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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 23. Mai 1999
Der für diese Predigt zugrunde liegende Bibelabschnitt steht
in 1. Mose 11, 1-9
Damals sprachen die Menschen noch eine einzige Sprache,
die allen gemeinsam war. Als sie von Osten weiter zogen fanden sie eine Talebene
im Land Schinar. Dort ließen sie sich nieder und fassten einen Entschluss:
„Wohlauf, wir formen und brennen Ziegelsteine!“ riefen sie einander zu. Die
Ziegel wollten sie als Bausteine benutzen und Teer als Mörtel: „Wohlauf, jetzt
bauen wir uns eine Stadt mit einem Turm, dessen Spitze bis zum Himmel reicht!“
schrieen sie. „Dadurch werden wir uns einen Namen machen. Wir werden nicht über
die ganze Erde zerstreut, weil der Turm unser Mittelpunkt ist und uns
zusammenhält!“ Da kam der Herr vom Himmel herab, um sich die Stadt und das
Bauwerk anzusehen, das sich die Menschen errichteten. Er sagte: „Sie sind ein
einziges Volk mit einer gemeinsamen Sprache. Was sie gerade tun, ist erst der
Anfang, denn durch ihren vereinten Willen wird ihnen von jetzt an jedes Vorhaben
gelingen! Wir werden hinuntersteigen und ihnen ihre Sprache verwirren, damit
keiner mehr den anderen versteht!“ So zerstreute der Herr die Menschen über die
ganze Erde; den Bau der Stadt mussten sie abbrechen. Darum wird die Stadt
Babylon („Verwirrung“) genannt, weil dort der Herr die Sprache der Menschheit
verwirrte und alle über die ganze Erde zerstreute.
Zunächst beginnt die Geschichte sehr erfreulich: Eine Gruppe von Menschen ist
auf der Suche nach neuen Lebensräumen. Dabei kommen sie in die Ebene Schinar.
Dort blüht, wächst und gedeiht die Vegetation, dort ließe es sich gut leben –
doch man konnte sich keine sicheren Behausungen vor Feinden schaffen. Es gab
weder sichere Höhlen, noch Steine, mit deren Hilfe man eine schützende Mauer
bauen könnte.
Aber dann machen die Menschen eine geniale Entdeckung. Sie stellen fest, dass
man aus dem nassen Lehm, harte Steine brennen kann. Und diese Steine eigenen
sich hervorragend, um sich sichere Behausungen zu schaffen.
„Wohlauf, wir formen und brennen Ziegelsteine“. Man spürt den Worten die
Begeisterung über diese Entdeckung ab. Es ist die Begeisterung darüber, einen
Schritt weiter gekommen zu sein. Die Begeisterung darüber, endlich ein großes
Problem gelöst zu haben. Die Begeisterung über neue große Möglichkeiten und
Bequemlichkeiten. Es ist die Begeisterung und die Faszination an der Technik,
die es bis heute gibt. Wohlauf, wir bauen Wasserleitungen, Waschmaschinen,
Kühlschränke und Spülmaschinen, Krankenhäuser, Bauernhöfe, Straßen, Autos,
Fernseher, Schiffe und Flugzeuge.
Nichts ist dagegen einzuwenden. All diese Errungenschaften erleichtern uns das
Leben und machen es angenehm. Diese Freude an der Technik soll nicht madig
gemacht werden. Denn Gott hat uns Menschen Verstand geschenkt, damit wir unsere
Welt bebauen und bewahren. Mit unserem Erfindungsgeist sollen wir Leben
erhalten. Es wäre genauso falsch technischen Fortschritt zu verteufeln, wie wenn
man einem Kleinkind verbieten wollte das Gehen zu lernen.
Doch nun setzt der Mensch seine Errungenschaften für etwas ein, was sehr
bedenklich ist. Hören wir Vers 4.
„Wohlauf, jetzt bauen wir uns eine Stadt mit einem Turm,
dessen Spitze bis zum Himmel reicht. Dadurch werden wir uns einen Namen machen.
Und wir werden nicht über die ganze Erde zerstreut, weil der Turm unser
Mittelpunkt ist und uns zusammenhält.“
Zwei Dinge kann man aus diesem Vers heraus hören:
1. Mit Hilfe der Technik will der Mensch den Himmel erobern.
Er möchte Gott vom Thron stoßen und selbst über alles regieren und bestimmen.
Der Mensch möchte einen großen Namen haben. Ein Name der klingt und alle
erschauern lässt, ein Name, der Bewunderung und Anerkennung hervorruft. Im
innersten wünscht der Mensch: „Mein Name werde geheiligt!“ Und die Technik soll
ihm dabei helfen. So wie Gott sein. Dieser Wunsch steckt dem Menschen im Herzen.
Und in der Tat hat der Mensch schon einiges erreicht: Man sagt: Gott ist
überall. Überall ist der Mensch inzwischen auch. Kraft der Kommunikationstechnik
könnte man uns an jedem Ort der Erde empfangen.
Man sagt: Gott ist der Mächtige. In seiner Hand liegt das Leben der ganzen Erde.
Mächtig ist der Mensch seit der Entdeckung der Atomkraft auch. Er besitzt das
Waffenarsenal, um das Leben auf der ganzen Welt auslöschen zu können. Man sagt:
Gott schenkt uns Nahrung. Doch in der modernen Agrartechnik gibt es keine
Missernten mehr. Man kommt ganz gut ohne Gott zurecht. Man sagt: Gott schenkt
und nimmt Leben. Die Gentechnik macht bald möglich, dass man allein mit einer
Zelle einen identischen Menschen wieder herstellen kann.
Gegen den Einsatz von Technik ist nichts einzuwenden. Doch wenn die Menschen
diese Technik zu ihrem Mittelpunkt machen, sie anbeten, in ihr das Heil suchen
und innerlich und davon abhängig werden, wenn die Technik zu einem Turm wird, um
sich zu verewigen, um sich selbst anzubeten, sich zu bewundern, wenn zum
Beispiel ein Auto mehr wird als ein Fortbewegungsmittel, wenn man plötzlich
meint, ein schönes Auto könnte meinem Namen Ehre einbringen; dann wird Technik
zur Selbstanbetung.
Und ein zweites kann man noch aus diesem Vers heraus hören: Der Mensch sehnt
sich zutiefst nach Frieden und Harmonie. Diese Sehnsucht hat Gott in ihn
eingepflanzt. Doch, wie schwer ist es, dies zu verwirklichen? Denn jeder Mensch
hat seine Eigenheiten seinen eigenen Namen, den er verewigen möchte. Und daher
stammen die Interessenkonflikte. Doch nun soll ein gemeinsames Projekt die
Interessen vereinigen und miteinander verschmelzen. Dieser Turm, diese Stadt
soll den Weltfrieden garantieren. Er soll der neue, selbst geschaffene
Mittelpunkt werden. Dieser Turm soll die Leere und den Unfrieden in der Seele
des Menschen füllen. Wenn dieses Loch gefüllt werden könnte, dann bräuchte der
Menschen keinen Gott mehr. Doch je höher der Turm, je mehr der Mensch meint,
ohne Gott auszukommen, desto größer das seelische Loch und der innere Unfrieden.
Die Entfernung zum Mitmenschen wird immer weiter.
Aber was denkt Gott über den Turmbau? Gott, der weit im Himmel thront, muss sich
erst einmal aufmachen und ganz weit von oben herunterfahren, um zu sehen, was
die winzigen Menschen da überhaupt bauen. Und er will, dass sich die Menschen
nicht ihre eigene Hölle bauen. Denn je größer der Wunsch nach Selbstanbetung,
desto größer die innere Leere. Je stärker der Wunsch nach Einheit und Harmonie,
um so grausamer werden Andersdenkende verfolgt und ausgerottet. Darum schiebt
Gott erst einmal einen Riegel vor die menschliche Selbstanbetung. Er sorgt
dafür, dass sich die Menschen nicht verstehen. Ihre Sprache wird zu verschieden,
als dass sie sich auf einen gemeinsamen Nenner einigen könnten.
Aber da bleibt Gott nicht stehen, dass er die Menschen zappeln lässt in ihrer
Suche nach Einheit und Frieden. Er kommt herunter auf die Erde – nicht auf einen
hohen Turm, ganz normal auf die Erde. Er schickt seinen Sohn auf die Welt. Und
Jesus Christus ist der Mensch, der nicht sich selbst einen Namen machen will.
Sein ganzes Leben ist darauf gerichtet, dass Gottes Name geheiligt werde, dass
Gott unter den Menschen regiere, dass Gottes Wille geschehe.
Und Gott kommt auf die Erde, indem er seine Geist aussendet. Und der Heilige
Geist beginnt nun eine große, herrlich und unsichtbare Stadt zu bauen. Jesus
Christus ist der Grundstein dieser Stadt. Auf ihm gründen alle lebendigen
Steine. Der Heilige Geist geht hinaus in alle Welt und sucht überall lebendige
Steine. Er sucht Menschen wie dich und mich. Keine einheitlichen Lehmziegel
werden verwendet. Nein, jeder Stein ist anders. Jeder Stein kommt an die
passende Stelle. Es kann sein, dass er uns ein paar Ecken und Kanten entfernt,
dass er uns einen ganz neuen Schliff gibt, dass er vielleicht im Feuer des
Leidens das Gold von der Schlacke trennt. Er stellt uns andere Steine zur Seite,
die uns vielleicht manchmal etwas drücken. Gleichzeitig sorgt er dafür, dass die
einzelnen Steine zusammenpassen. Und in dieser von Gott gebauten Stadt wird uns
der Frieden und die Einheit, nach der wir Menschen uns so sehnen geschenkt. Ein
Zeichen des Friedens ist die gemeinsame Sprache, die in der Stadt gesprochen
wird. Eine Sprache, die in allen menschlichen Sprachen verstanden wird:
Die Sprache der
Liebe.
Wir müssen das nicht selbst herstellen, sondern wir müssen
uns nur einbauen lassen. Wir werden auch bis zum Ende der Tage eine Baustelle
bleiben und viel unfertiges sehen. Doch, wenn einmal der Schlussstein eingesetzt
wird, dann wird Gott selbst in der Stadt wohnen und bei uns sein.
Amen.
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