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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 31. Januar 1999,
mitgestaltet vom Bibelgesprächskreis Raeren
Liebe Gemeinde,
Ich lese Lukas 24, 50-53:
Jesus führte seine Jünger aber hinaus in Richtung
Bethanien und hob die Hände auf und segnete sie.
Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.
Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude und
waren allezeit im Tempel und priesen Gott.
Das Thema Segen und segnen ist ein riesiges Thema. Je mehr man sich damit
befasst, um so mehr könnte man darüber sagen. Man weiß gar nicht so richtig, wo
man anfangen soll – wo aufhören. Darum fange ich einfach so an, wie der
Evangelist anfängt – mit dem Satz:
„Jesus führte seine Jünger aber hinaus.“
Jesus will seinen Freunden den Segen Gottes geben. Diesen
Segen gibt er nicht in Jerusalem. Also dort wo das weltliche Leben pulsiert, dem
Sitz politischer, religiöser und wirtschaftlicher Macht. Dort, wo etwas los ist.
Sondern aus diesem Trubel führt Jesus die Seinen heraus in Richtung Bethanien –
genauer gesagt auf den Ölberg, an dessen Fuß der Garten Gethsemane liegt. Also
dort, wo es still und ruhig ist, aber auch dort, wo Jesus kurz vor seinem Tod
ganz alleine war.
Damit ist schon eine Grundrichtung klar:
Gott segnet die Menschen, die sich mit Jesus auf den Weg machen, ihm nachfolgen,
auch wenn es menschlich gesehen erst einmal in die Wüste geht. Also dorthin, wo
nichts los ist, in die Einsamkeit.
Und dort „hebt Jesus seine Hände auf und segnet seine Jünger“.
Nun, was passiert, wenn Jesus segnet? Übersetzt man diese
Stelle ganz wörtlich, dann heißt es:
Jesus legt das gute Wort Gottes auf seine Jünger.
Jesus legt das gute Wort auf seine Freunde.
Ich versuche diesen Sachverhalt einmal am Gegenteil zu erklären – nämlich daran,
was es bedeutet, wenn man ein böses Wort auf einen Menschen legt.
Jeden Dienstag muss ich als Lehrer in der Mittagspause den Schulhof
beaufsichtigen. Und fast immer muss ich irgendwelchen Streit schlichten.
Meistens frage ich: „Warum streitet ihr denn?“ Ich höre als Antwort: Der, da hat
böse Wörter zu mir gesagt!“
Legt man auf einen Menschen böse Wörter, so gibt es Unfrieden und Streit. Böse
Wörter wecken Aggression und Gegenwehr. Böse Worte will man nicht auf sich
sitzen lassen, sie tun weh, machen krank, man will sie abschütteln. Darum
sollten wir unsere Zunge hüten, böse Wörter direkt oder hintenherum zu sagen.
Sie sind das Gegenteil von Segen und richten nur Unheil an.
Ich frage die zwei Streithähne weiter: „Welches böse Wort hat er denn gesagt?“
Und regelmäßig bekomme ich die Antwort: „Der hat zu mir gesagt: Du Hurensohn.“
Intuitiv scheinen die Kinder zu spüren, dass dies ein ganz böses Wort ist. Es
sagt: „Du bist das Zufallsprodukt einer dreckigen, schmierigen, geldgierigen,
kurzlebigen Verbindung. Du bist ja gar nicht so richtig gewollt, hast keinen
Vater, der dich liebt. Im Grunde bist du nichts wert – wenn du nicht da wärst,
dann würdest du auch niemandem fehlen.“
Das Gute Wort, das Jesus auf seine Jünger legt, besagt das Gegenteil.
Ich lege meine Hände auf euch – und das bedeutet mein Wesen umhüllt euch. Das
wichtigste der guten Worte, die ich auf euch lege, ist mein Name. Denn wenn mein
heiliger Name auf euch ruht, dürft ihr euch Kinder Gottes nennen. Durch mein
gutes Wort seid ihr nicht mehr, wie herrenlose, streunende Hunde, abhängig und
gejagt von einem launischen Schicksal, sinnlos dahin vegetierend zwischen Lust
und Frust. Nein, nun durch meinen Namen seid ihr geliebte, gewollte Wunschkinder
des himmlischen Vaters. Und damit öffnet der Segen, die Schätze der vielen guten
Worte des Himmels die auf einen Menschen gelegt werden können.
Himmlische Wörter sind keine leeren Sprachhülsen, wie echt, also, auch und
ähnliche Wörter, die man genauso gut weglassen könnte, die nichts bewirken.
Gute Wörter des Himmels können vielmehr ganz neue Tatsachen schaffen. Das
funktioniert so ähnlich wie am Anfang der Schöpfung. Dort heißt es: Und Gott
sprach: „Es werde Licht“ Und es ward Licht. Mit einem guten Wort entsteht eine
völlig neue Wirklichkeit. Und so können Gottes gute Worte, die durch Jesus auf
Menschen gelegt werden sehr viel bewirken. Denn Gott sorgt für seine Kinder.
Diese Worte können ganz handfeste, materielle Dinge bewirken. So schenkt der
Segen alles, was ich zum Leben brauche: Essen und Trinken, körperliche und
seelische Gesundheit, Anerkennung und gute Freunde und christliche Gemeinschaft,
Arbeit und Freizeit. Erfolg und Selbstbehauptung.
Solche Segenswirkungen schaden auch nicht – bekanntlich kann ja zu viel Besitz
einen Charakter verderben, arrogant und überheblich machen - sondern sie dienen
zum Guten.
Ich betone: Der Segen kann das bewirken. Wenn mir etwas von
diesen Gütern fehlt, kann ich trotzdem ein gesegneter Mensch sein.
Denn darüber hinaus – kann man den Segen neutestamentlich eher geistlich
verstehen. Der himmlische Vater schenkt seinen Kindern, die Dinge, die man als
zukünftiger Himmelsbürger braucht: Ein neues Herz, das Liebe und Barmherzigkeit
üben kann, ein Herz, das nun wiederum gute Wörter über Gott sagt, das ihn lobt –
so wie die gesegneten Jünger, dann im Tempel Gott lobten. Einen neuen Willen,
der unabhängig vom menschlichen Zeitgeist nach Gottes Willen fragt und der es
wagt, sein menschliches Kreuz, Leid zu tragen. So wie die ersten Christen in der
Apostelgeschichte trotz aller Androhungen und Verfolgungen an ihrem Glauben und
Zeugnis festhielten.
Segensworte bewirken göttlichen Frieden, der höher ist alle Vernunft. Darin ruht
eine verborgene innere Freude. Selbst menschliches Leid kann diese innere Freude
nicht ganz ersticken. So wie die Jünger fröhlich nach Jerusalem ziehen konnten
obwohl der sichtbare Jesus Abschied genommen hatte.
Im Grunde genommen kann nur Jesus dieses gute Wort auf einen Menschen legen.
Denn allein Jesus hat die Grundlage dazu geschaffen, dass wir zu Gott kommen
können. Nur Jesus hat den Schlüssel zum Vaterhaus.
Aber, da wir Christen mit dem Namen Jesu, der auf uns ruht auch Gottes Kinder
sind, ist das himmlische Vaterhaus auch unser Elternhaus geworden. Als Kinder
haben wir einen Nachschlüssel bekommen. Und so haben auch wir das Vorrecht des
Himmels Türen zu öffnen und Gottes kostbare und guten Worte auf andere Menschen
zu legen.
Darum lasst uns den Segen dieses Gottesdienstes mitnehmen und ihn in unserem
Alltag, in unserem Jerusalem austeilen.
Amen.
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