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Habt ihr noch keinen Glauben?                                    

   

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 2. Februar 2003

Mk 4, 35-41:

Und am Abend desselben Tages sprach Jesus zu ihnen: Lasst uns hinüberfahren. Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, nachdem er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm. Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass das Boot schon voll wurde. Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen. Und er stand auf und bedroht den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich und es entstand eine große Stille. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? Sie aber fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam!

Liebe Gemeinde,

den Jüngern Jesu steht das Wasser bis zum Hals. Die Wellen schlagen sich über dem kleinen Fischerboot zusammen. Die jungen Männer versuchen das Wasser wieder nach draußen zu schöpfen, aber da bricht die nächste Woge über sie herein. Ich stelle mir vor, wie die Bootsinsassen in Panik kommen und Todesangst sich breit macht.

Liebe Gemeinde, wir leben hier zwar auf dem Festland in Ostbelgien, wir leben in Frieden und Freiheit, ein soziales Netz kann uns auffangen. Aber doch kann es in unserem verhältnismäßig ruhigen Leben ganz schön stürmisch werden. Ebenso ist der See Genezareth kein Weltmeer, sondern ein etwas idyllischer Binnensee, wo man zu Friedenszeiten gerne als Tourist hinfährt. Und dennoch kann es auch in diesem kleinen See klimatisch bedingt zu sehr gefährlichen Stürmen kommen. Und so können auch plötzlich in unserem Leben Katastrophen hereinbrechen, die unser Leben zerstören wollen. Sei es, dass ein Familienstreit die Familie auseinander brechen will und man in Depressionen stürzt, sei es, dass mich plötzlich eine unheilvolle Krankheit trifft, sei es, dass durch einen Krieg oder durch Terroranschläge uns die Lebensgrundlage abgeschnitten wird, oder durch Seuchen oder Umweltkatastrophen wir in große Not geraten. Die Älteren unter uns denken mit Schaudern an den letzten Krieg, aber auch uns Jüngeren sind noch die Bilder der letzten Hochwasserkatastrophe an der Elbe vor Augen.

Und in solchen Situationen kommt dann die Frage: Gott, wo bist Du, warum hilfst Du uns nicht?

Ebenso konnten die Jünger überhaupt nicht verstehen, warum Jesus schlief. Stellen sie sich das Bild einmal vor: Ohrenbetäubender Lärm des Sturmes. Ein Schiff, das hin und her gerissen wird, riesige Wasserwogen, die immer wieder über das Schiff hereinbrechen, Männer, die wild durcheinander schreien. Und hinten im Boot liegt Jesus auf einem Kissen und schläft seelenruhig wie ein kleines Kind in den Armen seiner Mutter. Nichts scheint ihn hier aus der Ruhe bringen zu können.

Den Jüngern platzt der Kragen. Sie wecken ihren Herrn mit den vorwurfsvollen Worten:

Meister, fragst Du nicht danach, dass wir umkommen.

Liebe Gemeinde. Das gehört zu den Stürmen unseres Lebens dazu, dass wir das Gefühl haben, als würde Gott gar nicht nach uns fragen. Als wäre es ihm völlig egal, was aus uns wird.

Kennen Sie dieses Gefühl?

Als würden die Gebete nicht weiter gehen, als bis zur Zimmerdecke, als hätte Gott sein Interesse völlig verloren und die Zustände scheinen noch schlimmer zu werden, denn besser.

Aber bei all dem vergessen wir, dass ja Jesus mit im Boot ist. Er ist bei uns, er ist uns ganz nahe – nicht irgendwo am Festland, nicht irgendwo im Himmel. Er ist uns so nah, wie er den Jüngern nahe war.

Und auch in unseren Stürmen kommt es vor, dass Jesus aufsteht. Und er stand auf und bedroht den Wind und sprach zu dem Meer:

Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich und es entstand eine große Stille. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?

Er streckt seine Hand aus und mit einem Wort müssen ihm Wind und Wellen gehorchen und es wird völlig ruhig. Die Wellen, der Wind, alle zerstörerischen Mächte müssen ihm gehorchen. Nur Gott selbst kann ihnen Einhalt gebieten. Ebenso kann auch Jesus in unseren Stürmen hinein ein Machtwort sprechen. Diese Stille tut gut und ist heilsam.

Und in die Stille hinein stellt Jesus seinen Freunden zwei wichtige Fragen:

„Was seid ihr so furchtsam?“

Furcht kommt normalerweise auf, wenn mein Leben bedroht wird. Und je geringer die Möglichkeiten sind, zu fliehen, je weniger ich mich wehren kann, je aussichtsloser meine Lage ist, um so größer meine Angst.

Ich würde also Jesus antworten: Herr, ich fürchte mich, zu sterben.

Und darum die zweite Frage Jesu:

„Habt ihr noch keinen Glauben?“

Jetzt müssten sich die Jünger an das erinnern, was Jesus noch am Tage gesagt hatte. Er hatte vom Senfkorn erzählt, das in die Erde fällt und scheinbar in den Tod begraben wird und dann kommt es zum neuen Leben. Die Staude geht auf und ein großer Baum wird daraus, darin die Vögel nisten können.

Jesus will seinen Jüngern und uns damit sagen: Das Chaos, der Tod können die Kinder Gottes nicht besiegen. Die Wellen können noch so toben. Wenn Gott spricht: Bis hierher und nicht weiter, dann kommen sie auch nicht weiter. Und selbst wenn sie sterben müssten, so würden sie gleichsam einem Senfkorn zu neuem Leben auferstehen.

Nach diesem festen Glauben fragt Jesus. Dieses Zutrauen wünscht er sich von seinen Jüngern. Wer diesen Glauben hat, kann ebenfalls wie Jesus gut schlafen auch in den Stürmen unserer Zeit.

Die Jünger fürchten sich nun vor der Macht Jesu. Wer ist der? Wellen und Meer sind ihm gehorsam. Da ist ja einer, der stärker ist als die Naturelemente, da ist einer, der stärker ist als der Tod. Diese Seite an Jesus war ihnen völlig neu. Und weil er so mächtig ist, fürchten sie sich plötzlich vor ihm.

Liebe Gemeinde. Die Jünger haben bei der ersten Begegnung mit Jesus nicht gewusst, wer er ist. Sie haben nur gespürt, dass er Worte ewigen Lebens hatte und man von ihm viel lernen konnte. Und nun wird ihnen langsam klar, welche Bedeutung, ja welche Macht er hatte. Und darum staunen und fürchten sie sich.

Liebe Gemeinde, wenn wir als Gemeinde unseren Weg mit Jesus gehen, dann machen wir ähnliche Erfahrungen. Vielleicht ist uns im Verstand bewusst, wer Jesus ist. Aber im Herzen sind wir wahrscheinlich auf der Stufe wie die Jünger damals und wir sind furchtsam, wenn die Wogen über uns hereinstürzen und wir nicht aus- noch ein wissen.

Dann kommen wir mit unserem Glauben an unsere Grenzen.

Ja, Jesus lässt diese Stürme zu, er schickt uns zur See und so kann es kommen, dass dadurch unser Glaube auf die Zerreißprobe gestellt wird, bevor endlich Jesus ein Machtwort spricht und die Elemente zum Verstummen gebracht werden. Aber dann müssen wir als Gemeinde gemeinsam Jesus wachrütteln, ihn um Hilfe bitten, uns vergewissern, dass er mit im Boot sitzt. Keiner wünscht sich solche Zeiten. Doch in der Stille, in dem Sieg Jesu, der folgt, spüren wir plötzlich, welch einen großen Herrn wir haben.

Ich kenne viele Menschen, die in ihrem Leben schon fürchterliche Stürme erlebt haben. Fast alle sagen: So etwas wünsche ich mir nie wieder und ich wünsche es auch niemandem. Und dennoch sagen sie: Diese Zeit hat mich reifer gemacht, meinen Glauben gestärkt.

In diesem Sinne möge Gott unseren Glauben stärken, dass unser Glauben in stürmischen Zeiten nicht Schiffbruch erleidet, sondern dass wir gerade dadurch Jesus in einer ganz neuen Dimension kennen lernen.

Amen.

 

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Stand: 04. Juni 2010