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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 3. November 2002
Liebe Gemeinde, der Predigtabschnitt für den heutigen Sonntag
steht in 1. Mose 18,20-33.
Es war vor langer Zeit, als Abraham ins Land Kanaan gezogen
war. Damals gab es in diesem Land zwei Städte, die bis heute der Inbegriff für
Sünde geworden sind: Es waren Sodom und Gomorra. Dort in Sodom und Gomorra waren
die Sitten verkommen und man lebte ein zügelloses Sexualleben. Die Starken und
Reichen hatten ihren Spaß daran, aber niemand sah die vielen im dunkeln
vergossener Tränen geschändeter Knaben, verführter Jungfrauen, benutzter und
weggeworfener Sklavinnen, die Scham und Orientierungslosigkeit von Kindern, die
nicht wussten, wer ihre Väter waren. Niemand schaute auf diese Opfer. Alles, was
dort zählte, war der Spaß und Lust. Doch dieses leise Weinen der Opfer, das
niemand in Sodom und Gomorra hören wollte, gellte wie ein lauter Schrei in
Gottes Ohr. Ebenso waren die Städte sehr reich geworden. Und mit dem Reichtum
klaffte die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander. Man war
hemmungslos habgierig geworden. Niemand achtete mehr den Besitz, die Ehre und
das Recht der ärmeren. Sie kamen unter die Räder des Fortschrittes und des
Wohlstandes. Niemand hörte ihre Hilferufe. Nur einer – Gott im Himmel. Ihre
leise Klage taten seinen Ohren weh. Denn Gott ist gerecht. Er hasst
Ungerechtigkeit. Darum machte er sich auf, um als gerechter Richter zu prüfen,
ob die Anklage, die er hörte auch stimmte. Er nahm menschliche Gestalt an und
besuchte noch, bevor er nach Sodom ging, seinen Freund Abraham.
Kleine Nebenbemerkung: darum sollen Christen gastfrei sein, weil sie immer damit
rechnen sollen, dass Gott in Gestalt eines Bettlers zu Gast sein könnte. Es
kommt zu einer schönen Begegnung zwischen Abraham und Gott.
Kurz vor der Weitereise Gottes ist uns folgendes Gespräch überliefert: Ich lese
den Predigtabschnitt für heute aus 1. Mose 18, 20-33. Ich werde dabei gleich ein
paar Bemerkungen dazu einstreuen:
Dort heißt es:
Und der HERR sprach: Es ist ein großes Geschrei über Sodom
und Gomorra, dass ihre Sünden sehr schwer sind. Darum will ich hinabfahren und
sehen, ob es nicht so sei, damit ich’s wisse. [ ... ] Und Abraham blieb stehen
vor dem Herrn
Abraham bleibt stehen. So einfach lässt er Gott nicht gehen.
In Sachen Sodom und Gomorra möchte er doch Gott auch noch etwas raten.
und trat zu ihm und sprach: Willst du denn den Gerechten mit dem Gottlosen
umbringen? Es könnten vielleicht fünfzig Gerechte in der Stadt sein; wolltest du
die umbringen und dem Ort nicht vergeben um fünfzig Gerechter willen, die darin
wären? Das sei ferne von dir! Sollte der Richter aller Welt nicht gerecht
richten?
Liebe Gemeinde, Abraham kannte so sagt es die Überlieferung,
Sodom recht gut. Sein Neffe Lot wohnte dort. Und Abraham hatte einmal sein
eigenes Leben und das Leben seines ganzen Hauses riskiert, um seinen Neffen, der
in einem blutigen Krieg mit einem Teil der Bevölkerung Sodoms in Gefangenschaft
verschleppt worden war, zu retten. Mit einer List konnte er die Gefangenen aus
der feindlichen Armee befreien. Abraham kannte Sodom, die Menschen, die dort
lebten und wie so dort leben. Aber trotz allem. er mochte sie und vor allem
liebte er seinen Neffen Lot.
Der Herr sprach: Finde ich fünfzig Gerechte zu Sodom in der Stadt, so will
ich um ihretwillen dem ganzen Ort vergeben.
Gott geht auf Abraham ein. Er ist wirklich ein gerechter Richter und will sich
nicht nachsagen lassen, dass die Gerechten büßen müssen, was die Ungerechten
eingebrockt haben.
Abraham antwortete und sprach: Ach siehe, ich habe mich unterwunden zu reden
mit dem Herrn, wiewohl ich Erde und Asche bin. Es könnten vielleicht fünf
weniger als fünfzig Gerechte darin sein, wolltest du denn die ganze Stadt
verderben um der fünf willen?
Abraham gibt sich nicht zufrieden. Ich an seiner Stelle hätte mir vielleicht
gedacht. So, ich hab das meinige getan. Jetzt lass ich Gott ziehen. Aber Abraham
will das möglichste herausholen, was er für die Stadt tun kann. Abraham
ist auch ganz schön kühn. Er weiß, dass er nicht mehr als Staub und Asche vor
Gott ist.
Das ist ungefähr so, wie wenn Sie zuhause saubermachen wollen und mit dem Chaos
aufräumen und da kommt dann plötzlich so ein kleines Häufchen Staub, fängt an zu
sprechen und sagt zu ihnen: Bitte, überleg Dir das mit dem Staubsaugen noch,
vielleicht könnten in dem großen Haufen Dreck da drüben noch ein paar kleine
Münzen liegen. Als ein Häufchen Staub und Asche hat er Gott gar nichts zu sagen.
Eine gute Hausfrau würde gleich den Staubsauger nehmen und bei dem kleinen
Häufchen Dreck anfangen mit saubermachen. Aber Gott denkt da anders, gerade den
Demütigen schenkt er seine Gnade, denen, die sich nicht einbilden, etwas
besonderes zu sein. Er geht auf Abraham ein und sagt:
Gott sprach: Finde ich darin fünfundvierzig, so will ich sie nicht mehr
verderben. Und Abraham fuhr fort mit ihm zu reden und sprach: Man könnte
vielleicht vierzig darin finden. Gott aber sprach: „Ich will ihnen nichts
tun um der vierzig willen.
Nun riskiert Abraham, Gott auf die Nerven zu gehen. Waren sie schon mal auf
einem Flohmarkt. Da gibt es manchmal Leute, die unbedingt einen Artikel kaufen
wollen, aber nicht mit dem Preis des Anbieters einverstanden sind. Sie feilschen
und handeln so lange, bis sie ihre Ware zu ihrem Preis bekommen haben. Sie
riskieren, dass sie allen anwesenden auf die Nerven gehen. Aber zuletzt bekommen
sie es doch so günstig. So hartnäckig scheint Abraham zu verhandeln.
Abraham sprach: Zürne nicht, Herr, dass ich noch mehr rede. Man könnte
vielleicht dreißig darin finden. Er aber sprach: Finde ich dreißig darin, so
will ich ihnen nichts tun. Und er sprach: Ach siehe, ich habe mich unterwunden,
mit dem Herrn zu reden. Man könnte vielleicht zwanzig darin finden.
Er antwortete: Ich will sie nicht verderben um der zwanzig willen.
Abraham, wann gibst Du endlich auf. Jetzt hast Du doch so
viel erreicht. Was willst Du noch mehr. Liebe Gemeinde, es geht Abraham um
Menschen, um lebendige Menschen, die mit Schmerzen geboren wurden, die eine
Kindheit hatten, die einmal verliebt waren, die Fehler gemacht haben, die lachen
und weinen. Menschen aus Fleisch und Blut. Und für diese Menschen riskiert
Abraham sein Gutes Ansehen bei Gott. Er pokert weiter:
Und Abraham sprach: Ach zürne nicht, Herr, dass ich nur noch einmal rede. Man
könnte vielleicht zehn darin finden. Er aber sprach: Ich will sie nicht
verderben um der zehn willen. Und der Herr ging weg, nachdem er aufgehört hatte,
mit Abraham zu reden; und Abraham kehrte wieder um an seinen Ort.
Abraham – das hast Du gut gemacht. Um zehn Gerechter willen, wird Gott die Stadt
verschonen.
Die Geschichte nimmt ihren Lauf. Lot nimmt die beiden Botschafter Gottes bei
sich zu Hause auf. Das wilde Volk der Stadt will ihren Mutwillen mit diesen
hübschen Fremden treiben, doch Lot setzt sich für sie ein. Gott erkennt nun am
eigenen Leib, wie brutal und ungerecht die Stadt mit Wehrlosen umgeht. Damit hat
sie ihr eigenes Urteil gesprochen. Fast mit Gewalt reißen sie Lot und seine
Familie los, damit dieser wenigstens vor dem kommenden Untergang verschont
bleibt. Ich möchte sagen, Lot ist auf die Fürbitte Abrahams hin gerettet worden.
2000 Jahre später.
Die Menschheit ist kultivierter. Allen voran diejenigen, die
sich als Kinder Abrahams bezeichnen, die streng nach den Richtlinien Gottes
leben. Aber hinter ihrer Maske von Frömmigkeit verbirgt sich das alte, harte
Herz der Menschen. Und der Schrei der Opfer, gerade der Opfer einer gesetzlichen
Frömmigkeit, die ausgestoßenen, die ungeliebten, derjenigen, die es schwer mit
Schema F haben, gellt im Himmel wider.
Und wieder kommt Gott auf die Erde. Diesmal in Gestalt seines
lieben Sohnes Jesus Christus. Und er kommt als Opfer. Als neugeborenes Baby hat
man außer einer Futterkrippe kein Bett für ihn. Und als er trotz ärmlicher
Voraussetzungen ein großer Lehrer im Land wird, lieben ihn gerade die Opfer der
harten Gesetzesfrömmigkeit – die Zöllner, die Huren, die Sünder, die Kranken,
die Besessenen und sie finden bei ihm Heilung und Neuorientierung. Aber die
anderen hassen ihn. Sie sind neidisch auf ihn, sie wollen ihn nicht anerkennen.
Und Gott bekommt die Rebellion und die Hartherzigkeit und die Habgier der
Menschen am eigenen Leib zu spüren. Man verrät ihn, man peitscht ihn aus, treibt
ihn aus seiner eigenen Königsstadt und vor der Stadt martert man ihn zu Tode.
Sein Schrei, der zum Himmel gellt, müsste eigentlich das Todesurteil für die
Menschen bedeuten. Doch Jesus liebt die Menschen aus Fleisch und Blut. Er kennt
sie, besser als sie selbst. Und so tritt wie Abraham noch in seinem Todeskampf
in den Riss und kämpft um jeden einzelnen Menschen vor Gott dem Vater und er
ruft:
Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Jesus aber feilscht nicht. Er bezahlt mit dem höchsten Gut
überhaupt. Mit seinem heiligen, unschuldigen Leben und seinem teuren kostbaren
Blut. Das tauscht er gegen das Leben des Sünders ein. Er nimmt meine Schuld in
sich auf, und schenkt mir dafür sein Leben. Meine Schuld wird in seinem Tod
begraben und ein für allemal getilgt. Nicht nur meine Schuld. Jede Schuld. Von
jedem Menschen, der sie ihm ausliefert.
Und so gibt Gott den Menschen noch eine Chance. Eine Chance für alle, die auf
Jesus hören und seinen Worten vertrauen. Gerettet zu werden.
Jesus hatte die Zerstörung der Stadt Jerusalem vorausgesagt. Er hatte seinen
Jüngern erklärt, dass die Stadt zuerst belagert wird, dann wird das feindliche
Heer wieder abziehen. Viele werden dann meinen, die Gefahr ist vorbei, Doch
genau dieser Abzug des Heeres wird das Zeichen sein, dass die Zerstörung droht
und es wird die letzte Chance sein, aus der Stadt zu fliehen. Genau so kam es.
Der römische Feldherr Vespasian hatte mit seinen Armeen Jerusalem bereits
eingeschlossen. Aber er konnte die Belagerung nicht zu Ende bringen. Aus Rom kam
die Nachricht, dass er als neuer Kaiser ausgerufen wurde. Er zog seine Armeen ab
und ging nach Rom. Dies war die Gelegenheit für diejenigen, die die Worte Jesu
ernst nahmen, aus Jerusalem zu fliehen. Und diejenigen, die Jesus gehorcht
haben, sind tatsächlich über den Jordan in einen Ort namens Pella geflohen und
haben dort Zuflucht gefunden. Nur kurze Zeit später kam das römische Heer unter
ihrem neuen Feldherrn Titus zurück, die Belagerung wurde wieder aufgenommen, und
schließlich wurden Jerusalem und der Tempel zerstört. Und so wurden die
gerettet, die Jesus vertrauten.
Heute 2000 Jahre später.
Wer heute das Fernsehprogramm verfolgt, der bekommt eine Welt
zu sehen, die noch schlimmer zu sein scheint als Sodom und Gomorra. Eine Welt
voller Selbstvergötterung des Menschen, voller Unzucht und Ehebrecherei, voller
Mord und Todschlag. Wer die Augen aufmacht, der sieht, wie einige wenige
Menschen in Saus und Braus auf Kosten der Armen leben. Die Schreie der Opfer
gellen zum Himmel. Gott ändert sich nicht. Er bleibt der gerechte Richter. Und
irgendwann wird das Maß der Sünden voll sein und sein Gericht geht über die Welt
nieder. Wenn man die zunehmenden Katastrophen auf der Welt sieht, dann könnte
man meinen, dass man näher dran ist, als je zuvor.
Nun sind wir gefragt. Wir Christen. Wir hier. Diejenigen, die im Sinne Jesu
leben wollen. Die Abrahams geistliche Kinder sind. Wie sollen wir reagieren?
Als seine Kinder, sollten wir nicht über Schlechtigkeit der Welt jammern und uns
erhaben fühlen. Sondern lasst uns an unsere Verwandten, an unsere Nachbarn, an
unsere Arbeitskollegen denken, auch an unsere Kinder und deren Freunde, die ohne
Gute Nachtgebet einschlafen müssen, an unsere Geschwister und deren Kinder,
unsere Neffen und Nichten, die Gott nur vom Hörensagen her kennen, aber seine
leidenschaftliche Liebe mit der er jeden Menschen retten will und seine
unbestechliche Gerechtigkeit kennen, an die vielen Menschen, die versuchen durch
Sünde sich glücklich zu machen, aber immer un-glücklicher werden. Wir können wie
Abraham, wie Jesus, für sie in den Riss treten und bitten: Herr, rette sie. Lass
sie nicht umkommen im drohenden Untergang. Und wir können feilschen, handeln und
nicht so schnell mit beten aufhören und nochmals bitten: „Hilf, dass sie
umkehren und dich finden.“ Wir wollen nicht eingebildet dabei sein. Wir sind
nicht besser, wir sind Staub und Asche.
Aber lasst uns für die Welt bitten, solange noch Zeit ist zur Umkehr. Zeit der
Gnade. Dieses Gebet ist die Säule, die das Dach der Welt trägt. Und das Dach
schützt vor dem Hereinbrechen des Chaos.
Wir können auch noch einen Schritt weitergehen. So wie Jesus in die Welt kam,
können wir zu diesen Menschen selbst hingehen. Wir können ihnen von Jesu Liebe
und seiner Rettung erzählen, wir sollen sie warnen, dass ohne Gott ihr Weg in
die Dunkelheit führt. Wir können mit unserem Leben, wenn wir den Weg Jesu gehen,
darauf hinweisen, dass Jesu Geist sie verändern und heilen kann, von aller
Ungerechtigkeit. So haben sie die Chance, dass sie ihn kennen lernen, seinen
Namen anrufen und gerettet werden.
Amen.
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