Evangelische Kirchengemeinde Eupen - Neu Moresnet 

Home Nach oben Gebet Konfirmation Musik Mitarbeiter Predigt Rundfunk Royal Rangers Archiv Inhalt Links

Die Salbung Jesu                                    

   

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 28. März 1999

Liebe Gemeinde

das für heute vorgesehene Thema handelt von der Salbung Jesu in dem kleinen Ort Bethanien bei Jerusalem. Ich möchte mit Ihnen aber zuerst einen kleinen Ausflug ins Alte Testament unternehmen, damit wir etwas davon verstehen, was Salbung überhaupt bedeutet.

Unser erstes Ziel ist die Gegend von Bethel. Ein einsamer, betrübter Mensch macht Rast an diesem verlassenen Ort zwischen Beerscheba und Haran. Der Mann ist zu Fuß unterwegs, mit nur leichtem Gepäck, ohne Zelt, ohne Geld. Das einzige, was er hat ist ein bisschen Proviant und ein Fläschchen mit kostbarem Öl. Das Öl war seine ganze Habe und mit diesem Kapital wäre es dem Mann möglich gewesen an einem fremden Ort sich eine neue Existenz aufbauen zu können.

Jakob heißt der Mann und er ist auf der Flucht, weil er seinen Vater und seinen Bruder betrogen hatte. Er war schuldig geworden, weil er sich den Segen des Vaters ergaunert hatte. Darum konnte er von Gott auch keine Hilfe erwarten.

Draußen wird es dunkel und finster ist es im Herzen dieses Mannes. Kein gutes Gewissen dient ihm als Ruhekissen, sondern ein harter Stein, auf den er seinen Kopf legt. Und da geschieht in dieser Nacht ein Wunder. Der verschlossene und dunkle Himmel öffnet sich, eine Treppe ist zu sehen, auf dem sich Boten Gottes hinauf und hinunter bewegen, als würden sie Jakobs Gebete nach oben tragen und göttlichen Segen herunter bringen.
Am anderen Morgen ist Jakob überwältigt von diesem Traum. Denn er sagte ihm: Gott hat mich nicht verlassen und er steht zu mir, auch wenn ich es nicht verdient habe. Und darum will er Gott in diesem Augenblick alles schenken, was er hat, seine ganze Existenz, seine ganze Liebe. Er nimmt sein Ölfläschchen, bricht es auf und reibt den Stein damit ein, auf dem er schlief. Mit dieser Salbung liefert er sich ganz seinem Herrn aus, der für ihn wie ein Fels in einer unsicheren Welt ist.

Zweite Reisestation einige hundert Jahre später:

Ein Bauernhof in der Nähe von Bethlehem. Der Prophet Samuel hatte von Gott den Auftrag erhalten einen der Söhne Isais zum neuen König über das Volk Gottes zu salben. Dieser neue Mann sollte ganz im Sinne Gottes sein. Einer, der mit ganzem Herzen Gott vertraut und ihm gehorcht, ohne wenn und aber. Samuels Auftrag geschieht im Geheimen, da die Zeit noch nicht reif ist, dass dieser König Gottes seine sichtbare Herrschaft antritt.

Als Samuel den Hirtenjungen David sieht, sagt Gott zu ihm: „Das ist er, salbe ihn!“ Und Samuel nahm das Horn mit dem Öl und goss es vor den Augen der Brüder über Davids Kopf aus. Das Öl dringt in die Haut ein. Und dadurch verbreitet sich ein feiner, herrlicher feierlicher Duft ausgehend von diesem Menschen. Ein Duft, der zum Ausdruck bringt: Dieser Mann ist nach Gottes Geschmack. Der riecht gut. Und sogleich kam der Geist des Herrn über David und verließ ihn von da an nicht mehr. Der Geist, der David Mut und Geschick verlieh, Gottes Volk zu führen.

David war zwar noch nicht offiziell und staatsrechtlich der König Israels. Dennoch war er der verborgene Herrscher. Der langsam aber stetig mit allen Feinden des Volkes Gottes aufräumte.

Nun beenden wir unseren kleinen alttestamentlichen Ausflug und wenden uns unserem heutigen Bibelabschnitt zu. Ich lese aus Mk 14,3-9:

Und als Jesus in Bethanien war im Haus Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt. Es waren aber einige, die konnten das nicht ertragen und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen und das Geld den Armen geben können . Und sie schnaubten sie an. Jesus aber sprach: „Lasst sie und belastet ihr Gewissen nicht!“ Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn überall habt ihr Arme und wenn ihr wollt könnt ihr ihnen gutes tun. Mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis. Wahrlich ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.

Mit der Salbung Jesu ereignen sich die beiden Dinge, die sich in unserem Ausflug ins Alte Testament auch ereignet hatten. Da ist einmal die Frau mit ihrem kostbaren und unverfälschtem Nardenöl. Der Wert dieses Öls wird auf dreihundert Silbergroschen geschätzt. Ein Betrag, der uns nicht viel sagt. Der Wert wird uns vielleicht bewusster, wenn man bedenkt, dass ein Silbergroschen der Lohn für einen ganzen Tag Arbeit ist. Vielleicht haben Sie sich einmal ausgerechnet, wie viel Sie pro Tag verdienen. Multiplizieren sie diesen Betrag mit 300 – dann entspricht dieser Betrag dem Wert dieses Ölflakons. Mit dem Wert dieses Fläschchen könnte eine Familie ein ganzes Jahr lang leben, ohne zu arbeiten. Und diesen Wert zerbricht die Frau und gießt es über Jesus aus.

Stellen sie sich das heute mal vor: Da ist eine Frau, die geht zur Bank und hebt ihr sämtliches erspartes Geld ab, - sagen wir mal: 25.000 Euro. Sie geht damit zu einer Weinfachmesse, wo die teuersten Weine gehandelt werden. Dort ersteigert sie sich mit ihrem ganzen Besitz die teuerste Flasche Wein – sagen wir einmal einen Mis Saint George von Anno dazumal. Damit kommt sie nun voller Freude zu unserem Küster und sagt: „Willy, hier habe ich ein gutes Tröpfchen für das Abendmahl am Ostersonntag. Achte bitte darauf, dass er richtig temperiert ist.“ Ich glaube keiner von uns würde verstehen, worum es dieser Frau geht. Und auch wir würden reagieren wie die anderen Leute, die mit Jesus zu Tisch sitzen: „Was soll diese Verschwendung?“

Ein Gedicht von Erich Fried drückt diesen Gegensatz zwischen der Frau und den Leuten, die zu Tische sitzen zum Ausdruck.

Es ist Unsinn
Sagt die Vernunft. Es ist, was es ist, sagt die Liebe.

Es ist Unglück, sagt die Berechnung.
Es ist nichts als Schmerz, sagt die Angst
Es ist aussichtslos sagt die Einsicht.
Es ist, was es ist, sagt die Liebe.

Es ist lächerlich sagt der Stolz,
es ist leichtsinnig sagt die Vorsicht.
Es ist unmöglich sagt die Erfahrung.
Es ist, was es ist, sagt die Liebe.

Jesus verteidigt diese Frau. Er lässt nicht zu, dass die anderen ihr Gewissen beschweren, sie moralisch fertig machen, oder gar obendrein, ihr das abknöpfen, was ihr eigenster und wertvollster Besitz ist. Und so ist Jesus für die Frau wie ein Felsen, worauf sie Schutz findet. Vielleicht war diese Frau gefangen in Sünden und Abhängigkeiten, in Depression oder Herzeleid gewesen. Gebeugt durch das Wissen – von Gott brauche ich nichts mehr erwarten, weil ich seiner unwürdig bin. Doch Jesus hatte ihr aus ihrer Not geholfen. Er hatte ihr den Himmel wieder geöffnet. Und darum ist Jesus auch der einzige, der ihre ganze Hingabe, ihre ganze Liebe verdient. Sie macht keine Worte, um dies auszudrücken. Schweigend bekennt sie Jesus: Du bist mir das Wichtigste. Dir gehört meine Liebe. Und darum hat bis heute noch alles seine Berechtigung, was schweigend zum Ausdruck bringt, wie wichtig uns Jesus ist. Ein schöner großer Kirchenraum mit Verzierungen, Säulen, bunten Fenstern. Volltönende Glocken und ein hoher Kirchturm mit einem Kreuz darauf. Ein frischer Blumenschmuck und Kerzen am Altar, bis hin zu einer warmen geheizten Kirche und Sitzkissen auf den Bänken. Natürlich auch eine funktionierende Orgel und lebendige und abwechslungsreiche Musik im Gottesdienst. Und eine gepflegte äußere Erscheinung. All das sind Dinge, die teuer sind, aber nur zum Ausdruck bringen, wie wichtig uns unser Gott ist. Jesus wusste bei der Frau – das ist keine Angeberei, kein Protzen, sondern ihre einfach Liebe. Und darum freut er sich darüber und nimmt es dankbar und liebevoll an.

Natürlich bleibt auch der andere Satz bestehen: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan!“ Und Jesus sagt: „Ihr habt immer Arme unter euch und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun!“

Das kluge, sinnvolle Verteilen des Geldes. Da, wo wirklich Mangel herrscht, da wo es wirklich gebraucht wird, da, wo Not ist. Das ist und bleibt Jesu Auftrag für alle Zeiten. Es gilt unseren Reichtum und unser Einkommen zu teilen mit unseren Menschengeschwistern, die hungrig und durstig sind, die nackt sind und kein Dach mehr über dem Kopf haben, die krank und ohne Ausbildung und Einkommen sind. Aber das soll kein Zwang sein. Jesus sagt: „Wenn ihr wollt könnt ihr Gutes Tun!“ Wenn ihr wollt, das heißt doch: „Macht keinen Zwang daraus. Gebt aus freien Stücken. Tut es aus Liebe und nicht, weil ihr meint, man könnte sich den Himmel damit verdienen.“

Da ist zum anderen die Person, die gesalbt wird: Jesus. Jesus ist der Gesalbte – wissen sie, was „der Gesalbte“ auf griechisch und auf hebräisch heißt?

Es heißt auf griechisch: „Christus“ und auf hebräisch: „Messias“.

Beide Titel bezeichnen den König des Volkes Gottes. Der Gesalbte, ist der Mann, der Gottes Willen auf Erden ausführt, der Gottes Plan zum Ziel bringt. Der Gesalbte ist der, der einmal Frieden mit Gott und zwischen den Menschen herstellen wird. Gesalbt, das heißt ausgerüstet mit des Heiligen Geistes Kraft. Mit der Salbung beginnt die Amtseinführung dieses großen Königs. An dieser Stelle beginnt Jesu Antritt als der lang erwartete Retter und König der Menschheit. Und darum heißt es: Wahrlich ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.

Wohl bemerkt es geschieht in dem kleinen Ort Bethanien – abseits der Weltöffentlichkeit. Wohl bemerkt Jesus kommentiert: „Sie hat meinen Leib im voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.“

Und wir wissen, was das bedeutete: Seine Inthronisation führt in die Einsamkeit. Seine Minister und Diener ergreifen die Flucht, statt Applaus erntet er den Ruf: „ans Kreuz mit ihm“ und bissigen Spott, die Krone nicht aus Gold, sondern aus Dornen, sein Thron kein bequemer Sessel, sondern das Kreuz, das Trinken des königlichen Weines aus dem goldenen Becher – ein Schwamm getränkt mit Galle, seine königliche Residenz - das kalte Grab. Die Königssalbung eine Totensalbung. Und dennoch ist es eine Sternstunde der Menschheit. Keine hochgestellte Persönlichkeit, kein Oberhaupt einer Religion, kein vollmächtiger Prophet und auch kein Jünger salbt Jesus und leitet damit die neue Zeit ein. Nein, es ist eine Frau, deren Name hier nicht einmal überliefert ist. Es gefällt Gott, all unsere menschlichen Maßstäbe erst einmal auf den Kopf zu stellen und zu zeigen, was wirklich zählt und was wirklich würdig und adlig in Gottes Reich macht.

Es ist, was es ist – es ist die Liebe.

Amen.

 

Home ] Nach oben ]

Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an: webmaster@ev-Kirche-Eupen-NeuMoresnet.org 
Stand: 04. Juni 2010