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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 24. April 2005Liebe Gemeinde, der Bibelabschnitt, der für heute vorgesehen ist, steht in Mt 21, 14-17. Ich lese aber von Vers 12-19, um den Zusammenhang der Bibelstelle zu verstehen: 12 Und Jesus ging in den Tempel hinein und trieb heraus alle
Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß die Tische der Geldwechsler um und die
Stände der Taubenhändler Zur Zeit Jesu war der Tempel in Jerusalem wirklich beeindruckend. Er war einer der schönsten Bauwerke seiner Zeit. Ebenso waren die Gottesdienste professionell und perfekt organisiert. Es lief alles so, wie es Mose vorgeschrieben hatte. Tausende von Leviten und Priestern sorgten für Sauberkeit, für schöne Musik, für die Verarbeitung der Opfer, für die Ordnung. Diese Angestellten wiederum lebten von den Opfern und Gaben der großen Menschenmenge, die täglich in den Tempel kam. Der Tempel war also nicht nur ein Ort der Anbetung geworden, sondern eine Art gut florierender Dienstleistungsbetrieb. Auch die Jünger Jesu waren tief beeindruckt von dieser Schönheit des Tempels. In den Tagen, als Jesus in Jerusalem war, machten sie ihn darauf aufmerksam und sagten: "Schau, doch, wie schön er ist." Und dann betritt Jesus den Tempel. Er kommt praktisch in sein Eigentum, in seines Vaters Haus. Was tut er? Er wird zornig und stört in seinem Zorn diesen gut funktionierenden Betrieb. Er wirft die Tische der Händler um, und schickt die Taubenverkäufer fort. Damit entzieht er dem Tempelbetrieb eine wichtige Einnahmequelle. Liebe Gemeinde, was würde wohl Jesus tun, wenn er unsere Kirche heute morgen betreten würde? Sind bei uns die vielen Aktivitäten, der gut florierende Betrieb auch der Mittelpunkt unserer Gemeinde geworden? Was nun aber tut Jesus im Tempel. Und es gingen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel und er heilte sie. Mehrere Dinge geschehen, wenn Jesus in sein Heiligtum kommt: Jesus wird zum Mittelpunkt: Es sind Blinde und Lahme, die Jesus zum Mittelpunkt des Tempels machen. Sie strömen zu ihm hinzu, sie bitten ihn um Hilfe, sie richten ihre ganze Aufmerksamkeit auf Jesus, sie erwarten von ihm Heilung. Eine kleine Nebenbemerkung: Als David Jerusalem belagerte, spotteten die Verteidiger über ihn und sie meinten: Er könne selbst gegen Lahme und Blinde nichts ausrichten. Und David sprach dann einen Fluch über die Lahmen und Blinden. Jesus macht es umgekehrt, wenn er in seine Stadt kommt. Er heilt die Lahmen und Blinden. Er hebt den Fluch auf, der über ihnen liegt. Liebe Gemeinde, auch heute noch wäre es schön, wenn dies in der Kirche, dem neuen Tempel Gottes geschehen würde. Jesus soll im Mittelpunkt stehen, von Jesus wollen wir Heilung erwarten. Und Menschen sollen von Jesus geheilt werden. Menschen mit Nöten, mit Behinderung. Aber nicht nur körperliche Heilungen, sondern dass Lahme und Blinde im sinnbildlichen Sinn zu Bevollmächtigten und Sehenden, ja Sehern werden. Ich wünsche mir, dass Menschen, die zu Jesus kommen, neuen Schwung bekommen, dass Menschen neue Glaubensschritte wagen, dass Menschen ihre Fesseln loswerden, dass Menschen über ihren eigenen Schatten springen, dass Menschen hinaus gehen vielleicht auch gebunden in Vorurteilen und Verletzungen, dass lahme Menschen ihre Füße auf weiten Raum setzen, weil sie bei Jesus geheilt wurden. Ich wünsche mir, dass Menschen die zu Jesus in die Gemeinde kommen erleuchtete Augen des Herzen bekommen, dass sie erkennen, wer Jesus ist, dass sie einen Blick für die ewige und herrliche Welt Gottes bekommen, dass sie seinen Willen erkennen und tun können. Ja, dies geschieht, wenn Jesus im Mittelpunkt steht. Und noch ein drittes geschieht, wenn Jesus in seinen Tempel kommt: Begeisterung und Jubel macht sich breit. Kinder und Jugendliche, die das miterleben, sind begeistert. Und laut rufen sie: Hosianna dem Sohn Davids. Ohne groß theologisch reflektiert zu haben, was sie da singen und rufen, sagen sie automatisch das richtige. Sie loben und preisen Jesus. Ich freue mich immer wieder über Menschen, die Gottes Wirken erlebt haben, sich freuen und dieser Freude lautstark Ausdruck verleihen. Das sind besonders diejenigen, die noch so frisch im Glauben sind, die neu erlebt haben, wie gütig und freundlich Gott ist, die loben Gott laut. Denjenigen, die für den reibungslosen Ablauf des Gottesdienstes verantwortlich sind, passt das nicht immer. Sie sind peinlich berührt und am liebsten würden sie diese Stimmen zum Schweigen bringen. Ja, sie sagen sogar zu Jesus, er solle sie doch zum Schweigen bringen. Aber Jesus macht das überhaupt nichts aus. Er freut sich über das "Gestammel" der Menschen, die begeistert von ihm sind. Für ihn ist dies sogar ein Muss. Wenn diese Menschen Gott nicht loben würden, dann würden es Steine tun. Wir sollten uns fragen, wo wir stehen – auf der Seite derer, die Gott gerne loben, auch wenn es hier und da einmal spontan wirkt – oder auf der Seite derer, die einen reibungslosen Ablauf wollen – die dann aber schweigsamer als die Steine sind. Liebe Gemeinde, schauen wir uns noch einmal die an, die sich nicht darüber freuen, wenn Jesus in sein Heiligtum kommt. Sie erkennen Jesus nicht, sie sind blind für das Handeln Gottes und sie kommen auch nicht, um ihn zu begrüßen. So sind sie im Grunde genommen die Lahmen und Blinden. Die bei all dem schönen Tempelbetrieb das eigentliche übersehen, dass Gott sein Volk durch Jesus liebevoll besuchen will. Das finde ich das schlimmste, was auch einer Gemeinde passieren kann. Dass sie wunderbar funktioniert. Dass sie wie so ein Feigenbaum im vollen wuchs ist. Grün und voller Blätter, aber ohne Früchte, eine Gemeinde in der nichts ist, worüber sich Jesus erquicken könnte, sondern eben nur der florierende Betrieb. Das ist eine Gemeinde, die in großer Gefahr steht, völlig auszutrocknen. Wenn Jesus sein Urteil darüber fällt, dann bekommt sie keine Nahrung mehr und muss austrocknen – so wie der Feigenbaum verdorrt ist. Das ist nicht nur mit dem Tempel so geschehen, sondern dies geschah und geschieht in der Kirchengeschichte mit Kirchen und Gemeinden immer wieder. Schon als ich neu zum Glauben gekommen war, machte ich eine traurige Entdeckung, die mich sehr beängstigt hat. Da gab es Menschen, die von sich behaupteten, dass sie Christen waren, aber man spürte so wenig von der Liebe Jesu, von der Lebendigkeit und Güte. Da gab es christliche Gemeinschaften, die früher einmal weithin bekannt waren, die aber völlig vertrocknet und gesetzlich geworden waren. Und ich fragte mich immer, wie konnte das geschehen und was kann man tunt, dass so etwas nicht geschieht. Eine Hilfe und Antwort liegt im letzten Vers des Abschnittes: Jesus sagt zu seinen Jüngern noch ein Wort am Ende des Abschnittes: "Und alles, was ihr bittet im Gebet, wenn ihr glaubt, so werdet ihr's empfangen." Die Lahmen und Blinden haben es genau richtig gemacht. Sie haben Jesus in den Mittelpunkt gestellt und haben ihn um seine Hilfe gebeten. Und er hat ihnen geholfen. Darum wollen wir nicht stolz auf unsere vermeintliche Reife sein, wir wollen immer wieder zu Jesus kommen und ihn bitten, dass er unseren Gottesdienst mit seiner Gegenwart und seinem Leben fülle. Amen. |
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