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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 5. Dezember 1999
Liebe Gemeinde,
als Hinführung zu unserem Predigtabschnitt lese ich Ihnen ein
Tonbandprotokoll vor. Dort erzählt ein junger Mann namens Herbert seinem
Seelsorger folgendes:
„Im Schlagen war mein Vater immer groß. Er hat mich nie
ohne Grund geschlagen, aber einen Grund zu finden war nicht schwer. Wenn er mit
seiner Alten Krach hatte, dann wusste ich, jetzt geht er auf dich los. Da hat er
meine Schultasche nachgesehen. Und weißt du, was meine Mutter gesagt hat? „Das
ist dein Sohn, das ist deine Brut!“ Meine Eltern, die haben alle zwei im Akkord
gearbeitet. Ich war ein Schlüsselkind. Gut, die mussten um fünf Uhr aus dem
Haus. Den Herbert konnten sie nicht im Haus lassen. Der Herbert verschläft. Man
hat mich um fünf Uhr aus dem Haus geschmissen. Weißt du, was ich um fünf Uhr
getan habe? Ich ging zum Hauptbahnhof. Weißt du, welche Leute ich dort getroffen
habe? Die Schwulen habe ich da getroffen. Ich musste erst um 7.30 Uhr anfangen,
aber man hat mich um fünf Uhr rausgeschmissen! Wundert es dich, dass ich schon
mit 14 oder 15 in homosexuelle Lokale gegangen bin? Diese Leute, die haben mich
geliebt, wenn auch die Liebe nicht echt war. Ich habe sie als echt empfunden. Es
war für mich die Liebe, und ich habe mich immer nach Liebe gesehnt. Bis ich
älter geworden bin und gemerkt habe, dass es keine Liebe ist...
Liebe ist für mich kein Thema. Ich habe in meinem Leben noch keine Liebe
erfahren.“
(aus Hans Wesseling, Außenseiter wollen leben,
S. 145)
Kommt Ihnen bei diesen Worten auch die Frage hoch:
Warum darf dieser junge Mann nicht Gottes Vaterliebe spüren?
Warum lässt er einen Jungen so vor die Hunde gehen?
Warum greift er nicht ein?
Und wer einen Blick hinter die Fassaden unserer Häuser werfen
kann, der weiß: Was dieser Mann da berichtet, ist in seiner Tragik kein
Einzelfall. In vielen Menschenherzen – sei es bei Christen, sei es bei
Nichtchristen - herrscht namenloses Elend. Menschen verkümmern, weil sie von
ihren nächsten Angehörigen keine Liebe erfahren, sondern nur Ablehnung, Spott
und Kälte.
Warum greift Gott nicht in diese lieblose Welt ein?
Viele Menschen verzweifeln an dieser Frage. Sie kommen zu dem Ergebnis:
Nirgendwo kann ich erkennen, dass Gottes Liebe eingreift, also will ich auch
nichts mit ihm zu tun haben. Punkt. Und fertig sind sie mit ihm.
Auch wir Christen, auch das Volk Gottes in der Bibel hatte mit dieser Frage zu
kämpfen. Immer wieder trübten dunkle Zeiten den Blick zu Gott. Dennoch kamen die
Glaubenden zu einem anderen Ergebnis:
„Seit die Erde steht, hat noch niemand einen Gott wie dich
gehört oder gesehen. Nur du kannst den Menschen, die auf dich vertrauen,
wirklich helfen.“
Wie schaffen die Beter der Bibel das? Unser Predigtabschnitt für heute wirft ein
Licht darauf: Ich lese Jes. 63,15ff.
Herr, schau doch herab vom Himmel, von deinem heiligen und majestätischen
Thron!
Warum setzt du dich nicht mehr mit ganzer Kraft für uns ein?
Warum hältst du dich zurück?
Schlägt dein Herz nicht mehr für uns?
Du bist doch unser Vater!
Abraham weiß nichts von uns, und auch Jakob kennt uns nicht.
Du, Herr, du bist unser Vater.
Warum lässt du uns vom richtigen Weg abirren?
Warum hast du uns so eigensinnig werden lassen, dass wir keine Ehrfurcht mehr
vor dir haben?
Bitte, wende dich uns wieder zu! Wir sind doch immer noch deine Diener, das
Volk, das dir gehört. Für kurze Zeit haben die Feinde dein heiliges Volk
vertrieben und dein Heiligtum zertreten. Es geht uns so, als hättest du nie über
uns geherrscht, als wären wir nie >Das Volk des Herrn< gewesen!
Ach Herr, reiß doch den Himmel auf, und komm zu uns herab!
Lass die Berge ins Wanken geraten!
Komm schnell – so wie ein Feuer, das im Nu einen Reisighaufen verzehrt und
Wasser zum Sieden bringt!
Lass deine Gegner erfahren, wer du bist.
Die Völker sollen vor dir zittern. Denn du vollbringst so furchterregende Taten,
wie wir sie uns nicht vorstellen können.
Ja komm doch herab, lass vor deiner Erscheinung die Berge ins Wanken geraten.
Denn noch nie hat man so etwas gehört.
Seit die Erde steht, hat noch niemand einen Gott wie dich gehört oder gesehen.
Nur du kannst den Menschen, die auf dich vertrauen, wirklich helfen.
Schauen wir uns einmal genauer an, wie der Beter von seinem Zweifel zu einer
festen Zuversicht kommt.
1. Der Prophet bohrt sich mit klagenden Fragen in Gottes Herz.
Hören Sie sich seine bohrenden Fragen einmal an:
Warum setzt du dich nicht mehr mit ganzer Kraft für uns
ein?
Wo sind deine großen Taten?
Warum hältst du dich zurück?
Schlägt Dein Herz nicht mehr für uns?
Ist deine Liebe erloschen?
Würde mein Kind mir mit solchen Fragen stellen, dann wäre mir das ganz schön
unangenehm. Ich würde mich ernsthaft fragen, was ich falsch gemacht habe. Ich
würde alles tun, um ihm zu zeigen, wie sehr ich es liebe.
Aber umgekehrt die Frage: Habe ich, ein Gotteskind, – als es mir schlecht ging,
und ich Gott kaum spürte – mit solchen Fragen bei Gott nachgebohrt?
Ich behaupte, wenn wir damit anfangen würden, dann bekäme unser Glaube einen
größeren Tiefgang. Das ist das eine, was der Prophet gemacht hat, um zum Glauben
zu kommen:
Er bohrt sich mit klagenden Fragen in Gottes Herz:
2. Der Prophet nagelt Gott seiner Vater-Pflicht fest.
Jesaja sagt: „Du bist doch unser Vater!
Ein rechtmäßiger Vater hat die Pflicht für seine Kinder zu
sorgen. Ja, es ist strafbar, wenn man als Elternteil seine Kinder einfach sich
selbst überlässt.
Ein Mann, der von Herzen „Ja“ zu seinen Kindern sagt, der legt seine Ehre
darein, ein liebevoller und guter Vater zu sein. Er beschützt seine Kinder vor
Gefahren, wie ein Adler seine Jungen. Wehe, wenn ein Feind sich dem Adlerhorst
nähern will. Er bekommt den ganzen Zorn des Adlers zu spüren.
Außerdem ist ein Vater verantwortlich für das Tun seiner Kinder. An Baustellen
steht oft der Satz zu lesen: Betreten verboten: Eltern haften für ihre Kinder.
Wenn Kinder Blödsinn machen, dann müssen die Eltern dafür gerade stehen. Sie
werden für ein Fehlverhalten ihrer Kinder verantwortlich gemacht. Der Prophet
gestattet es nicht, dass sich Gott aus der Affäre ziehen könnte, mit den Worten:
Ihr seid mit euren Sünden ja selbst schuld. Ihr wollt es ja nicht anders, wie
kann ich euer Vater sein, wenn ihr nicht meine Kinder sein wollt und das
Gegenteil tut, von dem, was ich euch gesagt habe.“
Kühn betet der Prophet:
„Warum lässt du uns vom richtigen Weg abirren? Warum hast
du uns so eigensinnig werden lassen, dass wir keine Ehrfurcht mehr vor dir
haben.“
Mit anderen Worten: „Du bist mitverantwortlich, wenn wir
falsche Wege gehen, so wie ein Vater verantwortlich ist, für das, was seine
Kinder anstellen.
Und schließlich hatte im Alten Testament ein Vater die Pflicht, seine Kinder zu
befreien. In den unruhigen Zeiten des Alten Testaments kam es immer wieder
einmal vor, dass räuberische Beduinen, die Philister oder Syrer Dörfer Israels
überfielen, Frauen und Kinder raubten, um sie auf den Sklavenmärkten
gewinnbringend zu verkaufen.
Ein Vater hatte damals die Pflicht, seine Kinder zu suchen. Und wenn er die
Mittel hatte, dann musste er sie freikaufen. Das Alte Testament sagt dazu lösen,
bzw. erlösen. Jesaja nagelt Gott bei dieser Vaterpflicht fest und hält ihm vor:
„Unser Erlöser“ – so hast du von jeher geheißen.
Was macht Jesaja noch, um aus dem Sumpf der Verzweiflung zum sicheren Grund des
Glaubens zu kommen? Der Prophet bittet Gott leidenschaftlich um Hilfe:
„Ach dass du doch den Himmel zerrisset und führest herab.“
Wann haben wir zuletzt so intensiv um Hilfe gebettelt. Herr,
zerreiß den Himmel? Stellen sie sich den Himmel vor, wie ein Zelt, der über die
Erde gespannt ist. Dahinter lebt Gott. Nun soll er die Zeltplane zerreißen, um
möglichst schnell zu helfen. Er soll eine unumstößliche Ordnung umstoßen, um
endlich zu helfen. Eine gewaltige Bitte.
Wenn mir jemand wie folgt käme:
1. Mich mit anklagenden Fragen zu durchbohren,
2. Mich an meine säumigen Pflichten erinnern
3. Von mir noch zu verlangen, mein Haus einzureißen, damit ich schneller helfen
kann, das fände ich ganz schön dreist.
Aber Gott liebt, wenn man ihn so bestürmt. Denn so ist das
Verhältnis zwischen ihm und uns echt, ungekünstelt, es ist unmittelbar. Es ist
eine Hilfe, wenn man in dunklen Stunden so betet. So zu beten führt zur
Gewissheit, dass Gott hilft.
In persönlicher Not kann man für sich so beten – aber man kann auch im Blick auf
die Gemeinde so beten. Erlauben Sie mir einmal ein Gebet:
Herr schau, doch einmal nach uns in Kelmis und Eupen. Warum erlaubst Du, dass
Jahr für Jahr die Konfirmanden nach der Konfirmation auf Nimmer-Wiedersehen
verschwinden? Wieso lässt Du unsere Mitarbeiter so ausbrennen, dass sie ständig
über Müdigkeit, Kopfweh und Stress klagen? Wie kommt es, dass wir so wenig
bereit sind einander zu tragen, denn die Jüngeren wollen mit den Älteren nichts
zu tun haben und die Älteren nichts mit den Jüngeren? Wo sind die Christen im
Alter zwischen 40 und 60 Jahren geblieben? Herr, wir mühen uns ab und nichts
verändert sich. Dabei hast Du doch versprochen uns Nahe zu sein, du hast uns
versiegelt mit dem Heiligen Geist und viele Gaben geschenkt. Du bist der Hirte
deiner Herde, du hast für sie zu sorgen, dass sie nicht auseinander läuft. Wenn
Dein Feuer, doch spürbar würde unter uns, wenn deine Liebe in uns brennen
könnte. Mach doch unsere Gemeinde zu deiner Chefsache und schieb uns nicht immer
in die unterste Schublade.
So könnte das Gebet, nach dem Muster von Jesaja heute klingen. Aber nun die
Frage:
Hat Gott nun nach diesem Gebet Jesajas eingegriffen? Nein.
Nirgendwo steht, dass er die Verhältnisse umgekrempelt hat.
Und dennoch kommt der Beter zu dem Schluss: Nur du kannst den Menschen, die auf
dich vertrauen, wirklich helfen.
Es ist, als würde durch dieses Gebet, der Blick des Beters auf die verborgene
Hilfe Gottes gelenkt.
Es ist, als ob er mit seinem geistigen Auge plötzlich Gottes Hilfe erkennen
kann.
Wir haben es etwas leichter. Wir können auf Jesus schauen und an ihm erkennen,
wie Gott geholfen hat. Er kam in unsere Welt, die so arm an Liebe ist, damals
wie heute und deswegen so jämmerlich. In denen Menschen wie Herbert zugrunde
gehen.
Aber Jesus liebte die Menschen. Den Geldhai am Zoll, den reichen Juppie aus
gutem Hause, den fleißigen und ungestümen Fischer, die stadtbekannte Hure, den
fragenden Politiker, und er ließ sich von dem küssen, der ihn verriet. Er zeigte
ihnen die Liebe des himmlischen Vaters. Er ließ sich von den Menschen
durchbohren und festnageln, ja er litt, um uns zu helfen, einen qualvollen Tod.
Er nahm die seinen in Schutz, suchte die Verlorenen, trug die Verantwortung für
die Sünden der Kinder Gottes und kaufte die Schuldigen frei, aus Gewalt der
Sünde.
Und als er rief: es ist vollbracht – da riss der Vorhang im Tempel von
oben bis unten entzwei. Gleichsam wie wenn das Himmelszelt nun ein Loch hätte.
Und als Auferstandener schickt Jesus seinen Geist in diese Welt hinein. Der
sucht Menschen, befreit sie, heilt sie, sammelt sie im Glauben. Mit Hilfe
erlöster und freigekaufter Menschen – mit meiner und mit deiner Hilfe - soll die
Liebe Jesu weiter getragen werden, bis an die Enden der Erde.
Wenn wir also an der Lieblosigkeit in der Welt leiden, dann dürfen wir mit
Klagen und Fragen bei Gott nachbohren, ihn an seinen Pflicht als unser Vater
erinnern und ihn inständig bitten. Dann wird er unser Vertrauen auf seine Hilfe
stärken.
Und so sind wir ein Zeugnis dafür, dass Jesus gekommen ist und kommen wird.
Amen.
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