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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 4. August 2002
Der vorgesehene Predigtabschnitt für heute steht in 2. Könige
25,8-12:
Im 19. Regierungsjahr König Nebukadnezars von Babylonien, am 7. Tag des 5.
Monats, traf Nebusaradan in Jerusalem ein. Er war der Oberbefehlshaber der
königlichen Leibwache und kam im Auftrag Nebukadnezars. Er ließ den Tempel
des Herrn, den Königspalast und alle großen Häuser in Flammen aufgehen.
Seine Soldaten rissen die Stadtmauer nieder. Nebusaradan ließ alle gefangen
nehmen, die in Jerusalem zurückgeblieben waren. Auch alle, die zu den
Babyloniern übergelaufen waren, führte er in die Verbannung. Nur einige der
ärmsten Landarbeiter ließ er zurück, um die Äcker und Weinberge zu bestellen.
Liebe Gemeinde
Damit könnte man sagen ist Gott mit seinem Volk am Ende. Er
hat Schluss mit ihm gemacht und abgerechnet. Er übergab sein Volk den
Babyloniern und beschützte es nicht.
Der Tempel – das Haus des Herrn – dort, wo man ihn anrufen konnte wurde
zerstört. Kein Ort mehr, um ihn anzubeten, um ihn anzurufen in Not.
Die Stadtmauer Jerusalems– der Schutz vor räuberischen Horden und streifenden
Kleinarmeen – wird abgebrochen. Die Häuser – der Ort worin man als Familie einen
Herd hatte und wachsen und Familie sein konnte – verbrannt. Die führende Schicht
der Bevölkerung in ein fremdes Land verschleppt. Es ist keiner mehr da, der die
Fähigkeit hat, einen funktionierende Gesellschaft aufzubauen.
Voran gingen – das steht hier nicht mehr in unserem Bibelabschnitt eine
anderthalb jährige grausame Belagerung mit einer schrecklichen
Hungerkatastrophe. Die Erstürmung Jerusalems und die Plünderung mit seinen
Schrecken. Die Söhne des Königs wurden vor den Augen ihres Vaters getötet und
der König selbst geblendet. Der Tod seiner Söhne, war das letzte, was seine
Augen sahen.
Liebe Gemeinde – ein schreckliches Schicksal für ein Volk.
Ich denke, dass sich die älteren unter uns mit Grauen an ähnliche Erlebnisse des
letzten Krieges zurückerinnern.
Die Bibel sagt nun nicht, dass das Zufall war, sondern sie sagt: Das ist das
Ergebnis einer langer Missachtung der Ehre und der Gebote Gottes. Das Volk
Israel hat so lange ihren Gott geärgert, bis er seinem Zorn in Form des Heeres
von Nebukadnezar freien Lauf ließ.
So hatte man – obwohl der Gott Israels das ausdrücklich verboten hatte - andere
Götter angebetet, man hatte Göttern anderer Länder gehuldigt, ihnen Opfer
dargebracht und Altäre gebaut. Man hatte Rat gesucht bei irgendwelchen
Geisterbeschwörern und dunklen Mächten. Man kümmerte sich nicht mehr um den
Gott, der sein Volk aus Ägypten durch die Wüste geführt hatte und der es unter
David zu großem Glanz gebracht hatte und vergaß all das, was er großes getan
hatte. Das machte Gott zornig.
Dann hatte man gerade in Verbindung mit der Abgötterei – die fremden Götter
waren meist irgendwelche Fruchtbarkeitsgötter viel Unzucht getrieben. Man nahm
den Bund der Ehe nicht mehr ernst, ging fremd, besuchte in Hurenhäuser, die
meist bei den Tempeln der fremden Gottheit ansässig waren, verstieß die Frau,
der man den Bund fürs Leben geschlossen hatte. So etwas macht Gott furchtbar
wütend.
Schließlich nahm das Unrecht im Land überhand. Verträge wurden einfach
gebrochen, Betrüger blieben auf freiem Fuß, während anständige Bauern versklavt
wurden. Die Reichen wurden immer reicher und die Armen immer ärmer. Man kümmerte
sich nicht um die alten Besitzrechte, die von Gott garantiert waren.
Und dieses raffen nach immer mehr, dieses Gieren machte Gott zornig.
Liebe Gemeinde, Gott empfindet wie wir Menschen Zorn. – die ganze Bibel ist voll
mit Belegen, dass Gott zornig werden kann. Er wird zornig, wenn man ihn, obwohl
man ihm Treue versprochen hat, einfach vergisst. Er wird wütend, wenn Unrecht
geschieht. Das ist so!
Doch Gott explodiert nicht aus heiterem Himmel. Es heißt oft: Der HERR ist
langsam zum Zorn. D.h. von dem Zeitpunkt an dem er wütend wird, bis zum
Zeitpunkt da sein Strafgericht hereinbricht ist ein langer, langer Weg. Es ist
nicht so, dass Gott sofort jede kleine Sünde bestraft. Es verhält sich vielmehr
wie bei Saat und Ernte. Sät man Böses, so verschwindet das Böse erst einmal im
Boden. Aber dann geht nach und nach die Saat des Bösen auf und kommt wieder als
Strafe auf den Menschen zurück.
Gott ist langsam zum Zorn, das heißt auch, dass er in der Regel viele Boten
schickt, um die Menschen zu warnen und um sie aufzufordern umzukehren. Auch
damals hatte er durch den Propheten Jeremia die Bevölkerung eindringlich gewarnt
und ihnen konkrete Vorschläge gemacht, wie sie dem Strafgericht einigermaßen
ungeschoren entkommen könnten. Der König hätte überlebt, der Tempel wäre
verschont geblieben und die Bevölkerung wäre nicht verschleppt worden. Aber man
hörte nicht auf Jeremia, sondern steckte ihn in einen alten, stickigen Brunnen
und ließ ihn dort schmachten, dafür, dass er sein Volk retten wollte.
Liebe Gemeinde, wie sollen wir reagieren, wenn wir von solch einem Zorngericht
Gottes lesen?
Eines dürfen wir auf gar keinen Fall. Wir dürfen nicht auf die Bestraften mit
erhobenem Zeigefinger herabsehen und sie verdammen. Leider haben das Theologen
der Kirche immer wieder getan, indem sie auf das Volk der Juden wetterten.
Der zweite Tempel – den König Herodes mit ungeheurem Aufwand in über vierzig
Jahren bauen ließ - wurde ja wenige Jahre nach Jesu Tod wieder zerstört – Jesus
hatte sein Volk vor dieser Katastrophe gewarnt!
Nebenbei, hat er ganz deutlich gesagt, dass vor der
end-gültigen Zerstörung eine Belagerung stattfinden wird...
Nun haben viele Theologen gesagt: Das ist die Strafe, weil sie Jesus ans Kreuz
geliefert haben. Israel hat den Bund gebrochen, darum wurde es von Gott
verworfen. Und sie fügten hinzu: Nun sind wir –die Kirche - sein Auserwähltes
Volk. Wir sind die guten und lieben Kinder und die Juden sind die Bösen. Und man
hat dann die eigene Bosheit auf die Juden übertragen.
Und leider hat selbst Martin Luther aufs übelste über die Juden gewettert. Sie
würden Zauberei treiben, sie seien ein Schlangengezücht und Teufelskinder, ihre
Schulen Teufelsnester und noch viel schlimmeres. Noch am 14. Februar 1546 hielt
er eine Predigt, dass man die Juden aus Deutschland vertreiben solle – vier Tage
später war er tot. Schrecklich, wenn man mit solch einer letzten,
unversöhnlichen Predigt vor den Richterstuhl Gottes treten muss.
Liebe Gemeinde, das ist eine völlig falsche Reaktion. Liebe Gemeinde, Gott hat
uns nicht zum Richter über das Volk Israel gesetzt. Da überschreiten wir unsere
Befugnisse. Ich bin sogar der Meinung, man zieht dadurch Gottes Zorn auf sich.
Immer, wenn jemand über die Juden schimpft bekomme ich eine Gänsehaut, ja auch
etwas wie Furcht, denn durch Hetze gegen Gottes Volk steht man in einer sehr
bösen Tradition, die mit dem Holocaust endete und die den Fluch Gottes auf sich
zieht.
Schließlich sind wir um kein Haar besser als die Bestraften,
über die Gottes Zorn erging. Gott bestraft uns nämlich darum nicht, damit wir
umkehren von unseren verkehrten Wegen. Wenn wir also angemessen auf solch ein
Unglück reagieren wollen, dann sollten wir uns dadurch erst einmal zitternd
bewusst werden, wie heilig und gewaltig Gott ist. Und ihn anerkennen als den
Herrn der Geschichte.
Und dann sollten wir ihn um Vergebung bitten. Dort, wo wir ihm nicht treu waren,
wo wir gegen seine Gebote verstießen. Dass wir ihn zum Zorn reizten. Wir sollten
auch nicht mit ihm rechten und sagen, er sei ungerecht, sondern echte Reue
bejaht auch sein Gericht und seine Strafe.
Und nicht zuletzt sollten wir uns ganz Jesus Christus anvertrauen. Denn nur
durch Jesu Gnade und Treue kommen wir durch das Gericht. Er ertrug an unserer
Stelle Gottes Zorn.
Fürwahr er trug unsere Krankheit
Und lud auf sich unsere Schmerzen.
Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert
wäre.
Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen
zerschlagen.
Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden
sind wir geheilt.
Amen.
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