Sohn von Johannes, hast du mich
lieb?“ Petrus wurde betrübt, weil er ihn zum dritten Mal fragte: Hast du mich
lieb?
Und er sagte zu ihm: „Herr, du weißt doch alles! So weißt du auch, dass ich dich
lieb habe.“
Jesus sagt zu ihm: „Weide meine Schäflein. Amen, Amen, ich sage dir: Als du noch
jünger warst, hast du dir selbst den Gürtel umgelegt und bist deine Wege
gegangen, wohin du wolltest. Doch wenn du alt geworden bist, wirst du deine
Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du
nicht willst.“ Mit diesen Worten wollte er andeuten, mit welchem Tode er Gott
verherrlichen sollte. Danach sagt er zu ihm: „Folge mir!“
Liebe Gemeinde,
Ich will das Augenmerk auf drei Punkte legen, die in diesem Abschnitt vorkommen.
1. Wie Jesus einem Menschen vergibt
2. Wie Jesus einen Menschen beauftragt
3. Wie Jesus mit einem Menschen zum Ziel kommt.
Wie Jesus einem Menschen vergibt
In dem Buch der „Minutenmanager“, einem bekannten Buch für Führungskräfte in
der Wirtschaft heißt es dem Sinn nach so:
„Hat einer ihrer Mitarbeiter Sie enttäuscht oder einen schwerwiegenden Fehler
begangen, dann dürfen sie nicht über den Fehler hinweg sehen.
So verlieren Sie ihre Autorität und eine Wut wird sich in Ihnen aufstauen,
welche die Atmosphäre im Betrieb vergiften wird.
Aber ebenso wenig dürfen Sie ihn zur Schnecke machen, anbrüllen, demütigen. So
erreichen Sie nie, dass er seinen Fehler einsieht und daraus lernt. Außerdem
wird der Mitarbeiter Sie zu hassen beginnen.
Vielmehr müssen Sie sich mit dem betreffenden Mitarbeiter, möglichst kurz nach
seinem Vergehen unter vier Augen reden. Schauen Sie ihm direkt in die Augen und
nennen Sie kurz und bündig den wunden Punkt beim Namen.
Erklären Sie, dass Sie enttäuscht sind – lassen Sie dem anderen eine kurze Pause zum Nachdenken. Anschließend müssen Sie mit einer Geste des
Vertrauens betonen, dass Sie ihn als Person sehr schätzen, egal, was auch
vorgefallen ist.
So wird auf die Dauer ein gutes und solides Vertrauensverhältnis zu diesem
Mitarbeiter entstehen und die unguten Dinge sind aus dem Weg geräumt.
Der Autor hat übrigens zu seinem Buch gesagt, dass Jesus für ihn das große
Vorbild in Punkto Menschenführung ist.
Genau in diesem Sinne handelt Jesus an dieser Stelle.
Weder sagt er zu Petrus, der ihn verleugnet hatte: „Schwamm drüber, ist schon
gut.“
Noch macht er ihn zu Schnecke.
Vielmehr bereinigt die das Versagen von Petrus an Karfreitag. Und so wird alles
gut.
Zuerst spielt er mit der Anrede auf sein Versagen an: Er nennt ihn nicht mehr
Petrus. Petrus das heißt ja: „Fels“. Ein Fels steht Fest in der Brandung des
Meeres. Da können die Wellen noch so toben. Die Elemente noch so wettern: Ein
Fels steht unverrückt fest. Auf einen Felsen kann man bauen.
So hatte Jesus seinen Simon Petrus früher bezeichnet: „Fels, auf dich will ich
meine Kirche bauen.“
Diese Anrede vermeidet Jesus jetzt. Er nennt ihn nur Simon. Und damit ist ganz
klar gesagt, was vorgefallen ist.
Dann fragt Jesus: „Liebst Du mich mehr als die anderen?“
Können Sie sich erinnern, wie Petrus geprahlt hatte: „Wenn auch alle anderen an
dir zweifeln, ICH halte zu dir!“
Und im gleichen Atemzug tönt er: „Selbst wenn ich sterben müsste, ich würde dich
nicht verleugnen.“
Petrus war der Meinung, dass er der ganz besondere Jesusanhänger war. Er meinte
viel reifer, viel größer, viel treuer, viel besser zu sein, als all die anderen.
An dieser Stelle setzt Jesus an. Er legt den Finger auf den wunden Punkt. An die
Überheblichkeit von Petrus.
Und tatsächlich: Petrus, lässt es sich sagen. Nun begreift er, wo er falsch
lag. Man hört es an seiner Antwort: „Ja, Herr, du weißt es, dass ich dich gern
habe.“
Kein vollmundiges: Ich liebe Dich ganz und gar - kein mehr als alle anderen: –
sondern ein demütiges: „du weißt es und, dass ich dich gerne habe.“
Jesus fragt nach der Liebe. Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass.
Das Gegenteil von Liebe ist die Gleichgültigkeit. Gleichgültigkeit ist, wenn der
andere mir völlig egal ist,
Gleichgültigkeit ist, wenn ich undankbar und unaufmerksam alles hinnehme, was
mir der andere geschenkt hat.
Gleichgültigkeit ist, wenn mir egal ist, wie es dem anderen ergeht – Hauptsache
ich komme zu meinem Vorteil.
Gleichgültigkeit ist schlimmer als Feindschaft. Ein schlechter gleichgültiger
Freund kann mir schlimmer wehtun, als 1000 Feinde.
Sie ist das Gegenteil von Liebe.
Petrus hatte sich gleichgültig gestellt: „Ich kenne den Mann nicht.“ Nicht
einmal seinen Namen wollte er drei Tage zuvor in den Mund nehmen.
Dreimal wird Petrus nach seiner Liebe gefragt. Dreimal hatte er ihn verleugnet.
Hast Du mich lieb. Petrus wird schon sehr traurig und verzweifelt darüber.
Dreimal war Petrus gleichgültig. Bis zur Schmerzgrenze muss Petrus sich diese
Frage gefallen lassen.
Denn er kann sich nicht herausreden, er kann es nicht beweißen, dass er Jesus
lieb hat. Er kann nur sagen: „Ja, Herr, du weißt alles, ich hab dich lieb.“
Liebe Schwestern und Brüder, lassen wir auch uns diese Frage einmal
gefallen: Stellen Sie sich vor, sie sind mit dem Auferstanden allein, sie gehen
mit ihm an See Genezareth spazieren: Da schaut er ihnen in die Augen und fragt
Sie:
Liebst du mich?
Liebst Du mich – wie stehe ich zu ihm?
Petrus wurde vergeben.
Denn Jesus antwortet mit: Weide meine Lämmer. Damit sagt zwar Jesus nicht: Ich
habe dir vergeben. Aber er gibt ihm einen Auftrag. Er schenkt ihm neues
Vertrauen. So ist dieser Auftrag gleichzeitig die Vergebung.
Wie Jesus einen Menschen beauftragt
Warum ist dieser Auftrag gleichzeitig Vergebung?
Ich versuche es einmal an einem Beispiel zu verdeutlichen.
Stellen Sie sich vor, Sie wären Friseur in Berlin oder in Brüssel. Eines Tages
würde etwas außergewöhnliches passieren. König Albert in Brüssel oder
Bundeskanzler Schröder in Berlin käme mit seinem Stab an Bodyguards und Beratern
in Ihren Friseursalon und würde Sie bitten: Schneiden Sie mir die Haare.
Geehrt durch diesen berühmten Gast würden Sie den Auftrag annehmen und dem
gekrönten Haupt die Haare schneiden. Dabei würde Ihnen ein fürchterlicher
Fehler unterlaufen: Sie würden dem armen Herrn ins Ohr schneiden. Sein Anzug
würde blutig und überall in den Nachrichten könnte man den Herrn mit einem
Pflaster am Ohr sehen. Peinlich nicht?
Aber die Geschichte ist nicht zu Ende. Stellen Sie sich vor, Sie bekommen Post
vom Kanzleramt. In dem Brief werden Sie gebeten: Königlicher Friseurmeister zu
werden – trotz allem, was vorgefallen ist.
Wäre das nicht ein Wunder. Wäre das nicht das größte Zeichen von Vergebung und
Vertrauen, ja von Gnade dieses hoch stehenden Herrn?
Genau das passierte Petrus. Er wird zum königlichen Oberhirten berufen. Er hat
versagt. Die Sache kommt auf den Tisch und wird geklärt, doch der Dienst wird
nicht quittiert.
Liebe Gemeinde, so handelt Jesus auch an uns.
Er ehrt uns damit, dass er uns in seinen Dienst nimmt. Je nachdem, wo unsere
Gaben, wo unsere Berufung liegt. Wir dürfen dem mächtigsten Herrn, dem Herrn
über alle Mächte und Gewalten, vor dem sich jedes Knie einmal beugen
wird, dienen.
Wir dürfen für ihn an seinem Reich bauen, auch wenn wir versagt haben. Ist nicht
das größte Wunder? Das größte Zeichen von Vergebung und Annahme.
Liebe Gemeinde, das heißt aber auch für uns:
Menschen, die in Jesu Dienst stehen, müssen keine Superfrauen und Supermänner
sein, sie müssen nicht die Crème de la Crème sein. Sie müssen nicht 1000
Leistungen vorweisen können. Menschen im Dienst Jesu dürfen auch Fehler machen.
Wehe, wer den Anschein der Fehlerlosigkeit erwecken will. Er wird ängstlich
und verkrampft, unbarmherzig und hart werden und zuletzt wird er ausbrennen.
Diener Jesu sind nicht vollkommen, sie sind auf dem Weg dahin.
Es ist die Sache ihres Herrn, bis sie dort sind. Nicht die Sache der anderen.
Die wichtigste Voraussetzung für den Dienst ist die Liebe.
Ich glaube, wenn wir uns bewusst sind, dass wir Diener des größten Königs sind,
dann können wir auch liebevoller miteinander, liebevoller mit den Hirten einer
Gemeinde, den Kinder- und Jugendmitarbeitern, den Hauskreisleitern, den
Presbytern, den Pfarrern umgehen.
Und wenn wir uns dessen bewusst sind, dann können wir auch einander mit mehr
Ehrfurcht und Wertschätzung begegnen.
Ebenso, wie ich vor einem königlichen Starfriseurmeister Respekt habe, so habe
ich dann auch Ehrfurcht vor allen, die sich in den Dienst Jesu stellen.
Jesus kommt mit einem Menschen ans
Ziel
Vorhin sagte ich: Wir sind nicht vollkommen, aber wir sind auf dem Weg dahin.
Petrus hatte einst von sich gedacht „Ich bin vollkommen.“ Er war der Ansicht:
„Was ich tue, ist richtig – und an manchen Stellen im Evangelium wollte er
manches besser wissen als Jesus selbst.“
Jesus bringt das auf den Punkt wenn er sagt:
Als du noch jünger warst, hast du dir selbst den Gürtel umgelegt und bist deine
Wege gegangen, wohin du wolltest.
Sich selbst gürten, das ist ein Bild für Tatendrang, wenn man in der Antike
außer Haus ging, um geschäftliche Dinge zu erledigen, dann legte man sich einen
Gurt an.
In seinem Tatendrang wollte Petrus sich selbst gürten. Er wollte als der erste
Jünger Gottes Geschäfte erledigen. Er wollte beweisen, dass mit ihm das Reich
Gottes steht und fällt, ja, er war bereit als Held, als Märtyrer für die Sache
Gottes zu sterben.
Aber insgeheim dachte er: „Gott muss auf einen wie Petrus doch mächtig stolz
sein. Insgeheim wollte er der Meister sein.“ Durch sein Versagen wurde ihm dieses
Denken ausgetrieben.
Aber gerade durch dieses Scheitern kommt Gott zum Zug. Nun kann Gott ihn gürten
und Gott ihn zum Ziel führen.
Gott tat nach Pfingsten große Wunder durch Petrus, führte durch ihn viele
Menschen zum Glauben.
Aber Petrus blieb Mensch: Einmal wollte ein Hauptmann vor ihm niederknien: „Da
sagte er: Steh auf, ich bin nur ein Mensch.“
Ein anderes Mal hatte er mal wieder Fehler gemacht und der jüngere Apostel
Paulus musste ihn zurechtweisen. Aber auch das ließ er sich gefallen.
Und als es hart auf hart kam, als Petrus in Rom war und Nero nach dem Brand
Roms die Christen verfolgen ließ, blieb Petrus wie ein Fels in der Brandung.
Eine Stütze für alle Christen in Rom und zeigte durch seinen Tod, dass es sich
lohnt für diesen Herrn alles auf sich zu nehmen. Aber damit verherrlichte
Petrus nicht sich selbst, sondern Gott. Was Petrus insgeheim immer wollte,
brachte Gott geläutert zum Ziel.
Möge der Herr auch an uns so handeln:
Dass er uns vergibt und unser Versagen bereinigt.
Dass er uns beauftragt zu seinem Dienst.
Und dass er mit uns zum Ziel kommt.
So dass wir ihn durch unser Leben und durch unser Sterben Ehre machen.
Amen.
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