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Suchtkrankheit und christlicher Glaube                                    

   

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 26. März 2000

Gottesdienst zum Thema Suchtkrankheit

Liebe Gemeinde

Wenn ein Experte Euch jetzt erklären müsste, wie ein Computer funktioniert und aufgebaut ist, dann wäre das ein aussichtsloses Unterfangen, denn ein Computer ist so kompliziert, dass man studieren muss, um seine Technik verstehen und anwenden zu können. Aber in einer verhältnismäßig kurzen Zeit, könnte man ein paar nützliche Tipps geben, damit man ein wenig mit solch einem komplizierten Gerät umgehen kann.

Ähnlich verhält es sich mit dem Thema für heute: Suchtkrankheit und christlicher Glaube. Dieses Thema ist so vielschichtig und verzwickt, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen, wo man aufhören soll. Und dennoch kann man auch hier, wenn auch stark vereinfacht, einige nützliche Gedanken weitergeben.

Stürzen wir uns hinein und beginnen mit dem Predigtabschnitt aus Mk 5,1-12:

Und sie kamen an das andere Seeufer in das Gebiet der Gerasener. Und gleich als Jesus aus dem Boot stieg, kam ihm aus den Gräbern heraus ein Mann entgegen, der von einem unreinen Geist besessen war. Der hauste in Grabhöhlen und nicht einmal mit Ketten hatte man ihn bisher zu binden vermocht. Zwar hatte man ihn schon oft an Händen und Füßen angekettet, aber jedes Mal hatte er die Handschellen zerrissen und die Fußfesseln durchgescheuert; niemand war stark genug, ihn zu bändigen. Ständig, nachts und tags trieb er sich schreiend in den Grabhöhlen und Bergöden herum und schlug sich selbst mit Steinbrocken wund.

Was hat dieser Bibelabschnitt mit dem Thema: Suchtkrankheit und christlicher Glaube zu tun?

Nun – die trostlose Lage, in der sich der arme Mann hier befindet, gleicht dem Teufelskreis eines Suchtkranken. Es ist hier nicht die Rede davon, wie dieser Mann in seine schreckliche Lage gekommen ist. Das spielt praktisch keine Rolle mehr, seit er die Kontrolle über sich selbst verloren hat. Der Mann wurde wohl von einer Macht ergriffen, - vielleicht hat er sich auch auf sie eingelassen – die stärker war als er und nun hat sie ihn im Griff.

Ähnlich ist es mit einer Suchtkrankheit. Es gibt sehr viele Möglichkeiten, wie man da hineinschlittern kann, durch schlechte Freunde, bei Trinkgelagen mitzumachen, in einer Notlage sucht man Trost in dem Suchtmittel, man lehnt sich mit Hilfe des Suchtmittels trotzig gegen die Eltern oder andere Autoritäten auf. Tatsache ist, wenn man einmal die Kontrolle über sich selbst verloren hat, dann befindet man sich in einem schlimmen Teufelskreis und in gewisser Weise ergeht es einem Suchtkranken, wie dem besessenen Gerasener.

Auf vier Ähnlichkeiten möchte ich hinweisen.

1. Der Mann hauste in Grabhöhlen

Normalerweise sehnt sich ein Mensch danach, ein gemütliches und wohnliches Zuhause zu haben. Er möchte sich wohl und heimisch fühlen können. Einen Ort haben, in dem er geschützt ist. Ein kleines Nest, ein Revier. Und oft sagt ein Zimmer oder eine Wohnung viel über die Verfassung des Bewohners aus. Einen Jugendlichen zum Beispiel stört es überhaupt nicht, wenn sein Zimmer nicht aufgeräumt ist. Wenn die Turnschuhe, alte Coladosen, Schulhefte, ein paar CDs, eine Jugendzeitschrift auf dem Fußboden verstreut liegen. Gleichzeitig entspricht das seiner Gefühlslage. In der Umbruchzeit zwischen Kindheit und Erwachsenwerden, gerät eine Welt aus den Fugen. Wie kann man es ihm dann übel nehmen, wenn in dieser Zeit sein Zimmer unordentlich ist. Es spiegelt seine innere Verfassung wieder. Wie mag es wohl in dem Mann ausgesehen haben, der in Grabhöhlen hauste? Dort, wo es nach Verwesung und Tod stank, dort wo es kalt und ungemütlich ist, dort wo die Angst und die Einsamkeit zuhause ist.

Ähnliches geschieht mit einem Suchtkranken. Vielleicht kann er noch lange Zeit sein äußeres Umfeld in Ordnung halten. Doch von Zeit zu Zeit gerät er mehr und mehr in Isolation. Teils, weil die Leute nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen, teils, weil er nichts mehr von ihnen wissen möchte, teils, weil er dort ungehindert seine Sucht ausleben kann.

2. Nicht einmal mit Ketten hatte man ihn bisher zu binden vermocht.

Zwar hatte man ihn schon oft an Händen und Füßen angekettet, aber jedes Mal hatte er die Handschellen zerrissen und die Fußfesseln durchgescheuert; niemand war stark genug, ihn zu bändigen.

Ähnliches könnten uns Angehörige von Suchtkranken erzählen. Sie versuchen es mit guten Worten, dann schimpfen und drohen sie, sie beschlagnahmen die Flaschen, drehen den Geldhahn zu, aber nichts gelingt. Die Suchtkranken sind nicht zu bändigen. Immer wieder finden sie Mittel und Wege neue Nester mit Suchtproviant anzulegen, immer wieder reißen sie aus und stürzen in ihre Sucht. Auf lange Frist kommt man ihnen mit äußerer Gewalt nicht bei.

3. Ständig, nachts und tags trieb er sich schreiend in den Grabhöhlen und Bergöden herum.

Der Kranke findet keine Ruhe. Weder nachts noch tags. Er besteigt einen Berg, sucht dort Ruhe und Glück. Doch die Berghöhen sind öde, er rast wieder nach unten, zurück in die Finsternis seiner Grabhöhle.

Ähnliches erleben Suchtkranke. Weder nachts noch tags lässt die Sucht ihnen Ruhe. Legen sie sich hin, überkommt sie das Verlangen. Die Sucht treibt sie mit Hilfe des Suchtmittels auf die Höhen eines Rausches. Doch der Rausch führt nicht zu dem Ziel, das man erklimmen wollte. Er führt auf eine öde und wüste Anhöhe. Kaum oben angekommen stürzt der Suchtkranke hinab in die Dunkelheit eines quälenden Katzenjammers.

4. Und er schlug sich selbst mit Steinbrocken wund.

Der Kranke ist stark und gefährlich anderen gegenüber. Aber am meisten schadet er sich selbst. Er macht sich kaputt.

Ähnlich ein Suchtkranker. Es ist nicht nur das Suchtmittel, das ihn zerstört, das seine Gesundheit ruiniert. Es ist sein Gewissen, das ihn quält. Es sagt ihm: „Du wolltest doch aufhören, hast doch gesagt nie mehr und doch hast du wieder zur Flasche gegriffen. Weißt Du, was du bist, du bist zu nichts zu gebrauchen. Du bist ein Versager, du bist schuldig.“

Wahrscheinlich hätte es nicht mehr lange gedauert und der Kranke, hätte sich durch seine Lebensweise vollends zugrunde gerichtet. Doch da kommt einer in seine kranke Welt, in sein Elend, da kommt einer der stärker ist als die Dämonen, die ihn ruinieren. Es kommt Jesus Christus.

Kaum hätte der Kranke wohl die Kraft gehabt, sich auf den Weg zu Jesus zu machen. Dafür aber kommt Jesus zu ihm.

Ich lese weiter:

Als er nun Jesus von weitem sah, rannte er herzu, warf sich ihm zu Füßen und brüllte: „Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesus, du Sohn Gottes des Höchsten? Ich beschwöre dich bei Gott: Quäle mich nicht!“ – Jesus hatte ihm nämlich gesagt: „Fahre aus diesem Menschen heraus, du unreiner Geist!“ – Und er fragte ihn: „Was ist dein Name?“ Er antwortete: „Legion heiße ich, denn wir sind viele.“ Und er bat ihn vielmals, er möge sie nicht aus dem Lande fortjagen. Nun war dort am Berghang eine große Schweineherde auf der Weide. So baten sie ihn: „Schicke uns unter die Schweine, dass wir in sie hineinfahren!“ Er erlaubte es ihnen. Da fuhren die unreinen Geister heraus und hinein in die Schweineherde, und die Herde stürmte den Steilhang hinab in den See, zweitausend an der Zahl, und sie ersoffen darin. Da flohen die Hirten und meldeten es in der Stadt und in den Höfen. Und die Leute eilten hinaus zu sehen, was da geschehen war. Und sie kamen zu Jesus; und als sie den Besessenen bei ihm sitzen sahen, bekleidet und vernünftig - überkam sie ein großer Schrecken.

Der Kranke ist hin- und hergerissen. Er fühlt sich hingezogen zu Jesus, läuft ihm entgegen, fällt vor ihm nieder und gleichzeitig schreit er ihn an, was hab ich mit dir zu schaffen: „Quäle mich nicht!“

Man kann gar nicht so richtig erkennen, wer hier denn spricht: Ist es der Dämon, oder ist es der Mensch. Die Persönlichkeit des Kranken scheint sich mit dem Dämonen verschmolzen zu haben.

Ein Suchtkranker wünscht sich nichts lieber, als endlich von seiner Sucht befreit zu sein und gleichzeitig fürchtet er den Gedanken ohne Suchtmittel leben zu müssen. Aber davon lässt sich Jesus nicht beeindrucken und fragt nach dem Namen. Bei Jesus muss der Dämon antworten: „Ich heiße Legion, denn meiner sind viele.“

Nebenbei bemerkt – eine Sucht ist auch Legion. Es ist eine Zusammenballung an zerstörerischen Mächten, die sich hinter ihr verbergen. Mit ihr sind verbunden Geister des Lügens, des Betrügens, des Vertuschens, des Streites, des Hassens, des Tobens, des Verwöhnens, des Vernachlässigens, des Zerstreuens.

Doch ist der Geist beim Namen genannt, beginnt für den Kranken die Heilung.

Auch bei Suchtkranken kann Heilung von da ab beginnen, wenn sie ihre Krankheit auf den Punkt bringen. Wenn sie sagen: Ja, ich bin Alkoholiker, ja ich kann mir nicht helfen. Ja, ich bin am Ende.

Jesus befreit den Besessenen durch ein Wunder. Mit einem Befehl ist der Kranke befreit und an dem was folgt kann man sehen, was mit dem Kranken passiert wäre, wenn Jesus nicht eingegriffen hätte. Er, ein wertvoller Mensch, ein Ebenbild Gottes wäre zur Sau gemacht worden und die Dämonen hätten ihn erbarmungslos zu Tode geritten. Gott sei Dank, dass Jesus den Kranken befreit hat.

Bis heute kann Jesus auch von solchen Zwängen wie Sucht befreien. Vielleicht nicht so offensichtlich, wie damals, vielleicht eher durch eine Therapie. Aber Heilung ist möglich.

Die Zeit vor Ostern ist Fastenzeit. Diese Zeit sollte eine Zeit sein, in der wir uns prüfen und fragen: Bin ich frei von Zwängen oder bin ich an Suchtmittel gebunden. Kann ich auf etwas verzichten, oder ist es mir zur Sucht geworden. Eine Zeit, in der ich vor dem Angesicht Jesu meine Abhängigkeit beim Namen nenne, damit er beginnen kann mich zu befreien. Fastenzeit heißt, ich verzichte bewusst auf etwas, damit nichts anderes mich binden darf, als Jesus.

Jesus hat diese gewaltigen Geister mühelos verjagt. Und er ist mit unserer Schuld fertig geworden – denn meist ist es die Schuld, die diesen Dämonen ihre Macht verleihen und Nahrung geben. Er hat unsere Schuld selbst ans Kreuz getragen. Und darum können wir ihm alles ausliefern, was uns bindet, krankmacht und zerstört. Er wird damit fertig. Denn Jesus macht uns frei.

Amen.

 

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Stand: 04. Juni 2010