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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 20. Oktober 2002
1. Kor. 12,12-31
12:12 So wie unser Leib aus vielen Gliedern besteht und
diese Glieder einen Leib bilden, so besteht auch die Gemeinde Christi aus vielen
Gliedern und ist doch ein einziger Leib.
12:13 Wir haben alle denselben Geist empfangen und gehören darum durch die Taufe
zu dem einen Leib Christi, ganz gleich, ob wir nun Juden oder Griechen, Sklaven
oder Freie sind; alle sind wir mit demselben Geist erfüllt.
12:14 Nun besteht aber ein Körper aus vielen einzelnen Gliedern und Organen,
nicht nur aus einem einzigen.
12:15 Selbst wenn der Fuß behaupten würde: «Ich gehöre nicht zum Leib, weil ich
keine Hand bin!», er bliebe trotzdem ein Teil des Körpers.
12:16 Und wenn das Ohr erklären würde: «Ich bin kein Auge, darum gehöre ich
nicht zum Leib!», es gehörte dennoch dazu.
12:17 Angenommen, der ganze Körper bestünde nur aus Augen, wie könnten wir dann
hören? Oder der ganze Leib bestünde nur aus Ohren; wie könnten wir dann riechen?
12:18 Deshalb hat Gott jedem einzelnen Organ des Körpers seine besondere
Funktion gegeben, so wie er es wollte.
12:19 Was für ein sonderbarer Leib wäre das, der nur ein Körperteil hätte!
12:20 Aber so ist es ja auch nicht, sondern viele einzelne Organe bilden
gemeinsam den einen Leib.
12:21 Darum kann das Auge nicht zur Hand sagen: «Ich brauche dich nicht!» Und
der Kopf nicht zu den Füßen: «Ihr seid überflüssig!»
12:22 Vielmehr sind gerade die Teile des Körpers, die schwach und unbedeutend
erscheinen, besonders wichtig.
12:23 Was uns an unserem Körper anstößig erscheint, das verbergen wir
sorgfältig, und was uns nicht gefällt, das putzen wir besonders heraus.
12:24 Denn was schön ist, wirkt ohnehin. Gott aber hat unseren Leib so
zusammengefügt, dass unwichtig erscheinende Teile in Wirklichkeit besonders
wichtig sind.
12:25 Unser Leib soll eine Einheit sein, in der jedes einzelne Körperteil für
das andere da ist.
12:26 Leidet ein Teil des Körpers, so leiden alle anderen mit, und wird ein Teil
gelobt, freuen sich auch alle anderen.
12:27 An diesem Beispiel wollte ich euch erklären: Ihr alle seid der eine Leib
Christi, und jeder einzelne von euch gehört als ein Teil dazu.
12:28 Jedem hat Gott seinen ganz bestimmten Platz zugeteilt. Da sind zunächst
die Apostel, dann die Propheten und drittens Männer, die in der Gemeinde Gottes
Wort lehren. Dann gibt es Christen, die Wunder tun und solche, die Kranke heilen
oder Bedürftigen helfen. Einige leiten die Gemeinde, andere beten in unbekannten
Sprachen.
12:29 Sind sie nun etwa alle Apostel, Propheten oder Lehrer? Oder kann jeder von
uns Wunder tun?
12:30 Kann jeder Kranke heilen, in unbekannten Sprachen beten und das Gesagte
erklären?
12:31 Natürlich nicht. Aber jeder einzelne soll sich um die Gaben bemühen, die
der Gemeinde am meisten nützen. Und jetzt zeige ich euch den einzigartigen Weg,
der dazu führt.
Liebe Gemeinde
wenn ich morgens noch verschlafen in den Spiegel schaue, dann
fühle ich mich nicht gerade wie ein Schönheitskönig mit den verstrubbelten
Haaren und den Bartstoppeln, den kleinen Augen und der knittrigen Haut und
dennoch staune ich oft am Morgen vor dem Spiegel, wie wunderbar ich gemacht bin.
Mein Gehirn funktioniert so gut, dass ich weiß, wo Rasierzeug und Zahnbürste
liegen. Ich kann mich problemlos an das bisher Erfahrene erinnern und wieder
anknüpfen. Meine blinzelnden Augen sehen das Licht, das Badezimmer, Farben und
Formen, meine Ohren hören, Geräusche, Musik und die vertraute Stimme meiner Frau
und Kinder. Mit meinem Mund kann ich „Guten Morgen“ sagen – oder auch brummend
bitten: „lasst mich noch ein bisschen in Ruhe, bis ich richtig wach bin.“ Mit
meiner Nase rieche ich den feinen Duft des Kaffees, der gerade aufgebrüht wird,
und meine Geschmacksnerven freuen sich schon auf ein feines
Samstagvormittagsfrühstück mit knusprigen Marmeladenbrötchen. Eine
ausgeklügeltes Signal- Nerven- und Drüsensystem sorgt dafür, dass die für die
bevorstehende Nahrungsaufnahme die Speichelproduktion erhöht wird. Auf deutsch:
Das Wasser läuft im Mund zusammen. Ohne das würde das Essen im Mund kleben wie
Sägemehl. Ich könnte noch lange fortfahren und staunen wie wundervoll mein
Körper gemacht, wie fein alles funktioniert, er ist ein ausgeklügeltes
Wunderwerk von der äußersten Haarspitze bis zum Zehennagel und so ist jedes
Geschöpf eine technische und künstlerische Meisterleistung unseres Schöpfers
Liebe Gemeinde, ähnliches gilt auch für die Gemeinde. Manchmal empfindet man
seine Gemeinde vielleicht nicht als die ideale Schönheitskönigin, man sieht sie
etwa so, wie man sich morgens im Spiegel sieht. Etwas verknautscht, mit Falten
und Macken, nicht gerade repräsentativ und geschminkt. Und dennoch ist sie ein
herrliches geistliches Wunderwerk. Sie ist der Leib Christi. Sie besteht aus
vielen kleinen unterschiedlichen Menschen, die Gott vertrauen und die auf dem
Weg sind, vollkommen wie Jesus zu werden. Die Gemeinde ist der Leib Christi. Und
unter Gemeinde verstehe ich sowohl die Christen unserer evangelische
Kirchengemeinde Eupen - Neu-Moresnet, als auch alle Menschen, die ihr Leben
Jesus Christus anvertraut haben und zu ihm gehören wollen. Auf der ganzen Welt
und in allen Konfessionen.
Was ist nun das Großartige an der Gemeinde?
In der Gemeinde will mir Jesus begegnen. Ich wünsche mir oft
Jesus zu sehen, seine milde Stimme zu hören, mit ihm zu sprechen, ihn zu
umarmen, von ihm zu lernen, seine Wunder miterleben. Kurz bei ihm zu sein, so
wie die Jünger es waren. So wie wenn man jemanden liebt, dass man gerne mit ihm
zusammen sein möchte. Gemeinde nun heißt: Jesus begegnet mir in jeder Schwester
und jedem Bruder. Jede und jeder verkörpert mit seinem Glauben einen kleinen
Teil von Jesus.
Durch die anderen schenkt mir Jesus verborgen seine Liebe. Wenn sie für mich
beten, wenn sie mir helfen und beistehen, wenn sie mir zu neuen Erkenntnissen
verhelfen, wenn sie mir ihre Liebe schenken, dann ist das ein Teil von Jesus
Liebe.
Gleichzeitig kann ich Jesus lieben, indem ich Schwestern und Brüder liebe. Ich
kann sie ermuntern und liebe Worte sagen, ich kann ihnen zuhören und meine Zeit
schenken, mit ihnen beten, feiern, lachen, zum Abendmahl gehen, ich kann ihnen
helfen, wenn sie in Not sind, ich kann sie in Arm nehmen und an mich drücken,
ich kann ihnen ein Geschenk machen, um ihnen Liebe zu schenken.
Und so wird mir Jesus leibhaftig begegnen. Das ist das wunderbare und großartige
an einer Gemeinde. In ihr verkörpert sich Jesus. Vorausgesetzt, ich vertraue
ihm, dass die Gemeinde Christi Leib ist.
Wenn ich darauf vertraue, dass die Gemeinde Jesu Leib ist, dann gilt es noch
folgendes zu bedenken:
1. Wir gehören zusammen.
So wie unser Leib aus vielen Gliedern besteht und diese
Glieder einen Leib bilden, so besteht auch die Gemeinde Christi aus vielen
Gliedern und ist doch ein einziger Leib.
Ein Mensch, der sich nicht bejahen kann, so wie er ist, der seine Nase, seine
Haare oder was auch immer nicht mag, der läuft Gefahr Komplexe zu bekommen und
krank zu werden. Ein Körperteil braucht das andere. Man ist aufeinander
angewiesen. Es wäre eine Katastrophe, wenn plötzlich meine Hände, meine
Ohrenmuscheln ausreißen würden, nur, weil sie nichts arbeiten, nichts
produzieren, sondern nur lauschen.
Ebenso ist es mit uns Christen. Wir tun uns keinen guten
Dienst, wenn wir immer nur das zur Kenntnis nehmen, was der andere gerade nicht
tut. Das wird uns nur enttäuschen und dazu bringen, dass wir an einander
herumnörgeln und als Leib Christi krank, das heißt lieblos werden. Vielmehr
sollten wir in erster Linie sehen, was der andere leistet und tut und Gott dafür
danken. Denn jeder hat seine Aufgabe. Als Martha, vergleichen wir sie einmal mit
der Hand, sich ärgerte, dass ihre Schwester Maria nichts arbeitete, nahm Jesus
Maria in Schutz indem er auf das wies, was sie tat. Sie war Ohr, sie hörte zu
und das war auch richtig. Wenn Maria genörgelt hätte und zu Jesus gesagt hätte:
Sag doch mal zu meiner Schwester, sie soll Ruhe geben und nicht immer so mit dem
Geschirr klappern, dann hätte Jesu ihr bestimmt deutlich gemacht, wie wichtig
ihr Dienst ist.
Die beiden brauchen sich. Martha braucht Maria und Maria braucht Martha. Und so
brauchen wir uns. Der Asket braucht den Genießer in der Gemeinde, der
Bibelexperte braucht denjenigen, der nicht weiß, wie Adams Frau hieß, der Starke
braucht den Schwachen und umgekehrt. Auch hier könnte ich endlos die Liste
weiterführen. Wir brauchen einander, um als Leib Christi gut zu funktionieren.
Wer meint, ohne Gemeinde auszukommen, der läuft Gefahr, dass seine Liebe zu
Jesus erkaltet.
Es war einmal ein sehr frommer Bauer, der hatte sich über irgendetwas in seiner
Gemeinde geärgert und ließ sich immer weniger sehen. Schließlich zog sich ganz
zurück. Bis der Pfarrer persönlich zu Besuch kam. Er wurde freundlich aber kühl
empfangen. Man setzte sich an den offenen Kamin und unterhielt sich über dies
und das, über das Wetter, die Ernte und der Pfarrer wusste gar nicht so richtig,
wie er dem Bauern klarmachen könnte, wieder in die Gemeinde zu kommen. Da wurde
langsam still zwischen den beiden. Die beiden schauten zuletzt etwas beklommen
auf das lustig brennende Feuer. Da stand der Pfarrer wortlos auf, griff nach der
langen Kohlenzange, die neben dem Kamin hing, nahm damit ein brennendes
Holzscheit heraus, und legte es daneben. Anfangs brannte das Stück, aber schnell
wurde es weniger, es glühte noch eine Weile, zuletzt stieg Rauch auf und das
Feuer dieses Holzscheites war erloschen. Der Bauer sagte zu dem Pfarrer nur: Ich
habe verstanden – ohne die anderen wird das Feuer des Glaubens erlöschen. Ich
komme wieder am Sonntag in die Kirche.
Liebe Gemeinde, wenn die Liebe Jesu in uns brennen soll, dann brauchen wir
einander. Dann müssen wir einander lieben und immer wieder einander mit Liebe
entzünden, Liebe geben und Liebe nehmen. Wenn dies nicht stattfindet geht der
Ofen aus und die Gemeinde besteht nur noch aus einigen angekohlten
Individualisten. Als Leib Christi sind wir eine Einheit und gehören zusammen.
2. Leib Christi, das bedeutet auch, dass jeder verschieden ist.
Paulus schreibt: Nun besteht aber ein Körper aus vielen
einzelnen Gliedern und Organen, nicht nur aus einem einzigen.
Gott liebt die Einheit und gleichzeitig liebt er die Vielfalt. Wir Menschen
stellen uns Einheit immer sehr eintönig vor. So wie eine militärischen
Truppeneinheit, alle in der derselben Uniform stecken und alle im Gleichschritt
gehen müssen. Bei Gott sieht Einheit ganz bunt und vielfältig aus. Man schaue
sich nur einmal einen Baum an. Er besteht aus vielen tausend Blättern, aber
schaut man die Blätter jedes einzeln an, dann gleicht kein einziges Blatt genau
dem anderen. Wie viel mehr muss dann eine Gemeinde vielfältig sein. Jeder ist
anders, jeder hat andere Schwerpunkte, andere Gaben, andere Berufungen.
Paulus zählt zunächst die Apostel auf. Apostel das sind
so etwas wie die Strategen der Gemeinde, Magnetfelder, Ideengeber, Leute, die
verschiedene Gruppen und Gruppierungen verbinden und ihre Leiter weiterbilden,
die Frieden stiften, wenn etwas durcheinander gegangen ist und Streit
schlichten, die größere Veranstaltungen planen und ausführen.
Dann gibt es Propheten. Das sind die Ohren der Gemeinde. Diejenigen, die ganz
Stille werden können und die leise Stimme Gottes hören, was er den Gemeinden zu
sagen hat, die warnen müssen, aber auch die Visionen haben und zum Aufbruch
rufen.
Dann gibt es die Lehrer. Diejenigen, die ein Händchen dafür haben, die
Geheimnisse der Bibel verständlich zu machen.
Dann gibt es Menschen, die die Gabe der Heilung haben. Menschen, die besonders
die Fähigkeit haben für Kranke zu beten und dadurch Heilung bewirken.
Vielleicht fragen Sie sich – warum gibt es das denn heute nicht mehr in der
Gemeinde. Das hat zwei Gründe. Einmal wurde Leute mit diesen Gaben überheblich.
Sie verachteten andere Christen, mit anderen Gaben. Das ließen die sich nicht
gefallen, es kam zum Streit und sie bildeten eine kleine Abspaltung. Manchmal
wurden Menschen mit diesen Gaben auch aus der Kirche ausgestoßen. Propheten
beispielsweise sind für eine Staatskirche sehr unbequem, weil sie offen
Missstände anprangern. Und man will es ja nicht mit dem Brötchengeber verderben.
Darum wurden sie schon sehr früh nach der konstantinschen Wende ausgesondert.
Und so verarmte die Kirche. Ihre Gabenvielfalt ging verloren. Ich kann mir aber
vorstellen, dass Gott sie uns wieder schenken kann, wenn wir uns für diese Gaben
öffnen.
Liebe Gemeinde, wir brauchen einander. Keiner verachte den
anderen, nur so können wir als Gemeinde brennen und Licht der Welt sein.
3. Leib Christi zu sein, das heißt, dass wir eine Dienstgemeinschaft sind.
So wie im Leib alles darauf aus ist, den anderen Glieder zu
dienen, so sollte auch jedes Gemeindeglied darauf aus sein, mit seiner Gabe den
anderen zu dienen. Und so wie Muskeln, wenn sie nicht betätigt werden
erschlaffen, ja kaputt gehen, so ähnlich werden unsere Gaben schlaff, wenn sie
nicht dienen. Ja Luther sagte ganz hart: „Was nicht im Dienst steht, das steht
im Raub.“ Niemand sage, die anderen brauchen mich nicht.
Liebe Gemeinde – lassen Sie uns die Gemeinde in diesem Licht immer wieder
betrachten. Dass Jesus sich in ihr verkörpert, dass wir als Schwestern und
Brüder eine Einheit bilden, dass wir in dieser Einheit eine Fülle von Vielfalt
erleben und erleiden und dass wir in Liebe mit unseren Gaben dienen. Dann werden
wir auch unsere Gemeinde hier, als ein herrliches Geschenk und ein großes
Wunderwerk erleben.
Amen.
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