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Predigt von Martin Schuler am 10. Mai 1998 im
Jugendgottesdienst anlässlich Muttertag
Der Predigtabschnitt ist heute ganz kurz, er besteht nur aus
einem Satz aus Jesaja 66,10 und er lautet:
„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet!“
Stell Dir vor:
Du reist mit deiner Klasse ins Ausland. Nach einer Woche
kommst du spät abends hungrig und müde zurück. Die Eltern deiner Schulkameraden
sind alle da und können es kaum erwarten bis ihre Kinder endlich mit ihren
sieben Sachen im Auto sitzen. Alles schwatzt fröhlich durcheinander. Du schaust,
wo deine Eltern sind, aber niemand ist da, keine kleine Schwester, keine Mutter
kein Vater. Einer nach dem anderen fährt nach Hause. Der müde Busfahrer redet
noch ein paar Worte mit dem Lehrer, dann fährt auch der Bus ab. Jetzt bist du
mit dem Lehrer allein. Du versicherst ihm, dass deine Eltern jeden Augenblick
kommen müssten, aber da der Lehrer auch sehr müde ist und nach Hause möchte,
schlägt er vor, dich schnell nach Hause zu fahren.
Es ist dir zwar peinlich, aber es bleibt nichts anderes übrig, als einzusteigen
und ihm den Weg zu zeigen.
Ihr kommt in eurer Straße an – doch euer Haus steht nicht mehr da. An dem Platz
an dem einst euer Haus stand, liegen nur noch ein paar verkohlte Balken und
schwarze Steine herum.
Der Lehrer grinst hämisch und wirft dich aus dem Auto heraus.
Da stehst du nun vor einem Trümmerhaufen. Eine Nachbarin ruft aus einem Fenster,
dass man deine ganze Familie gestern begraben hat. Aber niemand nimmt dich auf.
Du klingelst an einer Tür. Sie geht einen kleinen Spalt weit auf. Man fragt
dich: „Was willst du hier?“ Du: „Ich brauche Hilfe!“ Die Stimme: „Wir wollen
nichts mit Dir zu schaffen haben, nicht, dass der Fluch auch noch auf unser Haus
kommt.“
Und da stehst du nun, einsam und verlassen auf der dunklen und kalten Straße.
Niemand hilft dir. Und es gibt nur noch eins: Du schreist laut und gellend auf.
Da geht das Licht an, eine sanfte Stimme fragt besorgt: „Was ist los?
Deine Mutter sitzt am Bett, streicht dir über den Kopf und beruhigt dich: Es ist
doch alles in Ordnung, du hast doch nur schlecht geträumt. Schlaf ruhig wieder
weiter.
Ein schrecklicher Alptraum – glücklicherweise nur ein Traum.
Doch zur Zeit Jeremias waren solche Art Alpträume an der Tagesordnung der
Wirklichkeit. Das ganze Land lag da wie ein Trümmerhaufen. Die Heere der
Babylonier hatten es verwüstet und große Teile der Bevölkerung nach Babel
verschleppt. Familien wurden auseinander gerissen. Viele Menschen starben an
Hunger und Krankheiten. Jeder hatte vor dem anderen Angst. War er ein Verräter,
der einen an die Babylonier ausliefern könnte, hatte er es nur auf die letzten
Vorräte abgesehen.
Die Lebensgrundlage war zerbrochen.
Doch in diese trostlose Lage hinein schickt Gott einen Propheten, der die
Menschen in ihrer Trostlosigkeit aufrütteln sollte. Und der Prophet sagte im
Namen Gottes: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet!“
Wie tröstet eigentlich eine Mutter?
Eine Mutter tröstet anders als ein Vater. Mein Vater war nicht so gut im
Trösten. Wenn ich mal mit einem Schmerz zu ihm kam, da sagte er nur: „Sei froh,
dass du Schmerzen hast, es gibt Leute, die empfinden das gar nicht und die sind
arm dran.“ Das war natürlich ganz richtig, was mein Vater da sagte, doch
besonders getröstet hatte mich das nicht.
Wie aber nun tröstet eine gute Mutter? Ich möchte drei Punkte ansprechen:
1. Eine Mutter tröstet und vermittelt dem Kind: Du bist nicht alleine auf der
Welt – ich bin für dich da.
In meiner Studienzeit musste ich hin und wieder mal auf das Kind meiner
Vermieter aufpassen. Das ging meistens ganz gut, wenn das Kind schlief. Doch
wenn es aufwachte und nach der Mama fragte, dann hatte ich meine Not. Ich konnte
machen was ich wollte – ich konnte sämtliche Teddys und Puppen tanzen lassen,
das Kind weinte und war nicht zu trösten – Ich konnte Fläschchen und
Schleckereien anbieten – alles brachte nichts. Ich konnte es herumtragen und ihm
signalisieren, dass ich es erlauben würde zu so später Stunde mit ihm zu
spielen, wenn es nur mit dem Geschrei aufhörte – es half alles nichts. Erst,
wenn die Mutter und der Vater zurückkehrten, dann endete sein Weinen und war nun
gerne bereit, zu naschen, sich tragen zu lassen und zu spielen.
Die Mutter gibt dem Kind den Halt, den es in der bedrohlichen und noch fremden
Welt braucht. Sie zeigt ihm, du brauchst keine Angst zu haben, denn ich bin für
dich da.
So auch wollte Gott die Israeliten in ihrer Not trösten. Nichts anderes sollte
sie trösten, er wollte ihnen klar machen: Ihr seid nicht verlassen, ihr habt
doch mich. In Jesaja 49 sagt er:
"Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, daß sie sich
nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich
doch deiner nicht vergessen. Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet!"
Und so möchte Gott auch uns heute ein Trost sein. Unser Vater und unsere Mutter
verlassen uns einmal. Es können auch in unserem Leben Tage kommen, an denen
alles zusammenbricht. Tage, die schlimmer sind als ein Alptraum. Wohl dem, der
dann im Raum des Glaubens erwachen darf, wenn das Licht aufgeht und Gott ihn
tröstet, wie eine Mutter und sagt: Ich bin doch bei dir, hab keine Angst.
2. Eine Mutter tröstet und ermahnt.
Trost brauchen wir ja meistens, wenn uns etwas zustößt. Und
meistens stößt uns darum etwas zu, weil wir Dummheiten gemacht haben. Wenn nun
ein Kind Dummheiten gemacht hat und es läuft mit seiner Not zu seiner Mutter, so
schimpft eine gute Mutter nicht und gibt dem Kind zur Strafe noch zusätzlich
eine Tracht Prügel. Vielmehr erklärt sie dem Kind liebevoll, warum es sich
verletzt hat. Wenn dann das Kind die Ursache seiner Not begriffen hat, dann ist
der Schmerz schon viel leichter zu ertragen.
Solch ermahnenden Trost bekamen damals die Israeliten durch die Propheten von
Gott zu hören. Es waren Eure Sünden, eure Abgötterei, die euch ins Verderben
geführt haben. Ein paar Kapitel zuvor spricht der Prophet:
„Mir hast du Arbeit gemacht mit deinen Sünden und hast mir
Mühe gemacht mit deinen Missetaten. Ich, ich tilge deine Übertretungen und
gedenke deiner Sünden nicht.“
Auch uns wird Gott trösten, wenn wir zu ihm laufen mit unserer Not. Vielleicht
ist es ein wenig unangenehm, wenn uns Gott zurechtweist, und er ganz ehrlich
sagt, was schuld ist an unserer Not – doch heilsam und tröstlich ist dies
allemal.
Gott kann uns dies durch die Bibel klarmachen, vielleicht auch im Gottesdienst
oder durch einen Menschen.
3. Und zuletzt: Eine Mutter tröstet und macht Mut.
Wenn man so richtig niedergeschlagen ist, dann sieht man
überhaupt keinen Ausweg mehr. Am liebsten möchte man tot sein und von allem
nichts mehr hören und sehen. So geht es einem zum Beispiel wenn man mit einem
schlechten Zeugnis in der Schultasche nach Hause schleicht. Manchmal ist es dann
der Vater, der schimpft und erklärt, dass man mit so einem schlechten Zeugnis
sich nirgendwo bewerben könne. Eine Mutter dagegen macht Mut und sagt: In der
nächsten Zeit wird etwas weniger Fernseh geschaut, ich achte mehr darauf, ob die
Hausaufgaben gemacht sind und das nächste Zeugnis wird bestimmt besser.
Auch Gott machte seinem Volk in seiner hoffnungslosen Lage Mut. Der Prophet darf
in einer Vision eine neue Welt sehen, in der es kein Leid mehr gibt. Eine Welt
in der Wolf und Schaf beieinander weiden, der Löwe Stroh frisst und das kleine
Baby am Loch der Schlange ohne Gefahr spielt.
Auch uns will Gott in unserem Leid Mut machen. Wir haben sein Wort, dass diese
Welt, so wie wir sie hier vorfinden nicht endgültig ist. So schön und wunderbar
sie auch geschaffen ist – es erwartet den, der Jesus nachfolgt eine Welt in
unbeschreiblicher Herrlichkeit. Viele Christen haben es erfahren – gerade dann,
wenn sie ganz unten waren – in einer Alptraumsituation, dann hat Gott ihnen
etwas von seiner Herrlichkeit gezeigt.
Ein Dichter schrieb einmal: „In dir ist Freude, in allem
Leide“.
Ja, Gott kann uns trösten, wie einen seine Mutter tröstet.
Wir feiern heute Muttertag, um unserer Mutter gerade auch dafür zu danken, dass
sie unser Trost war und vielleicht auch noch ist.
Lasst uns aber vor allem Gott danken – und nicht nur am Muttertag oder am
Sonntag, sondern jeden Tag, dass er unser Trost ist.
Amen.
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