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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 28. November 2004 (1. Advent)Predigttext: Jesaja 60,1 Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir. Liebe Gemeinde, Eine alte Legende aus Florenz verdeutlicht ein wenig, was es heißt, licht zu werden. Es war vor 900 Jahren. Da lebte in der Stadt Florenz ein junger Mann, der größer und stärker war, als alle anderen jungen Männer seines Alters. Raniero war sein Name. Eigentlich war er ein ganz netter und lustiger Kerl. Er machte gerne Späße. Doch meistens zu Lasten anderer. Er selbst wollte aber immer bewundert werden. Wenn er zu wenig beachtet wurde, fing er Streit an. So wurde er einer der größten Raufbolde seiner Stadt. Man sah ihn oft im Wirtshaus. Wenn dann der Wein die Leute hitzig gemacht hatte, kam es zu einer Rauferei. Aus dieser Schlägerei ging Raniero als Sieger hervor. Und so begegnete man ihm in Florenz mit großem Respekt. Raniero arbeitete nicht gerne. In Florenz gab es viele Tuchmacher. Den ganzen Tag am Webstuhl zu sitzen war ihm viel zu langweilig. Darum verließ er Florenz, und ging überall dorthin, wo gerade Krieg herrschte. Dort kämpfte für eine der Kriegsparteien. Ritter Raniero war stark und obendrein hatte er großes Glück. In fast jedem kleinen Krieg konnte er große Beute machen. Bald hatte er auch eine kleine Heerschar um sich gesammelt, deren Hauptmann er war. Immer mal wieder kam er nach Florenz zurück und brachte jedes
mal etwas sehr kostbares mit sich, das er der Kirche schenkte. Aber damit wollte
er weniger Gott gefallen, sondern er wollte vor den Leuten damit angeben.
Tatsächlich wurde er auch in der Stadt bewundert. Mit der Zeit konnte er sich auch nicht mehr von Herzen
freuen, obwohl er doch immer ein lustiger Kerl war. Darum trank er viel Wein, um
wenigstens als Betrunkener ein wenig lustig zu sein. Ranieros Augen leuchteten, als er das hörte und er fragte: Was muss ich tun? Sie antworteten: Du musst ein Gewand mit einem Kreuz über deiner Rüstung tragen und nach Israel zu der heiligen Stadt Jerusalem ziehen und sie aus der Hand der Heiden erobern. Dann kommst du automatisch in den Himmel.“ Raniero war dabei. Er wollte alles tun, um wieder richtig fröhlich sein zu können. Damals breitete sich diese Lüge wie die Pest aus und viele junge Ritter machten sich auf den weiten Weg nach Jerusalem, um für Gott Blut zu vergießen. Der Marsch war lang und sehr beschwerlich. Es gab viel Streit und viele böse Worte unter den Soldaten. Doch schließlich kamen sie doch in Jerusalem an. Sie belagerten die Stadt und nach einem halben Jahr griffen sie an. Raniero war einer der ersten, der mit einer Leiter die Stadtmauer erklomm. Oben auf der Mauer kämpfte er verbissener denn je, denn er wollte ja wieder ein fröhliches Herz haben. Überall, wo er auftrat, schlug er die Gegner in die Flucht. Und dann wurde die Stadt erobert. Die Kreuzritter richteten ein furchtbares Blutbad unter den Stadtbewohnern an und viele Häuser verbrannten. Als der erste Siegesrausch verflogen war, spürte Raniero plötzlich, dass es in seinem Herzen noch dunkler geworden war. Sein Gewissen war nicht leichter. Er wurde von den anderen als großer Held gefeiert. Seine Leute jubelten ihm zu. Er durfte sogar als erstes in die Grabeskirche zum Gottesdienst hineinziehen – die Grabeskirche ist der Ort, wo man Jesus nach der Kreuzigung beerdigt hatte. Dort durfte Ritter Raniero an der Stelle, wo Jesus gelegen hatte, eine Lampe anzuzünden. Kaum war der Gottesdienst zu Ende, setzten sich die Männer zusammen, um beim Wein ihren Sieg zu feiern. Wie gewohnt hänselte man sich. Und einer der Kumpanen sagte: „Na Raniero, diesmal wirst Du es nicht schaffen, das kostbarste Beutestück nach Florenz zu bringen?“ „Ich habe immer etwas von meiner Beute nach Florenz gebracht und werde es auch diesmal tun“, erwiderte Raniero. Der andere lachte: „Na, das kostbarste ist doch das Licht der Lampe und das wird erloschen sein, bevor du das Lager verlassen hast.“ Die anderen grölten. Ritter Raniero aber wollte sich nicht lumpen lassen. Und er rief laut: „Das wäre doch gelacht, dass ich das nicht schaffen sollte. Morgen früh mache ich mich auf und bringe das Licht nach Florenz. Wer geht mit?“ Plötzlich war es still. Keiner wollte ihn begleiten, jeder wusste wie gefährlich und beschwerlich der Weg bis hierher war. Keiner wollte mit. „Vergiss es“, sagten die anderen. Doch trotzig sagte er: „Dann gehe ich eben allein.“ Früh am anderen Morgen sattelte er sein Pferd, nahm ausreichend Waffen und Proviant und einen Vorrat an Öl mit sich. Und dann zog er los. Die Lampe stellte er in ein kleines Gefäß, das oben offen war, so dass es nicht durch den ersten Windzug gelöscht werden konnte. Dennoch musste er sehr aufpassen. Noch im Morgengrauen begegneten ihm ein paar Räuber. Ohne sein Licht wäre es ihm ein leichtes gewesen, die Räuber in die Flucht zu schlagen. Aber er wusste, wenn es jetzt zum Kampf käme, würde das Licht verlöschen. Darum sagte er zum Räuberhauptmann: „He, ich mach euch ein Angebot: Ihr bekommt alles von mir, was ich dabei habe, aber ihr lasst mir das Licht und das Öl.“ Die Räuber, die froh waren, nicht mit diesem großen Mann kämpfen zu müssen, ließen sich auf den Handel ein. Sie ließen Raniero sein altes zerrissenes Gewand, den Proviant an Öl und sein Licht. Er war im ersten Augenblick recht ärgerlich. Aber nach einer Weile wurde er fröhlicher im Herzen. Er freute sich, dass er das Licht noch hatte, er fühlte sich freier, weil er nicht so viel Ballast bei sich hatte. Seine Waffen waren doch sehr schwer. Und er war irgendwie froh, dass er keinem Menschen wehgetan hatte. Der Weg ging weiter. Die erste Nacht ruhte er sich kaum aus. Er versuchte, so gut es ging, durch das Dunkel zu gehen. In der nächsten Nacht kam er an einer einsamen Herberge vorbei. Er fragte den Wirt, ob er auch ohne Geld übernachten könne. Der Mann erlaubte ihm, im Stroh bei den Pferden zu übernachten. Raniero wollte die ganze Nacht auf das Licht aufpassen, doch sehr schnell schlief er ein, weil er so müde war. Als er am anderen Morgen aufwachte, war seine Lampe verschwunden. Im ersten Augenblick freute er sich. „Ha, das Licht ist verschwunden nun kann ich zurück und mein altes Leben weiterführen.“ Doch dann wurde er traurig. Das Licht hatte dafür gesorgt, dass es heller in seinem Leben wurde. Nun war es weg. Doch da kam der Wirt mit der Lampe zu ihm und sagte: „Ich habe auf Euer Licht aufgepasst, weil ich fürchtete, das Stroh könnte brennen.“ Als der Wirt hörte, woher das Licht kam, schenkte er Ritter Raniero noch Öl und machte ihm ein leckeres Frühstück. Raniero spürte, dass es anstrengend war, ein Lichtträger zu
sein, aber er merkte, dass er nicht alleine war. Er bekam immer dann Hilfe, wenn
er sie brauchte. Und ähnliches erfuhr er die ganze Reise über. Anfangs hätte der stolze Raniero am liebsten alle verprügelt, die ihn auslachten. Doch irgendwann gewöhnte er sich daran und er dachte: „Besser die Menschen freuen sich und müssen lachen, wenn ich komme, als wenn sie Angst haben und davon laufen.“ Überall gab es auch mitleidige Menschen, die ihn fragten,
woher er komme und sie versorgten ihn. Zuerst wollte Raniero sagen: „Nein, das kriegst Du nicht. Das Feuer kommt direkt von der Heiligen Stadt und es ist für eine Kirche bestimmt nicht für einen gewöhnlichen Herd.“ Aber dann dachte er an die Kinder, die ohne das Feuer frieren müssten und er ging in das Haus und zündete dort mit seiner Flamme den Herd an.“ Dann ging er weiter. Doch kaum war er wenige Kilometer weitergegangen, da stolperte er über eine Wurzel und fiel zu Boden. Dabei fiel ihm das Gefäß mit der Öllampe aus den Händen und die Flamme war erloschen. Wie froh war er nun, dass er bis zu dem Gehöft zurückkehren
konnte um sein Licht wieder anzuzünden. Er wusste nun, dass je mehr die Flamme
der Liebe sich auf der Erde ausbreitet, um so eher kann man sie auch wieder
anzünden, wenn sie mal ausgegangen ist. Es war kurz vor dem ersten Advent, als Ritter Raniero in seiner Heimatstadt Florenz ankam. Ritter Raniero war nicht wieder zu erkennen. Statt der stolzen Rüstung trug nun das alte zerrissene Gewand. Er sah aus wie ein Bettler. Inzwischen hatte er einen langen, dichten Bart. Doch sein Gesicht war freundlich und fröhlich geworden und seine Augen strahlten das Licht wieder, das er in sich trug. Als er durch das Stadttor gezogen war, kamen von überall die Kinder herbeigelaufen und riefen, wie er es gewohnt war: „Ein Verrückter, ein Verrückter.“ Ritter Raniero ließ sich nicht beirren und ging in Richtung Kirche. Doch die Kinder schienen in Florenz besonders übermütig zu sein und eines der Kinder rief: „Wer das Licht des Verrückten auslöscht, hat gewonnen.“ Raniero ging schneller. Doch es wurde immer mehr Kinder. Sie versuchten mit Pusten die Flamme auszublasen. Das gelang ihnen nicht. Dann kamen größere und freche Jungs, die Schlamm warfen, doch sie trafen nur Raniero, aber nicht das Licht. Raniero lief noch schneller und hielt die Lampe hoch in die Luft, so dass sie nicht drankamen. Er rief: „Bitte lasst mich, ich trage ein kostbares Licht für unsere Kirche.“ Doch die Leute glaubten ihm nicht, sondern lachten nur noch lauter. Raniero war den Tränen nahe. So weit war er gekommen und nun wollte man sein Licht auslöschen. Aber er war nicht einmal seinetwegen traurig, sondern wegen der vielen Menschen, die nicht wussten, welch kostbaren Schatz er ihnen bringen wollte. Er war traurig, weil er sah, dass er auch so wie sie gewesen war, und dass ihr Weg, über andere zu spotten und anderen wehzutun nur in die Dunkelheit führt. In diesem Augenblick riss irgendein junger Mann, der ihn
aufhalten wollte ein Stück seines Gewandes ab und warf es auf die Öffnung des
Gefäßes, so dass das Licht ersticken musste. Nun schien alles aus zu sein. Dieser Augenblick war für Raniero der größte Sieg seines
Lebens. Er wusste, dass er es mit eigener Kraft nicht geschafft hätte, sein
Licht zu erhalten. Aber, dass Gott es schafft, das Licht der Liebe zu erhalten,
ja sogar größer werden zu lassen, wenn man ihm genügend Docht und Öl zur
Verfügung stellt. Ein Mann rief. „Ja, das stimmt, das ist Raniero.“ Ein Raunen ging durch die Menge. Dann kam Bewegung in die Stadt und jeder wollte ihm die Hand schütteln und ihn beglückwünschen. Gleich darauf liefen alle nach Hause und holten Kerzen oder Öllampen, um sie am Licht des Altares anzuzünden. Und noch lange brannten in der Stadt die Lichter und die Herde am Feuer von dem Feuer, das von dem einen Mann angezündet wurde. Aber noch viel länger brannten Menschenherzen, die von der
Liebe, die nun von Ritter Raniero ausging, angesteckt wurden. Denn Raniero hatte
sich aufgemacht und war licht geworden und so wurde es hell in seinem Leben. Und
dank seinem Licht machten sich viele andere auf und wurden auch licht. Über
ihnen strahlte Gottes Herrlichkeit. Amen. Frei nach einer Legende von Selma Lagerlö (Christuslegenden) |
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