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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 31.12.2000 - Gottesdienst zum
Altjahrabend
Liebe Gemeinde
Vielleicht sind Sie heute Abend irgendwo eingeladen zu einer
Feier. Irgendeiner der anderen Gäste hat erfahren, dass Sie heute im
Gottesdienst waren und an Gott glauben. Dieser Gast käme auf Sie zu und würde
Sie fragen: Hören Sie mal, Sie sind doch eine fromme Person. Ich hab da eine
Frage: Meinen Sie, ob unsere Zukunft vom Schicksal festgelegt ist? Kommt alles
so, wie es kommen soll? Oder kann ich selber bestimmen, was aus mir wird? Habe
ich meinen freien Willen?“
Wie würden Sie da antworten?
Ich würde ungefähr so antworten: Ich bin der Meinung, dass sich der Lebensweg
eines Menschen in bestimmten Bahnen bewegt. Die Bibel nennt diese Bahnen „Wege“.
Unsere eingeschlagenen Wege führen in eine von Gott bestimmte Richtung. Schlägt
ein Mensch einen bestimmten Weg ein, dann kommt er an einem von Gott
festgelegten Ziel an. Ob er nun dort hin wollte, oder nicht.
Es ist ähnlich wie bei einer Zugfahrt. Sie können frei wählen, in welchen Zug
sie steigen wollen. Sie können auch an bestimmten Stationen aus, oder umsteigen.
Doch der Zug wird immer in seine bestimmte Richtung fahren, ob Sie als Fahrgast
dorthin wollen oder nicht. Wenn Sie beispielsweise von Aachen nach Köln fahren
wollen, müssen Sie auch in einen Zug steigen, der in diese Richtung fährt. Nimmt
jemand den Zug nach Paris, und hört er nicht auf die Warnungen des Zugpersonals
und anderer Fahrgäste und denkt: Ach der Zug ist so gemütlich, die Mitreisenden
sind so nett, ich glaub dem dummen Schaffner kein Wort, ich bin sicher, der Zug
wird mich nach Köln bringen – der wird spätestens wenn der Zug in Paris
angekommen ist, ein böses Erwachen haben und dumm dastehen.
Ähnlich ist es mit unserem Leben. Wir haben viele Möglichkeiten zu wählen, was
unsere Gedanken bestimmt, was unsere Augen ansehen können, wovor wir sie
verschließen, wovon wir reden, was unser Herz erfüllt, wir glauben, was wir tun,
wohin wir gehen. Dabei haben auch viele Umsteigemöglichkeiten. Immer wieder
bietet sich die Gelegenheit, umzudenken. Sich zu ändern. Doch irgendwann ist der
Zug abgefahren und es gibt kein zurück mehr. Unser Lebensweg führt in eine
festgelegte Richtung. Wir kommen an einem von Gott festgelegten Ziel an. Ob uns
das Ziel passt oder nicht.
Und wenn mich darauf hin der Partygast fragen würde: Und wohin soll die Reise
des Lebens eigentlich führen?
Dann würde ich antworten: „Ich glaube jeder Mensch möchte zu
seinem Glück kommen. Das ist dort, wo er in innerem und äußeren Frieden leben
kann. Dort, wo er anerkannt und geliebt ist, ohne Vorleistungen zu bringen, oder
darum kämpfen zu müssen, dort wo er sagen kann: Mein Leben ist mir gelungen,
dort, wo er sicher ist und nicht bedroht wird. Und ich füge als Christ bewusst
hinzu: Es ist dort, wo ein Mensch in der Einheit mit Gott lebt. Es ist dort, wo
er sagen kann: Gott du bist meine Freude, mein Licht, mein Freund, mein Leben.
Ja, dorthin möchte ich hinkommen.“
Doch das Leben ist nicht einfach. Es geht nicht so zu, wie wenn man in einen
bequemen Schnellzug steigt, sich hinsetzt, Zeitung liest, einen Kaffee trinkt,
ein Nickerchen macht und dann automatisch ankommt. Die Lebenswege eines jeden
Menschen sind sehr viel komplizierter, schwieriger, lebendiger, spannender und
voller Überraschungen als eine Zugfahrt.
Und dennoch bleibt es so, dass es immer wieder bestimmte Weggabelungen gibt, die
uns zum Ziel hin, oder weiter wegführen. Für heute geben uns die Sprichwörter
einige Hinweise, wie wir uns an Weggabelungen orientieren können.
Kein Mensch, aber auch kein Geist kann letztendlich die
Zukunft voraussagen. Das bleibt Gott vorbehalten. Doch bewegt sich ein Mensch in
eine bestimmte Richtung, so lassen sich bestimmte Haltestationen abschätzen,
weil die Schienen abgesteckt sind. So wie ich mit ziemlicher Sicherheit sagen
kann: Ein Zug, der nach Köln fährt, kommt über Düren, so können sensible Geister
erkennen, wo der eingeschlagene Weg eines Menschen vorbei und hinführt. Darin
liegt meiner Ansicht nach der Erfolg verschiedener Wahrsager.
Ich lese aus Sprüche 19,1-9:
Der Mensch denkt über vieles nach und macht seine Pläne,
das letzte Wort aber hat Gott. Der Mensch hält sein Handeln für richtig, aber
Gott prüft die Motive. Vertraue Gott deine Pläne an, er wird dir Gelingen
schenken. Alles hat Gott zu einem bestimmten Zweck geschaffen – der Gottlose ist
für das Verderben gemacht. Gott verabscheut die Hochmütigen. Du kannst sicher
sein: Keiner entkommt seiner gerechten Strafe! Wer Gott treu ist und Liebe übt,
dem wird die Schuld vergeben, und wer Gott gehorcht, der meidet das Böse. Wenn
dein Handeln Gott gefällt, bewegt er sogar deine Feinde dazu, sich mit dir zu
versöhnen. Besser wenig Besitz, der ehrlich verdient ist, als großer Reichtum
durch Betrug erschlichen. Der Mensch plant seinen Weg, aber der Herr lenkt seine
Schritte.
Ich möchte daraus ein drei Grundregeln ableiten:
1. Grundregel: Plane mit Gott
Ein Mensch hat, besonders am Anfang seines Lebens einen
großen Entscheidungsspielraum. Fast jeden Tag müssen wir Entscheidungen treffen.
Doch bei all dem ist es ganz wichtig, seine Entscheidungen mit Gott
abzusprechen. Wenn ich eine weite Bahnreise machen möchte, dann spreche ich auch
zuerst mit jemanden, der sich mit Bahnverbindungen auskennt und fahre nicht
einfach darauf los. Mir ging es kürzlich mal so in Verviers. Ich wollte nach
Welkenraedt fahren, schaute flüchtig auf den Fahrplan und las etwas von Gleis
vier und setzte mich einfach in den Zug, der dort stand, ohne den Schaffner zu
fragen. Als der Zug in Pepinster hielt, kam mir langsam, dass da etwas nicht
ganz stimmte und kam dann in Lüttich an. Ich hätte auch Glück haben können –
doch es ist klüger, man fragt jemand, der sich auskennt.
Viel wichtiger ist das für unseren Lebensweg.
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1. Dass wir uns überhaupt Gedanken machen, wohin er führen
soll. Dass wir nicht wie unsere Haustiere in den Tag hinein leben.
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Aber 2. dass wir in unserem Überlegen Gott mit
einschließen.
Ich finde es faszinierend, wie Jesus das gemacht hatte. Er
ging auf einen Berg und betete eine ganze Nacht hindurch. Eine lange Nacht
hindurch unterhielt er sich mit seinem Vater über seine Nachfolger und über den
nächsten Schritt, den er auf seine Berufung hin zu tun hatte. Am anderen Morgen,
als die Sonne aufging, sah er klar: Er wählte 12 seiner Jünger aus, denen er
besondere Verantwortung für das Reich Gottes auftrug. Vielleicht hätten wir
damals seine Personalentscheidung kritisiert. Hör mal Jesus – findest du nicht,
dass Petrus ein etwas zu großes Mundwerk hat. Und ist nicht Judas Iskariot zu
fanatisch und zu geizig?
Aber vom Ganzen her gesehen, war dieser Schritt der allerbeste Schritt. Es waren
genau die richtigen Leute, mit denen Gott seine Kirche dann bauen konnte.
Ich muss ihnen gestehen, liebe Gemeinde, dass ich da Ihnen kein großes Vorbild
bin. Schnell bin ich von einer fixen Idee begeistert und möchte dann meinen Kopf
durchsetzen. Ich denke: Gott wird schon meiner Meinung sein. Es ist nicht
einfach, Gott einzubeziehen. Wörtlich heißt es in Vers 3: Wälze dein Vorhaben
auf Gott ab. In diesen Worten schwingt Schwerstarbeit mit. Es ist ein Kraftakt,
von seinen Plänen loszulassen und Gott daran zu beteiligen. Aber ich kann ihnen
versichern: In 90% der Fälle, bei denen es mir gelang Gott einzubeziehen, konnte
ich reichen Segen spüren. Da kam ich gut ans Ziel und mein Vorhaben gelang.
Ich will uns Mut machen. Nehmen wir uns doch in der nächsten Woche einen Abend
Zeit, dass wir uns zurückziehen, Fernseher auslassen, Telefonstecker
herausziehen und uns dann vor ein leeres Blatt Papier setzen. Auf dieses Blatt
kann man drei Spalten machen. Eine Spalte mit meinen Wünschen, Zielen,
Sehnsüchten, mit dem, was ich verwirklichen will. Auf die zweite Spalte dann,
das, was ich meine, dass Gott von mir will. Und auf die dritte Spalte: Meine
Not. Die Dinge, die mir große Schwierigkeiten machen, die mich in die falsche
Richtung drängen. Beten Sie dann darüber und machen sich konkrete Gedanken, wie
Sie etwas anpacken. Ich bin mir sicher, Sie werden etwas von der Verheißung in
Vers drei erfahren: Befiehl dem Herrn deine Werke, so wird dein Vorhaben
gelingen.
Das war die erste Grundregel für unseren Lebensweg: Plane mit Gott.
Die zweite Grundregel lautet: Lass Deine Wege von Gott durchkreuzen.
Es kann sein, dass man sich ehrgeizige Ziele gesteckt hat,
ein großes Vorhaben plant. Ja, durchaus, voller Begeisterung sich für Gottes
Sache einsetzt. Es läuft anfangs auch wie am Schnürchen und dann kommt irgend
ein Hammer. Man erkrankt, es passiert etwas Schreckliches oder man gerät in
schlimme Streitereien und Intrigen. Und es scheint, als würde das ganze
Vorhaben, Gottes Reich wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen. So wie man
dachte: Die Sache Jesu ist am Kreuz gestorben. Dann ist man im ersten Augenblick
mal so richtig wütend auf Gott. Viele brechen dann sogar ganz mit ihm. Und
dennoch: im Durchkreuzen der Wege liegt Gottes Chance:
Einmal prüft er meine Motive. Werden meine Wege von Gott durchkreuzt, so werde
ich gereinigt von meinem Hochmut. Gott sagt mir dadurch: „Hör mal, es ging dir
doch zutiefst um deine Selbstverwirklichung und weniger um mich.“
Und zum anderen hilft das Durchkreuzen der Wege, Gott zu lieben. Als ich mein
Studium erfolgreich abgeschlossen hatte, konnte ich es kaum erwarten, in den
Gemeindedienst zu gehen. Ich war mir so sicher, dass mich Gott berufen hatte,
Pfarrer zu werden. Doch keine Kirche wollte mich haben. Es war so bitter,
einfach so abgewiesen zu werden. Ich fühlte mich so elend, schlimmer als
Liebeskummer. Und warum sorgte Gott nicht, dass ich eine Stelle bekam? Aber
gerade diese Zeit benutzte Gott, um seine Beziehung zu mir zu vertiefen, mein
Vertrauen auf ihn zu stärken. Er schenkte mir nochmals einen ganz neuen Blick,
den ich nicht bekommen hätte, wäre alles so gegangen, wie ich es wollte.
Gebete, Glaube, Hingabe werden echter, wenn Wege durchkreuzt werden, wenn ein
Mensch an seine Grenzen kommt.
Das war die zweite Grundregel: Lass Deinen Lebensweg von Gott durchkreuzen. Denn
der Mensch denkt und Gott lenkt.
Damit kommen wir zur dritten Grundregel: Vertraue und hoffe darauf, dass Gott
seine Wege zum richtigen Ziel führt!
Viele Wege, die uns Gott führt sind sehr schön. Wir werden
überschüttet mit Gutem, er ist liebevoll und großzügig wie ein guter Vater. Er
freut sich, wenn er den Seinen eine Freude machen kann. Bei den schönen
Wegabschnitten ist man guter Zuversicht, dass Gott alles zum guten Ende führt.
Es gibt aber auch schwierige Wegstrecken. Wege, die nicht weiter zu führen
scheinen, die wie so ein Holzweg im Wald sind. Plötzlich hören sie auf. Dann
nagen Zweifel an uns. Zweifel, ob Gott wirklich zum Ziel kommt. Und man fragt
sich: Haben nicht doch die Leute recht, die Gott verleugnen, die sich um nichts
jenseitiges scheren.
Ich will Ihnen, am Vorabend des Neuen Jahres Mut machen, dennoch darauf
vertrauen, dass Gott unsere Wege in der Hand behält. Man sieht nicht immer
sofort, dass Gott handelt. Oft muss man lange warten. Zu V. 7: Wenn dein Handeln
Gott gefällt, bewegt er sogar deine Feinde dazu, sich mit dir zu versöhnen.
Ein neues Jahr steht an.
Neue Wege müssen beschritten werden, neue Entscheidungen gefällt, neue
Herausforderungen kommen auf uns zu.
Lassen Sie uns diese drei Grundsätze im Hinterkopf behalten:
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1. Beziehen Sie Gott in ihre Pläne mit ein
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2. Lassen Sie ihre Wege durchkreuzen.
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3. Vertrauen Sie Gott und hoffen darauf, dass er sie sicher und wohlbehalten ans
Ziel bringen wird.
Amen.
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