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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 24. April 1999
Joh 16,16 + 20-23:
Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr
sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen. Wahrlich,
wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich
freuen. Ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt
werden. Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist
gekommen. Wenn sei aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst
um
der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. Und auch ihr habt nun
Traurigkeit; aber ich will euch wieder sehen, und euer Herz soll sich freuen,
und eure Freude soll niemand von euch nehmen.
Liebe Gemeinde,
die Predigt könnte ich heute ganz kurz fassen: Ich könnte
sagen: Hier redet Jesus vor seiner Kreuzigung mit seinen Jüngern und er bereitet
sie auf die kommenden Stunden vor. Nicht mehr lange und er wird sterben. Die
Welt der Jünger wird zusammenstürzen. Verzweiflung, Angst und Trauer wird sie
übermannen. Doch das Weinen wird nicht der Endpunkt sein – ebenfalls nach kurzer
Zeit wird Jesus auferstehen und die Jünger wieder sehen. Das wird sie ein für
allemal froh machen. Punkt – Schluss - Amen.
Allerdings kommen wir, als Christen von heute, in dieser kurzen Predigt nicht
vor. Darum gehe ich im folgenden einmal davon aus, als sei dieser Abschnitt für
uns geschrieben.
Dann heißt der erste Satz:
Es kommen über kurz oder lang Zeiten im Leben eines jeden
Christen, da wird er von dem, was er glaubt, nichts spüren. Da ist Glaube der
Glaube an Jesus nichts anderes als eine leere Hülse oder ein großes
Fragezeichen.
Nun, das nicht so schlimm, wenn Jesus nur Religionsstifter
wäre, der ein paar nette Dinge gesagt hat, die man sich ins Poesiealbum
schreibt. Da könnte man seine Abwesenheit gerade noch verschmerzen. Auf Jesus,
der nur ein Vorbild ist, könnte man zur Not noch verzichten.
Doch, was ist, wenn ich Jesus mein Leben überlassen habe, wenn ich ihm meine
Liebe, meinen Willen, mein Denken, meine Kraft, meinen Leib und Seele, meine
Vergangenheit, meine Zukunft, meine Schuld und Versagen, wenn ich ihm alles
anvertraut habe?
Wenn ich dann Jesus aus dem Gesichtsfeld verliere, wenn ich dann das Gefühl
habe, mein Gebet reicht nicht weiter als bis zur Decke, dann ist dies das
schlimmste, was mir überhaupt widerfahren kann. Denn für den der glaubt, ist
Jesus die Quelle des Lebens. Ohne Jesus verschmachte ich vor Lebensdurst. Jesus
ist Licht, Orientierung. Ohne Jesus tapse ich wie im Dunkeln, verirre mich,
verletze mich, verliere mich im Wirrwarr unserer Zeit. Jesus ist mein Hirte und
meine Hilfe in Gefahr. Ohne Jesus können mich die zahlreichen hungrigen
Zeitgeistwölfe und Medientiger gierig zerfleischen und meine Zeit verschlingen.
Jesus ist die Vergebung. Zu ihm kann ich mit meinen Abgründen, mit meinem
Versagen, mit meiner Schuld kommen. Ich kann mich heilen und reinigen lassen.
Doch ohne Jesus bleibe ich schmutzig und befleckt, vor meinem Gewissen ein nach
Verwesung stinkender Madensack.
Jesus ist für den Jünger die Tür zum himmlischen Vaterhaus – ohne ihn, bin ich
wie ein obdachloser, heimatloser Flüchtling, dem verhungern nahe in einem
riesigen, gleichgültigen Universum.
Wenn Jesus mein Herr und mein Gott ist, dann ist das Verschwinden Jesus die
schlimmste Katastrophe. Dann bin ich so allein und verlassen, wie ein Kind, das
in dem Gewühl eines Kaufhauses seine Mutter verloren hat.
Jesus vergleicht diese Verlassenheit mit der Not einer Frau, die ein Kind
gebiert. Wir haben heute glücklicherweise viele Möglichkeiten, den Verlauf einer
Geburt zu steuern. Doch früher war eine Geburt lebensgefährlich. Mehr oder
weniger war die Frau völlig auf sich allein gestellt und dem Verlauf der Geburt
hilflos ausgeliefert. Niemand konnte ihr die Schmerzen lindern oder betäuben,
niemand konnte die Wehen verstärken, wenn sie nicht stark genug waren. Niemand
konnte einen Kaiserschnitt vornehmen, um Mutter und Kind in Gefahr zu retten.
Während einer Geburt schwebte jede Frau in Lebensgefahr. Kein Wunder, dass sie
Todesangst hatte.
Und doch mutet Gott seinen Leuten solche Zeiten einer schweren Geburt zu. Eine
Zeit, da ich keinen Ausweg mehr sehe, vielleicht eine familiäre Krise: Kinder
geraten auf die schiefe Bahn oder der Partner geht fremde Wege. Vielleicht eine
berufliche Krise: Dass die Kollegen das Leben zur Hölle machen oder gar eine
Kündigung ansteht. Vielleicht ist es auch eine gesundheitliche Krise: Der Arzt
bescheinigt eine schlimme unheilbare Krankheit. Diese Krisen, die dann die
Vorhut der Glaubenskrise sind. Diese Krisen können, was mir zuvor wichtig war,
fragwürdig machen. Sie können in nagende Zweifel stürzen und eine innere Leere
zerstört alle Freude und Dankbarkeit. Die Geschäftigkeit der Welt um mich herum
verstärkt dann noch meine Anfechtung.
Es kann auch sein, dass meine Sterbestunde, diese Frist ist, in der ich mir
völlig verlassen vorkomme, aber die Welt um mich herum fröhlich ihrem
Alltagstrott nachgeht.
Ich wünschte, Gott würde uns diese „kleine Weile“ ersparen. Ich fürchte mich
davor. Stellen sie sich vor, ich als Pfarrer würde hier stehen, predige von der
frohen Botschaft, aber Jesus wäre für mich gestorben. Menschlich gesehen könnte
das die ganze Gemeinde aus dem Gleichgewicht bringen. Und mancher
Verantwortliche, würde mit dem Gedanken spielen, mich aus der Gemeinde
auszuschließen.
Vielleicht scheuen viele Menschen sich deswegen davor, ihr Leben Jesus
anzuvertrauen, weil sie unterbewusst Angst vor dieser dunklen Stunde haben.
Dennoch sollten wir uns vor der Stunde, in der vielleicht auch wir rufen: „Mein
Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ nicht ganz entmutigen lassen.
Denn drei Dinge hat Jesus noch dazu zu sagen.
1. Der Gang durch das Tal der Todesschatten dauert nur eine kleine Zeit. Es
steht im Verhältnis zur Ewigkeit, die uns erwartet nur einen winzigen
Augenblick. Es geht vorbei, es ist kein Schrecken ohne Ende. Daran wollen wir in
solchen Stunden festhalten.
2. Diese dunkle Zeit wird verwandelt werden in helle Freude.
So wie bei einer Geburt. Nach der Geburt unserer Kinder durchströmte mich beides
eine riesige Freude. Eine Freude, die alle anderen Geburtshelfer mit ansteckte.
Eine Mutter sagte einmal zu mir: Ich war die glücklichste Frau der Welt, als ich
mein Kind nach der Geburt in meinen Armen hielt. Das Glück, das Jesus uns
verheißt, muss nicht der schweren Verantwortung weichen, die Eltern eines
Neugeborenen zu tragen haben. Nach einer Geburt stellt sich bekanntlich auch
eine Depression ein. Nein, die Zeit der Angst und Traurigkeit wird ein für
allemal vorbei sein. Ein Glück, das nie zerbrechen wird, niemand wird diese
Freude nehmen.
3. Jesus verspricht: Ich will euch wieder sehen. Nicht wir, müssen ihn in
unserer Dunkelheit suchen, sondern er wird uns darin begegnen und unsere
Dunkelheit in Licht verwandeln. Und wir da werden ihn erkennen. Vielleicht wird
es für uns so sein, wie für das Kind, das im Gewühl des Kaufhauses von seiner
Mutter wieder gefunden wird. Oder, wie das freudige Wiedertreffen zweier
Menschen, die sich innig lieben. Ich glaube, Vergleiche können diese Freude nur
schmälern. Bleiben wir bei dem, wie es der Evangelist geschrieben hat: Und euer
Herz soll sich freuen und eure Freude soll niemand von euch nehmen.
Oder wie es der Psalm sagt: Wenn der Herr uns erlösen wird, so werden wir sein
wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll
Rühmens sein.
Amen.
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