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mit Angst umgehen                                    

   

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 18. Januar 2001

Liebe Gemeinde

Am Freitag las ich einen Bericht über die atomare Aufrüstung von Indien und Pakistan, hörte von Plänen, dass russische Kernkraftwerke, auf dem Meer schwimmen sollen und von einem äußerst gefährlichen Atommülltransport durch das Eismeer. Und dabei griff plötzlich eine ganz schlimme Angst nach mir. Was würde passieren, wenn der Mensch plötzlich doch die Kontrolle über die Atomenergie verlieren würde. Durch Kriege in instabilen Ländern. Ich verdrängte schnell meine Angst. Aber was würde ich tun, wenn die Bedrohung noch greifbarer und realer wäre. Was machen Sie, wenn Sie sich bedroht fühlen und Angst Sie überfällt? Heute haben wir in unserem Predigttext ein Beispiel, wie das Volk Israel mit seiner Angst umgegangen ist. Es befand sich in einer ziemlich ausweglosen Situation. Sie waren als Kriegsgefangene von babylonischen Soldaten abtransportiert worden, sie hatten keine Rechte mehr, waren der Willkür von irgendwelche Beamten ausgesetzt, sie hatte keine Zukunft mehr. Es war nicht sicher, ob sie überleben würden. Unser Bibelabschnitt zeigt deutlich, wie sie mit ihrer Angst umgegangen sind. Ich lese Jes 51,9-12

„Wach auf, wach auf, Herr! Zeig deine Macht. Greif ein, wie damals vor langer Zeit! Du warst es doch, der das Heer der Ägypter schlug, der Rahab, dem Drachen im Meer den Todesstoß gab! Du hast das tiefe Meer ausgetrocknet und mitten hindurch einen Weg gebahnt, damit das befreite Volk hindurch ziehen konnte. Ja, alle, die der Herr befreit hat, werden jubelnd aus der Gefangenschaft zum Berg Zion heimkehren. Dann sind Trauer und Sorge für immer vorbei, Glück und Frieden halten Einzug, und die Freude hört niemals auf.“

Wie gehen die Beter des Volkes Israel nun mit ihrer Angst um?

Drei Dinge kann ich erkennen.

1. Sie wecken Gott auf
2. Sie erinnern Gott
3. Sie malen sich aus, wie Gott hilft.

1. Sie wecken Gott auf.

„Wach auf, wach auf, Herr.“

Immer wieder bekommt man in seinem Glaubensleben den Eindruck, dass Gott schläft. Gerade wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, wenn man von Lebensangst überwältigt wird, fühlt man nicht, dass Gott spricht, dass er etwas tut, dass er hilft. Er ist so abwesend, so weit weg. Ja, es ist, als wäre er eingeschlafen und so wenig wie ein Schlafender retten kann, ebenso wenig erwartet man dann von Gott, dass er noch eingreift.

Es scheint, als wolle Gott in einer solchen Lage geweckt werden. Immer wieder fordert uns die Bibel auf, Gott intensiv um Hilfe zu bitten.

Haben Sie einmal versucht einen Menschen zu wecken, der mit einem tiefen Schlaf gesegnet ist. Da ist es nicht damit getan, dass man ihn leise anstupst und sagt: „Aufwachen, die Welt geht unter!“ Da muss man kräftig rütteln, und ins Ohr schreien: Schnell steh auf, wir gehen unter.

So möchte Gott hin und wieder intensiv von uns angesprochen werden.

Die Folge ist: Nicht Gott wacht auf, sondern unser Glaube an ihn. Wir hören seine Stimme, erleben seine Macht und werden beschützt. So wie es auch das Volk in V. 12-16 erlebt. Zum Abschluss werde ich diese Verse noch lesen.

Was macht das Volk der Beter in seiner Angst noch?

2. Sie erinnern Gott

Es erinnert sich und Gott, wie er früher geholfen hat.

„Du Herr warst es doch, der das Heer der Ägypter schlug, der dem Drachen im Meer den Todesstoß gab! Du hast das Meer ausgetrocknet und mitten hindurch einen Weg gebahnt.“

Hier wird Gott daran erinnert, wie er vor vielen Jahren das Volk Israel aus der Gefangenschaft befreit hat. Wie souverän er seine Macht gezeigt hat. Man stelle sich eine Elitetruppe vor. Mit Soldaten bis an die Zähne mit neuesten Waffen ausgerüstet. Durchtrainiert und ausgeruht. Unschlagbar. Ihre Mission: Ein paar entlaufene Sklaven zurückbringen. Was geschah damals? Gott griff ein. Ohne das die Sklaven auch nur einen Finger gerührt hatten, ohne dass ihnen ein Haar gekrümmt wurde, schlug Gott das Heer der Ägypter vernichtend. Er bahnte ihnen mitten durch ein Meer hindurch einen Weg. Er hatte das unmögliche möglich gemacht. Es heißt noch:

Er gab dem Drachen im Meer, der Rahab, dem unberechenbaren Ungeheuer den Todesstoß.

Rahab als Symbol steht für alles Lebensbedrohliche im Leben eines Menschen, für alles, was uns vernichten und auslöschen will. Diese Macht hat Gott ausgelöscht. Das Volk der Beter erinnert Gott an diese herrlichen Taten. Auch wir können das, wenn uns Angst überfällt. Wir können Gott erinnern, was er alles getan hat. Wie stark wir ihn erlebt haben. Hilfreich kann sein, wenn man Gebetserhörungen erlebt hat, sie aufzuschreiben und diese dann Gott vorzulegen. Ebenso einen Blick nach draußen werfen. Den Himmel anschauen, einen Baum und Gott, der diese Majestät geschaffen hat, erinnern, dass er doch in meiner Not nicht verschlafen soll. Oder ihn an die biblischen Zeiten erinnern.

Die Folge dieser Erinnerungslektion ist: Nicht Gott erinnert sich, sondern der Beter gewinnt neues Zutrauen in Gottes Kraft.

Was macht das Volk in seiner Angst noch?

3. Sie malen sich aus, wie Gott hilft.

„Ja, alle, die der Herr befreit hat, werden jubelnd aus der Gefangenschaft zum Berg Zion heimkehren. Dann sind Trauer und Sorge für immer vorbei. Glück und Frieden halten Einzug, und die Freude hört niemals auf.“

Im Volksmund heißt es, dass der Blick einer Schlange ein Kaninchen bannen kann. Anstatt wegzulaufen, die einzige Überlebenschance, starrt das Kaninchen der Schlange in die Augen. Sie nähert sich gemütlich und verschlingt ihre Beute.

Ähnlich in einer Angstsituation: Wer nur auf das Bedrohliche starrt, der wird von der Bedrohung überwältigt und verschlungen.

Die Beter machen es anders. Sie malen sich aus, wie Gott sie retten kann. Sie lassen sich nicht von der Bedrohung übermannen.

Die Realität der Israeliten war, dass sie irgendwo in der Fremde unter fürchterlichen und ungerechten Bedingungen schuften mussten. Aber sie starrten nicht auf diese Realität. Sie schauten betend darauf, wie sie, statt in Handschellen zur Arbeit, jubelnd und feiernd – wie in einem Karnevalszug zuhause hinaufziehen zum Berg Zion Gott anzubeten. Voller Freude und Jubel.

Liebe Gemeinde, es tut gut nicht immer nur auf eine schwierige Situation zu starren. Es tut gut, sich in Hoffnung ausmalen, was Gott alles verwirklichen kann. Gott hat uns dafür bestimmt auch unsere Phantasie gegeben.

Hat man es mit einem schwierigen Menschen zu tun, dann sollte man sich ausmalen, wie es sein wird, wenn Gott diesen Menschen verwandelt.

Bevor ich hierher kam, war ich in einem kleinen Dorf tätig. Dort lag direkt gegenüber der Kirche ein Bordell. Es stimmte mich damals sehr traurig, wenn ich über die Betreiber und Besucher nachdachte. Dort war ständig was los und das ganze Dorf interessierte sich dafür. Für die Kirche und für Gott nur ein paar ältere Leute. Ich erfuhr auch immer wieder, welchen Schaden dieses Lokal in manchen Familien anrichtete.

Doch irgendwann stellte ich mir vor, dass dort in diesen Räumlichkeiten gegenüber der Kirche ein Seelsorge- und Therapiezentrum entstehen würde, für zerrüttete Ehen. Dass Gott gerade dort ein Stätte des Heils errichten würde. Von da an, war ich nie mehr deprimiert, sondern immer zuversichtlich. Malen Sie sich in ihrer Not aus, was Gott alles machen könnte. Es wird ihnen helfen. Wenn auch die tatsächliche Hilfe Gottes anders aussehen kann.

Bevor ich ihnen vorlese, wie Gott antwortet möchte ich darauf hinweisen, dass Gott die Beter in diesen drei Punkten bestätigt. Doch ein Punkt fügt er hinzu: Er kritisiert sie in ihrem Kleinglauben. Es scheint, als könnte man Gott gar nicht genug Großes zutrauen. Ich will uns Mut machen, wenn wir in die Woche gehen. Jeder von uns wird mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben, dass wir ja nicht zu klein von Gott denken.

Aber hören wir, wie er antwortet. Der Herr spricht:

„Ich bin es, der euch tröstet, ich allein. Und da fürchtet ihr euch noch vor der Macht eines Menschen? Was ist schon ein Mensch? Sterben muss er, verdorren wie das Gras! Habt ihr vergessen, wer ich bin? Euer Schöpfer! Ich habe den Himmel wie ein Zelt aufgespannt, ich habe die Fundamente der Erde gelegt. Warum zittert ihr den ganzen Tag vor eurem Unterdrücker? Ihr erwartet jeden Moment, dass er euch in seiner Wut vernichtet. Was ist nun aus all seinen Drohungen geworden? Bald schon werdet ihr alle befreit, die ihr jetzt noch im Gefängnis sitzt! Keiner wird im Kerker verhungern, für alle ist genug zu essen da. Denn ich bin der Herr, euer Gott, der die Wellen des Meeres tosen lässt. Ich, der allmächtige Gott, sage euch, was ihr in meinem Auftrag reden sollt. Schützend halte ich meine Hand über euch. Ich habe den Himmel ausgespannt und den Grundstein der Erde gelegt. Und zu Jerusalem sage ich: „Du gehörst mir!“

Amen

 

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Stand: 04. Juni 2010