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Predigt von Pfarrer Urs Höner am 21. März 1948, KonfirmationPredigt über Matthäus 16, 24-26 gehalten an der Konfirmationsfeier 1948 in der Kirche zu Eupen. "Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's finden. Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, damit er seine Seele löse?" Liebe Konfirmandinnen, liebe Gemeinde! Gott ruft uns in seinen Dienst! Sind wir bereit dazu? Das ist zunächst die Frage, die heute an uns selbst und an die Jugend gestellt ist. Tausende von jungen Menschen stehen vor Gott, um diese Frage zu bejahen, hunderttausende haben sie in früheren Jahren im selben Sinne beantwortet. Wir gehören alle zu ihnen. Wir alle haben einmal "ja" gesagt. "Ja" auch zu diesem Wort Christi, das wir eben gelesen haben. Es ist ein schwerwiegendes Wort. Fast wird uns ein wenig Angst dabei, wenn wir daran denken, welche Folgen dies Wort für unser Leben und dasjenige unserer Kinder haben kann und wenn wir daran denken, wie wenig wir bis jetzt dem Worte nachgelebt haben. Christus nachfolgen, sich selbst verleugnen, das Kreuz auf sich nehmen, das Leben verlieren! Es wird viel von uns erwartet. Und sind wir immer bereit, es zu geben? Wir haben uns daran gewöhnt, Christen zu heißen. Man redet vom Christentum und denkt dabei an jene christliche Kirche, die tauft, konfirmiert, traut und beerdigt in würdigen Formen, gut bürgerlich und ohne Anstoß zu erregen. Die Geburt, der Eintritt in das mündige Alter, die Liebe, der Tod erhalten so ihr christliches Ornament, ohne welches wir es ungern machen würden. Oberflächlich, wie wir gerne sind, denken wir selten über den tiefen Sinn der christlichen Botschaft nach und lassen es uns an der Tatsache genügen, dass es noch eine Kirche gibt, in welcher eine kleine Zahl von Menschen ernsthaft versuchen, Christus nachzufolgen, eine Kirche, die tauft, traut und beerdigt und damit den immerhin tröstlichen Beweis liefert, es für alle gleichsam jenen unantastbaren Schmuck gibt, der uns in den immer noch begehrten Stand eines Christenmenschen setzt. So gehen wir heute mit einer Oberflächlichkeit ohnegleichen über die tiefsten und schönsten christlichen Wahrheiten hinweg und ob wir auch die kirchlichen Bräuche innehalten, spüren wir nicht, wie weit entfernt wir von der eigentlichen Botschaft der Kirche sind und wie wenig wir der Aufgabe genügen, die der Herr dieser Kirche uns stellt. Nun sind wir im Begriff trotzdem zu konfirmieren und die Frage, die wir anfangs gestellt haben: Sind wir bereit, uns in den Dienst Gottes zu stellen und treu zu sein dem Worte Christi, fällt doppelt ins Gewicht. Doppelt sage ich nicht nur, weil wir heute besonders stark fühlen, wie schwer es ist, das Gelübde zu halten, sondern deshalb weil die heutige Zeit tatsächlich uns nicht mehr erlaubt, oberflächlich "Ja" zu sagen und tatsächlich nicht erlaubt, nur um der christlichen Sitte willen, junge Menschen zu solch einem Gelübde zu führen. Wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Alle Werte, alle Tugenden, alle Wahrheiten sind angezweifelt. Man kann ohne zu übertreiben sagen, dass die Christenheit Europas noch nie eine solche Krise durchzustehen hatte. (Der Anfang dieser Krise liegt allerdings weit zurück.) Und das ist ebenfalls gewiss, dass ein bürgerliches, alltägliches Christentum, diese Krise nicht überstehen wird. Wir lachen heute nicht mehr über jene Philosophen, wie z.B. Friedrich Nietzsche und wenn jener einmal gesagt hat, alles sei faul: die Gesellschaftsordnung, die Schule, die Kirche, die Christenheit und man gelächelt hatte, so schlagen wir uns heute an die Brust und erkennen angesichts der Worte Christi, dass es so kommen musste, weil wir zu wenig nachgefolgt, zu wenig uns verleugnet, zu wenig Opfer getragen und unser eigenes Leben zu sehr geliebt haben. Wir finden nicht viele Menschen, die gewillt sind, um Christi willen, Opfer zu tragen und suchen vergeblich eine gläubige Jugend, die das Erbe gläubiger Eltern bewusst und nicht nur oberflächlich zu übernehmen gewillt ist. Freilich mussten die Menschen in den vergangenen Jahren viele Opfer bringen, allein, es waren dies keine freiwilligen Opfer, vielmehr die unfreiwilligem Opfer fremder und eigener Sünde, mit denen wir uns nicht brüsten können. Bekennen wir es: Es ist schlecht bestellt um unsere Christenheit, schlecht bestellt mit unserem persönlichen "Christentum"! Dies eine möchte ich wünschen, dass wir alle den Ernst der Situation erkennen und das Gebot hören, das Opfer auf uns zu nehmen, dort, wo es auf uns wartet. Denn wenn heute wiederum junge Menschen konfirmiert werden, dann geht es wahrhaftig auch um die älteren Jahrgänge, um uns alle. Wir können nicht von den jungen Menschen, die heute konfirmiert werden, die Rettung der christlichen Kirche erwarten, oder meinen, dass sie es seien, die nun durchzuhalten hätten. Wir können auch nicht die Hände in den Schoss legen und meinen, damit, dass wir unsere Kinder konfirmieren lassen, genügten wir unserer Pflicht. Die Verantwortung liegt auf uns, wie auf ihnen. Auch wir haben uns noch zu bewähren, denn die Zeit, die auf unsere Jugend wartet, wird hart sein. Hart durch die Klarheit und Eindeutigkeit, in der in christlichem Verantwortungsbewusstsein die nächsten Entscheidungen fallen müssen. Darin besteht dann auch die Nachfolge Christi, dass wir nicht fliehen vor dieser Erkenntnis. Nicht irgendwelchen andern dürfen wir es überlassen, den christlichen Glauben hochzuhalten und das Licht weiter zu tragen, das uns in Jesus Christus leuchtet durch die Finsternis. Und wenn die ganze Welt lachen würde über uns, wenn wir hundertmal übervorteilt würden, wenn Leiden und Qualen auf uns warteten, jetzt dürfen wir nicht weglaufen vor dem ewigen Gott und nicht weglaufen vor Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, jetzt ist die Zeit der Bewährung! Liebe Freunde, ist das nun eine Konfirmationspredigt, haben wir das jetzt am heutigen Festtage nötig? Nun, wir könnten es leichter machen. Wir könnten von der schönen Jugend reden, die sich nun langsam für die Konfirmandinnen dem Ende zuneigt, wir könnten ein paar schöne Sprüche machen und gemütlich um die Klippe herumsteuern, die uns zur Besinnung ruft. Wir könnten dann in aller Ruhe unser christliches Leben mit einem weiteren Schmuckstück ausstatten und wenn's gut geht, uns nach einem kurzen Gebet für die jungen Christen auf's Ohr legen. Das geht aber heute nicht. Das "Ja" der jungen Menschen erinnert uns an das eigene "Ja" und aus unserem Textwort hören wir, was es bedeutet und um was es geht." Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an seiner Seele? Um nichts geringeres geht es als um die menschliche Seele und damit um den Menschen überhaupt, der heute in Gefahr ist, auf die Stufe eines Tieres herabzusinken. Habt Ihr gemerkt wie wenig ein Menschenleben heute noch wert ist? Wenn nur die Wirtschaft läuft, wenn man nur die Preise halten kann! Millionen verhungern buchstäblich und wir drehen uns kaum mehr um. In weiten Gebieten Europas ist die Menschheit zu einer Masse geworden, in der das Einzelwesen, ob gut oder schlecht, nicht mehr zählt? Was gilt heute noch eine menschliche Seele, wie dumm steht man da mit einem "guten Herzen!" Das Zeitalter des brutalsten Materialismus ist angebrochen, wir alle sind erfasst von der gewaltigen Wirtschaftsmaschine, die keine Rücksicht nehmen kann auf geistige Werte und die einem zwingt, für die rein äußerliche Selbsterhaltung mit ganzem Einsatz zu kämpfen. Was gilt in diesem gigantischen Kampf noch eine Seele? Man kann wohl von ihr reden, aber nicht mit ihr rechnen. Und doch gilt diese eine Seele samt ihrem Leib bei Gott so viel, dass Er seinen einzigen Sohn dahingegeben hat. Die ganze Welt, der ganze Reichtum der Welt vermag den Wert einer menschlichen Seele nicht aufzuwiegen. Halten wir daran fest, dass Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, und der dem ersten Menschen eine lebendige Seele gab, diese Seele erhalten will. Halten wir fest, dass Gott will, dass diese Seele lebe und dass sie ihren Wert nicht verliere auch nicht in finsteren Zeiten, auch nicht in Katastrophen, auch nicht in wirtschaftlichen Krisen. Halten wir fest, dass Gott Seinen Sohn geopfert hat, um diese Seele zu retten, um den Menschen aus Verirrung und Sünde, aus Oberflächlichkeit und Einbildung, aus eitlem Stolz und bitterem Elend, aus Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit herauszuführen. Und endlich halten wir fest daran, dass um Christi willen, der menschlichen Seele ewiges Leben geschenkt sein soll! Dann werden wir leicht einsehen, dass der Wert des menschlichen Lebens von Gott und von Jesus Christus abhängt und werden erkennen, warum heute das Gebot, Opfer zu bringen in der Nachfolge des Herrn an erster Stelle steht.
So müssen wir denn heute ernst machen mit unserem eigenen "Ja",
das wir einst abgegeben haben und so müssen auch die Konfirmandinnen
ernst machen mit ihrem "Ja", das sie heute ablegen werden. Praktisch
bedeutet das, dass wir nicht einfach nach Reichtum streben und nach
materiellem Wohlergehen, sondern zuerst das tun, was Gott und Seinem Willen
dient. Wir werden uns bereit halten, an jenem Ort, wo Gott uns hinstellt,
Opfer zu bringen, dem, der uns zuerst geliebt hat und "der unser Leben
vom Verderben errettet". Wir werden dann
auch nicht irgend einer politischen Partei zustimmen, die alle geistigen
Werte leugnet, die nur materielle Zwecke verfolgt und die im
Menschen nichts als ein höher entwickeltes Tier sieht. Und wir werden bereit sein, das Kreuz auf uns zu nehmen in der Nachfolge des
Herrn, der am Anfang und am Ende unseres Lebens steht als Schöpfer Es wird Kraft und Opfer brauchen, wir werden spüren und erkennen, dass die Nachfolge Christi, äußerlich betrachtet, keine leichte Sache ist und dass ihr unser bürgerliches Christentum jedenfalls nicht genügen wird. Aber wir werden auch immer wieder spüren, dass die Nachfolge und die Treue mit der frohen Botschaft zusammenhängen, dass Gott die Menschen liebt. Dadurch ist unser Leben sinnvoll und darf eine Schönheit ausstrahlen, wie sie keiner andern Kreatur gegeben ist. Gott kommt auf Erden und gibt uns Anteil an Seiner Herrlichkeit, da bekommt unser Leben einen solchen Wert, dass alle Opfer, die wir zu bringen haben in Seiner Nachfolge uns leicht werden. Müssten wir heute nicht zweifeln an den Menschen und uns ängstigen um die Zukunft unserer Jugend? Wir brauchen nicht zu zerbrechen. Das Gebot der Stunde mag hart sein, aber Gott ist mit uns, wer kann wider uns sein? Das darf uns mit Mut und Zuversicht erfüllen, heute, da wir mit den Konfirmandinnen "Ja" sagen wollen zum dreieinigen Gott. Amen. |
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