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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 12. September 1999
Liebe Gemeinde
Wenn ich mit Jugendlichen in der Schule über den christlichen
Glauben rede, sie einlade, sich einmal auf die Sache mit Jesus einzulassen, dann
bekomme ich immer mal wieder zu hören:
„Was bringt mir das?“
Diese jungen Leute trauen dem Ganzen nicht so recht. Sie befürchten, Gott nutze
sie aus, nehme ihnen Leben weg und mache sie nur ärmer. Sie meinen, es lohnt
sich nicht, ihr Leben Jesus anzuvertrauen und darum ihr ehrliches und oft
trotziges:
„Was bringt mir das?“
Ähnlich spricht auch einmal Petrus Jesus an und fragt indirekt: „Was bringt es,
alles aufzugeben und dir nachzufolgen?“
Ich lese Lk 18,30-32
Da sprach Petrus:
„Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt.
Jesus aber sprach zu ihnen:
„Wahrlich, ich sage euch, Es ist niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder
Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfach
wieder empfange in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.“
Liebe Gemeinde
Als Theologe möchte man Petrus auf die Finger klopfen und tadeln:
„Aber Petrus, wie kannst du denn nur so eine unverschämte Frage stellen.
Willst du denn mit Gott feilschen, wie auf einem Flohmarkt? Frag du Jesus erst
einmal, was es ihm bringt, dass du sein Schüler bist und er sich mit dir
einlässt.
Ich glaube gar nicht viel. Du machst ihm viel Mühe und Arbeit. Ja, manchmal
ärgerst du ihn richtig mit deinem Kleinglauben. Hat er nicht unlängst sogar
geschimpft und gesagt: „Weiche von mir, Satan.“
Außerdem, Petrus, was kannst du denn Gott schon bieten.
Ein kranker Mensch bezahlt allein, um gesund zu werden ein Vermögen.
Was schuldest Gott dafür, dass du gesund bist, was kannst du ihm nur für dein
Augenlicht bieten?
Und dann noch, dass du hören, denken und fühlen kannst?
Und weißt du nicht, dass Gott deine echte Liebe wünscht. Die Liebe, die sich
ohne wenn und aber verschenkt. Die Liebe, deren höchster Wunsch es ist, dass
Gottes Wille geschehe und dass sie darin ihre Erfüllung findet. Die Liebe, die
immer die Nähe des anderen sucht.
Liebe, die nach Lohn fragt, ist keine echte Liebe.
Hören wir die linde Antwort von Jesus:
„Amen, ich sage euch, Es ist niemand, der
Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches Gottes
willen, der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der
zukünftigen Welt das ewige Leben.
Man muss Jesus allein schon um diese Antwort lieb haben. Denn er macht Petrus
nicht fertig, wenn er so menschlich fragt, verbietet sich diese Frage nicht.
Vielmehr nimmt er ihn in seinem Anliegen ernst.
Mit dieser Antwort verspricht Jesus etwas. Er leitet den Satz mit „Amen“ ein,
das heißt, Jesus gibt sein großes Ehrenwort. Und er sichert dem, der bereit ist,
um Jesu willen, alles zu verlassen dreierlei zu:
1. Bei Jesus wird man nicht ärmer, denn er gibt die Freiheit des Loslassens:
Im 13. Jh. lebte einmal ein junger Mann aus gutem und reichem Hause. Er bekam
alles, was er sich wünschte. Immer suchte er sich das Feinste vom Feinen heraus.
Jeden Wunsch erfüllten ihm seine reichen Eltern. Er war überall beliebt, hatte
viele Freunde, feierte rauschende Feste, machte gute Geschäfte, und ging mit
teurer Ausrüstung auf Ritterabenteuer. Er war ein Genießer. Und kostete das
Leben mit vollen Zügen aus.
Aber innerlich spürte er eine große Leere in sich.
Er wurde immer trauriger, ja depressiv. Und so begann er die Bibel zu lesen. Er
hörte daraus den Ruf Jesu: „Folge mir nach!“ Für Franziskus, so hieß dieser
junge Mann, bedeutete das, auf alles zu verzichten, was bisher sein Leben
angenehm gemacht hatte.
In dieser Zeit des inneren Ringens fragten ihn seine Freunde: „Hast du
Liebeskummer, willst du heiraten?“
Franziskus antwortete: „Ja, ich will heiraten, die schönste Braut, die es
überhaupt auf der Welt gibt. Ich heirate die Armut.“
Und so vermählte er sich mit der Armut. Er bettelte um Küchenabfälle und segnete
alle, die ihm etwas gaben, er baute eine verfallene Kirche wieder auf, lebte
unter den Ärmsten der Armen, schlief auf Strohmatten...
Aber von diesem Zeitpunkt an wurde er zu einem der glücklichsten, fröhlichsten und
dankbarsten Menschen seiner Zeit.
Seine Freude war so anziehend, dass von überall her junge Menschen kamen und
ebenfalls auf allen Besitz verzichteten, um auch so glücklich zu werden.
Franziskus hatte die Freiheit des Loslassen gewonnen.
Liebe Gemeinde, gemessen am Weltdurchschnitt zählen wir – Sie und ich, zu den
reichsten Menschen.
Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, so dass wir uns gar nicht reich fühlen.
Aber wenn man bedenkt, welchen Luxus wir genießen, fast jede Familie von uns
besitzt Auto, Telefon, Zentralheizung, Fernsehen und Videorekorder, Stereoanlage und
Küchenmaschinen, Schränke und Truhen voll schöner Anziehsachen, Computer,
Sanitäre Einrichtungen. Vielen können ein mal im Jahr in den Ferien verreisen.
Unsere Kinder bekommen eine gute Ausbildung. Ein soziales Netz fängt uns bei
Krankheit und Arbeitslosigkeit auf.
Und sind wir glücklich und zufrieden?
Ja, durchaus.
Aber oft spürt man in unserer Gesellschaft eine gewisse Unzufriedenheit.
Außerdem klagen viele, dass wir keine Zeit haben. Das liegt daran, dass all die
schönen komfortablen Dinge so viel Zeit fressen, so dass wir keine Zeit mehr
haben und wir uns gejagt fühlen.
Und in diesem Sinne kann Luxus ein richtiger Ballast werden.
Jesus will uns die Freiheit des Loslassens schenken, wenn wir ihm nachfolgen.
Ich will jetzt nicht sagen, dass wir alle wie Franziskus alles aufgeben sollen.
Jeder soll seine Berufung finden.
Aber wir könnten uns doch einmal, wenigstens ein klein wenig in Verzicht üben.
Ich weiß, in der evangelischen Kirche betrachtet man Askese argwöhnisch. Denn
schnell verfällt man dabei in eine Werkgerechtigkeit und Gesetzlichkeit.
Nebenbei bemerkt, begann die Reformation in der Schweiz 1522 mit dem Züricher
Wurstessen. Der Reformator Zwingli und seine Anhänger aßen in der Fastenzeit
demonstrativ auf dem Marktplatz Würste.
Ja, und darum steht man vielleicht bis heute kritisch zu Fasten- und
Verzichtsübungen.
Aber, man könnte es vielleicht doch einmal ausprobieren:
Zeitlich begrenzt - auf irgendeinen Komfort – um Jesu willen verzichten.
Fragen Sie unseren Herrn im Gebet, was einmal dran wäre, dies eine Weile um Jesu
willen zu verlassen.
Vielleicht einmal eine Woche im Monat ohne Fernsehen und Musik.
Oder auf eine Mahlzeit am Tag verzichten,
oder einmal eine gute Sache finanziell großzügig unterstützen,
oder einen Tag sich von seiner Familie loseisen und den Tag in der Stille, im Gebet
verbringen.
Damit würden wir eine gewisse Behäbigkeit und Schwerfälligkeit, bekämpfen.
Ja, ich könnte mir vorstellen, dass solch eine Askese unserem Glaubensleben ganz
neuen Schwung verleihen würde.
Natürlich nicht mit saurer Miene verzichten. Jesus sagte: „Wer fastet, soll sich
äußerlich pflegen und guter Dinge sein und nicht die Mitmenschen unter einer
Miesepeterlaune leiden lassen.
Probieren Sie es doch einfach einmal, um Jesu willen auf etwas verzichten.
Vielleicht entdecken wir auch, dass uns Jesus die Freiheit des Loslassens
schenkt.
2. Wir werden bei Jesus nicht ärmer, denn er beschenkt uns reich.
Meistens machen die Menschen, die um Jesu willen auf etwas verzichtet haben, die
Erfahrung, dass sie von Gott wiederum großzügig und beschämend vergütet wurden.
Großzügige Spender erlebten großen Segen auf ihrem Gut und sie wurden nicht
ärmer, sondern immer wohlhabender.
Menschen, die mit ihrer Familie brechen mussten, bekamen neue Schwestern und
Brüder.
Oder nach Jahren die eigenen Angehörigen verwandelt wieder.
Und Menschen, die fasteten – ja beim Fasten, wird man ja oft recht schwach in
den Füßen – bekamen eine ungeheure Glaubenskraft und konnte viel leisten.
Möge Gott uns die Augen dafür öffnen, dass wir erkennen, dass wir nicht ärmer,
sondern täglich reich beschenkt werden.
3.
Wir werden nicht ärmer bei Jesus, denn er verspricht uns das ewige Leben.
Ewiges Leben, das ist ein schwer verdaulicher Begriff.
Anhand der Kirmes in Kelmis wurde mir bewusst, was Leben bedeutet. Denn mir ist
immer so, als suche man bei so einem Jahrmarkt das Leben.
Ein Jugendlicher z.B. freut sich auf die Kirmes, weil er viele Menschen nach
seinem Geschmack trifft. Man plaudert, flirtet, erzählt, lacht. Keiner nörgelt
und schimpft. Man ist sich während der Kirmes sympathisch.
So wird Leben gelebt. Denn Leben heißt. in harmonischer Gemeinschaft zu sein.
Leben heißt geliebt zu sein.
Außerdem findet man Spaß, Spiel und Musik – es gibt Stände für das leibliche
Wohl und Süßigkeiten. Die Zeit wird mit Abwechslung, Schwung und Bewegung
gefüllt.
So wird Leben gelebt. Denn echtes Leben heißt Feiern, Essen und Trinken,
Vergnügen und Freude haben.
Außerdem kann man bei der Kirmes sein Können unter Beweis stellen. Es gibt viele
Buden mit Geschicklichkeitsspielen. Man kann Rosen schießen, seine Kraft messen
und Entchen angeln.
So wird Leben gelebt. Denn Leben heißt seine körperlichen und geistigen
Fähigkeiten einzusetzen. Etwas gestalten, planen, bauen, tüfteln gestalten und
ein Ziel erreichen. Leben heißt gewinnen.
All das, was für uns Leben ausmacht, wird Gott uns schenken wenn wir Jesus
nachfolgen.
Ja, um ein vielfaches mehr und erfüllter, als bei einem Rummel.
Allerdings gibt es noch eine Dimension von Leben, die die Kirmes nicht bieten
kann.
Diese Dimension heißt Gott.
Der Schöpfer, die Quelle des Lebens selber.
Was Leben letztendlich ausmacht, das ist die Begegnung mit Gott.
Tolstoi hat das einmal treffend ausgedrückt: Er sagte: „Gott kennen, das ist
Leben.“
Liebe Gemeinde, das verspricht uns Jesus. Leben pur – in ungestörter, ewiger
Gemeinschaft mit Gott.
Kommen wir noch einmal zum Anfang:
Bringt es etwas, Jesus nachzufolgen,
lohnt es sich, um seinetwillen auf etwas zu verzichten?
Der Glaube sagt: „Ja“,
denn wer Jesus nachfolgt, wird nicht ärmer, wenn er auf etwas verzichtet.
Denn Jesus zeigt die Freiheit des Loslassen,
er beschenkt auf andere Weise überreich
und er verleiht uns pures, ewiges Leben.
Darum, wollen wir es für die kommende Woche Petrus nachtun und
Jesus nachfolgen.
Amen.
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