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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 25. Februar 2001
Liebe Gemeinde
Der Predigtabschnitt für heute steht in Lk 16, 31-34:
Jesus nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen:
Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was
geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Denn er wird
überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und
angespieen werden, und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage
wird er auferstehen. Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war
ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war.
Liebe Gemeinde
Wenn man sich einen Reiseprospekt anschaut, so bekommt man
den Eindruck: Die Orte darin müssen noch ein Rest des verlorenen Paradieses
sein. Ständig blauer Himmel, ein sauberer Strand mit hellem Sand, das Meer mit
klarem Wasser, die Unterkunft komfortabel, das Personal, immer jung und schön,
immer lächelnd und freundlich, immer dienstbeflissen, die Verpflegung: stets
lecker und üppig. Und alles zu einem absolut günstigen Sonderpreis. Man bucht
eine Reise und kann den Beginn des Urlaubes kaum erwarten. Doch dann kommt das
böse Erwachen: Das Wetter ist mies, der Strand völlig verdreckt, das Wasser
stinkt nach Kloake, das Hotel wird umgebaut, das Essen ist stets kalt und das
Personal bekommt man kaum zu Gesicht.
Wer wäre nicht froh, wenn er genau wissen würde, was ihn erwartet?
Jesus ist so fair. Er befindet sich mit seinen Jüngern bei der Stadt Jericho. Da
nimmt er seine zwölf engsten Freunde und erklärt ihnen, was auf der weiteren
Reise auf sie zukommen wird. Er sagt ihnen offen und ehrlich:
„Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden,
was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.“
Bis dahin hört sich das Reisziel gut an: Da würde ich auch gerne mitgehen und
buchen. Eine Reise zum Passahfest nach Jerusalem mit Jesus als Reiseleiter und
Begleiter höchst persönlich. Zum schönsten und größte Fest des Jahres. Jeder
Jude träumte davon, zu dieser Zeit dort zu sein. Und noch heute sagt man am Ende
des Passahfestes: Heute haben wir hier gefeiert – nächstes Jahr feiern wir in
Jerusalem.
Dazu prophezeite Jesus noch, dass sich alles erfüllen wird,
was in den Schriften vom Menschensohn steht: Das kann doch nur bedeuten, dass
Gott endlich wahr macht, was er schon vor Jahrhunderten seinem Volk versprochen
hatte. Dass nämlich Jesus zum König gekrönt wird, alle ungerechten Verhältnisse
verschwinden und paradiesische Zeiten anbrechen werden.
Diese Reise hört sich viel versprechend an. Aber damit ist der Verlauf der Reise
noch nicht zu Ende.
Jesus sagt:
Denn der Menschensohn – mit Menschensohn bezeichnet
Jesus sich selbst - wird überantwortet werden den Heiden, und er wird
verspottet und misshandelt und angespieen werden, und sie werden ihn geißeln und
töten; und am dritten Tage wird er auferstehen.
Das ist, was ich an Jesus so schätze. Er macht seinen Jüngern nichts vor, er
redet nichts schön, er wirbt nicht wie ein Reiseprospekt, der den Reisenden eine
Welt vorgaukelt, die gar nicht wirklich existiert. Darum will ich Jesus
vertrauen, weil er so offen, so ehrlich ist.
Er spricht klar aus, was seine Freunde in Jerusalem erwartet: Die Katastrophe.
Seine scheinbare absolute Niederlage. Das Kreuz.
Anstelle einer Huldigung des Volkes wird er angespuckt, anstelle von Geschenken
für sein Erscheinen bekommt er Peitschenhiebe und statt auf den Thron gehoben
werden, wird er ans Kreuz genagelt.
Wer will schon einen Freund zu solch einer Reise begleiten? Jesus lässt ihnen
die Freiheit, der Weg ist offen. Sie wissen, wohin es geht. Sie werden nicht
irgendwie betrogen.
Merkwürdigerweise gehen alle Jünger mit. Einfach, weil sie ihm dennoch
vertrauen. Oder weil er ihnen so viel bedeutet.
Aber auch deswegen, weil sie überhaupt nicht verstanden, was Jesus da sagt. Drei
Sätze gebraucht der Schreiber Lukas, um zu betonen, wie wenig die Jünger Jesus
verstehen:
a) sie begriffen nichts
b) der Sinn der Rede war ihnen verborgen
c) sie verstanden nicht, was damit gesagt war.
Dabei sagt Jesus nichts Neues. Das müsste ihnen doch bekannt sein. Das ganze
alte Testament steckt voller Hinweise darauf, dass die Gerechten, diejenigen,
die Gott völlig vertrauen, die ihm gehorsam sind, leiden müssen unter den
Ungerechten. Das fängt an mit dem Blut des Unschuldigen Abels, geht über die
Klagepsalmen, wo unschuldige Beter um Hilfe rufen – bis hin zu Johannes dem
Täufer, der in der Zeit Jesu enthauptet wurde. Der Gerechte muss leiden. Und
Jesus ist der Gerechte schlechthin. Er ist so, wie Gott sich einen Menschen
vorgestellt hat, wie er ihn sich wünscht. Darum ist er der Mensch - der
Menschensohn.
Darum hat er besonders zu leiden unter den Menschen, die von Gott nichts wissen
wollen.
Die Jünger verstanden Jesus nicht. Und bist heute ist es sehr schwer das
Geheimnis des Leidens und Sterbens Jesu am Kreuz zu verstehen.
Ich versuche einen Blickwinkel des Leidens Jesu zu beleuchten.
Denn der Menschensohn wird überantwortet werden den
Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespieen werden, und sie
werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen.
Jesus macht seine Reise nicht ins Paradies. Auch nicht zu irgendwelchen
paradiesischen Urlaubsorten. Jesu Reise ging dorthin, wo Gott sich zurück
gezogen hat. In die Gottlosigkeit, in die Angst, in die Verzweiflung, in die
Hölle.
Dabei ist er sich einer Sache dennoch ganz sicher: Gott wird ihm heraushelfen,
er wird ihn erretten.
In vielen Stellen der Bibel wird bezeugt, dass Gott den
Gerechten nicht im Stich lassen wird. Er lässt ihn nicht länger als drei Tage im
Reich des Todes. Jesus vertraute darauf, dass Gott ihn erretten würde. Komme was
wolle. Er wusste, dass er leiden musste. Aber er vertraute darauf, dass der Weg
nicht im Leid endet, sondern zu Herrlichkeit Gottes führt. Zur Auferstehung.
Das war Jesu Weg: Durch das Leiden
hindurch zur Herrlichkeit.
Man kann das mit einem Keller vergleichen. Der Weg eines Menschen, der Gott
nicht gefällt führt in einen dunklen Keller, aus dem man nicht mehr herauskommt,
in dem es kein Licht, keine Hoffnung, keine echte Wärme, also keine liebevolle
Gemeinschaft gibt. Ein Ort des Heulens und Zähneklapperns. In diesen Keller geht
Jesu, für alle, die sich an ihn halten einen neuen Weg heraus zu bahnen.
Können wir begreifen, was da geschieht? Falls wir es nur schwer begreifen,
können wir uns Jesu Jünger zum Vorbild nehmen.
Im Leben kann man sich den Weg nicht immer so aussuchen, wie man sich eine Reise
auswählt und man gemütlich im Reisebüro blättert. Doch eines können wir wählen:
Wir können unseren Weg, in Jesus Fußstapfen gehen. Wir können unseren Weg mit
ihm gehen, so wie es die Jünger getan haben.
Vertrauen wir darauf, dass er durch das Leiden hindurch zur Auferstehung zur
Herrlichkeit, zum Licht führt.
Amen.
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