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Ratschläge und Anweisungen                                    

   

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 1. September 2002

Liebe Gemeinde

Der Apostel Paulus erklärt in seinen Briefen mit vielen tiefsinnigen Worten und theologischen Gedankengängen, was Jesus Christus für uns getan hat und buchstabiert in allen Variation das Evangelium.
Meist gegen Ende des Briefes nimmt er dann die Leser in die Verantwortung. Dann schreibt er, in loser Reihenfolge Empfehlungen, wie ein Christ sich zu verhalten hat. Solch ein Sammlung von guten Ratschlägen und Anweisungen sind heute an der Reihe. Ich lese aus 1. Thes 5,12-24:

Wir bitten euch aber, liebe Brüder, erkennt an, die an euch arbeiten und euch vorstehen in dem Herrn und euch ermahnen. Habt sie um so lieber um ihres Werkes willen. Haltet Frieden untereinander.

Wir ermahnen euch aber, liebe Brüder: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen und seid geduldig gegen jedermann. Seht zu dass keiner dem anderen Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann. Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch.

Den Geist dämpft nicht. Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles, und das Gute behaltet. Meidet das Böse in jeder Gestalt. Er aber der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus. Treu ist er, der euch ruft, er wird es auch tun.

Zunächst bittet Paulus seine Leser. Eine Bitte ist keine Forderung. Jeder kann praktisch noch frei darüber entscheiden, ob er die Bitte erfüllt oder nicht. Aber schöner wäre es trotzdem, wenn die Gemeinde auf die Bitte eingeht. Er bittet sie, ihre Gemeindeleitung anzuerkennen.. Eine Gemeinde wird praktisch zur Gemeinde, wenn sie einen Vorstand hat. Diejenigen, die vorstehen, das sind Leute, die vorne in der ersten Linie stehen und die Entscheidungen zu treffen haben und verantwortlich dafür sind, was in der Gemeinde gelehrt wird. Sie stehen auf gewisse Weise vor der Gemeinde, weil sie gegenüber Gott verantwortlich sind. Darum sind Sie Gott für ihren Dienst Rechenschaft schuldig. Die Gemeinde hat darum nicht die Aufgabe über ihre Gemeindeleitung zu richten. Sie soll gemäß dem Thessalonicherbrief ihre Leitung akzeptieren. Geschieht dies in einem guten Geist, sind die Leiter treue Hirten, dann verläuft das Leben friedlicher. Es gibt weniger Machtkämpfe, weniger Rebellion. Und das ist dann ganz schön. Auch wenn sie mal mahnen und unbequem sind, soll man sie um so lieber haben. Wie gesagt – das ist eine Bitte des Apostels.

Des weiteren ermahnt er sie. Bei einer Bitte, hat man ja immer noch die Freiheit „nein“ zu sagen. Eine Mahnung dagegen wagt man nicht so schnell zu übersehen. Das nächste sollen wir uns also noch stärker zu Herzen nehmen.

Wir ermahnen euch aber, liebe Brüder: Weist die Unordentlichen zurecht, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen und seid geduldig gegen jedermann. Seht zu dass keiner dem anderen Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach untereinander und gegen jedermann. Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch.

Weist die Unordentlichen zurecht: Unordentliche, damit sind nicht Konfirmanden gemeint, die vor der Kirche vergessen haben, ihr Zimmer aufzuräumen. Mit Unordentlichen sind diejenigen gemeint, die vergessen ihre Pflicht zu tun. Damals meinten viele, dass Jesus in den nächsten paar Wochen wiederkommen müsste und darum arbeiteten viele nicht mehr und taten gar nichts mehr. Solche Leute mussten und müssen auf ihre Pflicht hingewiesen werden. Auch heute sollte jeder sich fragen: Was ist meine Aufgabe. Wenn Jesus heute wiederkommt, stehe ich dann noch im Dienst meiner Aufgabe, oder habe ich es schleifen lassen.

Tröstet die Kleinmütigen: Kleinmütigen, das sind Menschen, denen der lange Atem ausgegangen ist, die keinen Mut und keine Zuversicht mehr haben. Eine Gemeinde soll diesen Leuten Trost und neuen Mut zu sprechen. Solche Leute sollten besucht werden, man sollte ihnen Gelegenheit geben zu weinen, zu erzählen und dann kann ihnen durch gute Worte – weniger durch Moralpredigten – wieder etwas Mut zugesprochen werden.

Tragt die Schwachen: Paulus führt nicht aus, welche Art von Schwachheit gemeint ist. Ist da eine körperliche Hinfälligkeit gemeint, oder sind diejenigen gemeint, die nicht so große Glaubenshelden sind und nur sehr zaghafte Schritt gehen. Ich glaube, dass jede Art von Schwachheit gemeint ist. Denn Paulus fügt hinzu: Seid geduldig gegen jedermann. Und Geduld braucht man für den einen wie für den anderen.

Geduldig gegen jedermann: Jeder von uns hat seine Vorstellungen, wie ein Mensch, ein Christ, eine Gemeinde, ein Pfarrer, ein Lehrer, ein Vater sich verhalten soll. Meist verhalten sich die Leute aber anders. Dann platzt einem schon mal der Kragen und es kommt zum Streit. Geduld aber heißt: Dranbleiben, auch wenn man wenig Aussichten auf Erfolg hat.

Schön ist es hier zu sehen, dass wir keine Gemeinde der Perfekten zu sein brauchen. Wie haben immer schwache unter uns, immer einer ist mal verzagt, immer muss man wieder mal geduld mit jemandem haben. Eine Gemeinde im Sinne des Herrn geht christlich mit diesen Menschen um. Eine vollkommene Gemeinde ist eine Gemeinde, in der trotz Menschelei, trotz Schwäche die Liebe Jesu spürbar ist. Und liebe Schwestern und Brüdern – ich schimpfe schon mal von der Kanzel herunter – aber ich für meinen Teil durfte hier schon viel Liebe spüren und ich hoffe, dass das auch so bleibt.

Seht zu – Paulus hebt nun den Zeigefinger und sagt: Jetzt passt aber genau auf! Dass keiner dem anderen Böses mit Bösem vergelte – Liebe Gemeinde, bei Kindern sieht man das ganz deutlich. Wenn einer von den Kindern den Eindruck hat, ihm sei Unrecht widerfahren, dann meint es, es sei im Recht nun dem anderen wieder etwas Böses anzutun. Bei unseren Kindern geht das ganz schnell. Zack und schon haben sich zwei in der Wolle und das Geschrei geht los. Wenn ich dann den Übeltäter zur Rede stelle, dann sagt er: Der andere aber hat angefangen.

Das machen leider aber auch Erwachsene. Wenn mir jemand Unrecht tut, dann setzt mich das noch lange nicht ins Recht, anderen Unrecht zu tun. Dieses Vergeltungsdenken ist eine heimtückische Falle, in die wir immer wieder tappen. Diese Falle ist wie ein Netz, das uns immer mehr in Schuld verstrickt. Darum müssen gerade, wenn uns Unrecht getan wurde, wir auf der Hut sein nicht sofort zurückzuschlagen. Vielmehr sollen wir auf der Jagd sein. Denn es heißt: Jagd dem Guten nach. Das Gute ist keine zahmes Haustier, das mir wie ein Hund entgegengelaufen kommt, wenn ich nach Hause kommen. Das Gute unter uns Menschen ist scheu wie ein Reh und läuft sehr schnell weg. Wenn ich es erjagen will, dann muss ich ganz still werden und wie ein guter Jäger lauschen, wo es sich denn befindet, ich muss mit meiner ganzen Aufmerksamkeit und meiner ganzen Kraft hinterher jagen, sonst entwischt es wieder. Liebe Gemeinde, wir müssen Jäger werden – und nach dem Guten und dem Frieden jagen, der unter uns Menschen so schnell davonhuscht wie ein wildes Reh.

Weist zurecht, tröstet, tragt, seid geduldig, vergebt – Paulus verlangt ganz schön viel von uns.

Aber es geht noch weiter: Seid allezeit fröhlich: Fröhlich ist man in der Regel doch nur, wenn das Wetter schön ist, man sich gerade mit allen gut versteht, auf dem Konto ein gutes Plus steht, die Zukunft rosig aussieht und man vor Gesundheit strotzt. Also ein Zustand, der sehr anfällig ist und nie lange andauert. Ich glaube nicht, dass mit dieser Ermahnung ein Gefühlsrausch, den man bei einem Lottogewinn hat, gemeint ist, sondern eine positive freudige Grundhaltung. Eine gewisse Heiterkeit, weil ich gewiss bin, dass weder Tod noch Leben, weder Trübsal oder Angst, oder Verfolgung, oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert mich trennen kann von der Liebe Jesu. Diese geistliche Freude kann man auch nicht machen. Wer das versucht, der wirkt ziemlich verkrampft und die Leute merken sehr schnell, dass dies eine aufgesetzte Maske ist. Wenn man diese Fröhlichkeit nicht hat, dann muss man darum bitten. Ich glaube, sie kann nur geschenkt werden. Es ist übrigens interessant - Bruder Grass war schon häufig in Afrika tätig und was ihn dort am meisten beeindruckte, das war die unbändig große Freude der Christen dort. Sie seien wirklich bettelarm, aber sie besitzen praktisch nur das eigene Leben, aber nirgendwo hat er solch eine strahlende Freude erlebt, wie unter ihnen. So etwas kann nur der Geist Gottes wirken.

Betet ohne unterlass: In manchen Klöstern wird dies wörtlich genommen und man hat Gebetsschichten eingeteilt, dass rund um die Uhr einer oder zwei Mönche immer beten. Ich verstehe das Beten ohne Unterlass viel mehr so, dass man ständig in Verbindung mit Gott bleiben soll. Bei all seinen Entscheidungen, bei allem was man tut, Gott als stiller Begleiter mit einbeziehen.

Seid dankbar in allen Dingen, denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch. Gott will, dass alle Dinge – auch wenn es noch so faustdick kommt und die Umstände noch so widrig sind uns zum Besten dienen. Oft kann man das im Nachhinein klar erkennen, wie Gott Dinge zum Guten führt. Corrie ten Boom, die für ihre Überzeugung ins Konzentrationslager musste, ärgerte sich schrecklich über die Läuse dort und sie fragte Gott, warum er solche Tiere wie die Läuse erschaffen hat. Bald hatte sie die Antwort: Die Läuse schützten die Frauen vor den Übergriffen der Wachmannschaften. Durch die Läuse wurden sie nicht berührt. Corrie dankte dann für die Läuse. So sollen wir für Gutes wie Schweres Gott danken. Das ist ein Ziel unserer Heiligung.

Weiter empfiehlt Paulus: Den Geist dämpft nicht. Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles, und das Gute behaltet. Der Heilige Geist weht wo und wie er will. Es liegt nicht in unserer Hand, wie er wirkt, was er sagt – wir sind praktisch nur seine Empfänger. Nur eines tut der Heilige Geist, der Geist Gottes nie. Er zwängt nicht seinen Willen auf. Er klopft an und wenn man ihn einlässt, dann kommt er und wirkt. Er zieht sich aber auch zurück, wenn man ihm keinen Raum mehr gibt. Wenn man lieber selber alle Fäden in der Hand behalten will, oder er zieht sich auch zurück, wenn ein Christ an seiner Sünde festhält. Darum sollen wir auch nicht die Prophetische Rede verachten. Es gibt nämlich Menschen, die haben eine sehr feine Antenne für das Reden des Heiligen Geistes. Manchmal ist das, was sie sagen nicht immer schmeichelhaft und angenehm. Das ist oft der eigentliche Grund, warum in unseren Gemeinden die prophetische Rede vernachlässigt wird. Man will im Grunde gar nicht wissen, was Gott sagt, denn das passt nicht immer in meinen Kram. Natürlich ist uns bewusst, dass es gefährlich ist, wenn jemand im Namen Gottes redet. Er kann nämlich seinen menschlichen Willen seinen Mitchristen dadurch aufzwängen. Es wurde mit prophetischer Rede viel Missbrauch getrieben – aber auch mit der Bibelauslegung und der Predigt und trotzdem gibt man das Gute nicht auf. Es wird auch nicht gesagt, man soll jede Prophetie einfach so übernehmen, sondern man soll sie prüfen. Jede Gemeinde, jeder Christ hat das Recht und die Pflicht jede prophetische Rede und auch jede andere Geistesgabe zu prüfen. Was der Prüfung standhält, das ist gut, das kann man behalten. Das Negative ist nicht der Rede wert.

Liebe Gemeinde, ich hoffe, ich Paulus hat uns nicht entmutigt. Für alle, die nun sagen: Das schaffe ich nie. Sei hier gesagt: Menschlich gesehen ist das auch nicht zu schaffen. Wir brauchen Gottes Segen. Und Paulus schreibt auch: Treu ist er, der euch ruft. Er beruft uns, so zu handeln und zu denken – und ER wird es auch tun. Ich schlage darum vor: Lesen Sie sich in aller Ruhe noch einmal den Abschnitt zuhause durch. Überlegen Sie, welches sie am nötigsten haben und bitten Sie Gott darum, dass er es Ihnen schenkt.

Ich will die Predigt nun damit schließen, indem ich Gottes Segen für unsere Heiligung zuspreche:

ER aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.

Amen.

 

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Stand: 04. Juni 2010