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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 16. Juni 2002
Hes 18,1-4,21-23, 31-32
1-4: Und des Herrn Wort geschah zu mir: „Was habt ihr im
Lande für ein Sprichwort: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den
Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden“? So wahr ich lebe, spricht Gott
der Herr: dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel. Denn
siehe, alle Menschen gehören mir: die Väter gehören mir so gut wie die Söhne:
jeder der sündigt, soll sterben.
21-23: Wenn sich aber der Gottlose bekehrt von allen seinen Sünden, die er getan
hat und hält alle meine Gesetze und übt Recht und Gerechtigkeit, so soll er am
Leben bleiben und nicht sterben. Es soll an alle seine Übertretungen die er
begangen hat, nicht gedacht werden, sondern er soll am Leben bleiben um der
Gerechtigkeit willen, die er getan hat. Meinst du, dass ich Gefallen habe am
Tode der Gottlosen, spricht der Herr, und nicht vielmehr daran, dass er sich
bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt.
31-32: Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht
euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum wollt ihr sterben, ihr vom
Haus Israel. Denn ich habe kein Gefallen am Tod des Sterbenden, spricht Gott der
Herr. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben.
Womit haben wir das verdient, fragten sich die Israeliten, die von Nebukadnezar
nach Babel verschleppt worden sind. Sie waren alle Kinder aus gutem Haus. Ihre
Eltern waren Großgrundbesitzer, Generäle, Fürsten und oberster Klerus gewesen,
doch nun mussten die Kinder in Babel irgendwelche niedrigen Sklavendienste
verrichten.
Womit haben wir das verdient? Dieser Generation wurde bewusst, dass sie für
Schulden bezahlen mussten, die sie nicht gemacht hatten. Es war die Schuld ihrer
Väter und Großväter, die jahrelang Gottes Geduld auf die Probe gestellt hatten.
Bis ihm der Kragen geplatzt ist. Die Väter und Großväter hatten Gott den Herrn
missachtet. Hemmungslos wurden die fremden Götter anderer Völker angebetet,
schonungslos wurden Schwestern und Brüder ausgebeutet und als Sklaven verkauft
und skrupellos verstieß man gegen die Gesetze Gottes.
Immer und immer wieder schickte Gott Propheten, um sein Volk
zu warnen. Doch vergeblich. Es wurde immer schlimmer. Mit König Mahnasse, der
sogar seine eigenen Kinder fremden Göttern opferte, gipfelte die Gottlosigkeit.
Darum brach Gottes Gericht über das Volk herein: König
Nebukadnezar überfiel mit seinem starken Heer das Land Juda. Jerusalem die
Hauptstadt, wurde eingekreist, lange belagert, ausgehungert und zuletzt
eingenommen. Die Festungsanlagen wurden zerstört, die Söhne des Königs getötet,
der König geblendet und die gesamte Oberschicht in die Gefangenschaft weit
entfernt von der Heimat verschleppt.
Alle waren sich bewusst: Dies ist die geistige Folge, der
Sünden unserer Väter. Und darüber waren diese jungen Leute in Babel so
verzweifelt und sie sagten sich: „Wir müssen eine übel schmeckende Suppe
auslöffeln, die uns andere, die uns unsere Eltern und Großeltern eingebrockt
haben. Was können wir dafür, dass unsere Eltern Schuld auf sich geladen haben
und wir können sie ausbaden.
Damals gab es ein Sprichwort das hieß: die Väter haben saure
Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne stumpf geworden. Was soviel
bedeutet: Die Kinder bekommen schlechte Zähne, wenn die Eltern nicht auf ihre
eigenen Zähne achten.
Liebe Gemeinde,
hinter diesem Sprichwort verbirgt sich eine tiefe Wahrheit.
Jeder Mensch erhält ein Erbe. Sichtbar wie unsichtbar. Und wenn die Eltern im
seelisch – geistlichen Bereich Schulden hatten, dann erbt ein Kind diese
Schulden. Das Leben eines Kindes ist so von vornherein mit einer Hypothek
belastet. Das, was unsere Väter und Mütter – auch im Glaubensleben gesät haben –
das müssen die Kinder ernten. Ob sie wollen oder nicht.
Wurde in einem Elternhaus z.B. ein Ehepartner immer schlecht gemacht, wurde
Misstrauen und Untreue gesät, dann werden auch die Kinder Probleme haben ihrem
Partner zu vertrauen beziehungsweise ihm treu zu sein. War man als Kind sehr
rebellisch, so werden auch die Kinder rebellisch sein, sie erben die Anlage zum
Ungehorsam. Hat man als Kind nur sehr wenig Liebe bekommen, dann wird man später
als Ehepartner, Vater oder Mutter nur sehr wenig Liebe geben können.
Dieses Gesetz von Saat und Ernte gilt auch für ganze Generationen und Völker.
Ich denke, dass die Kriegsgeneration, die versucht hat die traumatischen
Kriegserlebnisse und den Nationalsozialismus zu verdrängen, eine rebellische
Jugend geerntet hat, die jede väterliche Autorität und alle guten moralischen
Grundsätze einfach über Bord geworfen hat. Heute, ernten dadurch wiederum die
Kinder eine Gesellschaft des Egoismus, der Kinderfeindlichkeit und einer Jugend,
die keine Grenzen mehr kennt.
Dies gilt auch für den kirchlichen Bereich: Ich bin z.B. der Ansicht, dass wir
Protestanten in so unendlich viele tausend Denominationen zersplittert sind, und
irgendwie alles anzweifeln, weil während der Reformation weit übers Ziel
hinausgeschossen wurde. Martin Luther, unser geistlicher Vater hat in übelster
Weise anders Glaubende beschimpft. So erbten wir eine gewisse Überheblichkeit
und einen Stolz, der uns immer und immer wieder spaltet.
Ebenso in Gemeinden: Wurde Rebellion gegen einen Pfarrer gesät, so dass z.B. ein
ganzes Presbyterium geschlossen in eine andere Kirche geht, um ihrem Pfarrer
eins auszuwischen, dann werden auch spätere Generationen irgendwie nicht zur
Ruhe kommen und immer ein Misstrauen gegen den Pfarrer ernten – selbst wenn der
alte Streit schon längst vergessen ist.
Und so pflanzt sich die schlechte Saat der Sünde immer wieder weiter fort. Die
Leidtragenden sind dann immer die kommenden Generationen. So wie die junge
Generation der Israeliten nichts dafür konnte, dass sie in Gefangenschaft waren.
Am Ende dieser Spirale nach unten steht dann meistens der Tod. Die Rechnung für
Schuld wird am Ende immer Sterben, Zerstörung, Chaos, Verzweiflung, Krieg und
Streit sein.
Jeder der sündigt und meint, bei ihm und seiner Familie sei das nicht so, der
lügt sich selber an. Jeder, der meint, meine Sünde geht nur mich etwas an,
täuscht sich gewaltig. Seine Kinder und die Gesellschaft haben diese Last mit zu
tragen.
Das ist das Grundgesetz dieser Erde.
Doch glücklicherweise greift Gott ein - es gibt einen Ausweg
aus diesem harten Gesetz. Der Prophet Hesekiel sieht es kommen: „Der Sohn
soll nicht des Vaters Schuld tragen müssen.“
Gott selbst will die Spirale der Schuld durchbrechen, denn er hat keine Freude
am Tod des Gottlosen. Der Fürst des Lebens freut sich am Leben und will allen
Menschen die Chance geben aus dieser Spirale auszubrechen, indem er selbst die
Schulden der vergangenen Generationen bezahlt.
Wie geht das?
Hesekiel schreibt: „Bekehrt Euch, so werdet ihr leben.
Werft alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt von euch und macht euch ein
neues Herzu und einen neuen Geist.“
Bekehrung hat viele verschiedene Facetten. Der grundlegende Schritt heißt
jedoch: Sich zu Gott wenden. Alles zum Kreuz Jesu bringen. Also alles zu der
Bank bringen, bei der das Guthaben liegt, womit man die Generationenschuld
bezahlen kann.
So kann man mit einem Gebet zu Jesus kommen:
„Jesus Christus, ich nehme dich als meinen Retter und
Erlöser an und übergebe dir mein Leben und jegliche schlechte Saat, die in mein
Herz gesät wurde und all das, was ich an Schuld geerbt habe. Ich danke dir, dass
du mir die Möglichkeit gibst, alles schlechte unter deinem Kreuz zu entsorgen.
Danke, dass du eine geistliche Lösung für meine Probleme hast, die weltlich
gesehen unlösbar sind.“
Dieser grundlegenden Hinwendung zu Gott, die immer wieder auch erneuert werden
kann, folgen weitere Schritte der Umkehr:
Einmal: Ich lasse mir einen Blick für das Geerbte und die schlechte Saat geben.
Ich bitte Gott mir zu zeigen, wo überall noch verborgene Schulden liegen, die
ich ihm bringen.
ääääääääää
Das fängt damit an, dass man seine eigene Charaktersünden und das, womit man
belastet ist beim Namen nennt. Ich ge-be zu, dass ich z.B. empfindlich,
misstrauisch, kritisch bin, oft negativ rede. Ich erkenne, dass ich mich oft
minderwer-tig fühle, mich immer vergleichen muss, ein negatives Frau-en, bzw.
Männerbild habe, Bitterkeit und Resignation in mir steckt.
Dann ist Vergebung sehr wichtig: Ich vergebe jenen, die in mich Samen der Schuld
gesät haben.
Es ist sehr wichtig, dass man sich mit seinen Eltern und Großeltern aussöhnt.
Denken Sie nicht nur aus ihrer Sicht. Versuchen Sie sich in die Person ihrer
Eltern oder Großel-tern hineinzuversetzen. Werden Sie sich bewusst, welches Erbe
diese Menschen zu tragen hatten. Und dann sagen Sie einfach „Ja“ zu diesem Erbe.
Sie haben es bekommen so oder so. Aber wenn Sie sich dagegen auflehnen oder
ver-leugnen, dann können sie die Schuld nie aus der Welt räu-men.
Schließlich sollen wir Jesus bitten: Die Schuld und das negative Erbe zu tilgen.
Es ist immer wieder wichtig, dass wir, wenn uns eine Fami-lienschuld bewusst
wird zum Kreuz bringen.
Habe ich erfahren, dass meine Eltern dem Führer einen Eid geleistet haben und
ihm ihr Leben übergeben, dann kann man das ruhig zu Jesus bringen und ihn
bitten, dieses nega-tive Erbe zu tilgen.
Weiß ich, dass in meiner Familie ein Hass gegen die Juden lebt, dann sollte ich
dies auch zum König dieses Volkes bringen.
Waren die Eltern in okkulte Dinge wie Wahrsagerei, Toten-beschwörung, u.s.w.
verwickelt, so kann ich ihn bitten, auch diese Last auf sich zu nehmen und für
die Familie zu tragen.
Hatten die Eltern in Unreinheit, Ehebruch oder Hurerei ge-lebt, so kann ich
Jesus bitten, auch dieses schwere Erbe an-zutreten.
Natürlich auch Jesus bitten: Reiß jede schlechte Saat aus meinem Herzen aus –
meine Streitsucht, meinen Neid, mei-ne Eifersucht, mein negatives Reden, mein
Misstrauen, meine Verhärtung. Jesus, bitte lass jede einzelne Haltung sterben.
Und zuletzt sagt Hesekiel – das gehört auch zur Um-kehr: Macht euch ein neues
Herz und einen neuen Geist.
Wir können das nicht selber machen. Hesekiel selbst sieht es schon herankommen,
dass Gott dies schenken wird. Auch das schenkt uns Gott.
Mit anderen Worten – er tilgt nicht nur unsere geerbte Schuld, sondern er
schenkt uns auch noch ein großes geistli-ches Guthaben, das uns hilft, ohne
Schulden zu machen, weiter zu leben.
Grundlage dafür ist, dass wir uns bitten. Man muss quasi einen mündlichen Antrag
stellen. Ohne diesen Antrag pas-siert nicht viel. Dann ist das Guthaben zwar
dar, aber nie-mand der es beantragt. Insofern kann Hesekiel von neuem Geist und
neuem Herzen sprechen.
Ein Antrag könnte folgendermaßen aussehen:
Jesus, ich bitte dich um ein neue Herz und dass Du mein Herz mit Deinem Geist
füllst. Statt Schuld und giftiger Saat soll deine Liebe in meinem Herzen
regieren. Ich will in al-len Lebensbereichen Dir, Jesus, ähnlich werden. Du,
Jesus, nimmst zu in mir und ich und mein alters Verhalten nehmen ab. Ich
entscheide mich von jetzt an, gute Saat zu säen.
Liebe Gemeinde
So wird Jesus die Abwärtsspirale unserer und unserer Väter Schuld durchbrechen.
Mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben hat er unsere und die Schuld unserer
Väter bezahlt.
Dann leben wir vielleicht noch äußerlich irgendwo in babylonischen
Gefangenschaft. Leben innerhalb der Trüm-mer eine kaputten Familie, Gesellschaft
oder Gemeinde.
Aber diese Trümmer werden uns nicht mehr schaden. Viel-mehr werden sie uns
helfen unser Guthaben auszubauen und zu vermehren. Dann wird gerade in meinem
Leben, in mei-ner Familie, in meiner Gemeinde und Kirche Gottes Güte wachsen und
seine Macht deutlich werden. Dort wird der Segen fließen und das Leben sprießen:
Denn Gott hat kein Gefallen am Tode des gottlosen, son-dern, dass er sich
bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt.
Amen.
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