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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 7. Februar 1999
Liebe Gemeinde
Was hat man sich unter dem Begriff: Reich Gottes
vorzustellen?
Reich Gottes bedeutet: Gottes Pläne kommen zum Ziel. Dort
verwirklicht sich Gottes Wille. Gottes eingesetzter König regiert innerhalb des
Volkes Israel und über die ganze Menschheit. Es ist ein Reich ohne Tränen, ohne
Hass und Bitterkeit, ohne Krankheit und Schmerz, ohne Tod und Trennung, es ist
ein Reich ohne Ausbeutung und Sklaverei, ohne Eifersucht und Betrug, ohne Raub
und Totschlag. In diesem Reich küssen sich Friede und Gerechtigkeit. Die Bürger
dieses Reiches sind allesamt persönliche Bekannte des Königs und auch
untereinander gut befreundet. Man versteht sich dort ausgezeichnet – alle haben
sich einfach gern und jeder lebt dem anderen zu gefallen. Alles erstrahlt in
herrlicher Schönheit und Pracht – keine Tätigkeit wird von Frust begleitet.
Jeder Werbefilm, der solch ein Paradies nachzuzeichnen versucht ist nur ein
dunkler Abklatsch dessen. Nach diesem Reich, nach dieser heilen Welt sehnen sich
im Grunde alle Menschen, denn ein Mensch ist darauf angelegt in der Gemeinschaft
mit Gott zu leben.
Auf welche Art und Weise kommt dieses Reich, auf das wir hoffen?
Davon redet Jesus in dem heutigen Predigttext. Ich lese aus Mk 4, 26-29:
Und Jesus sagte: So steht es mit dem Gottesreich: Wie wenn
ein Mann den Samen aufs Erdreich streut
und sich dann schlafen legt und wieder aufsteht, Tag für Tag und Nacht für
Nacht. Und wenn der Same keimt und wächst – wie, das weiß er selbst nicht! Ganz
von allein bringt die Erde Frucht: zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das
volle Korn in der Ähre. Doch sobald es Frucht zulässt, schickt er die Sichel,
denn die Ernte ist gekommen.
An diesem Gleichnis kann man drei Dinge über das Reich Gottes sagen, wie es
kommen wird:
1. Dieses Reich kommt
unmerklich, leise, geradezu unsichtbar
2. Dieses Reich kommt, wie durch ein Wunder – Menschen können es nicht
herstellen.
3. Dieses Reich kommt unaufhaltsam – Menschen können es nicht stoppen.
Zum ersten Punkt: Jesu Reich
kommt unmerklich, fast unsichtbar:
Wer mit wachen Augen das Geschehen in der Welt beobachtet, kann nur sagen:
Von Gottes Reich sieht man nichts. Man sieht nichts, wenn man in unsere
Gesellschaft blickt: Die 10 Gebote werden immer weniger respektiert. Schon
die Kinder erzählen mir in der Schule voller Stolz von ihren Videospielen,
in denen sie spielerisch per Knopfdruck töten und rauben lernen.
Man sieht nichts von Gottes Reich, wenn man in die Weltpolitik schaut: In
den südlichen Ländern ist ein radikaler Islam immer mehr im Vormarsch.
Langsam scheint der Funke auch zu uns überzuspringen. Durchschnittlich
entstehen in Deutschland pro Jahr ca. 50 neue Moscheen. Also jede Woche wird
eine eingeweiht. Dazu muss man sagen: Der Islam ist geimpft gegen den
christlichen Glauben. Blickt man in die Zukunft, so scheint es menschlich
gesehen realistischer, dass sich eher Mohammed als Jesus durchsetzen wird.
Man sieht nichts von Gottes Reich, wenn man in die Kirche blickt – nur ein
kleines Beispiel, das ich diese Woche las: Da sitzt Antoine Izmery, ein
angesehener Bürgerrechtler und Geschäftsmann aus Haiti in Port au Prince in
einer katholischen Messe. Unter dem Schutz der dortigen Polizei, und vor den
Augen einer UNO Beobachtermission wird er aus dem Gottesdienst herausgezerrt
und vor der Kirche erschossen.
Das ist schlimm: Doch schlimmer ist, dass kein Bischof, keiner der so
genannten Hirten des Reiches Gottes auf Erden, auch kein Stellvertreter
Christi in Rom dieses Verbrechen. öffentlich verurteilt. Also – selbst unter
den Verantwortlichen der Kirche, ist wenig von der Verwirklichung von Gottes
Reich zu erkennen.
Und ich sehe nichts von Gottes Reich, wenn ich in mein eigenes Leben schaue:
Vielleicht haben wir einmal mit feurigem Herzen „Ja“ zu Jesus gesagt. „Ja“ –
komm und bestimme über mein Leben. Beginne dein Reich auch mit mir!“ Aber –
ich gestehe - so geht es mir zuweilen, sind mir 10 Minuten länger im Bett zu
dösen wichtiger als die Stille Zeit und ein Gespräch mit Jesus.
Die Welt, die Gesellschaft, die Kirche, mein Leben ist wirklich vergleichbar
mit einem umgepflügten Acker. Alles geht drunter und drüber. Steine, Mist,
Dreck, Dornen und Disteln liegen im wilden Durcheinander herum. Dazwischen
sind kleine, unscheinbare Samen gestreut, die man kaum mit dem menschlichen
Auge erkennen kann.
Blicken wir umher, so ist von Gottes Reich, von seinem Wirken so gut wie
nichts zu entdecken.
2. Und dennoch, obwohl man so
gut wie nichts erkennen kann, wächst Gottes Reich wie durch ein Wunder.
Unser Reformator Martin Luther war von dieser Tatsache überwältigt. Er sagte
einmal in einer Predigt: „Ich habe nur Gottes Wort getrieben, gepredigt und
geschrieben. Sonst habe ich nichts getan. Da hat aber das Wort Gottes, als
ich geschlafen habe, als ich wittembergisch Bier mit meinem Philipp Melchton
[...] getrunken habe, soviel getan, dass das Papsttum so schwach geworden
ist. Kein Fürst und kein Kaiser haben jemals so viel daran gerüttelt. Ich
hab nichts getan, das Wort hat alles bewirkt und ausgerichtet.“
Immer sind wir Christen versucht mit eigener Kraft, nach unserer Vorstellung
das Reich Gottes selbst zu errichten, weil wir von Gottes Wirken so wenig
sehen. Wir üben Druck aus und ekeln Mitmenschen aus der Gemeinde, weil sie
in unsere Vorstellungen nicht passen und heucheln einander etwas vor, was
gar nicht echt ist. Das gibt dann meist großen Streit und böses Blut.
Luther sagt dazu: „Was meint ihr wohl, was der Teufel denkt, wenn man
[Gottes] Sache mit Gewalt ausrichten will? Er sitzt hinten in der Hölle und
denkt: „Oh, welch feines Lustspiel bereiten mir nun diese Narren. – Doch,
wenn wir allein Gottes Wort wirken lassen, dann geschieht dem Teufel Leid.
Denn Gottes Wort ist allmächtig, das nimmt die Herzen gefangen,“ und dann
zerfällt die Macht des Teufels.
Man stelle sich einmal einen Bauer vor, der selbst die Ähren herstellen
will. Er trampelt über den Acker und zertritt die jungen zarten Pflänzchen.
Dann zupft er an einigen Sprösslingen und reißt dabei die Wurzeln heraus und
zerknickt die Sprossen. Geht dieser Landwirt dann übers Feld, wenn die Ähren
schon hoch stehen und sucht nach Frucht, dann entdeckt er nur ungenießbare,
grüne Körner, die nach seinem Eingriff zerstört sind. Jeder würde solch
einen Gärtner als dumm bezeichnen, denn er kann ganz wenig Einfluss auf das
Wachstum ausüben. Den aller größten Teil wirken Sonne, Wind, Regen und Erde
und die Kraft des Samens.
Lasst auch uns alle auf diese Kraft Gottes vertrauen und hoffen. Wir
ersparen uns dann viele unnötigen Enttäuschungen, viel Ärger und
Verzweiflung.
[Nebenbei bemerkt: Aufgrund dieses Grundgesetzes des Reiches Gottes, dürfen
wir getrost auch kleine Kinder taufen. Denn wir vertrauen nicht auf unsere
menschlichen Möglichkeiten, sondern der Kraft des Heiligen Geistes.]
Und zuletzt: Gottes Reich kommt
unaufhaltsam – Menschen können es nicht stoppen.
-
- Vorhin sagte ich: Es ist wahrscheinlicher, dass sich eher Mohammed als
Jesus durchsetzen wird. Aber blickt man zurück in die Geschichte, dann kann
man eine merkwürdige Entdeckung machen. Immer, wenn dem Christentum
vorhergesagt wurde, dass es bald untergeht kam ein neuer Wachstumsschub –
und es schien, dass gerade die Zeiten der Bedrängnis, Zeiten der Blüte
waren, in denen, die Kirche innerlich am stärksten war.
Napoleon, der mit dem Reich Christi, welches ihm unvernünftig schien zu
Lebzeiten aufräumen wollte, vor dem alle Welt zitterte, schreibt am Ende
seines Lebens:
„Ich selbst habe Massen zu begeistern vermocht, die für mich in den Tod
gingen. Aber doch war meine Gegenwart nötig, der elektrische Funke meines
Blicks, meine Stimme. Sicherlich besitze ich das Geheimnis jener magischen
Kraft, welche die Menschen hinreißt, aber ich kann es auf keinen anderen
übertragen, keinem meiner Generale habe ich es mitteilen können. Auch
besitze ich nicht das Geheimnis, meinen Namen und die Liebe zu mir in den
Menschen zu verewigen, um dort Wunder zu schaffen. Im Grunde werde ich
vergessen und der Name eines Eroberers bleibt das Thema für eine
Schularbeit.
Welche Kluft zwischen meinem Elend und dem ewigen Reich Christi, der
geliebt, angebetet und gepredigt wird in der ganzen Welt.
-
- Ja, dieser Mann hat erkannt, Jesus Reich ist nicht zu stoppen.
Gottes Reich wird kommen, unmerklich, ohne unsere Kraftanstrengung,
unaufhaltsam, bis die Ernte, das Ende der Welt da sein wird.
Und ich bin gewiss, wir alle werden über die große Ernte einmal staunen.
Aber sollen wir nun, bis dahin die Hände in den Schoß legen?
Ich meine nein!
Denn wir gehören ja zu der wachsenden Saat.
Darum ist es unsere Aufgabe, uns von Gott einbauen zu lassen in sein Reich.
Jedem Christ, der zum Glauben kommt schenkt der Heilige Geist Begabungen in
die Wiege, mit denen er seiner Gemeinde und seinem Nächsten dienen soll.
Wollen wir uns also in Gottes Ernte einbringen lassen, dann haben wir nach
unseren Gaben zu fragen und den Aufgaben, die damit verbunden sind.
Denn jeder Christ ist eine kleine Pflanze im Reich Gottes, deren Ziel es
ist, Frucht zu bringen.
Es steht außer Frage:
Gottes Reich kommt ohne Zutun.
Doch wir bitten regelmäßig:
Dein Reich komme, es komme in mein Leben, in meine Gemeinde.
Erhört Gott diese Bitte, dann wird er uns zum Bau seines Reiches gebrauchen.
Amen.
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