|

| |
Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 26. November 2000
Liebe Gemeinde
Im Kirchenjahr steht jede Woche unter einem Motto. Das Motto
für die Woche vor dem ersten Advent lautet:
Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen Lk 12,35
Und im Zusammenhang heißt es weiter:
und seid gleich den Menschen, die auf ihren Herrn warten,
wenn er aufbrechen wird zu der Hochzeit, damit, wenn er anklopft, sie ihm
sogleich auftun.
Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen. Lk 12,35
Was ist damit gemeint. Soll man nun immer mit einem Gürtel um den Bauch
herumlaufen und die Lichter nachts wie tags brennen lassen?
Nein, der Vers vergleicht uns Christen mit einer orientalischen Braut, am
Vorabend ihrer Hochzeit.
Wie kommt das Evangelium da drauf?
Wenn ein Mensch bewusst sein Leben Jesus Christus anvertraut hat, wenn er sich
hat retten lassen, Jesu ausgestreckte Hand ergriffen und ihm gesagt hat: „Jesus,
du ich gehöre nun dir, ganz und gar und du gehörst nun in mein Leben.“ Dann
durchlebt er anfangs eine Zeit, die schöner ist, als wenn man zum ersten Mal
über beide Ohren verliebt ist.
Man ist voller Liebe für Jesus Christus und möchte am liebsten allen
weitererzählen, wie glücklich man darüber ist, über diesen ewigen, göttlichen
Freund. Man liest die Abschnitte der Bibel, wie einen Liebesbrief und man wird
davon durchströmt von der überwältigen Liebe, die in vielen Bibelversen zum
Ausdruck kommen.
Und man freut sich auf jeden Augenblick, in dem man ihn noch besser kennen
lernen kann.
Und mancher, der unter schwerer Schuld litt, morgens nicht mehr in den Spiegel
schauen wollte, weil er sich bewusst geworden war, welch ein hässliches Schwein
da steht, der konnte durch Jesus wieder aufatmen. Jesus hatte seine Schulden
bezahlt und ihn aus der Sklaverei von allerlei schuldhaften Zwängen freigekauft.
Nun konnte er wieder seines Lebens froh werden.
Und so, wie frisch verliebte nur eines im Sinn haben: nämlich möglichst bald
zusammen leben zu können, zu heiraten, so hoffen Menschen, die frisch zum
Glauben gekommen sind, dass ihr Leben mit Gott noch inniger und vereinter wird.
Das sie bald ihren Herrn erkennen und erleben können, wie sie erkannt sind.
Diese Christen hoffen darauf, dass Jesus bald sichtbar kommen wird und dass es
ein riesiges Fest geben wird mit Jesus und allen, die sich zu ihm bekannt haben.
Es ist also wie bei einer orientalischen Hochzeit. Die Braut fiebert dem Tag
entgegen, da der Bräutigam kommt, um sie zu sich zu holen, damit das
Versprechen, das sie einander gegeben haben sichtbare Wirklichkeit wird. Sie
sehnt sich nach dem Tag der Hochzeit, dem Fest der Vereinigung mit ihrem
geliebten Freund.
Im Orient war es damals so, dass der Bräutigam bei Abenddämmerung zum Haus der
Braut kam, anklopfte und sie dann in feierlichem Laternenzug zu sich nach Haus
führte. Dort begann dann nach der Hochzeitsnacht ein herrliches Hochzeitsfest,
das eine Woche dauerte.
Ich kann mir die Situation bildlich vorstellen. Es ist Abend geworden. Die Braut
mit ihren Freundinnen und ihre Verwandten haben sich auf die romantische,
aufregende Nachtwanderung vorbereitet. Sie haben sich zweckmäßig angezogen. D.h.
sie haben ein robustes Gewand angezogen mit einem starken Gürtel, in den sie den
Saum des Kleides hineinstecken konnten, um so frei gehen zu können. Wir würden
für so eine Wanderung Kniebundhosen und festes Schuhwerk anziehen. Doch damals
war ein Gürtel das Zeichen dafür, dass man bereit war aufzubrechen.
Und sie haben sich Lampen zurecht gemacht. Die auf dem Weg leuchten sollen.
Damals gab es ja noch keine Straßenbeleuchtung. Öl war sehr teuer war und
entsprechend sparsam ging man damit um. Kurz: Nachts war es damals in den
Häusern und Straßen stockdunkel. Nur ein einziges Haus der kleinen Stadt war
erleuchtet. Das Haus der Braut. Das helle Licht der Lampen wies dem Bräutigam
den Weg zu seiner Geliebten.
Im Haus der Braut wird am Anfang noch viel erzählt und gequasselt, man ist sehr
aufgeregt und voller Vorfreude. Doch langsam geht der Gesprächsstoff zur Neige.
Stunde um Stunde verstreicht. Wo bleibt denn der Kerl. Die Brautgesellschaft
wird müde. Man war ja schon den ganzen Tag auf den Beinen und mit Vorbereitungen
beschäftigt gewesen. Die kleine Kusine der Braut wird müde und sagt: „Ich
schnall meinen Gürtel ab, das ist bequemer und ruh mich ein wenig aus. Passt ihr
solange auf, bis der Bräutigam kommt. Sie macht es sich bequem und schläft ein.
Onkel Otto und Tante Alwine folgen ihrem Beispiel. Ihre Lampen werden nicht mehr
Öl gefüllt und erlöschen. Und so folgt einer dem anderen. Schließlich ist das
Haus der Braut dunkel geworden und die ganze Gesellschaft ist eingeschlafen. Da
kommt der Bräutigam nachts um halb drei – in der dritten Nachtwache. Aber es ist
dunkel, er kann das Haus nicht finden und niemand ist da, der ihn mit einem
frohen Hallo und einem glücklichen Kuss empfängt.
Liebe Leute, mit so einem Tag, wird unsere Lage heute verglichen. Wir Leben laut
der Bibel in einer Zeit, in der die Wiederkunft Jesu kurz bevor steht. Auch
beten wir darum und warten darauf, dass Gott sein Reich bald sichtbar kommen
lässt. Doch wenn wir ganz ehrlich sind, sind wir eher müde und träge geworden,
als dass wir noch voller Vorfreude auf Jesu Wiederkunft warten. Wir haben es uns
sehr gemütlich gemacht und dösen bereits vor uns hin. Doch da will uns das Wort
Jesu wieder aufwecken:
Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen.
Mit anderen Worten bleibt bereit, Jesus zu empfangen.
Bist Du bereit?
Du fragst, wie kann ich mich auf sein Kommen vorbereiten?
Gemeint sind zwei Dinge:
Einmal: Lass deine Lenden umgürtet sein. D.h. bleib
beweglich im Glauben. Bleib bereit aufzubrechen, neue Schritte zu tun.
Wenn man sich einmal bekehrt hat, dann fängt das Abenteuer Glauben erst an.
Immer wieder fordert uns der heilige Geist, im Glauben neue Schritte zu tun. Ein
Schritt kann sein, dass man einmal Ernst macht, alte Verletzungen ans Tageslicht
zu bringen und sie vergeben. Ein anderen Schritt kann sein, sich einen
Seelsorger zu suchen, und mit ihm über das geistliche Leben sprechen, wie es
weitergehen soll. Ein anderer Schritt der Bereitschaft kann sein, dass
vielleicht gerade ein Opfer dran ist. Dass die Zeit gekommen ist, mit dem 10.
ernst zu machen. D.h. 10 Prozent des Einkommens Gott als Dank für seine Liebe
wieder zur Verfügung zu stellen.
Oder was wir dieses Jahr als Gemeinde dran nehmen: Ernst zu
machen mit seinen Gaben, die der heilige Geist uns geschenkt hat, Gaben
entdecken, auspacken, sie pflegen und ausüben. Ich könnte über tausend kleine
Schritte berichten, die einen im Glauben wach halten, die Gott die Bereitschaft
signalisieren, dass man nicht eingeschlafen ist.
Wann hast Du den letzten Schritt nach vorwärts im Glauben getan? Oder hast Du
den Gürtel abgelegt und bist eingeschlafen?
Das zweite: Lasst eurer Lichter brennen.
Das ist ganz wichtig. Denn das Licht weist den Weg des
Bräutigams zur Braut. Wenn mein Lebenshaus kein Licht mehr hat, wird mich Jesus
nicht finden können, wenn er wiederkommt.
Was ist mit dem Licht gemeint?
Für mich ist es die Liebe zu Jesus, die ihren Ausdruck findet
in der Liebe zu der Gemeinde Jesu und zu allen Menschen. Ich weiß, Liebe kann
leicht erlöschen und erkalten. Nicht nur zwischen Mann und Frau in einer
Partnerschaft, sondern auch in der Gemeinde. Denn Licht braucht Energie, braucht
Öl, damit es brennt. Wer kennt nicht die Tage, dass man so viel investiert hat
an Zeit, Mühe, Engagement, Geduld und Liebe und dass man nichts anderes erntet
als Unverständnis oder sogar Anfeindung. Dann passiert eines, dann erlischt die
Liebe. Man bleibt vielleicht äußerlich dabei, aber innerlich ist man erkaltet.
Man geht seinen Trott und lebt in der Gemeinde nebeneinander her wie ein
Ehepaar, das sich schon seit Jahren außer Gehässigkeiten nichts mehr zu sagen
hat.
Liebe Schwestern und Brüder,
ist Dein Herz erloschen und kalt geworden? Hat es die
brennende Liebe zu dem kommenden Geliebten verloren, oder zur Gemeinde?
Wenn ja, dann gibt es nur eins, um neue Energie für das Licht
der Liebe zu bekommen: Bitte um neue Liebe, um neues Öl für dein Licht.
Mir ging es letzte Woche so. Ich war auf einem wunderbaren
Kongress, wo uns eine geniale Christengemeinde vorgestellt wurde. In der man
voller Begeisterung den Glauben lebte, sein Bestes für Gott hergab, in der alles
toll organisiert ist und wirklich inspirierende Gottesdienste gefeiert werden.
Und dann kam ich wieder zurück. Die letzten Vorbereitungen
für das Gabenseminar liefen. Ein halbes Jahr haben wir schon für dieses Seminar
geplant, vorgestellt und gebetet. Und dann kommen die Kommentare. Ich kann nicht
kommen. Das ist nicht der richtige Weg. Ich mag das psychologische nicht. Wisst
ihr was da in mir vorging: Es war, als ob man einen Eimer kaltes Wasser über
eine flackernde Kerze geschüttet hätte. Irgendwie hatte ich keine Liebe mehr.
Dann setzten wir uns, Gisela und Elvira zusammen, zählten alles auf, was es uns
gerade schwer macht und wir baten gemeinsam um Liebe. Und plötzlich war sie
wieder entzündet, warm, verständnisvoll, vergebend, geduldig. Sie war mir wieder
geschenkt worden.
Liebe Schwestern und Brüder,
Gemeindealltag kann wie eine kalte Dusche auf unseren Glauben
und unsere Liebe sein. Aber horcht in Euch rein: Habt ihr Euer Herz
verschlossen, eure Liebe erlöschen lassen? Wenn ja, dann gibt es nur eines:
Betet, um neue Liebe. Tut die notwendigen Schritte, damit eurer Glaubensleben
wieder in Gang kommt. Nur so können wir unseren wiederkommenden Herrn würdig
begrüßen.
Amen
|