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Hohelied Salomos                                    

   

Predigt von Pfarrer Jürgen Ullmann am 30. Mai 2004, Konfirmation

Liebe Gemeinde,

der Bibelabschnitt für den heutigen Tag steht in Hoheslied 4,1-7:

1. Siehe, meine Freundin, du bist schön! Siehe, schön bist du! Deine Augen sind wie Taubenaugen hinter deinem Schleier. Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die herabsteigen vom Gebirge Gilead. 2 Deine Zähne sind wie eine Herde geschorener Schafe, die aus der Schwemme kommen; alle haben sie Zwillinge, und keines unter ihnen ist unfruchtbar. 3 Deine Lippen sind wie eine scharlachfarbene Schnur, und dein Mund ist lieblich. Deine Schläfen sind hinter deinem Schleier wie eine Scheibe vom Granatapfel. 4 Dein Hals ist wie der Turm Davids, mit Brustwehr gebaut, an der tausend Schilde hangen, lauter Schilde der Starken. 5 Deine beiden Brüste sind wie junge Zwillinge von Gazellen, die unter den Lilien weiden. 6 Bis der Tag kühl wird und die Schatten schwinden, will ich zum Myrrhenberge gehen und zum Weihrauchhügel. 7 Du bist wunderbar schön, meine Freundin, und kein Makel ist an dir. 

Ich könnte mir vorstellen, dass einige etwas erstaunt sind über diesen Predigttext. Vielleicht fragt sich jemand: Steht so was tatsächlich in der Bibel? Dürfen in der Heiligen Schrift solche erotischen Texte vorkommen?

Ja, in der Bibel gibt es ein ganzes Buch, in dem nur Liebeslieder stehen. Ein Mann und eine Frau gestehen einander ihre Liebe; sie sagen dem andern, wie schön sie ihn finden und wie sehr sie sich nach ihm sehnen.

Dieses Buch ist das Hohelied Salomos. Schon manch einer hat sich gefragt: Gehört so ein Buch wirklich in die Bibel? Gehören Liebeslieder in ein religiöses Buch, in dem es doch um Gott gehen sollte?

Es geht im Hohelied Salomos tatsächlich um Gott, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht. Es geht um Gottes Beziehung zu uns. Wenn man sich überlegt: Wie kann ich die Beziehung zwischen Gott und uns beschreiben? Welchen Vergleich könnte ich gebrauchen, um deutlich zu machen, wie Gott zu uns steht? Dann ist der beste Vergleich, den es auf dieser Welt überhaupt gibt, die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau.

In der Bibel wird Gott immer wieder mit einem Mann verglichen, der eine Frau unwahrscheinlich liebt. Und er setzt alles daran, das Herz dieser Frau zu gewinnen. Er denkt sich alles Mögliche aus, um ihr seine Liebe zu zeigen. Er sehnt sich so wahnsinnig danach, eine tiefe und innige Gemeinschaft mit ihr zu haben.

Wenn man die Frage stellt: Wie ist Gott?, dann gibt es darauf viele Antworten. Aber ich glaube, die erste und wichtigste Antwort ist folgende: Gott ist wie ein Mann, der unsterblich in eine Frau verliebt ist.

Wenn du fragst: Wie sehr liebt mich Gott, dann frage dich selbst: Wie sehr liebst du den Menschen, der dir am meisten bedeutet? Wenn du wissen willst, wie sehr sich Gott nach dir sehnt, dann frage dich selbst: Wie sehr sehnst du dich danach, mit dem Menschen zusammenzusein, den du von ganzem Herzen liebst. Und doch ist die Liebe, die wir Menschen füreinander empfinden können, nur ein schwacher Abglanz von der Liebe, die Gott zu uns hat.

Als wir in der Konfirmandengruppe diesen Gottesdienst vorbereiteten, haben wir überlegt: Wie können wir Liebe darstellen? Was können wir zum Thema „Liebe“ vorführen?
Den Konfirmanden sind dann Filme eingefallen, in denen das Thema „Liebe“ angesprochen wird. Jeder dieser Filme zeigt einen Aspekt von Gottes Liebe zu uns.

Die erste Szene, die wir gesehen haben, stammt aus „Romeo und Julia“. Romeo und Julia kommen aus zwei Familien, die seit Generationen miteinander verfeindet sind. Eigentlich müssten sich Romeo und Julia hassen statt sich zu lieben, denn es herrscht eine Fehde zwischen ihren Familien. Und doch ist die Liebe der beiden größer als alle Feindschaft.

In der Bibel heißt es: Gottes Liebe zu uns ist so groß, dass Gott seinen Sohn zu uns sandte, als wir noch seine Feinde waren. Wir Menschen sind von Natur aus Gottes Feinde.

Vielleicht sagst du: „Das ist jetzt aber hart ausgedrückt. Ich bin doch kein Feind von Gott. Ich bin doch ein anständiger Mensch; ich bin doch auch getauft worden und hab’ meine Konfirmation gemacht. Ich feiere schließlich auch Weihnachten und geh’ ab und zu in die Kirche. Ok, ich bin nicht grad ein Heiliger, aber ein Feind von Gott? Das ist doch wohl etwas hoch gegriffen.“

Und doch sagt uns die Bibel: Im Grunde unseres Herzens sind wir gegen Gott eingestellt. Wir lehnen uns innerlich gegen ihn auf. Wir lehnen uns dagegen auf, dass Gott einen Anspruch auf den ersten Platz in unserem Leben hat. Wir wollen nicht, dass Gott unser Herr ist, sondern wir wollen unser Leben selbst in die Hand nehmen und selbst entscheiden, was wir für gut und für schlecht halten... was für uns wichtig und unwichtig ist... Wir wollen selbst bestimmen, wie wir unser Leben gestalten.

Natürlich schließen wir Gott nicht ganz aus unserem Leben aus. Irgendwo darf er schon mit dabei sein. Ab und zu werfen wir ihm mal ein frommes Almosen hin, indem wir einen religiösen Ritus über uns ergehen lassen oder indem wir auch mal in den Gottesdienst gehen, wenn uns danach zumute ist.

Aber unser Leben völlig Gott auszuliefern und ihm zu sagen „ich gehöre dir. Ich stehe dir ganz und gar zur Verfügung“... Du darfst der Herr in meinem Leben sein...dagegen sträuben wir uns, weil wir ihm misstrauen...weil wir meinen, er wolle unsere Lebensfreude schmälern und uns etwas vorenthalten, das unser Leben reicher machen könnte. In unserem tiefsten Innern misstrauen wir Gott. Wir lehnen uns gegen ihn auf. Wir sind seine Feinde.

Eigentlich müsste Gott sagen: „Mit diesen Menschen, die so feindlich mir gegenüber eingestellt sind, will ich nichts zu tun haben. Sollen sie doch sehen, wo es hinführt, wenn sie meinen, sie kommen ohne mich besser klar.“

Aber Gottes Liebe ist größer als unsere Feindschaft. Gott ist in unsere Welt gekommen in der Gestalt von Jesus. Er ist gekommen, um um unsere Liebe zu werben. Mitten in einer Welt, die Gott ablehnt, sucht er nach Menschen, die seine Liebe erwidern. Er sucht nach Menschen, die bereit sind, sich für seine Liebe zu öffnen.

Auch im zweiten Film, den die Konfirmanden ausgesucht haben, geht es um einen Abstand, der zwischen den Geliebten besteht. In diesem Film ist es der soziale Abstand. Auf dem Schiff Titanic – so heißt dieser Film auch, „Titanic“ – sind zwei Passagiere, die eigentlich überhaupt nicht zueinander passen. Da ist Rose, ein Mädchen, das zur amerikanischen High Society gehört und Jack, ein Maler, der kaum Geld hat und der dritter Klasse reist. Zwei Menschen, die aufgrund ihrer Standesunterschiede überhaupt nicht zueinander passen.

Wie passen Gott und wir zueinander? Gott, der vollkommen heilig ist...der allmächtig, unsichtbar und ewig ist. Gott wohnt in einem Licht, das so rein, klar und hell ist, dass wir es gar nicht ertragen würden, in seiner Nähe zu sein.

Und auf der anderen Seite wir Menschen auf diesem kleinen Planeten Erde... ein winziges Staubkörnchen im Weltall... Wir werden geboren, leben hier ein paar Jahrzehnte und dann sind wir wieder weg, wie ein Windhauch, der vergeht. Welche Beziehung könnte zwischen uns Menschen und diesem unvorstellbaren Gott schon bestehen? Der Abstand zwischen Gott und uns ist unendlich viel größer als der Abstand zwischen einem Mitglied der Oberschicht und einem mittellosen Passagier auf der Titanic. Und doch ist Gottes Liebe zu uns so groß, dass er diesen Abstand überwindet.

Ich kann mir vorstellen, wie Gott, der Vater, zu Jesus sagte: „Du kannst hier im Himmel bleiben. Hier hast du alles, was du dir erträumen kannst. Hier kannst du meine Nähe ganz intensiv erfahren. Hier ist Frieden, Geborgenheit und Freude ohne Ende. Hier hast du unvorstellbaren Reichtum. Willst du das alles wirklich verlassen und zu den Menschen gehen, die dort unten in einer Welt leben voller Leid, voller Habgier, voller Traurigkeit und Schmerzen?“

Und Jesus sagt: „Ja, die Sehnsucht nach meiner Geliebten ist so groß, dass ich das möchte. Meine Liebe zu den Menschen ist so groß, dass ich bereit bin, meine Göttlichkeit aufzugeben und ein Menschenleben auf der Erde zu führen.“

Und ich kann mir vorstellen, wie Gott, der Vater, zu Jesus sagt: „Ich bin stolz auf dich, dass du das möchtest. Genau das entspricht meinem Wunsch.“

Jesus hat alles zurückgelassen, was er hatte. Seine Liebe zu uns war ihm mehr wert als die ganze himmlische Herrlichkeit. Er hat den gewaltigen Abstand, der zwischen uns und ihm bestand, überwunden und ist als Mensch auf die Erde gekommen.

Natürlich gibt es auch Unterschiede zwischen dem, was in dem Film „Titanic“ gezeigt wird und dem, was uns die Bibel schildert. In dem Film z.B. fühlt sich das Mädchen Rose in der Welt der Reichen eingeengt und unterdrückt. Erst durch den unkomplizierten Jack lernt sie das Leben wirklich kennen und erfährt, was Freiheit ist.

Bei Jesus ist es umgekehrt. Er war in Gottes Welt – in einer Welt voller Freiheit und Leben. Und er kam zu uns, um uns zu zeigen, was wirkliches Leben bedeutet. Jesus hat einmal gesagt: „Ich bin zu den Menschen gekommen, damit sie das Leben im Überfluss haben sollen.“

Die dritte Szene, die die Konfirmanden sich ausgesucht haben, stammt aus dem Film „Pearl Harbor“. Hier geht es um eine ganz andere Art von Liebe. Hier ist es nicht die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau, sondern es geht um einen Mann, der für einen andern sein Leben opfert. Er ist bereit zu sterben, damit der andere leben kann.

Jesus hat einmal gesagt: „Niemand hat größere Liebe als der, der sein Leben lässt für seine Freunde.“ Und Jesus hat das nicht nur gesagt, sondern er hat es getan. Er ist gestorben, damit wir leben können.

Nur, bei Jesus ging das Sterben nicht so schnell wie in der Filmszene, die wir gesehen haben. Es war nicht einfach ein Schuss und er war tot. Sondern bis Jesus tot war, musste er furchtbare Qualen erleiden.

Manche von euch haben vielleicht den Film „Die Passion Christi“ gesehen. Dieser Film ist ja in vielen Zeitschriften zerrissen und niedergemacht worden. Aber, wie man diesen Film bewertet, hängt meiner Ansicht nach ganz davon ab, mit welcher Einstellung man ihn sieht.
Ich habe ihn angeschaut mit dem Bewusstsein: „Das hat Jesus für mich getan. Jesus hat sich schlagen lassen für mich. Als ihm mit der Peitsche die Haut zerfetzt wurde, geschah das für mich. Als Jesus sich die Nägel durch die Hände und Füße schlagen ließ, hat er es aus Liebe zu mir getan. Für mich ertrug er das Gelächter und den Spott der Menschen.“

Was man Jesus angetan hat, hätte eigentlich ich verdient, denn ich war Gottes Feind. Ich habe gegen ihn rebelliert. Ich hab seine Gebote immer und immer wieder übertreten. Was Jesus am Kreuz erlitten hat, war die Strafe für meine Schuld. So sehr liebt mich Jesus, dass er bereit ist, die Strafe auf sich zu nehmen und zu sterben, damit ich leben kann... damit ich in der Gemeinschaft mit Gott leben kann... damit es nichts mehr geben muss, was mich von Gott trennt.

Wie sehr muss mich Jesus lieben, dass er bereit war, für mich auf so qualvolle Weise zu sterben. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Jesus seine Liebe noch deutlicher hätte zeigen können.

Wenn ein Mann eine Frau von ganzem Herzen liebt und er diese Liebe so deutlich zeigt, wie es ihm nur möglich ist, dann wartet er auf eine Antwort. Er wünscht sich nichts sehnlicher als dass diese Frau sagt: „Ja, ich lasse mich auf deine Liebe ein. Ja, ich will für immer zu dir gehören. Wir wollen von jetzt an gemeinsam den Weg durchs Leben gehen.“

Wenn dieser Mann die Frau wirklich liebt, wird er sie nicht zu einem „ja“ zwingen. Er wird sie nicht unter Druck setzen, sondern er möchte, dass sie seine Liebe freiwillig erwidert. Dass heißt, er muss auch damit rechnen, dass sie „nein“ sagt oder dass sie seine Werbung gar nicht beachtet. Es ist auch möglich, dass sie „ja“ sagt und ihm hinterher doch die kalte Schulter zeigt. Das alles muss der Mann in Kauf nehmen, denn die Liebe ist immer etwas Freiwilliges.

Auch Jesus fragt euch: „Wollt ihr euch auf meine Liebe einlassen? Wollt ihr den Rest eures Lebens in der Gemeinschaft mit mir verbringen?“ Manche von euch haben letzte Woche bei der Bekenntnisfeier „ja“ dazu gesagt. Manche von euch sagen es vielleicht heute in ihrem Herzen. Und einige von euch denken: „Ich bin froh, wenn der Gottesdienst vorbei ist und ich endlich meine Geschenke bekomme.“

Aber selbst dann wartet Jesus immer noch auf dich – und wenn er Monate oder Jahre oder Jahrzehnte warten muss. Er wünscht sich nichts sehnlicher als dass du seine Liebe erkennst und ihm deine Liebe schenkst.
Es geht Jesus nicht darum dass du ein paar fromme Riten einhältst. Er legt keinen Wert darauf, dass du in Zukunft ein paar Stunden mehr im Gottesdienst absitzt und ein bisschen religiöser wirst. Sondern ihm geht es um deine Liebe. Er möchte dein Herz gewinnen. Er möchte mit dir Gemeinschaft haben.

Deshalb ist es ihm wichtig, dass du dir Zeit für ihn nimmst... Zeit um mit ihm zusammen zu sein, indem du betest und in der Bibel liest... indem du Lobpreislieder singst... und das nicht nur allein, sondern auch zusammen mit anderen, die Jesus ebenfalls lieben.

Im ganzen christlichen Glauben geht es niemals um religiöse Formen. Sondern es geht um eine Beziehung. Um eine Liebesbeziehung zwischen Gott und dir und um eine Liebesbeziehung zwischen dir und deinen Glaubensgeschwistern.

Deshalb enthält die Bibel auch Liebeslieder – so wie das Hohelied Salomos. Nichts kann Gottes Wesen deutlicher zum Ausdruck bringen als ein Liebeslied.

Amen

 

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Stand: 04. Juni 2010