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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 29. August 2004Predigttext: Apostelgeschichte 9, 1-19 Saulus wütete immer noch mit Drohung und Mord gegen die
Jünger des Herrn. Er ging zum Hohenpriester und erbat sich von ihm Briefe an die
Synagogen in Damaskus, um die Anhänger des (neuen) Weges, Männer und Frauen, die
er dort finde, zu fesseln und nach Jerusalem zu bringen. Unterwegs aber,
als er sich bereits Damaskus näherte, geschah es, dass ihn plötzlich ein Licht
vom Himmel umstrahlte. Er stürzte zu Boden und hörte, wie eine Stimme zu ihm
sagte: Saul, Saul, warum verfolgst du mich? Er antwortete: Wer bist du, Herr?
Dieser sagte: Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf und geh in die Stadt;
dort wird dir gesagt werden, was du tun sollst. Seine Begleiter standen
sprachlos da; sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemand. Saulus erhob
sich vom Boden. Als er aber die Augen öffnete, sah er nichts. Sie nahmen ihn bei
der Hand und führten ihn nach Damaskus hinein. Und er war drei Tage blind und
er aß nicht und trank nicht. In Damaskus lebte ein Jünger namens Hananias.
Zu ihm sagte der Herr in einer Vision: Hananias! Er antwortete: Hier bin ich,
Herr. Der Herr sagte zu ihm: Steh auf und geh zur so genannten Geraden Straße
und frag im Haus des Judas nach einem Mann namens Saulus aus Tarsus. Er betet
gerade und hat in einer Vision gesehen, wie ein Mann namens Hananias
hereinkommt und ihm die Hände auflegt, damit er wieder sieht. Hananias
antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört, wie viel Böses dieser Mann deinen
Heiligen in Jerusalem angetan hat. Auch hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle zu verhaften, die deinen Namen anrufen. Der Herr aber
sprach zu ihm: Geh nur! Denn dieser Mann ist mein auserwähltes Werkzeug: Er soll
meinen Namen vor Völker und Könige und die Söhne Israels tragen. Ich werde
ihm auch zeigen, wie viel er für meinen Namen leiden muss. Da ging Hananias
hin und trat in das Haus ein; er legte Saulus die Hände auf und sagte: Bruder
Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Weg hierher erschienen
ist; du sollst wieder sehen und mit dem Heiligen Geist erfüllt werden. Sofort
fiel es wie Schuppen von seinen Augen und er sah wieder; er stand auf und ließ
sich taufen. Und nachdem er etwas gegessen hatte, kam er wieder zu Kräften.
Einige Tage blieb er bei den Jüngern in Damaskus; an Saulus wird sehr deutlich, was mit einem Menschen passiert, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, das er unbedingt durchsetzen will. Saulus hatte durch seine Auffassung vom Gesetz eine ganz bestimmte Vorstellung, wie ein Jude sein sollte. Ja, diese Vorstellung wurde sein Götze – seine in eine feste Form gegossene Vorstellung von Gott. Für diese Vorstellung lebte er ganz und gar. Sie pflegte er und ihr eiferte er nach. Aber dann sah er, dass andere Juden, die Christen eine ganz andere Vorstellung von Gott hatten. Sie nahmen alles viel lockerer und dennoch waren sie mit Ernst bei der Sache. Und dann kommt das typische, was bei gesetzlichen Menschen geschieht: Er
ärgerte sich über sie.
Die Bibel drückt es sehr anschaulich mit dem Wort „schnauben“ aus. Man spürt aus
diesem Wort, wie innerlich eine Flamme den Dampfkessel der Wut zum Kochen
bringt. Es ist das Ich. Das Ego kann es nicht ertragen, wenn sein Götze nicht akzeptiert wird und dann beginnt das adamitische „Ich“ heiß zu laufen. Wut ist das Gefühl, das man bekommt, wenn ein Unrecht geschieht. Wut an sich ist weder gut noch schlecht. Doch wenn der alte Adam sich verletzt fühlt und sein Götze wackelt, dann wird er natürlicherweise wütend. Doch der alte Adam wird sich der Sünde bedienen, um sich sein Recht zu verschaffen. Er wird Unrecht tun und zerstören. In Bezug auf seine Zerstörungskraft ist Wut negativ. So war es bei Saulus. Es begann vielleicht mit einer stolzen herablassenden Haltung gegenüber den
Christen, dann bediente er sich religionspolitischer Intrigen und Komplotten
und schließlich endete er im Mord. Oder sie macht es wie die Urgemeinde bei Saulus. Sie flieht und versteckt sich vor ihm. Dadurch wird er noch einsamer und sein Urteil wird noch vernichtender. Der innere Dampfkessel der Wut wird angeheizt. Und weil ja ein Pfarrer immer
schön brav sein muss, er kann ja nicht wie Paulus eine Christenverfolgung
beginnen, verbrennt diese Wut innerlich den ganzen Menschen. Der Pfarrer wird
immer lustloser, depressiver, es stellen sich körperliche Beschwerden ein und
schließlich ist er ausgebrannt. ich glaube, es gibt aus nur einen Ausweg, um einen Menschen, der im Gesetz
verfangen ist, zu helfen.
Das ist Liebe und Güte. Doch Stefanus reagierte nicht mit Hass und Verachtung, sondern mit Liebe. In Apg. 7 heißt es: „Er sank in die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Nach diesen Worten starb er.“ Stefanus legte das Samenkorn der Liebe. Durch seine Vergebung konnte Jesus frei
am Herzen von Paulus handeln. Hätte Stefanus Paulus verflucht, dann hätte dieser
Fluch, Jesus gehindert zu heilen.
Ich bin überzeugt, dass Saulus nie ein Paulus geworden wäre, wenn Stefanus
nicht so gebetet hätte.
Das kann die Liebe bewirken. Aber es gibt noch ein anderes Vorbild: Hananias: Hananias wird ein Jünger genannt.
Das Kennzeichen eines Jüngers ist, dass er hört.
Das Hören ist die Grundvoraussetzung dafür ein Jünger zu sein. Wer nicht auf
Gottes Stimme hört, der tut im Grunde immer noch das, was er selbst will und
nicht Gottes Willen. Der Teufel fürchtet nichts mehr, als diese Gabe der Prophetie. Darum versucht
er sie durch falsche Propheten und Prophetien zu verunglimpfen. Durch das Hören und Vertrauen wird das Bild zertrümmert, das Hananias von Saulus hat. Hananias hat Saulus darauf festgelegt, dass er schnaubender Eber ist, der den Weinberg Gottes zerwühlt. Doch Jesus zeigt Hananias ein anderes Bild von Saulus: „dieser Mann ist mein auserwähltes Werkzeug: Er soll meinen Namen vor Völker und Könige und die Söhne Israels tragen.“ Es ist das Bild des großen Missionars. Damals hatte Hananias ein Bild von Saul, das realistischer war. Aber aus heutiger Sicht, die wir die Apostelgeschichte und die wunderschönen Briefe von Paulus kennen, müssen Jesus recht geben. Er hatte das richtige Bild von Saulus. Hananias vertraut. Durch sein Vertrauen bekommt er den Blick der Liebe, der
Hoffnung. Es wird so auch licht bei Hananias. Mich rühren immer wieder diese knappen Worte. Sie sind so voller Liebe und Sanftmut. Hananias legt ihm die Hände auf. Eine sanfte Berührung und sagt zu Paulus „Bruder Saul“. Er hat ihn angenommen. Und er betet mit ihm. Es ist die Liebe Jesu, die nun durch Hananias durchströmen kann. Sie geht durch seinen Leib auf Paulus über und dann wird es wieder hell im Leben von Paulus. Und Paulus fällt es wie Schuppen von den Augen. Durch dieses Licht der Liebe wird Paulus befreit von seinem gesetzlichen Gottesbild, errettet und geheilt. Und er wird tatsächlich zu dem, was Jesus gesehen hatte. Zu einem der größten Missionare aller Zeiten. Das kann die Liebe.
Amen. |
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