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Jakobs Kampf mit Gott                                    

   

Predigt von Vikar Darius Tomczak am 8. Oktober 2006

Liebe Gemeinde,

ich kann mich immer noch sehr gut daran erinnern, wie heftig in dieser Gemeinde um unser Kommen gekämpft werden musste, als wir vor etwa zwei Jahren vom Presbyterium eingeladen wurden, um Gott und den Menschen hier zu dienen.

Zuerst musste ich ein paar Mal nach Belgien reisen, um bei der Pfarramtskommission meinen Theologieabschluss von Basel anerkennen zu lassen.

Endlich - als es schien, dass die Sache mit der Pfarramtskommission abgeschlossen wäre und wir uns schon auf den Umzug vorbereiteten - wurden wir auf einmal heftig gestoppt.

Ich kann mich daran erinnern, als ob es gestern gewesen wäre, dass Pfr. Schuler im Küsterhaus, wo ich übernachten durfte, mit einem traurigen Gesicht auf mich zukam.

Zuerst dachte ich, einer seiner Söhne müsste schwer verunglückt sein, aber dann wurde mein Herz erleichtert, als er mir sagte: "Die Kirchenleitung gibt kein grünes Licht zu deiner Kandidatur".

Aus welchen Gründen wussten wir nicht. Es wurden die Presbyter dieser Gemeinde informiert und sie kamen gleich in die Wohnung der Küsterfamilie. Wir haben gemeinsam zum Herrn gebetet und es wurde noch einmal telefonisch bei der Kirchenleitung nachgefragt.

Doch die Chancen auf unseren baldigen Umzug in diese Gemeinde standen eher schlecht. Wir mussten uns noch lange Wochen in Geduld üben, bis die gute Nachricht kam, dass wir nach Belgien kommen durften.

Was mich aber an jenem Abend tief beeindruck hat, und was mir immer wieder hilft, wenn ich mich daran erinnere, war der starke Glaube der Presbyter, dass Gott mich an dieser Stelle haben möchte. Dieses Vertrauen zu uns als Familie gab unserer Ehe in dieser Krisensituation eine enorme Kraft.

Unsere Ehe wurde dadurch besser, denn wir haben in dieser angespannten Lage angefangen gemeinsam als Ehepaar regelmäßig zu Gott zu beten. Ich rede hier als jemand, der schon zehn Jahre verheiratet ist und in diesen Jahren unserer Ehe, war es so, dass uns schon vieles umwerfen wollte.

Meine Eltern waren anfangs überhaupt nicht mit ihrer neuen Schwiegertochter zufrieden. Während meines Studiums in der Schweiz mussten wir uns unsere finanzielle Existenz hart erkämpfen. Es gab viele Krisen und Probleme, die wir überwinden mussten.

Doch wir als Ehepaar haben immer wieder die Kraft gefunden zu widerstehen und deswegen sind wir in unserer Beziehung zueinander noch stärker geworden.

Jetzt könnten Sie die Frage stellen: Ist das eigentlich christlich, wenn man sagt: "Was uns nicht umwirft oder was uns nicht umbringt, macht uns stärker."

Ist das christlich?

Wenn wir das achte Kapitel des Römerbriefes aufschlagen, ist dort die Rede von Trübsal, von Angst, von Verfolgung, von Gefahr, vom Kampf, von Engeln, von den Gewalten, die gegen uns stehen, und dass wir, die an Gott oder Christus glauben, geachtet sind wie die Schlachtschafe.

Täuschen wir uns nicht. Es gibt Trübsal, es gibt Angst, es gibt Verfolgung, es gibt Kampf, es gibt Mächte die gegen uns aufstehen, sehr wohl steht der Sturm immer gegen uns.

Aber – der Apostel sagt: "Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes." Und:" Denen die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen."

Dabei ist mir eigentlich wichtig: Sicherlich werden wir vieles überwinden müssen, sicherlich muss uns alles zum Besten dienen, aber dass wir immer wieder durch die Herausforderung hindurch müssen, immer wieder im Kampf stehen, ja dass das Kämpfen ein Charakteristikum christlicher Existenz ist, das ist unanfechtbar, denn es ist biblisch!

Gottfried Benn, ein gar nicht so christlicher Dichter, hat einmal gesagt:

"Mit dem Rücken an die Wand, im Grau der Müdigkeit, im Grau der Leere, lesen Sie Hiob und Jeremia und halten durch."

Als ich, zum Entsetzen meiner Eltern, anfing Theologie zu studieren, dachte ich: "Wenn du Theologie studierst hast, lebst du nur im tiefsten Frieden. Nichts kann passieren, kein Kampf, keine Auseinandersetzung, du hast dein Leben gemacht."

Schon während des Theologiestudiums bekam ich mein erstes graues Haar. Und seitdem ich als Pfarrer arbeiten kann, hat sich ihre Zahl dramatisch vervielfacht. Und jetzt muss ich Ihnen etwas sagen, was sehr schwierig wird.

Es wird momentan in unserer Kirche heftig über Homosexualität und Lesbismus diskutiert. Man möchte auf der Kirchenebene die homosexuellen Partnerschaften den heterosexuellen Partnerschaften gleich setzen, damit sie sich später in unseren Gemeinden ganz normal trauen lassen können.

Dazu werden diverse Studientage organisiert: Wissenschaftler und homosexuelle Christen werden eingeladen, damit die Synodalbeschlüsse im nächsten Jahr positiv zum Thema Homosexualität ausfallen.

Man glaubt es nicht, aber es kommt vielleicht bald schon die Zeit, dass homosexuelle Pfarrer und lesbische Pfarrerinnen "paarweise" in evangelische Pfarrhäuser einziehen werden.

Am vorletzten Samstag war ich Zeuge bei einem solchen Studientag. Die Bibel wurde dort schamlos instrumentalisiert, damit man Homosexualität auf alle nur mögliche Weise rechtfertigt. Es wurde laut applaudiert und es scheint so, als ob Homosexuelle momentan den Kampf in unserer Kirche gewonnen hätten.

Als ich in diese Gemeinde kam, waren meine Träume sehr groß. Ich dachte: "Mensch, du predigst die Buße zur Vergebung der Sünden, die Menschen bekehren sich scharenweise und eine Erweckung wird über diese Stadt kommen. Du betest für die Regierenden und vielleicht - Gott alleine weiß es – wird ganz Belgien umkehren.

Doch die Realität des Gemeindelebens hat mich ziemlich schnell eingeholt. Warum, und das ist die Frage, die wir uns immer wieder stellen, warum muss es sein, dass gerade da, wo man etwas aufrichten, aufbauen will, man auf Widerstand stößt? Warum?

Lasst uns unsere Bibeln aufschlagen. Erinnern wir uns an den listigen Jakob im ersten Buch Mose Kapitel 32 ab Vers 23 bis 29.

23 Und Jakob stand auf in der Nacht und nahm seine beiden Frauen und die beiden Mägde und seine elf Söhne und zog an die Furt des Jabbok, 24 nahm sie und führte sie über das Wasser, sodass hinüberkam, was er hatte, 25 und blieb allein zurück. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. 26 Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, schlug er ihn auf das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt. 27 Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. 28 Er sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob. 29 Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen.

Jakob wollte über den Jabbok triumphierend in das verheißene Land einziehen und Gott stellt sich ihm in den Weg. Ein Mann ringt mit ihm, die ganze Nacht bis zur Morgenröte, um ihm den Weg zu versperren.

Für viele Theologen eine der dunkelsten Stelle der Bibel. Und die Stelle wird noch dunkler, wenn wir hören, dass Jakob in diesem Kampf siegte. Gott, der in Gestalt eines Engels mit ihm gekämpft hat, sagte: "Lass mich! Die Morgenröte bricht an, und Jakob sagte: Nein, ich lasse dich nicht, es sein denn, dass du mich segnest."

Der Allmächtige segnete Jakob, schlug ihn aber auf die Hüfte. Auf seine Hüfte. Wer immer mit Gott gekämpft hat, wird verwundet. Ich wiederhole diesen entscheidenden Satz, den wir in unserem Wohlfühlchristentum oft nicht mehr hören wollen: Wer mit Gott ringt, wird verwundet. Wie hat Jakob Gott besiegt?

Es gibt eine rückschauende Prophetie, beim Propheten Hosea. Er hat geweint. Jakob hat die ganze Nacht geweint. Und gebetet. Beten allein kann ein falsches Gebet sein, wenn wir durch das Gebet nur Erfolg haben wollten. Wir müssen auch weinen können. W e i n e n  k ö n n e n. Über uns, über diese Stadt, über unsere Kirche, über alles.

Jesus hat über die Stadt Jerusalem geweint. Aber Jesus sagte auch: "Die Weinenden werden lachen." Das hat Jakob also erlebt. Und er hieß von nun an nicht mehr Jakob, sondern Israel. Und Israel heißt: "der Gottesstreiter". Gott streitet mit Jakob, er streitet mit ihm und für ihn.

Gott streitet auch mit uns Menschen. Er streitet mit uns und für uns. Und wenn wir im Gebet, im Seufzen und im Flehen, Gott auf unserer Seite haben, brauchen wir die Menschen nicht mehr zu fürchten. So heißt es auch bei Jakob: "Du hast mit Gott und mit den Menschen gestritten und du hast gesiegt."

Betrachten wir kurz Jakobs Vergangenheit. Sein Leben war auf einer Lüge aufgebaut. Er hat sich den Segen des Vaters durch einen Betrug erschlichen. Aber jetzt, in der Nacht, wird er von den Schatten seiner Vergangenheit heimgesucht. Er gerät in einen Kampf mit Gott.

Es ist kein Grabenkampf, zu dem Jakob herausgefordert wird, auch kein sportlicher Wettkampf, um Jakobs körperliche Fitness zu prüfen. Der Kampf ist ein Angebot Gottes, den erschlichenen Segen aufzuarbeiten und auf eine neue Basis zu stellen.

Viele Menschen stellen sich Gott oft als einen Optimisten vor. Er ist ein positiv denkender alter Junge, lebt im Himmel, hoch über allen Schwierigkeiten und will nur das Gute für sie auf dieser Erde. Darum sollte Gott sie immer wieder segnen, indem er immer wieder ihre Wünsche erfüllt.

Wer aber so glaubt, wird selten die wahren Früchten eines Bekehrten hervorbringen. Der vorzeitige und gefühlsorientierte Segen führt dazu, dass die Menschen, die eine Entscheidung für Christus getroffen haben, in den folgenden Jahren nicht einmal regelmäßig in eine Gemeinde gehen.

Ich glaube das ist es, weshalb Gott über die derzeitige Verwendung solcher Segenspraktiken bekümmert ist. Doch Jakob kämpft am Fluss Jabbok um den wahren Segen Gottes. Er hat den Kampf gewonnen, doch anders, als geplant. Er geht als Sieger und doch Geschlagener vom Platz.

Er erfährt die Abhängigkeit durch Gott, der dem Sieger auf die Hüfte schlägt, um ihm zu zeigen, was bei diesem Kampf auf dem Spiel steht. Seine weiteren Schritte sind unsicher. Er braucht jetzt Gottes Kraft und Hilfe, um seine weitere Reise in das verheißene Land fortzusetzen.

Er begreift seine Abhängigkeit von Gott und erlebt eine tief greifende Veränderung. Er erbittet Gottes Segen, der nun kein erschlichener sondern ein erkämpfter und gleichzeitig von Gott geschenkter Segen sein wird.

Jakob nimmt die Versöhnung Gottes nach einem Kampf mit Gott an. Was uns nicht umwirft, macht uns stärker.

Jakob steht mit seinem Kampf am Jabbok urbildhaft für den Kampf Jesu im Garten Gethsemane. Auch Jesus rang mit Gott um seinen Weg in die Zukunft. Auch bei Jesus ging es um Versöhnung, Versöhnung der Menschen mit Gott.

Und wie Jakob, so willigte auch Jesus ein in den Willen Gottes, der ihn zur Brücke der Versöhnung werden ließ. Jakob siegte am Jabbok, indem er einen neuen Namen erhielt.

Jesus siegte am Kreuz, indem er uns einen neuen Namen gab. Wir dürfen im Vertrauen auf ihn Kinder Gottes heißen. So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.

Als Kinder Gottes dürfen wir in seine Nachfolge gehen. Ich glaube nicht, dass Jesus möchte, dass wir etwas nachsprechen und die ganze Sache mit der Errettung wäre damit erledigt. Jesus möchte, dass wir ihm nachfolgen. Und zu dieser Nachfolge gehört ummissverständlich immer wieder der Kampf in uns und mit uns selbst.

Wir kämpfen, bis uns der Schweiß ausbricht und rechtfertigen unsere falschen Wege bis zum Umfallen. Doch der, der aus Liebe zu uns mit uns den Kampf aufnimmt ist stärker. Er stellt sich uns in den Weg und zeigt, dass unsere Mittel nicht zum Ziel führen.

Er lässt uns so weit kommen - und für manche von uns ist das dann wirklich ein Tiefpunkt in ihrem Leben -, dass wir nur noch schreien können: "Ich lasse dich nicht los, bis ich endlich deine Barmherzigkeit erfahre!"

Und erst dieses Eingeständnis, dass unsere Pläne wirklich an die Wand gefahren sind, ermöglicht den Zuspruch des wahren Segens Gottes. Erst dann kann Gott im wahrsten Sinne dieses Wortes alle Verheißungen der Bibel über unser Leben erfüllen.

An dieser Stelle denke ich an einen bedeutenden Lehrer, Georg Huntemann, der mein Leben durch folgendes Gedicht bereichert hat:

Wer des Lichts begehrt,
muss ins Dunkel gehn.
Wer das Grauen mehrt,
lässt das Heil erstehn.

Wo kein Sinn mehr misst,
waltet erst der Sinn.
Wo kein Weg mehr ist,
ist des Wegs - Beginn.

Mit diesen Zeilen von Manfred Hausmann aus Bremen möchte ich meine Predigt beenden.

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen.

Amen.

 

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Stand: 04. Juni 2010