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mit Christus gestorben                                    

   

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 2. Februar 2003

Liebe Gemeinde,

wenn ich heute ihnen bekannt geben würde, dass ich in absehbarer Zeit nach Brüssel reisen würde und dass ich dort viel leiden müsse, dann würden sie vielleicht innerlich mit dem Kopf schütteln. Wenn ich aber noch dazufügen würde, dass dort mich die Minister und Abgeordneten des Senats, dazu noch die Kirchenleitung der Synode und die Professoren der theologischen Fakultät verwerfen würden, dann würden sie vielleicht denken, jetzt ist er größenwahnsinnig geworden. Und wenn ich dann noch mit einer Prophezeiung schließen würde, dass mich dort auch ein gewaltsamer Tod erwarte, dann würden die Presbyter mir wahrscheinlich wärmstens ein paar Wochen Urlaub empfehlen, damit ich wieder einen klaren Kopf bekäme.

Ähnlich kann ich mir vorstellen, hatten die Jünger es schwer, Jesus zu verstehen. Ich lese aus Mk. 8,31-34:

Und er begann sie darüber zu belehren, dass der Menschensohn viel leiden und verworfen werden muss von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen muss. Und er redete davon frei und offen. Doch Petrus nahm ihn beiseite und begann, ihm nachdrücklich Vorhaltungen zu machen. Er aber wandte sich um und sah auf seine Jünger und sagte mit allem Nachdruck zu Petrus: „Geh weg, hinter mich, Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.“ Und er rief die Menge zusammen mit seinen Jüngern zu sich und sagte zu ihnen: Wenn mir jemand nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!

Ein paar Verse zuvor hatten sie sich noch so schön unterhalten. Und Petrus hatte ein ganz großes Wort gesagt. Jesus hatte sie gefragt, was man denn so von ihm denke. Und da sagte Petrus: „Du bist Christus.“ Und mit Christus meinte er den von Gott eingesetzten gerechten König, der über alle Menschen herrschen sollte.

Jesus widersprach nicht. Sondern er sagte den Jüngern, was das heißt der Christus zu sein. Es heißt: Leiden, verworfen werden, sterben – und das letzte hörten die Jünger schon gar nicht mehr: es heißt auch „Auferstehen.“

Jesus sagte damit eigentlich nichts neues. Das Alte Testament steckt voller Hinweise darauf, dass Gottes Gesalbter leiden müsse. Genauso wie Josef, der von seinen Brüder in den Brunnen geworfen und versklavt wurde, Mose, der dauernd unter einem störrischen und aufsässigen Volk zu leiden hatte, das ständig zu Aufruhr bereit war, David, der vor seinem eigenen Volk, geführt von seinem Sohn Absalom fliehen musste und all die Herrscher, die im Sinne Gottes regierten, leiden mussten, so würde auch Jesus, der Christus leiden müssen.

Außerdem konnten die Jünger nachlesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Das heißt: Die maßgeblichen Leute am Bau des Reiches Gottes: Also die Führer des Volkes Israel – verwerfen den wichtigsten und kostbarsten Stein.

Und nicht zuletzt erinnerte Jesus seine Gegner, dass es ihm wie Jona ergehen werde: Er werde drei Tage lang, ähnlich wie Jona im Bauch des Meerungeheuers – im Rachen des Todes verschwinden – dann aber wieder zurückkehren.

Also, wenn Jesus tatsächlich der Christus sein sollte, so wie Petrus behauptete, dann war die Folge: Leiden, Sterben und Auferstehen.

Doch das kann Petrus nicht akzeptieren. Und darum nimmt er ihn beiseite. Und macht ihm Vorhaltungen. Er wagt es nicht, ihn öffentlich vor den anderen zu kritisieren, sondern eher unter vier Augen. Ich kann mir vorstellen, was Petrus alles durch den Kopf ging: „Jesus ist der wichtigste Mann unserer Bewegung. Wenn Jesus stirbt, dann stirbt auch die Bewegung. Niemand folgt mehr einem Toten nach. Der Christus muss am Leben bleiben. Das versteht Jesus nicht richtig, wie wichtig er ist.“

Und das versucht Petrus nun seinem Meister recht deutlich zu machen. Aber damit macht er geistlich gesehen einen Fehler. Petrus maßt sich nämlich an, den Weg Jesu besser zu kennen, als Jesus selbst. Er meint, die Welt könnte auch ohne Leiden des unschuldigen Lammes – ohne Opfer - errettet werden.

Jesus selbst ist empfänglich für solche Gedanken: Jesus war ein Mensch aus Fleisch und Blut – wie wir. Welcher Mensch will denn schon gerne leiden, wer will denn schon gerne von allen maßgeblichen Leute des öffentlichen Leben verhöhnt und verketzert werden und wer will denn schon gerne sterben?
Ja Jesus selbst ist durch Petrus innerlich angefochten. Es ist, als ob der Verführer selbst durch Petrus sprechen würde. Der Widersacher Gottes, der auf keinen Fall möchte, dass Jesus den Weg geht, den Gott für ihm vorgezeichnet hat.

Darum reagiert Jesus so zornig. Aber trotz allem sehr besonnen.

1. Er nimmt Petrus heraus aus dem Zwielicht. Petrus hatte ihn ja beiseite genommen und wollte so eine Art Kungelei mit ihm beginnen. Also das, was man Politikern immer vorwirft, dass sie ein abgekartetes Spiel außerhalb der Öffentlichkeit untereinander treiben; dass hinter verschlossenen Türen, in Geheimzirkeln die Machtfragen gelöst, ohne die anderen daran teilzuhaben. Petrus ging hier automatisch diesen Weg.
Jesus dagegen spricht das Problem offen an. Die anderen Jünger sollen auch mitbekommen, worum es in dieser Auseinandersetzung geht. Das ist keine seelsorgerliche Angelegenheit, hier geht es um den Kurs der ganzen Mannschaft, das geht alle etwas an.

2. Jesus sagte zwar: „Weiche von mir Satan!“ – Dieser Ausdruck ist ja nicht gerade schmeichelhaft. Doch im gleichen Atemzug sagt er weiche „hinter mich“.

Jesus sagt nicht: Verschwinde ganz, sondern stell Dich wieder hinter mich. Lass mich den Meister sein und folge Du mir nach.

3. Jesus erklärt Petrus seine Reaktion: „Du meinst nicht, was göttlich ist, sondern was menschlich ist.“ Ja, wir Menschen meinen Gott hier und da etwas vorschreiben zu können. Wir meinen, wir wüssten etwas besser als Gott. Wir Menschen halten uns manchmal für klüger als Gott. Und durch dieses allzumenschliche „Es-gut-meinen“, das mit dem „es-besser-wissen“ eng verwandt ist, stehen wir plötzlich auf der falschen Seite. Auf der Seite Satans. Damit wollen wir Gottes Gedanken durchkreuzen. Das macht Jesus Petrus deutlich. Und so spürt man aus dieser harten Reaktion doch wieder Jesu Barmherzigkeit und Liebe durchscheinen.

Jesus fordert nun alle Jünger auf, sich hinter ihm zu stellen. Und damit meint er auch alle Christen. Damit meint er Sie und mich. Er sagt: Wenn mir jemand nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!

„Sich verleugnen“ – wie geht das? Wenn man jemanden verleugnet, dann sagt man: „Ich kenne diesen Menschen, von dem ihr redet, nicht. Obwohl man ihn ja ganz gut kennt. Sich selbst verleugnen im Sinne Jesu heißt dann: Ich kenne diesen alten Sünder, der immer nur auf seinen eigenen Vorteil aus ist, der immer nur sich selbst kennt, der nicht will, was Gott will, ja, der meinen Namen sogar trägt. Diesen alten Sünder kenne ich nicht. Der ist für mich gestorben.

Liebe Gemeinde, hier wird Nachfolge ganz ernst. Hier kostet das Christsein etwas. Hier gilt es diesen alten Sünder in mir zu opfern. Dieses alte Ich soll Jesus hinter her folgen und sich mit ans Kreuz schlagen lassen.

Sind wir dazu bereit?

Liebe Gemeinde – ich weiß, es ist nicht leicht, das Kreuz der Selbstverleugnung auf sich zu nehmen. Das kann nämlich heißen, dass ich aus einem Leid, aus einer schwierigen Situation oder gar Partnerschaft nicht einfach ausbreche, sondern, es um Jesu willen annehme. Es kann heißen, dass ich sage:

„OK, es ist nun mal so, ich kann es nicht ändern dann bitte ich Gott, dass er bevor er es mir nimmt, es dazu dienen möge, um einen Teil meines Alten Ichs daran sterben zu lassen.

Liebe Gemeinde – Gott wird das Kreuz gewiss nehmen. Und wir sollen immer wieder darum bitten, dass er es uns nimmt – so wie auch Jesus gebeten hat, dass der Kelch vorüber gehe. Doch wir müssen Gott selbst den Zeitpunkt überlassen. Und ich bin gewiss, wenn wir in der Nachfolge Jesu unser Leid tragen, dann werden wir schon in dieser Lebenszeit kleine Auferstehungswunder erleben. Dann werden wir wie Gold geläutert sein, und staunen über die Größe und Macht Gottes.

Und nach unserem Tod, wird einmal das große Wunder geschehen. Dann wird Gott uns, dem wir unser altes Ich ans Kreuz gegeben haben, auferwecken. Das wird ein großes und herrliches Fest werden. Und das Alte wird so vergessen sein, wie man sich an seine Geburt so gut wie nicht mehr erinnern kann.

Denn Paulus sagt es prägnant:

„Unser früheres Leben endete mit Christus am Kreuz. Sind wir aber mit Christus gestorben, dann – und davon sind wir überzeugt – werden wir auch mit ihm leben.“

Amen

 

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Stand: 04. Juni 2010