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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 13. Juli 2003
Unser heutiger Bibelabschnitt steht in Lk 6, 36-38. Dort
heißt es:
„Seid so barmherzig wie euer Vater im Himmel! Richtet
nicht über andere, dann wird Gott auch nicht über euch richten! Verurteilt
keinen Menschen, dann wird Gott auch euch nicht verurteilen. Wenn ihr bereit
seid, anderen zu vergeben, dann wird Gott auch euch vergeben. Gebt, was ihr
habt, dann wird Gott euch so reich beschenken, dass ihr gar nicht alles
aufnehmen könnt. Mit dem Maßstab, den ihr an andere legt, wird auch Gott euch
messen.“
Wenn ihr bereit seid, anderen zu vergeben, dann wird Gott
auch euch vergeben.
Warum ist Vergebung so wichtig?
Liebe Gemeinde,
diese Worte stehen auch in der Bergpredigt. Die Bergpredigt
Jesu gelten sozusagen als Regierungserklärung des Reiches Gottes. Jesus, der
sich im Laufe seiner Wirkungszeit immer deutlicher als der König des Reiches
Gottes zu erkennen gibt, macht hier deutlich, wie er sein Reich verwirklichen
will. Und in diesem Reich muss Gerechtigkeit herrschen. Wenn das Unrecht
überwunden ist, dann wird Friede herrschen, Liebe kann sich ausbreiten und
jedermann wird froh und glücklich sein. Aber die wichtigste Voraussetzung ist,
dass das Unrecht beseitigt wird. Das ist gar nicht so einfach. Denn wenn man
jemanden verletzt hat und sei es nur durch ein unbedachtes Wort, so kann man
diese Verletzung nicht so einfach rückgängig machen.
Jesus selbst hat den größten Beitrag dazu geleistet, dass dem
Recht Raum gegeben wird. Denn er hat für unsere Sünden am Kreuz von Golgatha für
alle Schuld bezahlt. Gleichzeitig sorgt eine unsichtbare innere Ordnung –
vergleichbar mit unseren Naturgesetzen, dass diejenigen, die Unrecht tun, auf
irgendeine Art und Weise auch wieder ernten, was sie gesät haben, wenn sie sich
nicht unter den Schutz des Kreuzes Jesu gestellt haben.
Auch wir können einen Beitrag für die Gerechtigkeit in Gottes
Reich leisten, indem wir einander vergeben.
Wenn wir ein Opfer von Unrecht geworden sind, dann können wir
uns durch Vergebung von der Schuld der Täter lösen. Dann ist der Stachel gelöst
und wir können innerlich wieder heil werden.
Was sollen wir vergeben? – Verletzungen
Unsere Nachbarn haben zwei Hunde. Die beiden sind oft draußen
im Garten und dieser Garten ist auch ihr Revier, ihr Lebensraum. Wenn nun der
Briefträger kommt, der stark nach anderen Hunden riecht, dann bellen die beiden
ganz besonders wild und aggressiv. Denn dieser Mann riecht nach fremden Hunden.
Dazu verletzt er ihr Revier, indem er etwas hineinwirft, das ebenfalls
bedrohlich riecht. Darum versuchen sie zumindest akustisch diese Bedrohung zu
vertreiben – und böse Hunde tun dies auch mit ihren Zähnen.
Ähnlich hat auch jeder Mensch in seiner Seele einen Lebensraum, den er zum Leben
braucht. Wenn dieser Lebensraum verletzt, geraubt oder zerstört wird, dann gerät
unser inneres Gleichgewicht ins Wanken. Wird er uns gänzlich weggenommen, dann
verlieren wir Lebenskraft, Lebensmut und Lebensfreude. Im besten Fall
funktionieren wir noch als willenlose Sklaven. Doch meist folgt
Selbstzerstörung, oder wenn wir die Kraft haben, die Zerstörung des anderen.
In drei Bereichen sind wir besonders empfindlich.
Ein wichtiger Bereich ist Liebe. Jeder Mensch braucht Liebe,
Zuwendung, Zärtlichkeit, Ansprache, Aufmerksamkeit. Immer hört und liest man von
Gefangenen, die Folter und Demütigungen noch hinnehmen aber am meisten fürchten
sie Einzelhaft. Kinder kämpfen um die Liebe ihrer Eltern. Auf Papas Schoß zu
sitzen ist ihnen wichtiger als Süßigkeiten. Und es tut einfach schrecklich weh,
wenn man zurückgewiesen wird. Wenn man sich Liebe wünscht und nicht bekommt.
Ein zweiter Bereich ist Ehre. Jeder Mensch benötigt als Lebensraum eine gewisse
Achtung vor sich selber und durch seine Mitmenschen. Jeder wünscht einen guten
Ruf zu haben, geehrt zu werden, respektiert zu werden. Einer der Alpträume, die
ich immer wieder habe, ist, dass ich plötzlich unbekleidet, ohne Kanzel und ohne
eine ausgearbeitete Predigt vor ihnen stehe. Ohne ihnen irgend etwas bieten zu
können. Einfach peinlich. Wie sehr schmerzt es, wenn man in einen Raum kommt und
die anderen verstummen plötzlich, weil sie von einem schlecht geredet haben. Wie
schlimm ist es, wenn man bei anderen nur noch auf Misstrauen stößt und kein
Vertrauen mehr bekommt.
Und der dritte Bereich, den unsere Seele zum Leben braucht, das ist Besitz.
Jeder benötigt als Lebensgrundlage etwas, das er sein eigen nennen kann. So
etwas wie eine Heimat. Im Alten Testament legt Gott großen Wert darauf, dass
jede israelitische Familie einen unveräußerlichen Besitz erhält. Man konnte ihn
zwar verkaufen, doch alle 50 Jahre musste der Besitz an die eigentliche Familie
zurückgegeben werden. Alle Welt strebt danach möglichst viel zu besitzen. Es ist
nun Unrecht und eine Verletzung wenn jemand am Besitz des anderen vergreift und
bereichert.
Für die Vergebung ist nun sehr wichtig, dass ich mir erst einmal klar werde,
inwiefern ich verletzt wurde. Wenn ich blute und nicht wahrhaben will, dass ich
blute, oder die Wunde nicht sehe, kann ich die Wunde nicht behandeln und
verbinden. Sie blutet weiter, infiziert sich und beginnt zu eitern. Ähnlich ist
es wichtig, sich seelisch zu fragen: Was ist mit mir los? Wo wurde ich
eingegrenzt, wo wurde mir Liebe vorenthalten, die ich so nötig gehabt hätte? Wo
wurde meine Ehre verkleinert, wo wurde mir etwas weggenommen?
Liebe Gemeinde, am meisten können Kinder verletzt werden, weil sie noch kaum
Möglichkeiten haben, sich zu wehren. Und so tragen viele Erwachsenen manchmal
noch eine aus der Kindheit klaffende Wunde. Das Kind, das noch in ihnen lebt
schreit nach der Liebe, nach der Achtung, nach der Gerechtigkeit. Und darum kann
man nie so richtig glücklich sein, selbst, wenn es einem recht gut geht.
Wenn ich aber die Verletzungen wahrnehme auch die aus der Kindheit, dann kann
ich auch mit Vergebung beginnen.
Die Lösung, die der Teufel auf Verletzung uns Menschen bieten will, ist die
Rache. Wenn ein natürlicher Mensch die Kraft und die Möglichkeit hat, dann rächt
er seine Verletzungen. In unserer zivilisierten Gesellschaft geschieht dies
durch Mobbing, durch üble Nachrede, durch Sticheleien, durch ständiges
Schimpfen, passiven Widerstand und Kälte. Es kann aber auch zu Wortgefechten,
Streitereien und sogar Mord und Todschlag kommen. Die Zeitung und die
Nachrichten sind jeden Tag voll davon. Wenn der natürliche Mensch nicht die
Kraft und die Möglichkeit hat, sich zu rächen, dann grollt er innerlich, er
verbittert und hadert mit sich und der ganzen Welt. Wenn Menschen nie zufrieden
sein können und immer etwas auszusetzen haben, dann haben sie oft an einer
Stelle nicht vergeben. Diese Bitterkeit kann zu Depressionen und Krankheiten
führen.
Unrecht und Verletzungen wachsen wie eine bittere Wurzel unterschwellig weiter,
so wie ein Krebsgeschwür. Immer, wenn es böses Blut gibt, dann steht am Ende
immer die Zerstörung des eigenen Lebens und das Leben des Feindes.
Darum wollen wir mal auf die Lösung, die Gott uns anbietet schauen: Vergebung.
Vergebung beginnt mit Verstehen. Wenn man als Kind zu wenig Liebe von den Eltern
bekommen hat, muss man sich immer fragen, warum die Eltern so gehandelt haben.
Denn in fast allen Fällen meinen die Eltern es gut, beziehungsweise, sie konnten
nicht anders handeln, weil sie selber verwundet oder noch unreif waren. Wenn ich
jemanden verstehe, warum er so gehandelt hat, dann fällt es mir oft auch
leichter ihn zu verstehen.
Dann gehört zur Vergebung, dass ich die Schuld ins richtige Verhältnis setze.
Ich muss mich fragen, mit welchem Maßstab messe ich den anderen. Ich sollte mich
fragen: Brauche ich wirklich so viel Liebe und Zuwendung und Zeit des anderen.
Oder verlange ich zuviel von ihm. Brauche ich wirklich so viel Achtung, Ehre und
Respekt. Muss ich wirklich immer an erster Stelle kommen und im Mittelpunkt
stehen – oder tut es mir nicht auch gut mal ein wenig bescheidener und demütiger
sein.
Muss ich wirklich so ganz pingelig meinen Besitz verteidigen und wahren.
Nebenbei bemerkt, wenn der Staat so pingelig wäre, wie wir manchmal, dann
müssten wir uns ganz schön vor den Nachstellungen des Finanzamtes fürchten.
Brauche ich wirklich so viel? Oder kann ich nicht auch mal teilen? Denn in der
geistigen Welt werden wir mit dem Maßstab gemessen, den wir bei anderen anlegen.
Da möchte ich doch lieber etwas großzügiger sein und auch den anderen ihre
Liebe, ihren Respekt und ihren Besitz gönnen.
Eine weiterer Schritt, der zur Vergebung manchmal gehört, ist den Raum für
Wiedergutmachung ui öffnen. Ich war einmal unachtsam und habe die leisen
Warnungen Gottes überhört und prompt eine allein erziehende Mutter und deren
Kinder zutiefst verletzt. Die Frau war mutig und offen genug mir das zu sagen.
Sie erklärte mir, was in ihr vorging. Ich war sehr betroffen. Ich bat um
Entschuldigung. Aber irgendwie hatte ich das Bedürfnis den Betroffenen noch
etwas Liebes und Tröstendes zu geben. Ich wusste, dass die Familie sehr gerne
zusammen ins Kino ging und so kaufte ich ihnen Kinogutscheine. Es war für mich
als Täter damals sehr befreiend, dass sie zusammen ins Kino gegangen sind.
Liebe Gemeinde, so kann es sein, dass wir hin und wieder mal einem anderen uns
mitteilen müssen und ihm sagen, dass wir verletzt wurden. Und dass wir ihm die
Möglichkeit geben, die Sache wieder gut zu machen.
An dieser Stelle möchte ich allen empfehlen, die andauernd verletzt werden,
vielleicht durch ein alkoholabhängiges Familienmitglied einen Seelsorger
aufzusuchen, der hilft, die Rahmenbedingungen zu ändern.
Vergebung heißt auch noch: Ich verzichte auf die Rache.
Wenn meine Gefühle noch danach schreien, dass der Täter mit
Heller und Pfennig für seine Untaten bezahlen muss, dann kann ich diese Gefühle
in die Rachepsalmen der Bibel gießen. Dort wird nicht gerade zimperlich geredet,
von denen, die Unrecht tun – doch in einem Punkt bleiben diese Psalmen
standfest: Sie überlassen Gott die Rache und das Gericht. Sie vertrauen darauf,
dass Gott für Gerechtigkeit sorgt und nicht ich. Paulus schreibt in Röm 12,19: „Rächt
euch selber nicht, meine Lieben, sondern gebet Raum dem Zorn Gottes; denn es
steht geschrieben: ‚Die Rache ist mein: ich will vergelten, spricht der Herr’“.
Vergebung heißt zuletzt:
Ich vergebe den Schuldschein an Gott. In der geistlichen Welt geschieht das
meist durch ein bewusstes und lautes Aussprechen der Vergebung. Am besten in
Gegenwart eines Seelsorgers. Bei Gott ist die Schuld am besten aufgehoben. Denn
Jesus hat durch sein unschuldiges Leiden und Sterben meine Schuld und die Schuld
des anderen auf sich genommen. Durch sein Blut, das kein böses,
himmelschreiendes Blut ist, können unsere Beziehungen wieder gereinigt werden
und neues Leben kann entstehen. Nur, wenn ich vergeben habe, dann ist der andere
frei, umzukehren. So wie Paulus umkehren konnte, weil Stefanus ihm vergeben
hatte. Durch seine Wunden, werden meine Verletzungen geheilt. Das klingt
paradox, aber das ist der Tausch am Kreuz. Durch ihn wird das Gleichgewicht
wieder hergestellt. Er sorgt für Gerechtigkeit, ohne, dass ich mit meiner
Vernichtung und endloser Qual bezahlen muss. Dazu wird mich heilen, indem er mir
die Liebe schenkt, die ich brauche, er wird mich erhöhen, wenn ich mich nicht
über andere erhebe, er macht mich zu einem Königskind. Welch eine Hochschätzung.
Und er wird dafür sorgen, dass ich genügend zum Leben besitze. Ja, so viel, dass
man gar nicht alles messen kann. Er ist das Gut, das uns niemand nehmen kann.
Wenn ich bereit bin die Schritte der Vergebung zu gehen, kann seine Gnade in
meinem Leben so richtig zur Geltung kommen. Bin ich bereit dazu?
Wer jemandem vergeben möchte, der kann jetzt leise folgendes Gebet mitbeten:
Mein Gott, der Täter hat eine schwere Strafe als Sühne für seine Tat verdient.
Dazu stehe ich auch als Christ, weil es in der Bibel steht. Weil ich aber an
dich glaube, glaube ich auch, dass die wahre und tiefste Gerechtigkeit bei dir
ist. Ich verzichte darauf, mich in Worten, Gedanken und Taten zu rächen und
dabei zwangsläufig neues Unrecht zu tun. Stattdessen gebe ich die Rache an dich
ab, der du sagst, dass sie dein ist. Den Schuldschein, den ich bislang
festgehalten habe und der mir schlaflose Nächte, so viele Hassgedanken und
Grübeleien eingebracht hat, will ich nicht mehr haben. Ich gebe ihn ein für alle
Mal an dich ab. Und so bitte ich Dich Jesus, dass dein unschuldig vergossenes
Blut mich selber von Sünde reinigt und auch von der Sünde, die an mir verübt
wurde.
Amen.
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