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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 24. Juni 2000
Kennt ihr Stresstage? Tage, da wollen fünf Leute gleichzeitig
etwas von Dir, für die Schule sollte man noch ein Buch lesen und zwei Abfragen
vorbereiten, die Hausaufgaben machen und Papa besteht darauf, dass man unbedingt
noch den Rasen mäht oder das Auto wäscht und die Lieblingsserie im Fernsehen
will man auch nicht verpassen. Und auch in der Gemeinde gibt es wieder einige
Sonderaktionen, die deine Zeit in Anspruch nehmen. Das Telefon klingelt alle
fünf Minuten und meistens kommt man vor halb eins in der Nacht nicht ins Bett.
Tage bei denen ihr sagt: „Ich bin urlaubsreif.“
Von einem solchen „Stress-Tag“ ist die Rede in Markus 6, 31. Ich lese:
„Und die Apostel kamen zu Jesus zusammen und erzählten ihm alles, was sie
getan und gelehrt hatten. Und er sprach zu ihnen: „Geht ihr allein an eine
einsame Stätte und ruht ein wenig. Denn sie hatten nicht Zeit genug zum Essen.“
Die Jünger waren hier so gestresst, dass sie nicht einmal mehr Zeit zum Essen
fanden.
Bevor, ich aber darüber rede, wie Jesus mit solchem Stress umgeht, möchte ich
betonen, dass Stress in diesem Fall noch gesunder Stress ist.
Inwiefern? Jesus zog mit seinen Schülern durch unterschiedliche Ortschaften,
unterrichtete sie und zeigte immer anschaulich und lebensnah, was sie sich unter
seinen Worten vorzustellen hatten. Dann, als sie genug gelernt hatten, gab er
seinen Schülern eine Aufgabe und schickte sie los. Er sagte: Macht es wie ich!
Geht in die Dörfer, predigt, betet, dass böse Mächte verschwinden, heilt. Er gab
ihnen die Vollmacht, das zu tun, was er auch tat. Und siehe da, die Jünger, die
jeweils zu zweit in die Dörfer gingen, haben ähnlichen Erfolg wie Jesus: Die
Menschen hören ihnen begeistert zu, böse Mächte müssen auf ihr Wort hin
verstummen und verschwinden und Krankheiten werden geheilt. Das ist gesunder
Stress. Salz der Erde zu sein, seine kleine Kraft in Gottes Dienst zu stellen
und vor allem tut es gut, wenn man auch ein Ergebnis sieht.
Da nehmen die Jünger gerne in Kauf, dass sie kaum mehr Zeit haben zum Essen.
Und an dieser Stelle möchte ich erst einmal unterstreichen: Stress sowie
ausgefüllte Arbeit tut einem Menschen gut. Das braucht er, er ist so angelegt.
Ein Mensch braucht Bewegung, Abwechslung, er muss geistig, körperlich und
seelisch beansprucht werden, sonst wird er krank.
In den Sprüchen heißt es mit mahnender Stimme: „Geh hin zur Ameise, du Fauler,
sieh an ihr Tun und lerne von ihr.“
Wie die Ameisen sollen wir emsig sein. Habt ihr mal Ameisen
beobachtet. Unermüdlich suchen sie Futter, türmen ihren Bau höher, keine Last
scheint ihnen zu schwer, bissig verteidigen sie ihre Larven. Ja, selbst, wenn es
dunkel wird sind sie noch tätig und schon in aller Frühe krabbeln sie bereits
schon wieder herum.
Gott will uns nicht verhätscheln und bedienen lassen, wie die Babys. Gott
fordert uns heraus. Er schickt uns in unsere Aufgaben hinein, die er für uns
vorgesehen hat.
Man kann hingegen immer wieder feststellen, dass ein Mensch verkümmert, wenn er
nicht gefördert wird.
Nehmen wir den Fall Altersheim. Eigentlich könnte man ja meinen: Das Altersheim
ist das Paradies. Dort braucht man sich um nichts zu kümmern. Man wird morgens
gewaschen, bekommt regelmäßig zu essen, das Zimmer wird aufgeräumt und geputzt.
Die Senioren können den ganzen Tag fernsehen, spazieren gehen, lesen, Karten
spielen, schlafen, und alles das tun, was einem Spaß macht. Und dennoch stellt
man immer wieder fest, dass Menschen dort viel schneller als Zuhause, wirr
werden. Denn im Altersheim haben sie keine Aufgabe mehr.
Insofern möchte ich Euch ermutigen, Eure Aufgaben zu bejahen und beherzt
anzupacken. Gott mutet jedem von uns eine gesunde Portion Arbeit, gesunden
Stress zu.
Aber neben dem gesunden Stress gibt es auch den kranken Stress. Dieser Stress
macht uns krank, weil wir vor lauter Arbeit, vor lauter Bäumen den Wald nicht
mehr sehen. Es ist der Stress, der kommt, wenn wir zwischen tausenden von
Möglichkeiten täglich wählen können und wir sie alle in Anspruch nehmen wollen.
Auch frommer Stress. Der Stress der Jünger drohte auch in Krankhaften
umzukippen. Die Jünger hatten durch ihre Vollmacht plötzlich wahnsinnig viel zu
tun. Tausend Möglichkeiten, am liebsten wollten sie die ganze Welt sofort in
Gottes Reich holen. Doch da blieb ihnen kaum mehr Zeit zum Essen.
Und mit solchem krankmachenden Stress ist unsere Zeit belastet. Allein schon
durch die Technik bedingt.
Ist Euch schon einmal bewusst geworden, wie viel mehr Möglichkeiten wir haben,
uns zu beschäftigen, im Gegensatz zu den Menschen, die noch vor 100 Jahren
lebten? Mit dem Auto können wir spielend unseren Handlungskreis auf 100
Kilometer ausdehnen. Wir kommen überall hin, wo im Umkreis von 100 Km etwas
angeboten wird. Wo können wir heute nicht überall einkaufen? In großen
Supermärkten und kleinen Boutiquen. Kein Problem, mit dem Auto kommen wir
schnell hin.
Doch früher konnte man nur das kaufen, was es in dem Tante Emmaladen um die Ecke
gab, und was die nicht hatte, das gab es einfach nicht. Mit dem Ergebnis. Man
hatte viel mehr Zeit. Weil man nur die eine Möglichkeit hatte. Die Mobilität von
heute schluckt sehr viel Zeit.
Ein anderes Beispiel: Heute kann man durch unsere moderne Kommunikationstechnik
mit einer große Anzahl von Leuten sprechen. Ich kann mit meinen Eltern, die 400
Km entfernt wohnen sprechen – ich kann von meinem Arbeitsplatz aus, praktisch
auch mit der ganzen Gemeinde sprechen.
Nur, dass diese Gespräche Zeit kosten.
Unsere Technik erlaubt es uns, unglaublich viel zu tun und uns rund um die Uhr
zu bewegen, dass selbst Ameisen alt dagegen aussehen. Aber je mehr Möglichkeiten
wir haben, um so größer wird die Gefahr, dass wir uns verzetteln.
Es kann sein, dass wir aktiv und betriebsam sind. Dazu zähle ich auch fromme
Betriebsamkeit. Aber dass wir letzten Endes gar nichts schaffen, weil wir uns
von der Aufgabenmenge überwältigen ließen. Ich komme mir, wenn ich abends den
Tag überschlage, vor wie jener Bauer, der zu seiner Frau am Morgen sagte:
„Heute, will ich unser Feld pflügen.“ Und er fing also rechtzeitig damit an, den
Traktor zu schmieren. Weil das Öl aber nicht reichte, ging er zum Kaufmann, um
welches zu besorgen. Unterwegs fiel ihm ein, dass die Schweine nicht gefüttert
waren. Er ging zum Maisspeicher, wo er ein paar Säcke fand. Das erinnerte ihn
daran, dass die Kartoffeln zu keimen anfingen. Er machte sich also auf den Weg
zu Kartoffelmiete. Als er am Holzstoß vorbeikam, erinnerte er sich, dass seine
Frau Holz haben wollte. Als er ein paar Scheite aufsammelte, kam ein krankes
Huhn vorbei. Er ließ das Holz wieder fallen und ergriff das Huhn. Als es Abend
war, stand der Traktor immer noch im Hof.
So komme ich mir manchmal vor. Ich war den ganzen Tag über aktiv und doch habe
ich nichts auf die Reihe gebracht. Das macht traurig und verdrossen. Das
frustriert. Das ist kranker Stress, weil er innerlich leer macht und einen nicht
erfüllt.
Was aber muss ich tun, damit mein Stress gesund bleibt? Das Zauberwort heißt
Ruhe. Ja Ruhe! Darauf weist Jesus seine Schüler hin. Er nimmt seine Jünger
beiseite, an einen einsamen und öden Ort – also dorthin, wo keine Möglichkeiten
und Eindrücke sie ablenken können und befiehlt ihnen: „Ruht ein wenig.“.
Und in der Ruhe geschieht etwas wichtiges – man besinnt sich auf den Willen
Gottes. Man besinnt sich auf das, was eigentlich wichtig ist.
Jesus hat uns das vorgelebt. Überlegt einmal, wie viel auf Jesus den ganzen Tag
eingestürmt ist. Hunderte von Menschen suchten täglich bei ihm Rat und Hilfe.
Sie wollten mehr über Gott erfahren. Inmitten all dessen bewahrte Jesus jedoch
das Gefühl für Ruhe und für das Ziel seines Lebens. Darauf schritt er beharrlich
zu. Am Ende seines Wirkens konnte er im Gebet zu seinem Vater sagen: „Ich
habe vollendet das Werk, das du mir gegeben hast, dass ich es tun sollte.“
Das Geheimnis seines Lebens zeigt sich z.B. in folgendem
Vers: „Und des Morgens vor Tage stand er auf und ging hinaus. Und Jesus ging
in eine einsame Stätte und betete dort.“
Jesus war eng mit Gott Vater verbunden, und diese
Abhängigkeit von ihm fand ihren Ausdruck im täglichen Gebet in der täglichen
Ruhe. Mit Sicherheit klärte sich so in der Einsamkeit, was Gottes Wille für den
jeweiligen Tag war. Jesus konnte zielbewusst durchs Leben gehen, weil er sich
auf den Willen des Vaters konzentrierte.
Inmitten all der Dinge, die hätten getan werden können, tat Jesus das, was getan
werden musste. Und deswegen konnte er seine Aufgabe erfüllen.
Als Christen sollten wir möglichst jeden Tag uns etwas Stille und Ruhe gönnen.
Ein Ausrichten auf Gott hin. Doch ich möchte euch noch für eine längere Stille
Zeit Mut machen.
Für viele von euch beginnen bald Ferien. Da habt ihr etwas Zeit. Ihr werdet
nicht so von Verpflichtungen aufgefressen und mit Terminen zugepflastert. Da
möchte ich Euch Mut machen, Euch Zeit zu nehmen, für ein paar Stunden an eine
einsame Stätte zu gehen. Irgendwohin, wo euch kein Telefon verfolgen kann, wo
euch keine Zeitschriften, kein Radio, kein Fernseher ablenken können, dort, wo
es ganz still ist. Wenn ihr keinen Ort wisst, wo ihr dies findet, könnt ihr mich
nachher fragen – ich weiß eine gute Adresse.
Und dort nehmt euch einmal Zeit für Gott. Lobt Gott zuerst einmal gründlich, was
er alles in der letzten Zeit Gutes getan hat. Das reinigt das Herz und macht es
frei.
Dann nehmt ein Blatt zur Hand und schreibt einfach mal Eure Wünsche, Träume,
Visionen und Vorstellungen auf. Schreibt ehrlich auf, was ihr gerne wollt.
Und in einem weiteren Schritt könnt ihr Gott fragen, was er von euch will, und
wie ihr das ein oder andere anpacken wollt. Bittet um ein hörendes Herz.
Wenn ihr euch dann bewusst geworden seid, was ihr wirklich wollt, dann könnt ihr
zielstrebig auf das zugehen und Nebensächliches einfach weglassen. Dann werdet
ihr, wie Jesus, das tun, was getan werden muss und das bleiben lassen, was getan
werden kann.
Ich möchte schließen mit einem weiteren Satz aus den Sprichwörtern: Befiehl
dem Herrn deine Werke, dann werden deine Pläne gelingen.
Euer Leben bekommt dann eine ganz neue Tragweite und mehr Tiefgang. Es ist nicht
mehr so dahingelebt. Es wird ein Leben, in dem Pläne auch ausgeführt werden und
gelingen.
Darum gönnt und achtet darauf, dass ihr Ruhe und Stille haltet.
Amen
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