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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 8. Juni 2003
Liebe Gemeinde,
der heutige Predigtabschnitt steht in Joh. 14, 23-26:
... Jesus sprach: Wer mich liebt, der wird mein Wort
halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung
bei ihm nehmen. Wer aber nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort,
das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern des Vaters, der mich gesandt hat. Das
habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin. Aber der Tröster,
der heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch
alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.
Liebe Gemeinde,
Gott gibt sich uns in verschiedenen Ausdrucksformen zu
erkennen. Als der Vater, als die Quelle des Lebens und als der Schöpfer. Und
anhand der Natur und dem, was wir im Weltraum beobachten, können wir Spuren
seiner Genialität und Majestät erkennen. Wir müssen nur die Augen öffnen.
Dann offenbart er sich in dem Sohn. Das ist das Wort Gottes,
das direkt zu uns Menschen spricht, ja, das in Jesus Christus menschliche
Gestalt angenommen hat. Ohne Jesus könnten wir die Schöpfung missdeuten und sie
anbeten. Durch ihn kommt uns die Gottheit ganz nahe und wird verständlich.
Wenn ich jetzt hier stehen und nichts sagen, sondern nur
meine Predigt in Gedanken ablesen würde, dann hätten sie nichts vom
Gottesdienst. Es ist das Wort, das uns miteinander verbindet. Und so verbindet
uns der Sohn mit dem Vater.
Und schließlich offenbart sich Gott uns durch den Heiligen Geist. D.h. durch
seinen Geist erfüllt Gott unser Wesen und erneuert, verwandelt und heilt unseren
Inneres. Gleichzeitig dürfen wir, durch den Heiligen Geist ein Tempel, eine
Wohnung Gottes sein. Wenn der Heilige Geist uns erfüllt, dann erfüllt uns das
Wesen Gottes, der Vater und der Sohn.
Wie nun kommt der Heilige Geist in ein menschliches Herz hinein?
Jesus sagt: „Wer mich liebt“
Das Wort „Liebe“ hat sehr viele Dimensionen. Heute will ich
es einmal deuten im Sinne von: „sich für jemanden öffnen“.
Unser Herz und unser menschlicher Geist ist tiefgründig und
geheimnisvoll. Das Herz ist wie ein herrlicher schöner Freudengarten mit vielen
tausend Blumen, Sträuchern und Bäumen – aber auch wie ein großer Nutzgarten mit
allen Arten von Gemüse und Obst.
Betritt ein Elefant oder irgendwelches Ungeziefer den Garten, so zertrampelt er
die Blumen und frisst die Früchte mitsamt den Blättern. Der Garten wird
zerstört. Nur jemand, der den Garten wirklich liebt und gut kennt, wird sorgsam
mit ihm umgehen, ihn pflegen und hüten. Wer den Garten nicht liebt zerstört ihn.
Und jeder von uns, liebe Gemeinde, hat bewusst oder unterbewusst die Erfahrung
machen müssen, dass Teile unseres inneren Gartens zerstört wurden, dass man uns
willentlich oder versehentlich verletzt hat. Und darum haben wir die Tore zu dem
Garten verriegelt, damit ja niemanden unseren Garten betreten und verletzen
kann. Vielleicht lässt man den ein oder anderen einen kleinen Vorgarten
betreten, aber mehr nicht.
Denn zu lieben, sich für jemanden zu öffnen, bedeutet automatisch, verletzbar
werden. Und darum haben wir Möglichkeiten entwickelt, verschlossen zu bleiben –
nicht nur für Menschen, sondern auch für Gott.
Ich möchte den Augenmerk heute mal auf einen Riegel richten. Da ist der Riegel
des Schweigens. Männer benutzen dieses Vorhängeschloss meist gerne gegenüber
ihren Ehefrauen – die sie ja lieben, nach Gottes willen, lieben sollten. Also
für die sie sich öffnen sollten. Aber schon als Kind lernt man dieses Schloss zu
gebrauchen. Da kommt der Junge verschwitzt und verschmutzt bis über die Ohren
aber überglücklich nach Hause und erzählt seiner Mama überglücklich: „Mama,
heute habe ich beim Fußballspielen drei Tore geschossen.“ Mama kann sich nicht
mit freuen, sie denkt an die Wäsche oder die Schulaufgaben, die nicht gemacht
sind. Und bei der nächsten Gelegenheit, wenn er mit einem schlechten Zeugnis
nach Hause kommt, bekommt er zu hören: „Es wäre besser gewesen, wenn Du statt
Tore zu schießen, gelernt hättest.“ Der kleine Junge hat nun eine Lektion
gelernt, die heißt: „Ich darf niemandem sagen, was mich eigentlich bewegt,
worüber ich mich wirklich freue. – Verschließ dich anderen gegenüber, dann geht
es Dir besser.“
Der Junge wird größer. Fußball und Tore sind längst vergessen, aber das
Vorhängeschloss vor dem Herzen ist geblieben. Seine Frau wünscht sich, dass er
sich ihr öffnet, sich austauscht, ihr begegnet, doch das Herz des kleinen Jungen
bleibt verschlossen und der erwachsenen Mann findet viele Möglichkeiten,
um seiner Frau nicht zu begegnen. Er bleibt länger im Büro, vertieft sich in die
Zeitung, schaut Fernsehen, geht seinem Hobby nach, oder hat einfach nichts zu
sagen. Er schweigt und ist verschlossen. Viele Ehefrauen leiden unter der
Verschlossenheit des Mannes.
Aber das gleiche geschieht oft auch gegenüber Gott. Wenn Gott
uns begegnen möchte, wenn er möchte, dass wir ihm erzählen, was uns betrübt hat,
worüber wir uns freuen und dankbar sind, dann schweigen wir. Wir fürchten uns
vor ihm und eine Stimme flüstert uns ein: „Gott aber hat gesagt: Du sollst nicht
– und du hast es trotzdem getan, er wird dich strafen. Darum lassen wir ihn
schon gar nicht rein. Und er kann uns aber auch nicht heilen.
Ein anderer Mensch fürchtet sich vielleicht davor nackt vor
Gott zu stehen, könnte ihm nichts bieten und Gott könnte plötzlich entdecken,
dass er gar nicht so toll ist wie er gerne sein möchte und dass Gott darum dann
den Garten angewidert verlässt. Darum lässt er ihn besser schon von vornherein
nicht rein. Man hat nichts gegen Gott, aber man meidet ihn. All das führt dazu,
dass wir uns ihm verschließen und Gott uns nicht erfüllen und in uns Wohnung
nehmen kann.
Liebe Gemeinde, jeder der den Heiligen Geist empfangen will, sollte sich fragen:
„Liebe ich Gott – oder habe ich mich ihm verschlossen?“
Wenn ja, dann gibt es eine schöne Möglichkeit, sich langsam zu öffnen. Es ist
die Möglichkeit, sein Wort zu hören, denn durch sein Wort lernt man ihn besser
kennen. Und je besser man ihn kennt, um so mehr kann man ihm vertrauen, um so
mehr Bereiche des inneren Garten kann man sich von ihm erschließen lassen und je
mehr er erschließen wird, um so mehr wird man ihn lieben.
Der Heilige Geist geht da sehr geduldig und behutsam vor. Nie
wird er sich mit Gewalt oder mit List Zugang verschaffen.
Aber uns zu öffnen, Gott zu lieben das ist unsere Aufgabe, das kann er nicht für
uns übernehmen. Der Heilige Geist, wird alles tun, damit wir Gott besser kennen
lernen. Er wird alle Voraussetzungen dafür schaffen, dass wir ihn lieben.
Jesus sagt: Aber der Tröster, - Tröster kann man hier auch wiedergeben mit:
Sachverwalter, Stellvertreter des Vaters und des Sohnes – der Heilige Geist, den
mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an
alles erinnern, was ich euch gesagt habe.
Das tut Gott von seiner Seite aus.
Unsere Seite – und das geht fließend ineinander über – muss sich öffnen und
seinem Wort gehorchen. Denn wer mich liebt, sagt Jesus, der wird mein Wort
halten.
Wie bereits gesagt: Je mehr wir uns öffnen und befolgen, was er uns vorschlägt,
um so mehr wird unser Vertrauen wachsen. Und je mehr unser Vertrauen wächst, um
so mehr werden wir ihn lieben und ihm gehorsam sein.
Langsam und Stück für Stück werden wir dann seine Stimme ganz deutlich von
anderen Stimmen in uns unterscheiden können, wir werden uns auch für unsere
Mitmenschen öffnen können.
Wir werden lernen zu vertrauen, dass Gott unser Herz schützen wird, wenn wir es
anderen Menschen öffnen. Er wird es verteidigen, nicht wir.
Wir werden das neue Gebot, das Jesus uns gegeben hat immer mehr befolgen. Wir
werden einander lieben, wie er uns geliebt hat.
Liebe Gemeinde, es wird unter Christen oft viel gestritten. Jeder möchte, dass
die Dinge so gehen, wie man will. Aber je mehr der Heilige Geist Besitz
ergreift, um so zweitrangiger werden dann Äußerlichkeiten.
Wir werden langsam unsere Bestimmung erkennen und leben. Jeder von uns hat ja
von Gott eine Aufgabe, eine Bestimmung bekommen, womit er Gott dienen, und womit
er seine Umwelt und auch dadurch auch sich selbst bereichern kann.
Und er wird dann die Fähigkeiten, die der Heilige Geist dazu
gibt ergreifen und in Anspruch nehmen können. Das können durchaus auch
übernatürliche Fähigkeiten sein. Die Bibel redet von Beten in Sprachen der
Engel, von Wundern und Heilungen, von Prophetien - aber auch angeborene
Fähigkeiten werden veredelt.
Es kommt einmal die Stunde, da spürt man Gottes Nähe ganz deutlich und es ist
als könnte man seine Liebe wie frisches Wasser trinken. Die Herrlichkeit und
Heiligkeit Gottes erfüllt uns. Es ist wie eine Hochzeit der Liebe Gottes.
Die Bibel spricht hier und da andeutungsweise von einer Taufe im Heiligen Geist.
Aber diese Taufe darf man nicht verkrampft herbeiführen wollen. So etwas
geschieht nicht, wenn wir es bewerkstelligen wollen, sondern wenn Gott
entschieden hat, dass es soweit ist. Unsere Aufgabe ist es, ihn zu lieben, sich
für ihn zu öffnen und seinem Wort zu gehorchen. Allem anderen können wir dann
gelassen entgegen gehen.
Liebe Gemeinde, ich will mit einem Gebet von Charles de Foucould schließen. Noch
vor wenigen Jahren faszinierte mich dieses Gebet, aber ich fürchtete mich
geradezu es zu beten – irgendwie hatte ich Angst davor. Aber je länger, je mehr
verliere ich meine Angst, denn das Vertrauen in seine Güte und Treue wächst.
Vielleicht geht es Ihnen ähnlich. Es lautet folgendermaßen:
Mein Vater!
Ich lege mich in Deine Hände. Dir überlasse ich mich ganz und
gar. Tue mit mir, was Dir gefällt. Was immer Du tust, ich danke Dir. Ich bin zu
allem bereit. Ich nehme alles hin. Wenn nur Dein Wille sich an mir erfüllt und
an allen Deinen Geschöpfen! Ich wünsche nichts weiter, mein Gott. Ich lege mein
Leben in Deine Hände. Ich schenke es Dir, mein Gott, mit der ganzen Liebe meines
Herzens. Weil ich Dich liebe und mich danach sehne, mich ganz loszulassen, gebe
ich mich in Deine Hände, ohne Maß und ohne Vorbehalt, mit unendlichem Vertrauen.
Denn Du bist mein Vater!
Amen
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