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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 23. Oktober 1999
Liebe Gemeinde
Bei Taufen, bei Hochzeiten, bei Geburtstagen hört man immer wieder: „Ich
wünsche, dass du ein gutes Leben hast. Was ist eigentlich ein gutes Leben? Ich
möchte drei Dinge herausgreifen, die für ein gutes Leben nötig sind:
1. Wer einigermaßen gut leben will, der braucht Frieden und Sicherheit, einen
geregelten Tagesablauf, der nicht durch all zu viele äußere Angriffe gestört
wird, braucht Ruhe und freie Tage, um abzuspannen. Daraus folgt ein gewisses Maß
an Wohlstand.
2. Wer gut leben will, braucht häusliche Geborgenheit und menschliche
Gemeinschaft. Und Psychologen sagen, der braucht ein einigermaßen intaktes
Familienleben. Ein Millionär, der in Ruhe und Frieden, irgendwo einsam in einem
ummauerten Landsitz wohnt, hat letztendlich nicht mehr von seinem Geld, als ein
Sträfling im Gefängnis, der seine gestohlene Millionenbeute irgendwo im Wald
vergraben hat. Nur durch Gemeinschaft gewinnt ein Leben an Lebensqualität.
3. Und zuletzt, wer gut leben will, der muss das Leben vor
sich haben. Was nützt mir das beste Leben, wenn ich es in jedem Augenblick
verlieren könnte. Darum wünschen wir uns auch an Geburtstagen gerne ein langes
Leben.
So gilt umgekehrt ein kurzes, armseliges, unstetes Leben eines verachteten
Menschen ohne soziale Bindung als nicht lebenswert. Im Grunde sehnen sich alle
Menschen, nach einem guten, erfüllten und gelungenen Leben. Das ist ihr
Lebensziel.
Das war zur Zeit Jesu nicht anders. Nur damals wartete man darauf, dass der
Messias kommt. Denn der Messias sollte bald kommen und allen Israeliten ein
gutes Leben schenken. Ein Leben in Frieden und Wohlstand, Geborgenheit und
Familienglück sowie Gesundheit und langes Leben für alle rechtschaffenen
Israeliten.
Und bis heute erwarten das viele Menschen von Jesus, von dem wir sagen, er ist
der Messias. Ich fragte kürzlich eine Klasse: Was erwartet ihr von Jesus. Da
antwortete ein Schüler frei heraus: „Ein gutes Leben.“
Ja, Jesus soll uns Glück und Wohlstand schenken, Frieden, ein langes Leben und
Gesundheit. Das ist doch seine Aufgabe – oder nicht?
„Meint das nur nicht,“ sagt Jesus. Ich lese aus dem Predigtabschnitt für
den heutigen Sonntag Mt. 10,34-39.
Meint nur nicht, dass ich gekommen bin, um Frieden auf die Erde zu bringen,
Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin
gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer
Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen
Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt
als mich, der ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als
mich, der ist meiner nicht wert. Und wer sein Kreuz nicht aus sich nimmt und
folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird´s
verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird´s finden.
Dieser Abschnitt klingt hart: Alles, was ein Leben zum gelingenden Leben macht,
schenkt uns Jesus gar nicht.
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Keinen Frieden
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Keine intaktes, harmonisches Familienleben
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Kein Leben ohne Kreuz, also ohne Probleme.
Wo liegt dann nur das Frohmachende und Befreiende, was man
sonst an Jesu Worten so schätzt und liebt?
Es liegt im letzten Satz: Wer sein Leben um Jesu willen verliert, der wird es
gewinnen.
Das ist eigentlich großartig. Wenn ich mich nach Jesus richte, dann kann nichts
mehr schief gehen. Dann kann ich alles verlieren, alles, was das Leben angenehm
macht und dennoch stehe ich am Ende doch nicht als Verlierer da, sondern als
Gewinner. Als Christ muss ich damit rechnen, dass ich in Schwierigkeiten komme.
Ein Diener ist nicht besser als sein Herr. So wie Jesus angefeindet wurde, kann
auch ein Christ Schwierigkeiten bekommen. Aber selbst, wenn ich in den Augen
eines Lifestyleexperten alles schief geht, wird sich am Ende das volle Leben
entfalten.
Darum sollen die drei Dinge noch einmal genauer betrachtet werden, mit denen wir
als Christen zu rechnen haben.
Das Schwert, der Familienstunk und das Kreuz.
1. Das Schwert.
„Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das
Schwert.“
Außerhalb der Bibel ist das Schwert Kennzeichen des Krieges.
Es frisst um sich mit seinen scharfen Zähnen, es trennt und entzweit, es
verbreitet Angst und Schrecken.
Wie?
Und Jesus hat so etwas gesagt? Ausgerechnet Jesus, der sagte:
Friede sei mit Euch, oder selig sind die Friedensstifter und selig sind die
Sanftmütigen. Wie passt das zusammen?
Zunächst einmal muss gesagt werden: Jesus lehnt Waffengewalt
ab. In Gethsemane wollte ein Jünger ihn mit dem Schwert verteidigen. „Steck
es ein!“ befahl Jesus.
Jesus hat auch niemanden mit dem Schwert Wunden geschlagen.
Man versteht diese Stelle falsch, wenn man damit einen Kreuzzug rechtfertigen
will. Das ist kein Freischein dafür, alle Gegner Jesu totschlagen zu dürfen.
Nicht die Jünger sollen das Schwert benutzen, sondern es wird gegen sie
angewandt. Sie werden angefeindet. Warum das, wenn sie doch friedliebende und
gesetzestreue Bürger sind, die niemandem etwas zuleide tun?
Antwort: Ein Mensch ohne Jesus ist in der Regel davon überzeugt, dass er ein
guter und gerechter Mensch ist. Alle, die ähnlich denken wie er, sind auch gute
Menschen.
Dieses selbstgerechte Denken ist überall anzutreffen. Im Gefängnis wie in den
Chefetagen von Politik und Wirtschaft, in Esoterikzirkeln bis zu den frömmsten
Kreisen einer Gemeinde.
Kommt aber ein Selbstgerechter mit Jesus in Berührung, dann wird seine ganze
Selbstgerechtigkeit in Frage gestellt.
Denn Jesus sagt: „Ich bin gekommen, um mein Leben als Lösegeld zu geben für
deine Sünden. – Der Selbstgerechte fragt: „Für welche Sünden denn – ich bin
doch gut. Ein paar kleine Fehler hat doch jeder.“
„Doch!“ erwidert die Stimme des Geistes Jesu: „Du bist ein armer, elender,
sündiger Mensch. Ein alter Adam. Du brauchst Jesus, dass er dich erlöst. Ohne
Jesus bist du ein Kind der Verdammnis.“
Und das kann ein Selbstgerechter nicht hören. Es stellt sein Ich und sein ganzes
Selbstwertgefühl in Frage.
Das ist, wie wenn einer mit unendlich viel Mühe, viel Liebe und Geduld in seinem
Hobbykeller einen großen Turm aus Bierdeckeln gebaut hat.
Und da macht dann einer die Tür auf, und der frische Wind des heiligen Geistes
weht ins Zimmer, so dass das ganze Kartenhaus der Selbstgerechtigkeit in sich
zusammenfällt.
Kein Wunder, wenn er auf den Jünger, der die Tür geöffnet hat, losgeht.
Und nun geht der Kampf los. Der Selbstgerechte kämpft mit den ihm zur Verfügung
stehenden Waffen der Finsternis.
Das sind Verleumdung, Drohen und Schimpfen, Zorn, bissigem Spott, Gemeinheiten,
Anklagen und Anschuldigungen, bis hin zu Handgreiflichkeiten. Ja bis hin zum
blanken Schwert.
Nach dem Angriff beginnt für den Christen der schärfste Kampf. Ein Christ nun
möchte gleiches mit gleichem heimzahlen – sich wehren.
Wer möchte nicht selbst zu den Waffen der Finsternis greifen und zurückschlagen
mit Drohen und Verleumden, mit Druck und Hass.
Wer mit diesen Waffen kämpft hat schon verloren und der Teufel hat gewonnen.
Denn Jesus gebietet, mit den Waffen des Lichtes zu kämpfen. Zu segnen, statt
schlecht zu reden oder zu fluchen, zu vergeben, statt anschuldigen und verklagen, zu
helfen und verstehen, statt zur Schnecke zu machen.
Es sieht dabei so aus, als würde man sein Glück, seinen Frieden und seine Ruhe
völlig verlieren, wenn man mit dem Schwert des Lichtes kämpft, doch Jesus
verheißt:
Wer verliert um meinetwillen, der wird siegen!
2. Der Terror in der Familie.
Die engste Bindung, die ein Mensch zu einem anderen haben kann, ist meist das
Verhältnis zur Mutter und auch zum Vater. In der Familie erfahre ich Annahme und
Geborgenheit und Sicherheit.
Ich kenne viele Mütter, die das letzte Hemd für ihre Kinder hergeben würden.
Egal, ob diese es verdient haben oder nicht.
Aber auch die Kinder hängen sehr an ihren Eltern. Ob es gute oder weniger gute
Eltern sind. Kinder lieben ihre Eltern. Und man kann sie am allermeisten
beleidigen, wenn man etwas schlechtes über ihre Eltern sagt. Sie imitieren teils bewusst, teils unbewusst ihre Eltern. Die meisten Werte, das Denken wird von den
Eltern vermittelt.
Und so gehört es zum größten Glück eines Menschen, wenn er in einer Familie lebt, in
der man miteinander auskommt.
Doch gerade die Familie ist oft der Hauptschlachtfeld der Auseinandersetzung. In
der Familie prallen die neue Welt Christi mit der alten aufs engste zusammen.
Ich habe einen Freund, der spürte den Ruf, als er Christ wurde, Pfarrer zu werden.
Sein Vater war damit überhaupt nicht einverstanden. Er war Offizier und wollte
unbedingt, dass sein Sohn auch Soldat wird. Er verbot es seinem Sohn Theologie
zu studieren. Der Sohn war noch soweit gehorsam, dass er die Wehrpflicht
ableistete. Doch nach dieser Zeit begann er mit dem Theologiestudium.
Der Vater reagierte mit Drohen. Und der Sohn bekam von seinem Vater keinen
Heller mehr. Er wollte ihm zeigen, dass er am längeren Hebel sitzt und dass man
ohne Papas Geld nicht studieren kann.
Mein Freund beantragte eine staatliche Unterstützung, doch die wurde ihm auch
verweigert. Man sagte ihm: „Ihr Vater verdient so gut, er ist verpflichtet, ihre
Ausbildung zu bezahlen. Wenn er es nicht tut, dann müssen sie gegen ihn
prozessieren.“
Was sollte der Sohn tun? Er wollte seinen Vater ehren, hatte ihn noch immer lieb
– nie würde er gegen ihn prozessieren.
Aber gleichzeitig wollte er auch Gott gehorchen.
„Ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater.“ heißt es
in unserem Bibeltext.
Wäre der junge Mann kein Christ gewesen – er hätte dieses Problem nicht gehabt.
Entweder hätte er seinem Vater nachgegeben oder er hätte gegen ihn geklagt.
Es scheint so, als hätte der Sohn in dem Kampf verloren.
Doch dem war letztendlich nicht so. Er vertraute darauf, dass sein himmlischer
Vater für ihn sorgt.
Und tatsächlich der sorgte gut für ihn. Alles was er brauchte wurde ihm
geschenkt. An jedem Monatsende konnte er seine Zimmermiete bezahlen. Es gab viel
Gelegenheit zum Staunen. Er lernte Gottes Güte ganz neu kennen, neu Vertrauen.
Und nach zwei Jahren gab sich der Vater geschlagen und unterstützte seinen Sohn
wieder. Selbst den Vater hatte er wieder gewonnen. Hätte er seinem Befehl
zähneknirschend gehorcht – hätte er ihn über die Jahre verloren.
Selbst, wenn ich scheinbar meine Familie, meine engsten Bindungen um Jesu willen
verliere, gewinne ich das Leben.
Und drittens das Kreuz.
„Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht
wert.“
Die Epoche vor Jesu Geburt war geprägt von harten Verfolgungen strenggläubiger
Juden. Oft wurde von ihnen verlangt, ihre Gesetze und ihren Glauben zu
verleugnen. Wenn sie es nicht taten, wurden sie zum Tod am Kreuz verurteilt. Sie
wurden an einen Querbalken gebunden, den mussten sie zum Hinrichtungsort selbst tragen,
wo sie gekreuzigt wurden.
Damals entstand das Sprichwort vom: „Sein Kreuz tragen“ und es bedeutete: Zur
Hinrichtungsstätte geführt zu werden.
Es bedeutete, dass ein oft junges Leben sein gewaltsames Ende nahm.
Es kann sein – ich will es uns nicht verschweigen – es kann sein, dass wir um
unseres Glaubens willen, unser Leben lassen müssen.
Diese Bereitschaft fordert Jesus.
Glücklicherweise ist das in absehbarer Zeit bei uns nicht wahrscheinlich.
Doch bieten sich viele Kleinigkeiten in unserem Leben, dass uns eine Last, ein
Kreuz auferlegt wird. Etwas was unseren Willen durchkreuzt und unser Leben
schwer macht. An diesen Dingen können wir üben, unser tägliches Kreuz zu tragen.
Doch Jesus verspricht – auch wenn mich im Leben ein schweres Kreuz trifft. Ja,
selbst, wenn ich seinetwillen früher sterben müsste, dann verliere ich das Leben
nicht, sondern gewinne.
Man kann das nicht beweisen. Wir müssen es ihm glauben. Aber, wenn uns Zweifel
befallen, dann tun wir gut daran, die Gemeinschaft anderer Christen aufzusuchen
und nach Zeugen zu fragen. Es gibt viele Christen – durch die Jahrhunderte
hindurch, die bestätigen können:
Wer sein Leben verliert um Jesu willen, der wird´s finden.
Amen
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