Evangelische Kirchengemeinde Eupen - Neu Moresnet 

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Jesus ist das Weizenkorn Gottes                                    

   

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 30. März 2003

Liebe Gemeinde,

vor der Industrialisierung war die Fastenzeit nicht nur eine fromme Übung, sondern oft auch bittere Notwendigkeit. Die Vorräte, die man für den Winter gesammelt hatte, gingen mit dem allmählichen Beginn des Frühlings langsam zur Neige. Die nächste Ernte war noch weit entfernt. Meist hatte man nur eine Mahlzeit am Morgen. Am Abend knurrte wohl der Magen recht unangenehm. Und mancher Mutter und manchem Vater wurde das Herz schwer, wenn die Kinder mit großen, flehenden Augen um ein Stück Brot bettelten. Manches Kind hat wohl gefragt: „Papa, warum können wir nicht das gute Korn, das wir noch auf dem Speicher aufbewahrt haben, essen? Dann brauchen wir doch nicht zu hungern.“ Dann hat der Vater wohl erklärt: „Kind, dieses gute Getreide brauchen wir zur Aussaat. Wenn wir dies alles aufessen, dann können wir keinen Weizen mehr anpflanzen und auch nichts ernten – dann müssen wir früher oder später auch wieder hungern.“ Keiner von uns käme nun auf den Gedanken, sich über den Vater zu empören, oder es als Verschwendung anzusehen, den Kindern das Korn vorenthalten und dann einfach in den Dreck zu werfen. Denn wir alle wissen – wenn nicht gesät wird, kann auch nichts geerntet werden und wenn keine neue Ernte kommt, dann kommt der Hunger erst recht.

Ähnlich muss der heutige Bibelabschnitt verstanden werden. Ich lese aus Joh 12, 24-26: Dort sagt Jesus:

Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Wer sein Leben lieb hat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird es erhalten zum ewigen Leben. Wer mir dienen will, der folge mir nach: und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.

Jesus spricht hier von sich selber. Er ist das Weizenkorn, das in die Erde fällt und stirbt und die gute Frucht bringt. Jesus, der Menschensohn, der Weltenrichter, kam auf die Erde und wurde ein Mensch wie Sie und ich.

Ich bin mir sicher, Jesus hätte mit seinen Gaben, mit seinen Beziehungen und mit seiner Intelligenz ein sehr schönes und angenehmes Leben führen können. Er durchschaute die Strukturen der Macht, er kannte genau die menschliche Seele und ihre Regungen. Wenn er dieses Wissen zu seinem eigenen Nutzen gebraucht hätte, dann wäre er ein reicher, angesehener und äußerst gebildeter Rabbi geworden.

Aber das war nicht seine Aufgabe. Darum ging er den Weg, den Gott dem Messias vorgezeichnet hatte. Den Weg in die Erniedrigung und Gottesferne. In die schrecklichsten und dunkelsten Tiefen unserer Menschenwelt. Er ging zu Boden in den Boden.

Er wurde von einem Freund verraten, von einem anderen schmählich im Stich gelassen, er wurde verhöhnt und ausgelacht. Heuchler und neidische Menschen klagten ihn an. Sie missgönnten ihm die Liebe der Menschen. Von seinem Volk wurde er an des Volkes Feinde ausgeliefert. Die Heiden peitschten ihn aus und nagelten ihn ans Kreuz. Dort erstickte er von Gott und von der Welt verlassen. Dann wurde er begraben.

Jesus ist das Weizenkorn Gottes, das hingegeben wurde, das starb.

Und? Hatte Jesus recht? Hat er neues Leben gewonnen?

Ja, er empfing neues Leben. Am dritten Tag erstand er vom Tod. Und durch seinen Tod am Kreuz können wir Menschen aufatmen. Es befreit uns von Sünde, es befreit uns von dem, was unser Leben schwer macht. Menschen, die dies erfahren und begriffen haben, sind voller Liebe zu ihm. Sie öffnen sich seinem Geist. Er verwandelt sie und macht sie ebenfalls zu kleinen Weizenkörnen, wie Jesus, die bereit sind, ihr Leben für ihn hinzugeben. Und so gibt es überall auf der Welt Menschen, die auf dem Weg sind, wie Jesus zu werden, die Gott vertrauen und ehren, Liebe üben, Mitmenschen helfen, die Licht der Welt und Salz der Erde sind.

Liebe Gemeinde und an dieser Stelle sind nun wir gefragt. Wir, die Jesu Wort hören.

Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Wer sein Leben lieb hat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird es erhalten zum ewigen Leben. Wer mir dienen will, der folge mir nach: und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.

Befolgen wir auch das, was Jesus sagt? Hassen wir unser eigenes Leben. Hassen ist ein recht starker Ausdruck. Damit ist nicht eine gefühlsmäßige Selbstkasteiung gemeint. Die Ausleger sagen, dieses Wort müsse eher wiedergegeben werden mit dem Begriff: „Den Vorzug geben.

Die Frage bleibt: Wem geben wir den Vorzug?: Geben wir Gott und seinem Reich den Vorzug. Oder haben wir, nur ein : Ein Ja, aber... für ihn übrig.

Lieben wir Gott, solange es nichts kostet und sobald er etwas fordert haben wir gleich eine andere Bibelstelle zur Hand, die seine Forderung nichtig macht. Hat die Sache Jesu für mich Priorität, oder ist mir mein eigenes Wohlergehen stets wichtiger? Ich will jetzt nicht sagen, dass man sich nicht um sein Wohlergehen kümmern darf – ich will nur fragen, welchen Stellenwert es hat. Wo setze ich meine Prioritäten?

Liebe Gemeinde – „sich hingeben“ hat mit Vertrauen zu tun. Ich kann mich nur jemandem hingeben, dem ich wirklich vertraue. Ein Bauer kann nur im Vertrauen auf eine gute Ernte, die Saat in die Ackerkrumen werfen. Sonst würde er es doch lieber den hungrigen Kindern geben.

In diesem Sinne ist unser Vertrauen gefragt. Vertrauen wir Jesus, dass dieses Gesetz stimmt? Vertrauen wir ihm, dass wir wenn wir unsere Priorität zu seinen Gunsten setzen, auch wirklich Frucht und Leben ernten werden?

Nun, Vertrauen lernt man in der Regel, wenn man sich näher kennen lernt. Wenn man gemeinsam ein Stück Weg geht und erkennt, dass das, was der andere sagt und lebt und tut auch stimmt. Wenn man merkt, der andere steht zu seinem Wort, dann fasst man Mut, sich auf mehr zu verlassen, dann wächst das Vertrauen. Darum will ich Sie, will ich uns ermutigen solche Hingabeschritte zu wagen. Damit das Vertrauen wächst. Nach einem gewissen Abschnitt können Sie innehalten, ob das, was Jesus hier sagt auch wirklich stimmt.

Ein möglicher Schritt wäre:

Sie machen Morgen einen kleinen Kassensturz. Schauen auf Ihr Konto und zählen zusammen, was Sie gerade flüssig haben. Dann – und das passt gut in die Fastenzeit – spenden Sie 10 % ihres Geldes für das Reich Gottes einem guten Zweck . Also nicht ein paar Peanuts, ein paar Münzen, die ohnehin die Geldbörse so schwer machen, sondern wirklich der 10. Teil. Und dann warten Sie bis Ostern und machen an Ostern Bilanz, ob sie ärmer oder reicher dadurch geworden sind. Wenn Sie entdecken, dass es gut gegangen ist, dann können sie ruhig weitere Vertrauensschritte wagen.

Oder sie investieren Ihre Zeit. Vielleicht werden Sie angesprochen, eine Aufgabe zu übernehmen. Überlegen Sie, ob die Aufgabe zu Ihnen passt. Wenn Ja, dann sagen sie zu. Opfern Sie ihre Zeit. Und nach einem Jahr ziehen sie Bilanz. Ist Ihr Leben dann anstrengender und nerviger geworden oder ausgeglichener und erfüllter.

Und noch eine gute Saat kann man säen. Vielleicht hegen Sie in Ihrem Herzen einen tiefen Groll oder eine Bitterkeit gegen irgendeinen Menschen, oder gar gegen eine ganze Gruppe in der Gemeinde. Vielleicht haben Sie diesen Groll sogar ganz zurecht. Stellen Sie sich diese Person vor, auf die Sie eine Wut haben, oder der Sie sogar sehr weh getan haben – dann beginnen Sie erst einmal eine Woche für diese Person mehr als für alles andere zu beten. Dann geben sie all ihre Wut, ihre Bitterkeit, all das, wo sie selbst schuldig an dieser Person geworden sind, ans Kreuz Jesu ab. Denn dort kann es wirklich sterben, ohne, dass dann diese bittere Wurzel aufgeht. Und wenn Sie merken, dass ihre Gefühle sich beruhigt haben, dann gehen Sie zu dieser Person und geben ihr die Hand und suchen Sie die Versöhnung.

Wenn sie das getan haben, dann ziehen Sie an Karfreitag erneut Bilanz und fragen sich: Geht es mir nun besser, bin ich nun freier. Oder stimmt es doch nicht, was Jesus sagt. Wenn es stimmt, was Jesus sagt, dann nur mal alle ran und säen.

Liebe Gemeinde, Ich stelle mir gerade vor, was passieren wird, wenn wir als ganze Gemeinde, diese Schritte der Hingabe wagen. Wir würden alle schwere Karfreitage erleben, Tage der inneren Kämpfe mit uns selbst. Aber schon bald würde unsere Kirche sich füllen mit herrlichem Osterjubel. Und wir alle würden uns nach der schweren Zeit der Aussaat freuen über herrliche Ernten.

Amen.

 

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Stand: 04. Juni 2010