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Wer nicht mit mir ist ...                                    

   

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 7. November 1999

Liebe Gemeinde,

der vorgeschriebene Bibelabschnitt für den heutigen Sonntag steht in Lk 11, 14-23:

Und Jesus trieb einen bösen Geist aus, der war stumm. Und es geschah, als der Geist ausfuhr, da redete der Stumme. Und die Menge verwunderte sich. Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die bösen Geister aus durch Beelzebul, ihren Obersten. Andere aber versuchten ihn und forderten Zeichen vom Himmel. Jesus aber erkannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: „Jeder weiß, dass ein Staat sich selbst ruiniert und schließlich untergehen wird, wenn dort mehrere Machthaber um die Alleinherrschaft kämpfen. Ist aber der Satan mit sich selbst uneins, wie kann sein Reich bestehen? Denn ihr sagt, ich treibe die bösen Geister aus durch Beelzebul. Wenn das aber tatsächlich so wäre, dass ich die bösen Geister durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben eure Leute sie aus? Darum werden sie eure Richter sein. Wenn ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen. Wenn ein Starker gewappnet seinen Palast bewacht, so bleibt das, was er hat in Frieden. Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und ihn besiegt, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verließ und verteilt die Beute. Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.

Liebe Gemeinde,

wir als naturwissenschaftlich und psychologisch aufgeklärte Menschen tun uns schwer mit der Vorstellung von bösen Geistern, die von Menschen Besitz ergreifen. Wir bezeichnen solche Phänomene eher als Neurose oder Nervenkrankheit. Darum müssen wir uns erst einmal in die Vorstellungswelt der damaligen Zeit hineinversetzen, damit wir diesen Bibelabschnitt besser verstehen und unsere Sichtweise einen neuen Blickwinkel bekommt. Damals ging man davon aus, dass Gott nicht nur sichtbare Welt geschaffen hatte. Nicht nur das, was wir hören, sehen, schmecken, riechen und ertasten können.

Neben Menschen und Tieren, Pflanzen und Stoffen gibt es nach der Vorstellung unserer Glaubensväter Mächte, Kräfte, Gewalten.  Es sind Wesen ohne Körper, ohne Gestalt. Manche, die Gott dienen, werden Engel genannt. Andere, die mit Gott gebrochen und sich mit dem Satan verbündet haben, werden Dämonen genannt. Sie gehören damit zum Heer der Finsternis und sie versuchen die Welt aus Gottes Hand zu reißen.

Die Schlüsselrolle in dieser Auseinandersetzung mit Gott, sind die Menschen. Irgendwie scheinen sie Gott am meisten Schaden anfügen zu können, wenn sie Menschen in ihren Bann ziehen. Darum ist es ihr Ziel von Menschen Besitz zu ergreifen. Ein Mensch ist für ihr körperloses Wesen außerdem so etwas wie ein lebendiger Schutzschild – eine Burg, in der er vor Gottes Zorn in Deckung gehen kann.

Gelingt es einem bösen Geist, einen Menschen völlig unter seine Kontrolle zu bringen, dann hat er die volle Befehlsgewalt über diesen Menschen. Der Mensch ist sein Besitz, seine Beute, und nach antikem Kriegsrecht sein abhängiger Sklave. Diese unreinen Geister sind schlechte Herren. Sie richten einen Menschen zugrunde. Menschliche Qualitäten werden zerstört.

Würde einer der ersten Christen bei uns heute leben, dann würde er auch bei viele unreine Geister entdecken. Zum Beispiel den Geist aus der Flasche. Den Alkoholismus. Denn keiner hat den Geist aus der Flasche je gesehen und dingfest gemacht. Und doch kann er Menschen in seinen Bann ziehen. Sanft säuselnd flüstert er Menschen – besonders junger Männern ein: Wenn du mich aufnimmst, helfe ich dir. Mit meiner Hilfe bist du stark, bist du lustig, du hast gute Freunde, du gehörst dazu. Allen Ärger spüle ich dir von der Seele. Wehe dem, der sich diesen Lügen anvertraut, der wird willfähriger Sklave des Geistes aus der Flasche. Denn dann kann ein Mann nicht mehr über sich bestimmen, sondern der Alkohol bestimmt von nun an sein Leben, bis er ihn völlig zugrunde gerichtet hat.

Nebenbei bemerkt: Ich rate jedem Christen, sich Zeiten vorzunehmen, auf Alkohol zu verzichten. Einfach um klar zu stellen, wer der Herr im Hause ist. Jesus oder der Alkohol.

Zurück zum Bibeltext:

In unserem Fall hatte es der böse Geist geschafft. Der kranke Mensch ist ganz von dem dämonischen Wesen geprägt und Teile der menschlichen Persönlichkeit sind zerstört. Der arme Mann. Was ist ein Mensch, der nicht plaudern, sich nicht mitteilen, nicht lachen, nicht singen, nicht beten kann? Er ist abgeschnitten vom menschlichen Leben und kümmert vor sich hin. Der körperlose Geist hat hingegen eine wunderbare Wohnung gefunden. Jesus vergleicht den Geist mit einem Raubritter, der den Verwalter einer Burg in seine Gewalt gebracht hat und nun mit den Vorräten und Schätzen darin ein herrliches Leben führt. Keiner kann ihn dort verjagen. Keiner kann dem Kranken helfen.

Nur ein Stärkerer, nur der rechtmäßige Herr und Eigentümer kann den Raubritter rauswerfen.

Und das geschieht in diesem Fall. Jesus befiehlt dem Geist nur: Raus mit dir. Und der Geist verschwindet und mit ihm all die negativen Begleiterscheinungen. Der Stumme kann wieder reden. Viele der Augenzeugen staunen darüber und freuen sich. Doch da sind auch Leute dabei, denen das nicht so richtig passt. Sie greifen Jesus an, denn letzten Endes können sie es nicht ertragen, dass es einen gibt, der solch große göttliche Vollmacht hat. Sie wollen keinen über sich. Sie akzeptieren Jesus nicht als den Herrn.

Offen greifen sie Jesus natürlich nicht an. Da hätten sie gleich verloren. Sie fürchteten die vielen Menschen, die Jesus verehrten. Darum bekämpfen sie Jesus heimtückisch. Nicht offen, sondern hintenherum. Tuschelnd wird sein Sieg in Frage gestellt, mit einem spöttischen Unterton wird Jesus abgewertet. Das ist im Grund eine ganz gemeine Art, wie Menschen einander fertig machen können.

Doch Jesus durchschaut ihre Taktik und stellt sie zur Rede. Zuerst die einen. die sagen: Hier ist ein Oberteufel, der Baal Zebub am Werk. Darum kann er solche stummen Geister verjagen.

Jesus kontert – ich schmücke seine Worte aus: „Wie? Mit des Teufels Hilfe habe ich den armen Menschen gesund gemacht? Ich soll mit einem Teufel den anderen ausgetrieben haben. Das wäre die Sensation. Im Reich der Teufel ist eine Revolution ausgebrochen. Einer kämpft gegen den anderen. Eigentlich ein großartiger Gedanke. Die Teufel reiben sich gegenseitig auf – zuletzt ist keiner mehr da. Aber denkt doch mal nach! – Unter euch gibt es Leute, die Teufel austreiben. Diese Leute sind eure Stars und ihr lobt sie. Sie sind für euch selbstverständlich auf Gottes Seite. Uns nun soll ich, Jesus, der ich einen Dämonen verjagt habe, so ganz plötzlich auf der Seite des Teufels stehen. Denkt doch einmal nach. Ihr widersprecht doch euch selber.

Und dann sagt noch eine andere Gruppe von Gegner: „Ja, wir haben diese Heilung gesehen. Das war eine ganz tolle Sache. Wirklich großartig. Dieser arme Mann kann wieder reden. A... b e r, war das alles? Wir möchten gerne ein ganz markantes und eindeutiges Wunder sehen, um 100%ig zu sehen, dass du der Messias bist.

Ihnen entgegnet Jesus: „Wenn ich mit dem Finger Gottes, die bösen Geister austreibe, so ist das Reich Gottes zu euch gekommen.“ Damit will er sagen: Ich selbst kann Gottes Finger bewegen. Ich brauche nur damit auf eine wunde Stelle zu deuten und die zerstörerische Macht, der böse Geist muss verschwinden. Dazu braucht es keine brachiale Gewalt, keine magischen Formeln, keine endlose Therapie. Mein Wort genügt und der Mensch ist gesund. Das bedeutet: Gottes neue Welt ist durch mich da. Sie ist hier bei euch. Genügen diese Zeichen nicht?

Und so sind die Fronten ganz klar. Entweder man sagt: „Jesus, du bist ein Spinner. Das geht zu weit. Ausgerechnet du, willst, weil du einen Mensch geheilt hast, derjenige sein, der den Finger Gottes bewegen kann. Ausgerechnet du kleiner Galiläer möchtest der Retter und Herr der ganzen Welt sein. Nein, du bist ein frommer Jude und ein guter Mensch – Aber mehr nicht.“ Das ist, wenn man ehrlich ist, die eine Position die man einnehmen kann.

Daneben gibt es nur noch die andere Möglichkeit des Glaubens, die sagt: „Ja, Jesus, ich glaube Dir, du bist Christus. Der eigentliche Herr und rechtmäßige Eigentümer der Welt. Ich selbst, mein Leben soll dir gehören. Du sollst das Sagen haben! Ich will dir gehorchen und dir nachfolgen. Heile auch mich, wie du den Stummen geheilt hast von allem, was dir nicht gefällt.“

Eine Zwischenposition gibt es nicht. Es gibt nur: Entweder man glaubt, oder man glaubt nicht. Entweder man vertraut sich Jesus an, oder nicht. Und wer meint, es gebe eine neutrale Zuschauerposition, der betrügt sich selbst und befindet sich, ohne es zu wissen auf der Seite der Gegner Jesu.

Jesus fasst in V. 23 zusammen: Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich. Wer nicht mit Jesus ist, der ist gegen Jesus!

Wo stehe ich?

Jesus gibt einen Hinweis: „Und wer nicht sammelt zerstreut.“ Jesus ist ein leidenschaftlicher Sammler. Ähnlich wie ein Antiquitätensammler auf Flohmärkten und alten Häusern nach alten Sachen sucht und erwirbt, sie liebevoll mit größter Sorgfalt und Geduld Millimeter um Millimeter säubert, schadhafte Stellen ausbessert, und sie in neuem Glanz erstrahlen lässt und dann sein Mobiliar wird. So sucht Jesu Geist bis heute Menschen. Ihr Zustand ist ihm egal. Und wenn sie noch so heruntergekommen sind. Er freut sich, wenn er sie wieder heil machen kann. Da er in uns wohnen möchte, werden wir in vielen kleinen Etappen erneuert.

Und wer auf der Seite Jesu steht, der beteiligt sich an der großen Sammelleidenschaft Jesu. Er freut sich, wenn Menschen befreit und erneuert werden. Und man tut sein bestes, um Jesu Geist bei seiner Suche zu helfen.

Wie können wir sammeln? Ich mache Ihnen einen Vorschlag.

Machen Sie sich Gedanken zu den Menschen, mit denen sie viel zu tun haben. Überlegen Sie sich: Wer von diesen Menschen ist auf der Gegenseite. Wer fehlt eigentlich in der Sammlung Jesu. Dann wählen sie sich zwei Personen aus, die ihnen am Herzen liegen. Und dann beginnen Sie für diese zwei Personen zu beten. Vielleicht täglich, vielleicht immer, wenn sie in den Gottesdienst kommen, am Anfang während die Glocken läuten. Oder setzen sie sich noch mit einem anderen Christen zusammen und beten sie zu zweit. Und beten sie dafür, dass Jesus Christus diesen beiden Menschen begegnet und der Finger Gottes sie berühre, heile und zu seiner Sammlung füge.

Das soll einmal der erste und wichtigste Schritt sein.

Weitere Schritte folgen. Ich hoffe, dass es gelingt, in absehbarer Zeit für unsere Kirchengemeinde einen passenden Rahmen und Möglichkeiten dafür zu schaffen.

Überlegen sie einmal, wie toll das wäre, wenn Gott Gelingen schenken sollte. Wir sind heute ca. 20 Leute. Wenn unsere jeweils 2 Kandidaten eingesammelt werden zum Leben mit Jesus, dann könnten wir in absehbarer Zeit 40 Leute mehr sein.
Wie kräftig wird da der Gesang im Gottesdienst sein.

Aber zurück zum Bibelwort:

Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich;
und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.

Lassen Sie uns als Christen an diesem Sonntag bewusst antworten:

Ja, Herr, ich will Dein sein.
Ja, Herr, ich will mit dir sammeln.
Erneuere auch mich!

Amen.
 

 

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Stand: 04. Juni 2010