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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 27. April 2003Liebe Gemeinde, eine Freundin meiner Mutter hatte folgendes erlebt. Sie erzählte mir: „Nachdem mein Mann und ich uns kennen gelernt hatten, waren
sehr verliebt ineinander. Doch dann musste er an einen anderen Ort zum Studium.
Wir konnten uns nicht mehr so einfach sehen und so wir waren auf Post
angewiesen.“ „Anfangs“, so sagte sie, „war ich ganz eifrig mit Schreiben
beschäftigt. Jeden Tag schrieb ich einen langen Brief. Doch es kam keine
Antwort. „Na ja,“ dachte sie, „er hat eben viel zu tun.“ Und sie schrieb
trotzdem eifrig weiter. Doch als nie ein Lebenszeichen kam, folgerte sie: Er
liebt mich nicht mehr. Sie wurde sehr traurig, schrieb keine Briefe mehr und
versuchte sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass es wohl aus ist. Doch nach
einer Weile kam der Mann wieder in ihre Stadt und traf sie. Er stellte sie zur
Rede, ob sie es denn gar nicht ernst mit ihr gemeint hätte. Er hätte jeden Tag
geschrieben und sie nicht ein einziges Mal geantwortet. Da merkten die beiden,
dass der Fehler bei der Post liegen musste. Sie erstatteten Anzeige. Ein
Detektiv der Post kam und sie mussten einen weiteren Brief wie gehabt schreiben.
Dann wurde der Brief mit einer unsichtbaren Flüssigkeit eingepinselt und
abgeschickt. Auch dieser Brief kam nicht an. Dafür färbte er einer Angestellten
im Postamt der kleinen Stadt die Finger schwarz ein. Sie, die sogar eine
Schulkameradin gewesen war, hatte den Brief entwendet und geöffnet. Nun konnte
sie ihre Hände waschen wie sie wollte, die Finger blieben schwarz. Keine Seife,
kein Putzmittel, kein Lösungsmittel konnten ihre Hände wieder rein machen.
Sofort wusste nun der Detektiv: Diese Frau war die Übeltäterin. Solch eine
Person gilt bei der Post als untragbar. Sie wurde deswegen entlassen. ähnlich ist es mit der Sünde. Wenn ein Mensch sich durch
Sünde die Finger schmutzig macht, dann haftet die Schuld wie so eine schwarze
Farbe auf dem Gewissen. Sünde zerstört unsere Beziehungen, den Frieden und unser
Leben. Und keine Seife guter Taten, kein Vertuschen und Schöntun kann unsere
Hände wieder sauber machen. Nichts. Die letzte Konsequenz ist: Solche Menschen
sind für den Himmel untragbar. Denn kein Sünder kann in den Himmel kommen.
Keiner mit besudelten Händen und mit einer besudelten Zunge darf in Gottes Nähe.
Das sagt Gottes steinernes und unwandelbares Gesetz. Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, als die
Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam
Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und
als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden
die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen. Da sprach Jesus abermals zu ihnen:
Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und als
er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den
heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und
welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten. Stefanus fiel auf seine Knie und flehte Gott in der Todesstunde an: „Vater rechne ihnen diese Sünde nicht an!“ Liebe Gemeinde, hätte Stefanus damals seine Verfolger
verflucht, hätte er geschrieen: Vater zahl es ihnen heim, lass sie langsam
zugrunde gehen, lass sie qualvoll sterben - ich bin überzeugt, dann wäre Paulus
nie Missionar geworden und wir hätten nie seine schönen Briefe erhalten. Paulus
wäre verbittert als größter Christenverfolger gestorben. Das ist die Macht der
Vergebung. Wo wir vergeben, da ist die Kraft des Todes, der einer Sünde
unweigerlich folgt, unweigerlich gebrochen und Leben kann sprießen. Wo wir
Menschen von ihrer Schuld lösen, können sie sich wieder frei zu Gott wenden. Da fällt mir ein Gleichnis Jesu vom ungerechten Verwalter ein. Ein Verwalter hatte es mit seinem Chef verdorben. Und weil er mit seiner Kündigung rechnete brauchte er viele Freunde, die ihn für die erste Zeit durchfüttern würden. Und was tat er. Er ging zu allen hin, die Schulden bei seinem Chef hatten und erließ ihnen große Teile der Schuld. Er strich ihnen einfach die Schulden von ihrer Liste. Wissen Sie, was Jesus über den kleinen Schuft sagte: Er lobte ihn und sagt: Der hat es richtig gemacht. Auch wir haben wie der Verwalter das Recht zu vergeben. Auch wir sind nicht immer die treuesten, darum lasst uns von ihm lernen und lasst uns lieber etwas großzügiger mit dem Vergeben sein, als zu knauserig. Lassen sie uns Vergebung aussprechen. Lieber zu viel, als zu wenig. Denn wo Vergebung ist, das ist Leben. Amen |
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