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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 26. August 2001
Liebe Gemeinde, der Bibelabschnitt, der dieser Predigt
zugrunde liegt steht in Lk 7, 36-50:
Einmal wurde Jesus von einem Pharisäer zum Essen eingeladen. Er ging in das
Haus des Pharisäers und setzte sich an den Tisch. Da kam eine Sünderin herein,
die in dieser Stadt lebte. Sie hatte erfahren, dass Jesus bei Simon eingeladen
war. In ihrer Hand trug sie ein Glas mit wertvollem Öl. Die Frau ging zu Jesus,
kniete bei ihm nieder und weinte so sehr, dass seine Füße von ihren Tränen nass
wurden. Mit ihrem Haar trocknete sie die Füße, küsste sie und goss das Öl
darüber. Der Pharisäer hatte das alles beobachtet und dachte: «Wenn dieser Mann
wirklich ein Prophet Gottes wäre, müsste er doch wissen, was das für eine Frau
ist!» «Simon, ich will dir etwas erzählen», antwortete Jesus . «Ja, ich höre zu,
Meister», antwortete Simon. «Ein reicher Mann hatte zwei Leuten Geld geliehen.
Der eine Mann schuldete ihm fünfhundert, der andere fünfzig Denare. Weil sie
aber zum festgesetzten Termin das Geld nicht zurückzahlen konnten, schenkte er
es beiden. Welcher der beiden Männer wird ihm nun am meisten dankbar sein?»
«Bestimmt der, dem er die größte Schuld erlassen hat», antwortete Simon. «Du
hast recht geurteilt !» bestätigte ihm Jesus. Dann blickte er die Frau an und
sagte: «Sieh diese Frau, Simon! Ich kam in dein Haus, und du hast mir kein
Wasser für meine Füße gegeben. Aber sie hat meine Füße mit ihren Tränen
gewaschen und mit ihrem Haar getrocknet. Du hast mich nicht mit einem Bruderkuss
begrüßt. Aber diese Frau hat immer wieder meine Füße geküsst. Du hast meine
Stirn nicht mit Öl gesalbt, während sie dieses kostbare Öl sogar über meine Füße
gegossen hat. Ich sage dir: Ihre große Schuld ist ihr vergeben; sonst hätte sie
mir nicht so viel Liebe zeigen können. Wem wenig vergeben wird, der liebt auch
wenig.» Zu der Frau sagte Jesus: «Deine Sünden sind dir vergeben.» Da tuschelten
die anderen Gäste untereinander: «Was ist das nur für ein Mensch! Kann der denn
Sünden vergeben?» Doch Jesus sagte noch einmal zu der Frau: «Dein Glaube hat
dich gerettet! Geh in Frieden.»
Einmal wurde Jesus von einem Pharisäer zum Essen eingeladen. Er ging in das
Haus des Pharisäers und setzte sich an den Tisch.
Jesus hat eine Einladung zum Essen bekommen. Jesus ziert sich nicht, denn er
lässt sich gerne einladen. Manche schimpften ihn einen Fresser und Weinsäufer –
aber gerade bei Tisch kommen sich Menschen näher. Und so ging Jesus auch in das
Haus des Pharisäers Simon in der kleinen Stadt Bethanien.
Nebenbei bemerkt: Dies ist die Art, wie Jesus evangelisiert.
Er geht nicht von Haus zu Haus und bequatscht die Leute, sondern er lässt sich
von Menschen, die an ihm interessiert sind einladen.
Als Pharisäer gehört Simon zu den richtig anständigen Bürgern seines Dorfes. Zu
den Besseren Leuten. Er weiß genau, was sich gehört und was nicht. Man könnte
ihn bei der moralischen Messlatte, die ich vorhin zeigt ganz oben einstufen –
sagen wir mal bei 89 Prozent.
Und wie das so ist, bei solchen korrekten Menschen, sind sie immer ein wenig
misstrauisch anderen Menschen gegenüber, ob diese sich auch ja korrekt benehmen.
Ja man könnte sagen: Sie sind etwas kühl. Es gehörte zum guten Ton eines frommen
Pharisäers, dass man einen reisenden Lehrer oder Rabbi zu sich zum Essen einlud.
Gleichzeitig weiß Simon, dass Jesus keine astrein anerkannte Autorität war. Das
Volk liebte ihn zwar, doch die Theologen witterten Gottlosigkeit und Frevel bei
ihm und man versuchte ihn stets einer Sünde zu überführen oder dass er sich dazu
hinreißen ließe.
Simon musste also auf der Hut sein, einerseits war es seine Pflicht, ihn
einzuladen und er war wohl auch sehr an Jesus interessiert – andererseits musste
er Acht geben, dass sein guter Ruf und seine Rechtgläubigkeit durch Jesus
Schaden nehmen könnte. Eine Gradwanderung also zwischen Höflichkeit und
Vorsicht.
Und wahrscheinlich nahm er sich vor, sich ein Bild zu machen,
auf welche Stufe er Jesus setzen konnte. Das ist bis heute in frommen Kreisen
üblich. Dass man für jeden Frömmigkeitsstil eine Schublade, eine Einstufung in
Gut und Böse hat.
So vermeidet Simon natürlich eine allzu herzliche Begrüßung, so wie man damals
gute Freunde üblicherweise verwöhnte: Mit einem schönen kühlen Fußbad, einer
herzlichen Umarmung, einem Kuss sowie einem guten Parfum für den Kopf.
Ich kann mir vorstellen, dass es zwar einen ausgezeichneten Aperitif dort gibt,
aber, dass die Stimmung doch sehr kühl und gezwungen dort ist. Doch dann kommt
Leben in das langweilige Dinner:
Da kam eine Sünderin herein, die in dieser Stadt lebte.
Sie hatte erfahren, dass Jesus bei Simon eingeladen war. In ihrer Hand trug sie
ein Glas mit wertvollem Öl. Die Frau ging zu Jesus, kniete bei ihm nieder und
weinte so sehr, dass seine Füße von ihren Tränen nass wurden. Mit ihrem Haar
trocknete sie die Füße, küsste sie und goss das Öl darüber.
Ein Skandal. Da kommt eine stadtbekannte Sünderin herein. Entweder war sie eine
Hure – oder die Frau eines unreinen und gottlosen Mannes aus dem untersten
Milieu. Jedenfalls unter aller Würde. Eine Frau, die wir auf der Skala unserer
moralischen Messlatte ganz unten ansiedeln würden. Diese Frau aber durchbricht
alle Schranken. Sie lässt sich nicht davon abhalten, dass sie bei Simon alles
andere als erwünscht ist – sie will nur zu Jesus. Welch peinliche Situation,
ungebeten zu erscheinen. Noch peinlicher, wie sie sich verhält: Sie schleicht
sich von hinten an Jesu Füße heran, kniet vor ihm nieder. So was tut man doch
nicht. Und dann weint sie bitterlich. Tränen berühren die anderen peinlich. Man
weint nicht in der Öffentlichkeit. Aber ihre Tränen sind Ausdruck des Schmerzes
über ihre Sünden, über ihren verkorksten Lebensstil, ihre kaputte Biographie -
Ausdruck vielleicht auch der Rührung, weil sie sich von Jesus angenommen weiß.
In solch einer kühlen Atmosphäre wie bei Simon wirkt dieser Gefühlsausbruch
geradezu unerträglich.
Sie selbst merkt, dass Jesus nun nasse Füße bekommen hat. Schnell trocknet sie
die Füße mit ihren Haaren. Auch das noch. Sie löst ihr Haar auf. Eine Frau mit
offenen Haaren in der Öffentlichkeit galt als äußerst unanständig. Und dann
nimmt sie noch ihr kostbares Öl und massiert Jesus die Füße ein. Es kümmert die
Frau überhaupt nicht, was die Leute denken. Sie will nur eines. Sie will Jesus
ihre Reue und Liebe zeigen. Und das tut sie ohne ein Wort zu sagen in aller
Deutlichkeit. Voller Zärtlichkeit, voller Liebe. Und Jesus freut sich sogar
darüber, denn er lässt es sich gefallen. Und es ist ihm völlig egal, was die
anderen dabei für Hintergedanken bekommen.
Der Pharisäer hatte das alles beobachtet und dachte bei sich selbst: «Wenn
dieser Mann wirklich ein Prophet Gottes wäre, müsste er doch wissen, was das für
eine Frau ist!»
Simon ist sich für diesen kurzen Augenblick sicher: Jesus kann nicht der Prophet
sein, für den ihn viele halten. Jetzt hat er ihn auf frischer Tat ertappt. Doch
Jesus belehrte ihn eines besseren, denn Jesus kennt Simons Gedanken und
antwortet darauf:
«Simon, ich will dir etwas erzählen», antwortete Jesus . «Ja, ich höre zu,
Meister», antwortete Simon. «Ein reicher Mann hatte zwei Leuten Geld geliehen.
Der eine Mann schuldete ihm fünfhundert Denare, der andere fünfzig. Weil sie
aber zum festgesetzten Termin das Geld nicht zurückzahlen konnten, schenkte er
es beiden. Welcher der beiden Männer wird ihm nun am meisten dankbar sein?»
«Bestimmt der, dem er die größte Schuld erlassen hat», antwortete Simon. «Du
hast recht geurteilt!» bestätigte ihm Jesus.
Auf unser Bild von der Messlatte angewandt würde das Gleichnis lauten: Beide
schaffen es nicht hundert Prozent zu erreichen. Beiden fehlt die Größe. Dem
einen viel, dem anderen etwas weniger. Doch beiden schenkt Gott das fehlende.
Das große Problem ist: Derjenige mit den wenigen Schulden bildet sich ein, er
könnte den fehlenden Rest noch selbst aufbringen. Darum ist er natürlich nicht
besonders dankbar, dass man ihm etwas geschenkt wird. Er wollte es ja selbst
zurückgeben, er wollte sich nichts schenken lassen.
Liebe Gemeinde, das ist die große Gefahr bei anständigen Menschen, dass sie
meinen, weil ihnen nicht so viel fehlt, sie könnten es noch selbst schaffen.
Diese Menschen gehen an der Gnade Gottes vorbei und handeln auch an anderen
Menschen recht gnadenlos. Jesus deckt das nun schonungslos bei Simon auf:
Dann blickte er die Frau an und sagte: «Sieh diese Frau, Simon! Ich kam in
dein Haus, und du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben, was doch sonst
selbstverständlich ist. Aber sie hat meine Füße mit ihren Tränen gewaschen und
mit ihrem Haar getrocknet. Du hast mich nicht mit einem Bruderkuss begrüßt. Aber
diese Frau hat immer wieder meine Füße geküsst. Du hast meine Stirn nicht mit Öl
gesalbt, während sie dieses kostbare Öl sogar über meine Füße gegossen hat. Ich
sage dir: Ihre große Schuld ist ihr vergeben; sonst hätte sie mir nicht so viel
Liebe zeigen können. Wem wenig vergeben wird, der liebt auch wenig.»
Jesus dreht die Messlatte um. Er zeigt dem frommen Simon, dass er gar nicht so
toll ist, wie er es von sich denkt. Er zeigt ihm, dass es ihm vor allem an Liebe
fehlt. Die dankbare Liebe ist die einzig richtige Antwort auf Gottes Gnade. Und
genau diese Liebe hat ausgerechnet die sündige Frau erwiesen. Die Liebe zu Jesus
ist das wichtigste. Alles andere ist nebensächlich.
Wie zeigen wir ihm unsere Liebe? Können wir auch so
überschwänglich, selbst, wenn es peinlich wirkt unsere Liebe zu ihm zeigen? Die
ersten Christen begrüßten sich mit einem Kuss. Wer seine Liebe gerne körperlich
durch Zärtlichkeiten zeigt, der kann ruhig auch einmal jemand in der Gemeinde in
den Arm nehmen und drücken. Einfach aus Liebe zu Jesus. Warum ist das uns so
peinlich?
Man kann auch Liebe zeigen, indem man einen anderen lobt und ihm Anerkennung
zeigt. Wer gerne so seine Liebe ausdrückt, der kann in sein stilles Kämmerlein
gehen oder einen langen Spaziergang machen und Gott loben für alles, was ihm in
den Sinn kommt. Oder auch mal Schwestern und Brüder Jesu loben, die sonst wenig
Lob bekommen.
Man kann auch seine Liebe zeigen, indem man sich Zeit für den anderen nimmt.
Sich allein ihm zuwendet. Wer auf diese Weise gerne Liebe bekundet, der sollte
sich viel Zeit für die Stille nehmen. Mit Jesus reden, auf ihn hören. Und nichts
anderes dabei tun
Man kann auch seine Liebe bekunden, wenn man dem anderen ein Geschenk macht. So
wie die Frau ein überaus teures Parfum über Jesus ausschüttet, so kann man auch
mal verschwenderisch etwas für die Sache Gottes spenden. Wenn das ihre Form ist,
Liebe ausdrücken, wenn sie gerne schenken, dann seien Sie nicht knauserig einmal
etwas zu spenden.
Und man kann seine Liebe ausdrücken, indem man dem anderen dient. Wenn das ihre
Art ist, Liebe zu zeigen, dann engagieren sie sich in irgendeinem unscheinbaren
Dienst, wo Sie etwas gutes Tun können zum Bau des Reiches Gottes oder zu seiner
Ehre.
Liebe sucht immer wieder einen Ausdruck, eine Form, wie sie sich zeigen kann.
Darum sollte uns diese Frau ein Vorbild sein. Ein Vorbild für ein Mensch, der
überschwänglich Jesus seine Liebe zeigt. Denn Liebe ist irgendwie die einzige
richtige Antwort auf die Gnade Jesu.
Zu der Frau sagte Jesus: «Deine Sünden sind dir vergeben.» Da tuschelten die
anderen Gäste untereinander: «Was ist das nur für ein Mensch! Kann der denn
Sünden vergeben?»
Eine Sünde vergeben kann eigentlich nur der Geschädigte. Wenn jemand ihr Auto zu
Schrott fährt, dann muss er ihnen den Schaden ersetzen. Es sei denn, sie
verzichten auf eine Entschädigung. Theologisch ausgedrückt: „sie vergeben ihm!“.
Aber kein anderer kann das. Ich kann dann nicht einfach kommen und sagen: Ach,
den Schaden brauchst du nicht zu bezahlen. Vergeben kann nur der Geschädigte.
Wenn ein Mensch sündigt, so schädigt er in erster Linie Gott, auch wenn er gegen
einen Menschen sündigt. Denn jeder Mensch ist Gottes Eigentum.
Wie – und Jesus vergibt Sünden? Wenn das nur der Geschädigte kann, dann bekundet
Jesus, dass er Gott ist. Darum wundern sich die Leute: Wie kann ein normaler
Mensch Sünden vergeben, wenn Gott der Geschädigte ist?
Die anderen nehmen Jesus das nicht ab. Das zweifeln sie an.
Nicht aber die Frau. Denn Jesus sagt zu ihr:
Doch Jesus sagte noch einmal zu der Frau: «Dein Glaube hat dich gerettet! Geh in
Frieden.» Die Frau vertraut darauf, dass Jesus das, was er sagt auch kann. Sie
glaubt, dass er Gott ist.
Ihr Vertrauen zu Jesus, sie weiß, wer er ist und ihre Liebe zu ihm, ist die
würdige Antwort auf die Liebe und Gnade Gottes. Dies sollte auch unsere Antwort
auf seine Gnade sein: Liebe und grenzenloses Vertrauen.
Amen.
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