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Lasst uns einander lieb haben                                    

   

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 5. September 2004

Predigttext: 1. Johannesbrief 4, 7-12

Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist die Liebe. Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden. Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.

Liebe Gemeinde,

unser Bibelabschnitt beginnt mit einer erstaunlichen und wichtigen Anrede. Ihr Lieben. In einer wortgetreueren Übersetzung heißt es: "Geliebte".

Geliebt sein bedeutet, dass es jemand gibt, der mich mag, der gerne mit mir zusammen ist, der sein Leben mit mir teilen möchte, der sich mir anvertraut, der sich freut, wenn ich meine Zeit ihm schenke, dessen Wohlgefallen und Anerkennung ich besitze.

Geliebt sein ist das Lebenselixier für einen Menschen. Menschen hungern nach Liebe und sie tun alles, um wenigstens einen Ersatz dafür zu bekommen. Es gibt viele Menschen, die zu wenig Liebe bekommen haben, sei es von ihren Eltern, sei es von ihren Ehepartner oder von den eigenen Kindern. Darüber werden sie krank und verbittert.

Uns Christen wird göttliche Liebe einfach geschenkt. Eine Liebe die kostbarer ist, als jede menschliche Liebe.

Wir müssen dafür keine Gebote erfüllen, um geliebt zu werden, wir müssen noch nicht einmal etwas leisten, um Gottes Anerkennung zu bekommen. Wir sind es einfach: Geliebte – Punkt - Ausrufzeichen.

Wie sieht diese Liebe Gottes nun aus?

Fünf Kennzeichen göttlicher Liebe erkenne ich in unserem Bibelabschnitt.

1. Die göttliche Liebe gibt das Beste her.

Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt

Was ist uns wirklich wichtig? Meistens sind es unsere nächsten Verwandten. Man spürt instinktiv: Materielles, Geld und Macht kann man wieder ersetzen und aufbauen. Aber einen Menschen, den man richtig liebt, kann man nicht ersetzen. Er ist einmalig.

Ähnlich ist es bei Gott. Gott der Vater verfügt über das ganze Universum. Er braucht nur ein Wort zu sprechen, um etwas ins Dasein zu rufen. Er kann alles ersetzen, alles wieder heilen. Es gibt nichts, was er verlieren könnte. Oder?

Doch eines ist auch für ihn unersetzbar. Das ist Jesus, sein Sohn.

Jesus ist das, was Gott der Vater am meisten liebt, was ihm am allermeisten ans Herz gewachsen ist, das, was für ihn einmalig ist. So jedenfalls verstehe ich das Wort eingeboren.

Und das gibt er her. Sein Sohn gibt seine Göttlichkeit ab und wird Mensch. Diese Liebe geht das Risiko ein, alles zu verlieren.

Liebe Gemeinde, können wir das ermessen? Dass Gott das einzige hergibt, was er nicht ersetzen kann.

Wir tun uns manchmal schwer Gott nur den 10. Teil von unseren Gütern zu geben, geschweige denn ein siebtel (also den Feiertag) unserer Zeit – aber Gott rechnet überhaupt nicht. Er gibt uns mit Jesus einfach alles. Das ist göttliche Liebe.

2. Die göttliche Liebe schenkt das ewige Leben

Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.

Unsere Ressourcen sind begrenzt. Wenn man jung ist, wenn es einem gut geht, dann denkt man, dass es immer weiter so geht, dass es immer besser wird. Doch das Gegenteil ist der Fall. Jeder Mensch baut früher oder später ein wenig ab. Kleine Gebrechen machen sich bemerkbar. Und irgendwann steht jeder von uns vor dem Tod, vor dem aus. Dann wird unsere Seele vom Leib getrennt. Das heißt – irgendwie haben wir noch Bewusstsein, noch einen Willen noch eine Erinnerung und noch Verbundenheit mit anderen. Aber man hat keinen Leib, der die Befehle der Seele ausführt. Das ist schlimmer wie ein Gefängnis. Das ist die Enge des Todes, wovon in den Psalmen oft die Rede ist.

Doch durch Jesus wird unsere Seele auf weiten Raum gesetzt, sie ist nicht irgendwo verloren in einem Gefängnis, sondern ruht in seiner Liebe und wenn der Zeitpunkt gekommen ist, wird sie einen neuen Leib bekommen.

Kommen wir zum dritten Kennzeichen göttlicher Liebe:

3. Die göttliche Liebe macht keine Tauschgeschäfte

Johannes schreibt. Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben,

Menschliche Liebe funktioniert oft nur auf Basis von Sympathie. Man findet den anderen nett und solange der andere etwas zu bieten hat, investiert man ebenfalls in die Beziehung. Doch sobald er nichts mehr zu geben hat, dann ist von Liebe keine Spur mehr da. Aber diese Form menschlichen Miteinanders ist nicht die göttliche Liebe. Im Grunde ist diese Form des Miteinanders ein Tauschgeschäft.

Manchmal handeln wir auch so mit Gott. Man getraut sich nicht schon wieder um etwas zu bitten, wenn man ein Wunder erlebt hat, oder man verspricht Gott: "Wenn ich da wieder rauskommen, dann gehe ich einmal in die Kirche".

Gott liebt uns, auch wenn wir ihm gar nichts bieten können und auch gar nicht nett zu ihm sind.

Manchmal haben Kinder Phasen, dass sie so richtig trotzig und ekelhaft sind. Und manchmal dienen diese Phasen nur dazu, um uns Eltern zu testen, ob wir sie bei aller Strenge und Konsequenz trotzdem lieb haben. Und wenn sie spüren, dass nichts unsere Liebe zerstören kann, dann sind sie glücklich.

Liebe Gemeinde – nichts kann uns von der Liebe Gottes trennen. Sie ist kein Tauschgeschäft – wir brauchen keine Angst zu haben, dass wir nichts bieten könnten. Gerade die Armen, die nichts bieten können, sind bei Gott hoch im Kurs. Das ist so beruhigend und schön.

4. Die göttliche Liebe sühnt das Böse und bezahlt die Schuld

Johannes schreibt: Gott hat seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden gesandt.

Gott ist heilig und er hasst alles, was ungerecht, niederträchtig, verlogen, treulos, gewalttätig, rebellisch und unrein ist. Immer, wenn sich Menschen einander unrecht tun und sich verletzen, schlagen sie damit Gott ins Gesicht, da sie sein Bild auf der Erde schmähen und missachten. So steht das Böse steht zwischen uns und Gott. Aber mit Jesus schafft er einen Weg für uns, das Böse, das uns anhaftet, abzulegen.

Wir können unsere Schuld am Kreuz bekennen und ablegen und umkehren. Dort können wir zu neuen Menschen werden.

Wenn jemand seinen Partner betrogen hat, so kann der Partner vergeben und das Verhältnis kann wieder gut werden. Doch insgeheim wird immer wieder die Furcht aufflackern, dass so etwas noch einmal vorkommen könnte.

Durch das Kreuz besteht die Möglichkeit, dass das Alte, Unheilige und Sündige an uns abstirbt und ein neuer Mensch in uns zu wachsen beginnt, der für die Sünde nicht mehr anfällig ist. Das bewirkt die Liebe Gottes.

Das sind die Kennzeichen göttlicher Liebe. Wir können diese Liebe annehmen.

Gottes Liebe wartet auf unsere Antwort. Wir haben die Möglichkeit, die Liebe Gottes zu ergreifen und auch ihn zu lieben. Aber wie?

Und hier wird Johannes ganz praktisch.

Er sagt: Gott kann man nicht sehen. Also ist es einfach, so zu tun, als würde man ihn lieben. Als würde man ihm sein bestes geben, als würden wir ihm viel Lebensraum in unserem Herzen einräumen. Man kann es nicht überprüfen. Aber was man prüfen kann, ist die Einstellung zum Mitbruder zur Mitschwester. Den kann man sehen, dem kann man praktische Liebe erweisen. Ihm kann man die Liebe schenken, als würde man Gott lieben.

Wenn wir uns von Gottes Liebe beschenken lassen und uns dadurch einander zuwenden und einander diese selbstlose Liebe zukommen lassen, dann wird Gottes Liebe in unserer Welt so richtig aufleuchten.

Ich möchte mit einem Beispiel schließen, das einige unter uns schon kennen. Aber weil es zu unserem Predigttext so gut passt möchte ich es noch einmal wiederholen:

In einem Kulturkreis im Südpazifik war es Sitte, dass die Männer ihre Ehefrauen durch Kühe auslösten. Ein Vater mit einer durchschnittlichen Tochter bekam ungefähr zwei Kühe für sie. Ein überdurchschnittliches Mädchen brachte ihrem Vater normalerweise drei Kühe ein. Nur für eine außerordentliche Schönheit wurden ab und zu einmal vier Kühe bezahlt. In dieser Kultur lebte ein Vater, der eine so reizlose Tochter hatte, dass er darum bangte, für sie überhaupt eine Kuh zu bekommen. Auf dieser Insel lebte auch ein anderer Mann, der den Ruf genoss, der gewiefteste Kaufmann zu sein. Sehr zum Erstaunen aller kam dieser Mann und bot für die reizlose Tochter acht Kühe! Alle dachten, dieser kluge Kaufmann habe den Verstand verloren, aber es dauerte nicht lange, bis sich dieses reizlose Mädchen in die schönste und anmutigste Frau im ganzen Land verwandelt hatte. Sie hatte begonnen, sich als "Acht-Kühe-Frau" zu betrachten und sie wurde zu einer!

Der Wert einer Ware wird bei uns dadurch bestimmt, wie viel jemand dafür zu zahlen bereit ist. Womit sind wir gekauft worden? Welcher Preis wurde für unsere Ehefrauen, Ehemänner, für unsere Eltern, für unsere Kinder, für unsere Freunde, für unsere Vorgesetzte bezahlt? Für sie wurde das kostbarste Gut der ganzen Schöpfung bezahlt – das Blut des Sohnes Gottes. Wir müssen endlich beginnen, einander nach dem Geist zu erkennen und uns so zu sehen, wie Gott uns sieht. Wenn wir das tun, werden wir bei einigen Leuten bald ebenso dramatische Veränderungen sehen wie bei dem reizlosen Mädchen aus dem Südpazifik. Wir müssen aufhören, den Herrn in unseren Geschwistern noch einmal zu kreuzigen. Wir müssen endlich damit beginnen, den Herrn und sein Werk zu schätzen, das er in jedem Einzelnen von uns getan hat. Wir sollten nicht länger damit zögern, uns den Wert zuzusprechen, den er uns schon zugesprochen hat. Nur wenig Dinge werden die christliche Gemeinde so sehr aufbauen, wie wenn wir damit beginnen, einander durch seinen Geist und nicht mehr länger "nach dem Fleisch" zu betrachten.

Dann wird Gottes Liebe über uns erstrahlen.

Amen.

 

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Stand: 04. Juni 2010