Evangelische Kirchengemeinde Eupen - Neu Moresnet 

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Siehe, das ist Gottes Lamm!                                    

   

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 4. Juli 1999

Liebe Gemeinde

Um Ostern herum befragten wir verschiedene Mitarbeiter unserer Kirchengemeinde, um einen Anhaltspunkt über den gegenwärtigen Zustand unserer Gemeinde zu bekommen.

Ein Ergebnis dieser Umfrage lautete: Der Schwachpunkt unserer Gemeinde ist, dass wir zuwenig zum Glauben einladen.

Nun kann es unterschiedliche Gründe dafür geben, dass wir so wenig für unseren Herrn werben. Es kann sein, dass man taktvoll sein, niemand verprellen, oder zu nahe treten möchte. Denn großmäulige und taktlose Evangelisation stößt eher ab, als dass sie einlädt. Diesen Grund akzeptiere ich.

Es kann aber auch daran liegen, dass wir zu träge, zu ängstlich, zu faul sind, von dem weiter zu erzählen, was unser Leben erfüllt.

Ich habe mich selbst einmal beobachtet. Ich bin eher bereit dazu, mich mit meinen Lehrerkollegen über eine gute Küchenmaschine zu unterhalten, von ihren Vorzügen schwärmen, ja, sogar ein paar Leute zu einer Vorführung einzuladen, als dass ich etwas von Jesus erzähle.

Da muss ich mit mir selbst schimpfen. Dann das ist eine Schande, das ist laues Christentum, ein Christsein, das an Vollmacht, Hingabe und Liebe verlieren wird.

Ich lese den Predigtabschnitt für heute aus Joh 1, 35-42:

Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger; und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: "Siehe, das ist Gottes Lamm! Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach. Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen, und sprach: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister - , wo ist deine Bleibe? Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen´s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde. Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus. Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte. Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels!

Zuerst fällt auf, dass es hier um keine dramatische Erzählung geht, keine spektakulären Wunder werden berichtet, keine erbitterten Kämpfe. Es fügt sich einfach das eine zum anderen und entwickelt sich weiter. Es ist, wie wenn ein Samenkorn in die Erde fällt, plötzlich ein kleiner Halm dasteht und zuletzt eine Blume. Nach außen hin, verläuft alles ruhig.

Erster Kontakt mit dem christlichen Glauben beginnt hier beim Hören. Da sind zwei Menschen, die hören einer Predigt des Täufers zu. Bei dieser Predigt ist Jesus anwesend. Thema der Predigt des Täufers lautet: Siehe, das ist Gottes Lamm. Damit bezeugt Johannes, dass Jesus derjenige ist, der die Schuld der Welt auf sich nimmt und trägt.

In unserer Welt können wir inzwischen viel bewerkstelligen und unser Leben ist sehr komfortabel geworden. Doch es gelingt dem Menschen nicht mit der Schuldfrage und dem damit verbundenen Unfrieden fertig zu werden. Häufig wird sie verdrängt oder auf andere geschoben. Dennoch leiden Menschen oft über Generationen hinweg, an ihrer Schuld.

Ob wir es eingestehen oder nicht: Unsere Sünde gegen Gott, wie gegen unsere Mitmenschen ist das größte Übel – das schlimmste für einen Menschen. Denn der Teufel und der ewige Tod haben Anrecht auf den, der Schuld auf sich geladen hat.

Die frohe Botschaft einer christlichen und werbenden Predigt ist: Es gibt eine Lösung für die Schuldfrage: Gottes Lamm, Jesus Christus, hat unsere Schuld auf sich genommen und weggetragen. In einer solchen Predigt geht Jesus umher, sie macht Menschen neugierig, sich auf ihn einzulassen. Denn auf diese Predigt hin, gehen dann zwei jungen Männer Jesus hinterher. Und dann kommt es zu einer Begegnung:

V. 38 und 39:

Und die beiden Jünger folgten Jesus nach. Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen, und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt Meister – wo ist deine Bleibe? Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen´s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die 10. Stunde.

Man kann 1000 Predigten hören, wenn man aber nicht aufsteht und versucht Jesus näher zu kommen dann kommt es zu keiner Begegnung. Aber es liegt auch nicht in unserer Hand, dass sich Jesus sofort umwendet. Es kann für Menschen sehr lange dauern, bis er sich ihnen zuwendet.

Während meiner Praktikumszeit in einer Diakoniestation kannte ich eine über achtzigjährige Frau. Sie folgte Jesus nach. Mit Eifer, ernsthaft und voller Sehnen. Doch in den vielen Jahren kam es zu keiner Begegnung. Sie litt sehr darunter. Und erst in den letzten Wochen wandte ER sein Angesicht ihr zu. Und es kam zu der Begegnung.

Die Bibel nennt das Gnade, wenn Jesus sein Gesicht einem Menschen zuwendet. Man kann die Begegnung mit Jesus nicht erzwingen. Genauso wenig, wie man sie beispielsweise zwingen kann, den Hörer vom Telefon zu nehmen, wenn es klingelt. Es ist Gottes freie Entscheidung, wenn er sich einem Menschen zuwendet und ihm begegnet.

Alle, die solch eine Begegnung mit Jesus erfahren haben, sollten darum sehr liebevoll und behutsam mit anderen Menschen umgehen, die Jesus nachfolgen, aber noch nicht sein Gesicht erkannt haben.

Dann spricht Jesus die beiden an: "Was sucht ihr?"

Wie schön, dass Jesus nicht gleich mit einem Vortrag, mit Befehlen, Pflichten und Regeln, oder gar einem Donnerwetter (wie beim Täufer – der Täufer schrie die Leute, die zu ihm kamen mit Schlangenbrut an) zu sprechen beginnt, sondern nach dem fragt, was die Jünger bewegt. Er hilft ihnen mit dieser Frage weiter zu kommen in ihrem Suchen. Genau zu wissen, was sie von ihm wollen. Und er will ihnen helfen.

Kleiner Einschub: Was würden Sie auf diese Frage antworten?

"Was suchst du – was willst du von mir?" Die zwei antworten: "Wo ist deine Bleibe"

Die beiden suchen bei Jesus also die Verankerung für ihr Leben. Denn Sinn, und das Ziel. Dort, wo die Seele zuhause sein kann – nicht umher getrieben von Sehnsüchten, Wünschen.

Jesus erwidert nun nicht, dass sein zuhause beim Vater im Himmel ist bzw. in einem dogmatischen Gedankengebäude, sondern er antwortet mit einer Aufforderung:

"Kommt und seht." - Der Nachfolgende bleibt in Bewegung.

Um im Glauben weiterzukommen, um meine Bleibe bei Jesus zu finden, gilt es, mitzukommen, den Weg, den er führt. Für die beiden war das die entscheidende Begegnung ihres Lebens. Der Tag, an dem sich ihr ganzes Leben veränderte. Sie hatten ihre Bleibe gefunden. Der Evangelist hielt es für so bedeutsam, dass er sogar die Stunde der Begegnung notierte. Es war die 10. Stunde. Es war um 16 Uhr.

Nun ruhen sich die beiden nicht in der Bleibe aus, sondern sie sind weiterhin unterwegs. Einer der beiden findet seinen Bruder den Simon Petrus. Es heißt nicht: Er trifft zufällig seinen Bruder, sondern er findet ihn. Wenn ich etwas finde, dann muss ich, bzw. ein anderer etwas vermissen.

Ab und zu verschlampe ich meinen Terminkalender oder meinen Hausschlüssel. Zuerst vermisse ich ihn, weil er nicht am Platz ist und ich ihn brauche. Ich überlege, wo und wann ich ihn zuletzt gesehen habe, dann frage ich meine Frau: Weißt du, wo mein Terminkalender ist. Wir machen uns gemeinsam auf die Suche. Wenn ich ihn ganz dringend brauche, bitte ich auch Gott darum, dass er mir doch hilft, ihn zu finden. Doch während der Suche liegt es nicht unbedingt auf der Hand, dass ich ihn finde. Finden ist irgendwie immer noch eine Überraschung.

Wie Andreas sollten wir als Suchende missionieren. Schauen Sie auf ihre die leeren Bänke hier in der Kirche. Wer ist nicht am Platz, wen vermisse ich, wer fehlt mir hier.

Andreas vermisste seinen großen Bruder Simon. Vermissen wir nicht auch jemanden unserer Lieben, unserer Verwandten und Freunde hier?

Das Gegenteil von Andreas war Kain der zu Gott sagte: Sollte ich meines Bruders Hüter sein – was geht der mich an.

Fehlt uns jemand, dann können wir uns auf die Suche machen. Überlegen, wann haben wir zuletzt ein Gutes Gespräch gehabt. Andere mit in unsere Suche einbeziehen, - meine Frau findet immer viel schneller und besser den Terminkalender so gibt es auch in der Gemeinde "Findernaturen".

Wir sollten uns überlegen, wo sie sich befinden könnten, in welchem geistlichen Zustand, überlegen, wo wir sie abholen können. Gott um eine erfolgreich Suche bitten und darauf hoffen, dass wir sie finden.

Wenn wir einen Vermissten einmal glücklicherweise gefunden haben, wenn wir einen Zugang zu ihnen bekamen, die Gelegenheit für ein gutes Gespräch, dann können wir auch wiederum von Andreas lernen. Andreas erzählte einfach von dem, was er erlebt hatte: "Wir haben den Messias gefunden."

Der Messias ist der einzige, der das Recht hat, über das Leben eines freien Menschen zu bestimmen, der seine ganze Hingabe in Anspruch nehmen darf. Denn der Messias ist der Mensch, der ein Menschenleben nicht kaputtmacht, wie die vielen falschen Messiasse, sondern sie zum wahren Leben führt. Darin liegt auch unsere Herausforderung, von dem zu erzählen, was wir mit ihm erlebt haben. Gerade denen, die uns ganz gut kennen.

- Ich weiß, das ist nicht einfach. -

Dann nimmt Andreas den großen Bruder an die Hand und führt ihn zu Jesus. Bei Jesus angelangt hat Andreas nichts mehr zu sagen. Er verschwindet aus dem Gesichtsfeld. Auch das sollten wir beachten. Es gibt Bereiche, da dürfen wir uns nicht mehr einmischen. Das bleibt dem Bruder in der Begegnung mit Jesus selbst überlassen. Möge uns der Heilige Geist das nötige liebevolle Taktgefühl dafür schenken. Schließlich kommt es auch zwischen Simon und Jesus zu einer Begegnung. Jesus macht als Messias von seinem Recht Gebrauch, über Simon zu bestimmen. Er verleiht Simon einen neuen Namen. Der neue Namen versinnbildlicht eine neue Bestimmung, einen neuen Auftrag, ein neues Selbstverständnis für das Leben Simons. Du sollst Kephas sein. Ein Fels in der Brandung der Zeit.

Von seinem Charakter her, war er nicht gerade felsenfest. Schnell strauchelte er und selbst Paulus musste ihm viele viele Jahre später die Leviten lesen, weil er mal wieder schwach geworden war. Das ändert aber nichts an der Sache. Wenn Jesus diesen neuen Namen anordnet, dann rüttelt zwar der alte Namen, das alte Wesen noch kräftig daran. Zum Vorschein wird aber das neue Wesen kommen. Jesus macht seine Sache schon richtig.

Das waren nun einige Gedanken, wie Christ werden, wie persönliche Evangelisation aussehen kann. Im Hören, in der persönlichen Begegnung, durch Suchen und Weitersagen, durch Wesensveränderung schafft Jesus oft ganz im Verborgenen seine Jünger, sein Reich.

Kommen wir zurück zum Anfang. Der Schwachpunkt unserer Gemeinde liegt im Weitersagen.

Darf ich Ihnen, darum obwohl nun die Ferien begonnen haben, eine Hausaufgabe mitgeben. Machen sie es wie Andreas: Beginnen sie in der nächsten Woche einmal ihre Schwester oder ihren Bruder zu suchen. Am besten machen sie sich ein Knoten ins Taschentuch, damit Sie die Hausaufgabe nicht vergessen.

Ich mache mir einen.

Amen

 

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Stand: 04. Juni 2010