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Jesus, das Licht der Welt                                    

   

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 5. August 2001

Joh. 9,1-7

9:1 Unterwegs sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war.
9:2 «Herr», fragten die Jünger, «wer ist schuld daran, dass dieser Mann blind ist? War es seine eigene Schuld oder die Sünde seiner Eltern?»
9:3 «Weder er selbst ist schuld daran noch seine Eltern», antwortete Jesus. «Er ist blind, weil an ihm die Macht Gottes sichtbar werden soll.
9:4 Ich muss die Aufgaben, die Gott mir gegeben hat, erfüllen, solange es Tag ist. Bald kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann.
9:5 Doch solange ich in der Welt bin, werde ich für diese Welt das Licht sein.»
9:6 Er spuckte auf die Erde, rührte daraus einen Brei und strich den auf die Augen des Blinden.
9:7 Dann forderte er ihn auf: «Geh jetzt zum Teich Siloah, und wasche dich dort.» - (Siloah heißt: Von Gott gesandt.) Der Blinde ging hin, wusch sich, und als er zurückkam, konnte er sehen.

Liebe Gemeinde,

9:1 Unterwegs sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war.

Immer wieder kann man bei Jesus feststellen, dass er nicht achtlos am Leid eines Menschen vorübergeht. Ich sehe, wie er umgeben von vielen Neugierigen und seinen Jüngern den Tempelbezirk verlässt und an einem der zahlreichen Bettler, die es im Tempelbezirk gab vorüberkommt. Er geht an diesem einen Menschen nicht achtlos vorüber, sondern er sieht ihn. Der Blinde kann Jesus nicht sehen. Aber Jesus sieht ihn. Das ist die Ausgangssituation vieler Menschen. Sie sind blind. Sie haben kein Auge für Jesus. Doch Jesus sieht sie. Und Jesus bleibt stehen.

9:2 «Herr», fragten die Jünger, «wer ist schuld daran, dass dieser Mann blind ist? War es seine eigene Schuld oder die Sünde seiner Eltern?»

Die Jünger kannten sich gut in der Bibel aus. Sie wussten um den Zusammenhang von Sünde und Krankheit. Viele Stellen in der Bibel weisen darauf hin, dass Sünde krank macht. Das kann sowohl die eigene Sünde sein, aber auch die Sünde eines anderen unter man zu leiden hat. Insbesondere der Eltern und Großeltern. Und auch heute noch bestätigen Psychologen und Mediziner, dass sehr viele Krankheiten ihre Ursache im Fehlverhalten der Menschen liegen.

Nun kommt für die Jünger die interessante Frage: Wie steht es nun, wenn jemand von Geburt an krank ist. Wer ist dann schuld? Sind es die Eltern – beispielsweise kann tatsächlich ein Kind bei der Geburt erblinden, wenn die Mutter geschlechtskrank ist. Oder wird das Kind schon im voraus bestraft, für das, was dieser Mensch verbrochen hätte, wenn er sehen könnte? Das sind spitzfindige Fragen. Ich stell mir vor, wie gerne die Jünger darüber reden würden - natürlich auf Kosten des Blinden.

Doch man könnte fast meinen, als würde Jesus barsch antworten. Er sagt:

9:3 «Weder er selbst ist schuld daran noch seine Eltern», antwortete Jesus. «Er ist blind, weil an ihm die Macht Gottes sichtbar werden soll.“

Damit sagt er: Man kann nicht pauschal alle Krankheit auf Schuld und Versagen zurückführen. Seid bitte vorsichtig bei solchen Urteilen. Das gilt auch für uns heute. Auch ein Mensch, der immer tadellos und gesund lebt, hat nicht das Recht, seine Gesundheit bei Gott einzufordern. Wenn Gott jemandem Gesundheit schenkt, dann ist das Gottes freie Entscheidung. Darum sollte jeder Gesunde Gott dankbar dafür sein und seine Wohlbefinden als ein wertvolles Geschenk betrachten und sehr sorgsam damit umgehen.

Durch den Blinden nun sollen die Menschen daran erinnert werden, dass eines der schönsten und größten Geschenke Gottes für uns Menschen das Augenlicht ist. Dieses Geschenk ist alles andere als selbstverständlich.

Aber eine Krankheit kann auch noch auf andere Art Gottes Majestät und Macht verdeutlichen: Ein Pfarrer erzählte mir einmal:

„Das Jahr mit dem größten Segen für mich und für meine Gemeinde war das Jahr, als ich ans Bett gebunden krank danieder lag. Damals bewegte sich so viel in unserer Gemeinde – die Liebe wuchs, viele Gruppen bildeten sich und noch heute nach 20 Jahren zehren wir von der Frucht dieses Jahres als Gott so sichtbar wirkte.“

So verdeutlicht Gott manchmal seine Macht durch die Machtlosigkeit von uns Menschen. Und so kann auch ein Christ mit einem schweren Leiden Gott manchmal nachhaltiger verherrlichen, als einer, der in einer frommen Betriebsamkeit sehr oberflächlich lebt.

Im Fall des Blinden wird Gott noch durch eine weitere Art verherrlicht. Jesus erweist sich als derjenige, der Macht hat Wunder zu tun. Jesus ist derjenige, der auch in medizinisch auswegloser Lage noch helfen kann und die Dinge wenden kann. Dadurch werden Gottes Werke sichtbar.

Und Jesus sagt nun vorab zu seinen Jüngern:

9:4 Ich muss die Aufgaben, die Gott mir gegeben hat, erfüllen, solange es Tag ist. Bald kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann.
9:5 Doch solange ich in der Welt bin, werde ich für diese Welt das Licht sein.»

Mit der Heilung des Blinden weist Jesus darauf hin, dass er das Licht ist. Wer von Jesus geheilt wird, der lebt im Licht. Der lernt die Schönheit und die Wunder seiner Schöpfung sehen und die Güte und Barmherzigkeit Gottes erst richtig erkennen.
Kürzlich sagte jemandem zu mir:

„Ich glaube mehr an den Teufel als an Gott. Denn ich sehe vielmehr Böses als Gutes.“ Für mich ist solch eine Aussage ein trauriges Beispiel für eine Blindheit für das, was Gott tagtäglich Gutes an uns und für uns Menschen tut.

Allerdings kann man das Licht Jesu ebenso wenig konservieren wie das Sonnenlicht. Die Schildbürger versuchten einmal das Sonnenlicht einzufangen und bauten ein Rathaus ohne Fenster. Das Ergebnis war: Es war stockfinster darin.

Jesus sagt: Bald kommt die Nacht, denn das Licht zieht weiter.

Liebe Gemeinde, noch sitzen wir in der Kirche, noch können wir Gottes Wort von der Gnade hören. Noch schickt Jesus seine Boten durch die Welt, damit sie Blinde suchen, die sich ihre Augen öffnen lassen wollen. Wohl dem, der sich jetzt seine Augen von Jesus öffnen lässt. Aber Jesus geht vorüber. Sein Angebot gilt nicht für allezeit. Bitten Sie ihn, sich die Augen von ihm öffnen zu lassen.

Schauen wir nun, wie Jesus mit dem Blinden umgeht:

9:6 Er spuckte auf die Erde, rührte daraus einen Brei und strich den auf die Augen des Blinden.
9:7 Dann forderte er ihn auf: «Geh jetzt zum Teich Siloah, und wasche dich dort.» - (Siloah heißt: Von Gott gesandt.) Der Blinde ging hin, wusch sich, und als er zurückkam, konnte er sehen.

Jesus spuckt auf den Boden. Speichel galt in der Antike als ein Heilmittel. Bis heute kann man auch bei Tieren beobachten, dass sie ihre Wunden lecken und dies den Heilungsprozess beschleunigt.

Mit diesem Brei hält Jesus dem Blinden eine kleine Predigt. Darüber konnte er auf dem Weg zum Teich nachdenken. Der Speichel, die Heilkraft Gottes, vermengt sich mit Erde. Vermischt sich mit Staub, mit dem, wovon der Mensch genommen ist. Damit konnte Jesus ihm deutlich machen, wer er ist. Jesus ist das Wort Gottes, das Mensch geworden ist. Und diese Menschwerdung wird sein neues Licht sein.

Man kann an dieser Heilung auch noch ein weiteres erkennen. Jesus macht nicht einfach Schnips. Und der Kranke ist gesund. Vielmehr fordert Jesus auch noch den Glauben und den Gehorsam des Blinden heraus. Der Blinde hätte ja sagen können: „Das kann ich mir nicht vorstellen, dass ich ausgerechnet, wenn ich mir im Teich Siloah die Augen wasche, gesund werde. Ich bleibe lieber hier, sonst kriege ich heute gar nichts mehr erbettelt.“ Oder hätte sich Wasser zum Auswaschen kommen lassen oder sagen können: „Irgendwann einmal werde ich sehend, ich mach das dann heute Abend.“

Aber der Blinde macht sich sofort auf den Weg und wird gesund. Liebe Gemeinde, so ist das auch mit unserem Glaubensweg. Wir sind nicht von Natur erleuchtet und sehend. Im Gegenteil. Je älter ich werde, desto mehr sehe ich, wie blind ich für Gottes unsichtbare Welt und Herrlichkeit bin. Jesus will unsere Augen des Herzens erleuchten, dass wir erkennen, zu welcher Herrlichkeit wir berufen sind. Aber jeder von uns hat auch seinen Weg zu gehen, den er gesandt wird. Darum, liebe Christen und Nachfolger Jesus, lassen Sie uns von Gott hinaus senden, dahin, wo er uns schickt an unseren Teich Siloah, dort, wo wir vielleicht richtig mal den Kopf gewaschen bekommen. Seien wir beispielsweise dem Gehorsam, was der Wochenspruch sagt:

Lebt als Kinder des Lichtes; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

Dann ist das unser Beitrag, sehend zu werden und auch unser Beitrag, wie wir Jesu Licht und Gottes Größe in der Welt deutlich machen können.

Amen.

 

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Stand: 04. Juni 2010