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Meinen Frieden gebe ich euch                                    

   

Predigt von Pfarrer Jürgen Ullmann am 23. Januar 2004 im ökumenischen Gottesdienst anlässlich der Weltgebetswoche für die Einheit der Christen

Eph.2,13-18

„Meinen Frieden gebe ich euch“ – so lautet der Leitvers für diese Gebetswoche. Und hier in unserem Text heißt es: Christus ist unser Friede. Ich denke, viele Menschen horchen auf, wenn sie das Wort “Friede” hören. Wer sehnt sich nicht danach? Wer denkt sich nicht immer wieder: “Irgendwann müssen die unzähligen Friedensverhandlungen doch zu einem Erfolg führen. Irgendwie muss es doch möglich sein, Frieden in dieser Welt zu schaffen.”

Aber nehmen wir einmal an, die Menschen brächten es tatsächlich fertig, alle Kriege der Welt zu beenden. Nehmen wir an, alle Völker würden ihre Waffen vernichten und in Eintracht miteinander leben. Wäre dann Frieden auf der Erde?

Ich denke nicht. Denn selbst wenn es keine Kriege mehr gäbe, so wären doch noch genug andere Menschen da, die Un-Frieden stiften. Rechtsradikale, die Ausländer zusammenschlagen; Leute, die die Schwäche anderer hemmungslos ausnützen. Selbst ohne Krieg müsste man noch Angst haben vor Einbrechern, Sexualverbrechern, Jugendbanden. Wirklicher Friede wäre das noch nicht.

Aber seien wir einmal ganz utopisch und stellen uns vor, dass es der Polizei gelingen würde, jede Art von Gewalttat zu verhindern. In den Großstädten könnten die Frauen wieder auf die Straße gehen, ohne Angst zu haben; Lehrer könnten in die Schule gehen, ohne sich vor ihren Schülern fürchten zu müssen; auch Ausländer könnten in Ruhe schlafen und man bräuchte die Türen nicht mehr abzuschließen, weil man weiß: Kein Einbrecher hat eine Chance. Das wäre doch phantastisch. Wie viele Menschen könnten da wieder aufatmen und gelöster durchs Leben gehen.

Und trotzdem bleibt meine Frage: Wäre das schon wirklicher Friede? Selbst wenn es keine Gewalttat mehr gäbe, wäre da nicht immer noch Unfrieden zwischen politischen Parteien; Unfrieden in den Familien, ja, auch Unfrieden zwischen den Mitgliedern in christlichen Gemeinden. Es gäbe Unfrieden, der durch Gerüchte und böses Geschwätz entsteht; Unfrieden, der durch Egoismus und Hochmut entsteht; Unfrieden durch Neid, Eifersucht, Gewinnsucht.

Aber auch selbst, wenn alle Menschen miteinander auskämen, hätten sie dann wirklich Frieden? Könnten sie dann wirklich sagen: Jetzt ist mein Leben so, wie ich es mir wünsche? Jetzt bin ich durch und durch zu-Frieden?

Ehrlich gesagt, auch das glaube ich nicht. Ich kenne Menschen, die so gut wie alles haben und denen es wirklich gut geht. Und doch könnte ich nicht behaupten, dass sie Frieden haben. Im Gegenteil: Sie sind unausgefüllt und unausgeglichen, obwohl alle Voraussetzungen für ein friedvolles Leben vorhanden sind.

Wir sehen schon: Friede, das ist wesentlich mehr, als ein Zustand, in dem es keinen Krieg gibt. Es ist mehr als das Schweigen von Waffen.

In der hebräischen Bibel gibt es ein Wort, das Ihr sicher alle schon gehört habt. Es ist das Wort “Schalom”. Schalom, das wird normalerweise mit Frieden übersetzt. Aber eigentlich ist es ein Wort, das man gar nicht übersetzten kann. Es ist so umfassend, dass es in der deutschen Sprache kein Wort gibt, das wirklich das trifft, was mit Schalom gemeint ist.

Es gibt etwa 25 Wörter, mit denen man Schalom übersetzen kann. Und jedes dieser Wörter zeigt nur einen Teilaspekt von dem, was Schalom eigentlich bedeutet. Es ist äußerer und innerer Friede. Ein Zustand, in dem der Mensch durch und durch vollkommen erfüllt und glücklich ist. Er lebt in Harmonie mit sich selbst, in Harmonie mit seinen Mitmenschen, in Harmonie mit seiner Umwelt und in Harmonie mit Gott.

Das ist ein Zustand, den Menschen niemals schaffen können, selbst wenn es ihnen gelingen würde, alle Kriege und alle Gewalttaten zu beenden. In diesem Zustand haben die Menschen nur ganz am Anfang gelebt. Als Gott die Welt geschaffen hat, gab es noch wirklichen Frieden...wirklichen Schalom.

Aber das hat sich geändert, als sich die Menschen gegen Gott auflehnten. Als sie selbständig und unabhängig sein wollten, da wurde die Beziehung zwischen ihnen und Gott gestört. Gott ist ein Gott des Friedens. Und weil die Menschen nicht mehr auf den Gott des Friedens hören wollten, kam Unfriede auf. Dieser Unfriede wirkte sich auf alle Bereiche des Lebens aus: auf die Natur, auf die Beziehung zwischen den Menschen und auf den Menschen selbst. Aller Unfriede hat letztlich seine Ursache darin, dass sich die Menschen von Gott abgewandt haben.

Zwischen uns und Gott ist eine Kluft entstanden. Das macht uns die Bibel sehr deutlich. Im AT nimmt Gott zwar Kontakt auf zu den Menschen. Er erwählt sich ein Volk. Das Volk Israel. Und er schließt mit ihm einen Bund auf dem Berg Sinai. Aber er gibt Mose den klaren Auftrag: “Zieh eine Grenze um das Volk. Hütet euch auf den Berg zu steigen oder seinen Fuß anzurühren; denn wer den Berg anrührt, der soll sterben. Verwarne das Volk, dass sie nicht durchbrechen zum HERRN, ihn zu sehen und viele von ihnen fallen” (Ex.19,12.21).

Ja, nicht einmal die Priester hatten das Recht, den Berg Sinai zu betreten. Nur Mose und Aaron durften hinaufsteigen. Und das auch erst, nachdem sie mit dem Blut von Opfertieren besprengt worden waren.

Der Zaun am Sinai machte es damals klar: Man kann nicht so einfach mit Gott in Verbindung treten. Dazu haben wir Menschen zu viel Widerstand gegen Gott in uns - in unserem Denken, in unserem Reden, in unserem Tun.

Wohl kann Gott uns mahnen. Er kann uns in seiner Güte bewahren und leiten. Aber volle Gemeinschaft mit ihm war grundsätzlich unmöglich. Der Zaun am Sinai war dafür ein unübersehbares Zeichen.

Später - als man den Tempel in Jerusalem gebaut hat - wurde dort ein ähnliches Zeichen errichtet. Es gab im Tempel einen Raum, in dem Gott gegenwärtig war. Dieser Raum war das Allerheiligste. Keiner durfte diesen Raum betreten. Nur der Hohepriester durfte einmal im Jahr hinein. Aber auch er musste vorher ein Opfer für seine eigenen Sünden darbringen. Volle Gemeinschaft mit Gott war auch für die Israeliten nicht möglich, obwohl sie Gottes Volk waren.

Vielleicht sagen Sie: “Volle Gemeinschaft mit Gott ist sowieso ein bisschen hoch gegriffen. Uns genügt es zu wissen, dass es Gott gibt ..., dass wir nicht einfach dem Schicksal ausgeliefert sind. Wir sind schon zufrieden, wenn Gott uns einigermaßen wohlbehalten durch dieses Jahr bringt. Mehr erwarten wir gar nicht. Volle Gemeinschaft mit Gott, das ist uns zu vollmundig.”

Und doch ist es so, dass erst die Gemeinschaft mit Gott uns wirklichen Frieden bringen kann. Äußere Umstände - und wenn sie noch so gut sind - können uns diesen Frieden nicht verschaffen. Erst wenn wir Frieden mit Gott haben, können wir im Frieden mit uns selbst und im Frieden mit unserer Welt leben. Tobias Brocher hat einmal gesagt: “Friede des Herzens...läßt sich nur dann finden, wenn wir mit Gott ins reine kommen und seine Wege zu verstehen beginnen.” Und Mutter Teresa sagte: “Friede ist für mich eins sein mit Gott.”

Mit Gott ins reine kommen, das können wir von uns aus nicht. Dazu ist der Abstand zwischen uns und Gott zu groß. Aber Gott hat von sich aus diesen Abstand überwunden. Er selbst hat das Opfer gebracht, das uns mit ihm versöhnt. Als Jesus am Kreuz starb, da zerriss im Tempel der Vorhang zum Allerheiligsten. Der Vorhang, der die Menschen von Gott trennte, war nicht mehr da. Seit Jesus gestorben ist, hat jeder Mensch freien Zutritt zum Allerheiligsten. Jeder darf zu Gott kommen, wenn er nur auf Jesus vertraut.

Paulus schreibt: “Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus” (Röm.5,1). Jesus ist unser Friede. Er zeigt uns nicht einfach, wie wir Frieden schaffen können. Er gibt uns nicht Anleitungen für den Frieden. Sondern er selbst ist der Friede. Wenn wir Jesus haben, dann haben wir Frieden. Frieden mit Gott. Wir sind mit Gott versöhnt.

Natürlich leben wir - auch wenn wir mit Gott versöhnt sind - immer noch in einer friedlosen Welt. Und doch ist der Friede, den Jesus uns schenkt, eine ganz reelle Erfahrung.

Mehrere Maler bekamen einmal den Auftrag, Friede in einem Bild darzustellen. Der eine malte eine Blumenwiese, die vom Sonnenschein überflutet war. Man sah Rehe, die friedlich am Waldesrand grasen.

Ein anderer malte einen stillen, tiefen Bergsee, dessen Oberfläche keine Welle kräuselte. In diesem See spiegelte sich der blaue Himmel wieder.

Ein dritter malte ein ganz anderes Bild. Eine Landschaft, in der ein furchtbarer Sturm tobte. Auf einem Felsen standen Bäume, die vom Sturm fast zerknickt waren. Und in einer Felsenkluft sah mein ein Nest mit Vögeln und ihren Jungen darin. Durch die Felswand waren sie vor dem rasenden Sturm völlig geschützt.

So ist der Friede, den Jesus uns schenkt. Kein weichlicher, sentimentaler Friede. Sondern ein starker, kraftvoller Friede, der mitten in den Stürmen standhält. Jesus hat seinen Jüngern gesagt: “In der Welt habt ihr Angst; ihr habt Bedrängnis; in mir habt ihr Frieden.” Wenn wir zu Jesus gehören können wir beide Erfahrungen gleichzeitig machen. Die Bedrängnis der Welt; die Stürme des Lebens, aber auch den Frieden, den Jesus mitten in dieser Bedrängnis schenkt.

Im 19.Jhdt. lebte ein Mann namens Horatio Spafford. Sein Sohn kam bei einem Schiffsunglück ums Leben. Jahre später kam dieser Spafford auf einer Schiffreise genau an der Stelle vorbei, an der sein Sohn ertrunken war. Und die Erinnerungen an das Unglück kamen in ihm wieder hoch. Da ging er in seine Kabine und schrieb folgenden Text: “Wenn Friede mit Gott meine Seele durchdringt, ob Stürme auch drohen von fern, mein Herze im Glauben doch allezeit singt: Mir ist wohl. Mir ist wohl in dem Herrn.”

Gott schenkt uns in Jesus einen Frieden, der höher ist als alle Vernunft. Einen Frieden, der auch in einer friedlosen Welt erfahrbar ist.

Wir sehen, Menschen versuchen Frieden zu schaffen, indem sie gegen Krieg und Gewalt vorgehen. Und doch bringen sie dadurch keinen wirklichen Frieden zustande.

Gott macht es umgekehrt. Er fängt bei uns ganz persönlich an. Er schenkt jedem, der sich auf Jesus einlässt, inneren Frieden. Einen Frieden, der dadurch zustande kommt, dass man in der Gemeinschaft mit dem Gott des Friedens lebt.

Noch ist es ein Friede, der vergleichbar ist mit einem Nest, das geborgen ist mitten im Sturm. Aber Jesus hat noch mehr vor. Er möchte, dass eines Tages auch die Stürme aufhören und dass sich der Friede auf der ganzen Erde ausbreitet. Wenn Jesus wiederkommt, dann werden die Waffen tatsächlich vernichtet.
Dann wird sich das erfüllen, was die Propheten vorausgesagt haben. Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein Säugling wird spielen am Loch der Otter. Jesus wird einen Frieden auf die Erde bringen, der sich auch auf die Natur auswirkt. Dann wir das eintreten, was die Bibel Schalom nennt: Umfassender Friede, Wohl, Heil, Erfüllung.

Der Prophet Micha sagt über Jesus voraus: “Er wird auftreten und weiden in der Kraft des HERRN und in der Macht des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist. Und er wird der Friede sein” (Mi.5,3.4a).

Amen

 

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Stand: 04. Juni 2010