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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 1. April 2001Als Hinführung vor der Predigt möchte ich ihnen folgende
erdachte Situation erzählen: Sie denken kurz nach, was in den letzten Wochen geschehen
ist. Vor nicht allzu langer Zeit war ein junger Gastprediger in die Gemeinde mit
einer Gruppe von Helfern gekommen. Er reiste von Ort zu Ort, um das Evangelium
zu verkünden, um Menschen wieder zu Gott zu führen. Anfangs ging alles gut. Er
schien neuen Schwung in das Gemeindeleben zu bringen. Wenn er predigte war die
Kirche voll. Er konnte ausgezeichnet predigen, man hörte ihm einfach gerne zu.
Nicht so langweilig und einschläfernd, wie man es gewöhnt war. Seine Worte nahm
man sich zu Herzen. Er hatte auch ein offenes Ohr für die Nöte der einzelnen.
Doch irgendwann ging er zu weit: Der Prediger traf sich mit Leuten von
schlechtem Ruf. In der Stadt erzählte man sich mit vorgehaltener Hand, dass man
ihn genau gesehen habe, wie er mit der und der Person gegessen habe. Um ihn
etwas einzuschüchtern und ihn auf den Boden der Tatsachen zu bringen, fragte man
ihn, in welchem Namen er denn predige, welche Organisation ihn denn aussende.
Seine Antwort: „Ich komme im Namen Gottes.“ Man fragte ihn, woran man denn
erkennen könnte, dass er im Namen Gottes predigen würde. Er antwortete: Lasst
einen großen Abrissbagger kommen und reißt diese Friedenskirche ein. Ich werde
nach drei Tagen eine größere und schönere und herrlichere Kirche erbaut haben.“
Viele fragten sich: „Hat er jetzt den Verstand verloren?“ Schließlich war die
Kirche mit vielen Mühen und unter großzügigen Opfern erbaut worden. Allein für
die Orgel musste sich der Verwaltungsrat sieben Jahre Mühen, bis sie wieder
spielbar wurde. Und jetzt sollte man die Kirche einfach so mal schnell
einreißen, weil Monsieur, sich erdreistet, sie in drei Tagen wieder zu erbauen.
Aber trotzdem faszinierte der Prediger immer mehr Leute. Pfarrer und
Kirchenleitung wurden immer unruhiger. Auch die öffentlichen Behörden gaben zu
erkennen, dass sie diese Form von Religiosität nicht wünschten. Man befürchtete,
dass das Wohlwollen der Behörden, sich in Missgunst wandeln könnte. Je mehr ihn
die Leute liebten, um so gefährlicher schien er zu werden. In der letzten
Predigt, die er gehalten hatte, nannte er die treuen Kirchgänger sogar Heuchler
und Otterngezücht. Musste man sich von so einem Hergelaufenen sich alles bieten
lassen. Aber irgendwie kam man ihm nicht bei. Und man wartete darauf, dass er
irgendeinen Fehler machen würde, um ihn loszuwerden. Insgeheim fürchten einige, dass der Geldhahn des Staates
abgedreht werden könnte und dann wäre das eine sehr kritische Situation für die
Gemeinde. Große Sorge bereitete auch die Gefahr einer Kirchenspaltung. Alle
Leute liefen nur noch zu dem großen Prediger und der kleine Rest würde in
Kirchen gähnender Leere sitzen bleiben. der Predigtabschnitt für den heutigen Sonntag steht in Joh
11, 46-53: da tagt das höchste geistliche Gremium des Judentums. Alles
was Rang und Namen hat in Theologie und Gesellschaft trifft sich zu dieser
Krisensitzung. Es geht um Jesus. Er hatte Lazarus, der schon vier Tage tot war,
zu neuem Leben auferweckt. Mit diesem Wunder wird er gefährlich. Immer mehr
Menschen bekennen sich zu ihm. Und wie das in solchen Gremien ist, wird ganz
sachlich diskutiert. Die Ebene Gottes wird ganz ausgeblendet. Es wird nicht
gefragt, was Gott in dieser Sache zu sagen hat. Das Gremium fragt nicht, ob es
in der Heiligen Schrift auf einen Propheten wie Jesus Hinweise gibt und wie man
mit ihm umzugehen hat. Vielmehr geht es darum, die eigene Macht bzw. das Wohl
des Volkes zu sichern. Damit machen sie sich, obwohl sie es überhaupt nicht
wollen, obwohl sie so fromm und rechtschaffen sein wollen zum Gegner Gottes. Für
Kaiphas, der Oberste Priester, der in außerbiblischen Quellen als listiger
Machtmensch beurteilt wird, ist somit der Anführer der Gegner Gottes. Das läuft
auf der menschlichen Ebene ab. Und bis heute wird in kirchlichen Gremien ähnlich
entschieden. Da ist eine Familie, die hat für die Konfirmation ihres
Sprösslings bei der reichen und resoluten Erbtante das gute Meisner
Porzellanservice ausgeliehen. Dieses Besteck ist der ganze Stolz der Tante. Doch
beim Spülen geschieht ein Missgeschick. Eine Tasse fällt zu Boden und bricht
entzwei. Nun gibt es ein Problem. Wie sagen wir es der Tante. Die Tasse fehlt.
Und man weiß, die Tante wird sehr ärgerlich sein. Das Verhältnis zu ihr wird
getrübt sein. Es bringt nichts, wenn man versucht, die Tasse zu leimen, die
Bruchstelle wird man immer sehen. Es hilft auch nicht so zu tun, als wäre sie
schon immer kaputt gewesen, das wird die Tante nur noch wütender machen. Ebenso
wenig wird das gute Verhältnis zur Tante wieder gut, wenn man versucht, die
Tatsache der zerbrochenen Tasse zu vertuschen. Wie kann man diesen Schaden
wieder gut machen? Allein dadurch, wenn es gelingt, genau diese Tasse zu
erwerben und sie wieder dem Service der Tante beifügen. Amen. |
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