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Schuld vergeben                                    

   

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 27. Juni 1999

Liebe Gemeinde

Unser Predigtabschnitt für heute steht in 1. Mose 50, 15-21.

Weil ihr Vater nun tot war, bekamen Josefs Brüder Angst. „Was ist, wenn Josef sich jetzt doch noch rächen will und uns alles Böse heimzahlt, was wir ihm angetan haben?“ Sie schickten einen Boten zu Josef mit der Nachricht: Bevor dein Vater starb, beauftragte er uns, dir zu sagen: „Vergib deinen Brüdern das Unrecht von damals.“ Darum bitten wir dich jetzt: Verzeih uns! Wir dienen doch demselben Gott wie du und unser Vater!“ Als Josef das hörte, musste er weinen. Danach kamen die Brüder selbst zu ihm, warfen sich zu Boden und sagten: „Wir sind deine Diener!“ Aber Josef erwiderte: Habt keine Angst! Ich maße mir doch nicht an, an Gottes Stelle zu richten! Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

Mit 17 Jahren schien die Zukunft für Josef sehr rosig. Er hatte die begründete Aussicht, einmal der Führer des Stammes zu werden, die großen Reichtümer der Familie verwalten und den Segen und Beistand Gottes erben zu dürfen. Denn seine großen Brüder hatten versagt und erwiesen sich als unwürdig, die Sippe zu führen. Ruben hatte die Nebenfrau seines Vaters verführt – und damit seinen Vater betrogen, Simeon und Levi hatten blutrünstig eine wehrlose Stadt überfallen, geplündert und angezündet und damit ihren Vater im Gastland Kanaan zum Verbrecher gestempelt. Und Juda hatte sich eine heidnische Frau genommen und damit den Glauben seines Vaters verlassen. Nur Josef bereitete Vater Jakob keine Sorgen. Josef besaß sämtliche Fähigkeiten, einen Stamm zu führen. Ja, es schien sogar, als redete Gott mit ihm. In Träumen offenbarte sich, dass seine Brüder ihm einmal dienen werden.

Dem untadligen Josef galt des Vaters ganze Liebe. Und darum schenkte Vater Jakob Josef ein Kleid, das ihn als Prinzen und Thronfolger des Stammes auszeichnete. Kein Wunder, dass seine Brüder neidisch waren und mit allen Mitteln versuchten, ihrem Bruder eins auszuwischen und die Absichten des Vaters zu vereiteln.

Als sie einmal weit ab von zuhause die Schafe hüteten und Josef ihnen Proviant vorbei brachte, bot sich die Gelegenheit, ihn los zu werden. Brutal rissen sie ihm die Kleider vom Leib und warfen ihn in ein schlammiges Loch. Da konnte er schreien der alte Angeber und Großtuer. In diesem Dreckloch konnte er sich ja als Stammeshäuptling aufspielen. Nein, nie sollte der Kleine über sie herrschen.

Eine Karawane zog zufällig bei den Brüdern vorbei. Und die eigenen Brüder verkauften ihren auserwählten Bruder nach Ägypten. Der hohe Herr sollte niedriger Sklave werden. Die Brüder Josefs durchkreuzten bevorstehende Karriere und machten einen Strich durch die Rechnung ihres Vaters Jakob.

Sklaverei – das ist für stolze, die Freiheit liebende Beduinen die Hölle. In Ägypten musste Josef viel leiden. Harte Arbeit erwartete ihn im Haus des Generals der königlichen Leibwache. Eine Zeitlang gewann er die Gunst seines Herrn. Doch die Frau des Hauses verleumdete ihn. Seine Ehre wurde in den Dreck gezogen. Er galt als einer, der seinen Herrn hintergeht und als Frauenschänder.

Und wer war letztlich Schuld an seiner schlimmen Lage? Seine Brüder!!! Man warf ihn ins Gefängnis. Von der Welt vergessen schmachtete er dort zwei Jahre. 

Man könnte sich leicht vorstellen wie sich im Bauch Josefs eine Wut zusammenbraute und in den Kopf stieg, wie er sich dann einen Plan für kaltblütige Rache schmiedete. Und wer könnte es Josef verübeln.

Nachdem nun viele Jahre verstrichen waren, Josef die zweithöchste Stelle in Ägypten innehielt und seine Brüder völlig von seiner Gnade abhingen, bot sich nach dem Tod Vater Jakobs die große Gelegenheit zur Abrechnung mit seinen Brüdern. Nun hätte er es ihnen ohne Rücksicht auf den Vater endgültig heimzahlen können, was sie ihm angetan hatten.
Er hätte sie als Sklaven in den Steinbruch schicken – ja vielleicht töten lassen können mit den Worten: „Das Böse, das ihr an mir getan habt – komme nun auf euer Haupt zurück. Nun ist die Stunde der Gerechtigkeit gekommen. Gott hat euch in meine Hand gegeben. Fahrt zur Hölle.“

Die Brüder waren sich ihrer brenzligen Lage bewusst. Darum verschanzten sie sich hinter einem Boten, den sie zu Josef schickten und versteckten sich hinter dem Vermächtnis ihres Vaters, der noch in seinen letzten Tagen befohlen hatte, Josef um Vergebung zu bitten.

Doch sie gingen nicht nur in Deckung. Sie gaben offen ihre Schuld zu. Sie bekannten, dass sie im Unrecht waren und beschönigten nichts. Im Sinne wie: „Ach das waren doch nur unsere Jugendsünden.“ Da gehörte Mut dazu. Und ich glaube, das machte es Josef auch leichter zu vergeben.

Wie reagiert nun Josef? Er weint!

Man weint normalerweise, wenn es einem sehr schwer ums Herz ist. Aber wieso ist es Josef schwer ums Herz? Es ist ihm schwer, weil er die Schuld, die an ihm begangen wurde, weiter trägt.

Liebe Gemeinde, vergeben heißt nicht einfach Schwamm drüber. So wie man mit einem nassen Schwamm eine voll gekritzelte Tafel mit einem Wisch wieder sauber machen kann und nichts erinnert mehr daran, was vorher darauf geschrieben war. Das funktioniert vielleicht bei Kleinigkeiten. Aber mit Schuld geht das nicht. Sie taucht immer wieder auf, auch wenn man versucht mit dem Schwamm einiger wohlwollender Worte darüber wischt. Erlebtes Unrecht kann übel nagen wie ein Wurm und das ganze Seelenleben krankmachen. Erlebtes Unrecht will getragen sein.

Das heißt vergeben!

Das hebräische Wort das hier im deutschen mit vergeben wiedergegeben ist, bedeutet vielmehr „tragen“. Wer also vergeben will, der verzichtet auf Rache. Er wartet nicht darauf, dass das Unrecht auf den Feind zurückfällt, sondern trägt es. Darum ist es Josef wohl schwer ums Herz, weil er die Schuld nicht auf das Haupt seiner Brüder zurückkommen lässt sondern sie trägt.

Doch er trägt die Schuld nicht im Kreis herum, bis er daran zusammenbricht, sondern er bringt sie immer wieder zu Gott. Josef spielte sich nicht zum Richter auf, sondern lässt Gott richten und regieren. „Ich bin doch nicht Gott“ lässt er seinen Brüdern ausrichten.

Denn Josef hatte erfahren, dass Gott, auch aus dem Bösen das Beste machen kann. Das erlebte Unrecht machte ihn nicht kaputt, sondern stark für die Aufgaben, die auf ihn warteten. Die Sünde der Brüder führte nicht dazu, dass die Brüder ihren Willen bekamen, sondern das Gott erst recht zum Ziel kam. Und darauf vertraute Josef. Darum konnte er die Schwere Last der Schuld tragen.

Josef weinte. Vielleicht weinte er auch aus Freude. Aus Freude darüber, weil Gott zum Ziel gekommen war.

Liebe Gemeinde,

auch unsere Karriere, unsere Lebensbahn wird manchmal von Menschen durchkreuzt, die uns sehr nahe stehen. Die Eltern, die Geschwister, die Kinder, ein Nachbar, vielleicht auch jemand aus der Gemeinde tut uns großes Unrecht an und macht uns das Leben schwer.

Es ist manchmal zum Weinen, wenn man sieht, wie grausam Menschen sein können, die nach außen hin ganz nett sind. Wie andere Menschen, ein ganzes Leben einfach versauen und zur Hölle machen können.

Man könnte nun geduldig auf eine Gelegenheit warten, es solchen Menschen einmal so richtig heimzuzahlen und ihnen, wenn sie niedergeschmettert daliegen zurufen: Die Schuld, die du mir angetan hast, die komme nun auf dein Haupt zurück.
Aber wir tun besser daran von Josef zu lernen! Wir können versuchen, die Last des Unrechts zu vergeben. Nicht verdrängen - vergeben, d.h. unser Kreuz zu tragen und auf Vergeltung verzichten. Und wie Josef darauf vertrauen, dass Gott aus all dem das Beste machen wird, auch wenn wir nichts davon sehen.

Gehen wir diesen Weg, dann folgen wir Jesus nach. Denn auch er trug das Kreuz, als er von seinen Brüdern verraten und verkauft, gepeitscht, ausgelacht und getötet wurde. Doch er verzichtete auf Rache und Vergeltung und trug den Hass seiner Brüder hinauf zur Schädelstätte Golgatha. Dabei trug er auch mein Unrecht und das Unrecht der Leute, die mir Böses angetan haben und meine Wege durchkreuzt haben hinauf und nahm sie mit in sein Grab.

Jesus hatte darauf vertraut – dass Gott immer zum Ziel kommt. Er vertraute darauf, dass Gott ihm neues Leben schenken könnte. Und tatsächlich: Jesus blieb nicht mit der Schuld im Totenreich, sowenig, wie Josef im Gefängnis vertrocknete. Er lebt und er wird regieren, wie Josef über Heiden und über seine Brüder.

Mit dieser Hoffnung im Blick, können wir es versuchen, die Last der Sünde nach Golgatha zu tragen und einander immer wieder zu vergeben. Bei kleiner, wie auch bei großer Schuld.

Amen

 

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Stand: 04. Juni 2010