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Gottes Nähe suchen                                    

   

Predigt von Vikar Darius Tomczak am 28. August 2005

Predigttext Markus 1, 40-45

Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen. Und es jammerte ihn und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will's tun; sei rein! Und sogleich wich der Aussatz von ihm und er wurde rein. Und Jesus drohte ihm und trieb ihn alsbald von sich und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis. Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekannt zu machen, sodass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; doch sie kamen zu ihm von allen Enden.

Liebe Gemeinde !

Die Geschichte, die uns Markus überliefert, ist und bleibt eine besondere Heilungsgeschichte. Der erste Teil dieser Geschichte erzählt uns, dass ein Aussätziger Jesus begegnet.

Mit dem Aussatz bezeichnete man damals das, was wir heute Hautkrankheit nennen würden. Es ist nicht Lepra, sondern es sind heilbare Hautkrankheiten damit gemeint. In 3. Mose 13 wird uns gesagt, dass ein Verdacht auf einen Aussatz bei Schwellungen, Ausschlag und hellen Flecken zu befürchten ist.

Im damaligen Verständnis galten Aussätzige als von Gott Verworfene:

Sie waren unrein, weil sie Sünder waren. Sie galten vor der menschlichen Gesellschaft als tot. Man musste sich von solchen Menschen fernhalten.

Ein Mensch mit Aussatz wurde damals nicht in die Hautklinik eingeliefert. Ein Mensch mit Aussatz musste damals völlig isoliert am Rande der Stadt leben. Und beim Herannahen von Menschen musste er laut "unrein, unrein" rufen.

Dadurch sollten alle Menschen gewarnt werden. Niemand sollte sich in die Nähe dieses Menschen begeben. Denn dadurch konnte man selbst unrein werden. In unserer Geschichte handelt der Aussätzige ziemlich mutig.

Er leidet und er hat Schmerzen. Seine Not sieht ganz konkret aus. Deshalb geht er auf Jesus zu obwohl ihm das ausdrücklich verboten ist.

Voll Vertrauen spricht er zu Jesus: "Willst du, so kannst du mich reinigen".

Er wagt sich Jesus zu nähern und ganz demütig, fragt er Jesus "Willst du?", d.h. er lässt die Möglichkeit offen, nicht gesund zu werden.

Er weiß sich dem Willen Jesu ganz ausgeliefert zu sein. In seiner schweren Not wendet er sich Gott zu. Er kniet nieder und zeigt Ehrfurcht. Er bettelt.

Und wie reagiert Jesus? Jesus erbarmt sich dieses Mannes und Er will seine Not lindern.

Es jammerte ihn, so heißt es in der Lutherübersetzung. Jesus streckt seine Hand aus, er berührt diesen Menschen. Er spricht: "Sei rein!". Jesus lässt sich nicht von den allgemeinen Regeln leiten die Aussätzigen zu meiden. Zum Schrecken der Jünger zählt für ihn die Begegnung mit dem Aussätzigen.

Er vertreibt ihn nicht wie andere es tun würden. Das Elend des Kranken erschüttert Jesus zutiefst. Das Leid des Menschen lässt ihn nicht kalt.

Er lässt sich davon berühren, er leidet mit ihm. Gott nimmt sich dieses Menschen in Jesus an.

Und sogleich wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein. Auffällig ist hier, dass die Heilung durch die Berührung geschieht. Jesus spricht keine lange Beschwörungsrede wie ein Medizinmann. Jesus zaubert nicht, sondern er handelt mit Vollmacht.

Woher hat er diese Vollmacht? Er hat sie von seinem Vater bekommen. Nur vorher fünf Verse lesen wir: "Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort".

Früh am Morgen, noch vor Tage, es ist die Zeit zwischen 3 und 6 Uhr morgens.

Jesus geht an eine einsame Stätte und betet. Er betet zu seinem Himmlischen Vater. Er betet für die Kranken, er betet für seine Jünger, er betet für das Volk Israel. Er betet für Sie und mich.

Nach der Grammatik des griechischen Textes ist daraus zu schließen, dass Jesus längere Zeit im Gebet verweilte (vgl. Mt 14,23; 26,36; Lk 3,21; 5,16; 6,12; 9,18.28; 11,1).

Offensichtlich konnte Jesus nur wirken, weil er viel und dringlich betete. Jesu Vollmacht in der Predigt, in der Seelsorge und im Wunder hing am Gebet. Er brauchte Zeit und Einsamkeit. Wohin er auch immer kam, er kam aus der Stille.

Die Frage lautet: Wie viel Zeit verbringen wir im Stillen? Und wie viel Zeit verbringen wir täglich vor dem Fernseher? 1 Std. 2 Std. oder noch mehr?

Und wie viel Zeit verbringen wir täglich im Stillen Gebet? 5Min., 10.Min ? Und in der ganzen Woche? Jesus betete für uns noch bevor es Tag war, sollten wir das vielleicht auch einmal tun?

Lasst uns zum zweiten Teil unserer Heilungsgeschichte kommen. Im diesen Teil wird erzählt, dass Jesus als Gesetzestreuer sagt:

Sieh zu, dass du niemanden etwas sagst, sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis.

Jesus weiß, dass die Priester eingeschaltet werden müssen. Nach 3 Buch Mose 14 war der Priester die offizielle Gesundheitsbehörde der Israeliten. Er musste den Geheilten für rein erklären, bevor dieser wieder unter die Leute gehen konnte.

Jesus wusste also, dass diese Heilung nicht verborgen bleiben wird. Hier sehen wir, dass Jesus die Thora respektiert. Er will die Gesetzesbestimmungen nicht kritisieren, sondern er erfüllt sie.

Doch dieser Mensch tat genau das, was er nicht tun sollte. Er sollte schweigen und Gott zuerst danken, aber er ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekannt zu machen.

Er tat das Gegenteil, was Jesus von ihm verlangte. Er machte aus seiner Heilung eine große Geschichte, und er erzählte sie überall, wo er nun ging. Heute würde er wahrscheinlich in einer Zeitung einen Artikel darüber schreiben und so Sensation und Publicity suchen.

Er ignoriert völlig die Anordnung Jesu. Dies steht im Widerspruch zu seinem vorherigen Verhalten, in dem er sich völlig dem Willen Jesu unterordnet. Nachdem er geheilt worden ist, spielt bei ihm Gottes Wille keine Rolle mehr.

Wie traurig, nicht wahr?

Diese Heilung, diese Heilung sollte nicht zu einer großen Sensation werden. Dieser Mensch sollte zuerst seine Beziehung zu Gott in Ordnung bringen. Doch er verweigert den Glaubensgehorsam, das auferlegte Schweigegebot kann er nicht halten. Warum?

Ich möchte, dass wir im dritten und letzen Teil unserer Predigt uns mit dieser Frage beschäftigen.

Die Krankheit des Aussatzes war sicher eine schreckliche Krankheit. Sie war vor allem deswegen schrecklich, weil der Kranke sich selber isolieren musste. Er musste die Anderen warnen vor seiner Nähe.

Ich kann mir eigentlich nichts Schlimmeres vorstellen, als Andere warnen zu müssen, mit mir in Kontakt zu kommen. Eigentlich kann man so eine Krankheit kaum seelisch gesund überstehen.

Jesus machte diesen Menschen gesund an seinem Körper. Er wurde geheilt vom Aussatz. Aber dieser Mensch war in seinem Inneren noch immer nicht geheilt.

Die Heilung dieses Mannes wäre dann abgeschlossen, wenn er die geistliche Hilfe von Gott angenommen hätte. Das tat er aber nicht.

Er geht hin und erzählt und erzählt, wie er körperlich geheilt worden ist. Doch die geistliche Hilfe von Gott hat er nicht erfahren. Er hat seinen Glaubenstest nicht bestanden.

Er bestand den Glaubenstest nicht, so wie die neun Aussätzigen im Lukas Evangelium es auch nicht bestanden hatten. Nur einer von diesen kehrte um, er dankte Jesus und er gab die Ehre Gott. Neunzig Prozent der Geheilten vergaßen zu danken. Darum sprach auch Jesus nur zu diesem einen: Dein Glaube hat dir geholfen.

Markus schreibt, dass der Geheilte ein großes Nachholbedürfnis hatte. Er wollte mit den Menschen zusammen sein, darum ging er zuerst zu ihnen. Er hat nicht begriffen, dass das größte Wunder dann geschieht, wenn der Mensch an seiner Seele gesund wird. Wenn er gerettet wird, und der Mensch die ewige Heilsgewissheit erlangt.

Viele Menschen sagen mir, das wichtigste im Leben ist, wenn ich gesund bin. Und ich sage, das wichtigste im Leben ist, wenn Sie gerettet sind. Im 1.Joh. 1,9b heißt es: das Blut Jesus macht uns rein von aller Sünde.

Der geheilte Mensch in unserer Geschichte suchte zuerst Kontakt zu den Menschen, anstatt Kontakt zu Gott zu suchen.

Dieser Mensch litt an einem Minderwertigkeitskomplex. Auch heute leiden viele Christen unter diesem Komplex. Vor allem die geschiedenen Christen, die nicht zum Abendmahl zugelassen werden, leiden unter diesem Minderwertigkeitskomplex.

Bei uns in der Gemeinde grenzen wir niemanden aus. Wir machen keine Trennungslinie zwischen glücklich verheiratet und geschieden, zwischen evangelischen und katholischen Christen. Niemand bei uns wird wie ein Aussätziger betrachtet.

Darum kann kein Christ bei uns klagen, ausgeklammert zu sein. Kein Christ wurde bei uns aus der Gemeinschaft ausgestoßen, weil er anders ist. Darum liebe ich so, bei uns in der Gemeinde das Abendmahl zu feiern. Wenn Christus bei uns gegenwärtig ist, sind wir alle Brüder und Schwestern im Herrn.

Ein Leib, ein Herr, ein Glaube und eine Taufe.

Der Aussätzige verspürte die Minderwertigkeitsgefühle, obwohl er an seinem Körper geheilt war. Er suchte zuerst die Anerkennung bei den Menschen.

Er suchte Ausgleich seiner Gefühle bei den Menschen zu finden, und nicht bei Gott.

Ich habe beobachtet, dass viele Christen, die sich aufwerten wollen, oft die andere Christen besuchen. Und sie sprechen mit diesen über ihre eigenen Gefühle und dabei kritisieren sie noch andere Christen.

Anstatt Gott zu fragen, was Er über ihre Gefühle denkt, gehen sie mit ihren verletzen Gefühlen zu den anderen Christen und sprechen darüber mit ihnen.

Dadurch verbringen sie viel mehr Zeit im Gespräch mit anderen Menschen, anstatt das Gespräch mit Gott zu suchen.

Und wenn Christen andere Christen kritisieren, heißt das nichts anderes, als dass sie ihren Minderwertigkeitsgefühl bei denen auszugleichen suchen.

Wenn ein Christ in der Gemeinde sich minderwertig fühlt, dann wird er immer nur die Fehler bei den anderen erkennen. Dadurch meint er, es dürfte bei ihm doch etwas Gutes sein, wenn die andere schlechter sind.

Menschen die viel Kritik üben, leiden schwer unter dem Minderwertigkeitsgefühl. Ihnen werden immer nur die Fehler bei den anderen Christen auffallen, und sie sind nur mit dem Versagen den anderen Menschen befasst.

Jeder Christ, der die Fehler der anderen Christen besonders hervorhebt, kritisiert sie auf die schlimmste Weise. Mit dem Herabsetzen und Kritik der anderen, wertet er sich selbst auf.

Solche Christen müssen den neuen Umgang mit den anderen Christen erst erlernen. Ein Christ ist ein Jünger Jesu. Das setzt voraus, dass er alle Unreinheit, alle Minderwertigkeitsgefühle von sich tut.

Er soll meiden die andere Christen zu kritisieren, er soll sein Herz vor Groll bewahren. Wenn er das nicht tut, verhärtet er sein Herz. Dadurch wird er untauglich die Stimme Gottes zu hören. Und er wird keine Gemeinschaft mit Gott haben.

Jesus fühlte sich niemals minderwertig. Auch als er verachtet war und das Kreuz trug fühlte er sich nicht minderwertig. Und obwohl er der Sohn Gottes war, wurde er auch nicht überheblich.

Jesus hat den Aussätzigen geliebt. Gott offenbarte seine Herrlichkeit an ihm. Doch der Geheilte erkannte es nicht. Seine Minderwertigkeitsgefühle ließen ihm die Anerkennung bei den Menschen suchen.

Liebe Gemeinde, das tägliche Leben kann jeden von uns mit den Gefühlen der Minderwertigkeit konfrontieren. Am letzen Sonntag fühlte ich mich sehr schwach, denn ich fastete schon seit 6 Tagen.

Aber ich fastete mit einer falschen Motivation. Aber dann erkannte ich, dass es ein falscher Weg war. Ich suchte durch das Fasten mein Minderwertigkeitsgefühl auszugleichen.

Und als ich erkannte dass ich diesen Prozess durch mein Fasten nicht beschleunigen kann, tat ich Busse. Und ich fing an wieder zu essen.

Und als ich Busse tat, fühlte ich mich endlich frei. Ich wusste, Gott liebt mich, so wie ich bin. Auch mit meinen Schwächen. Dafür will ich IHM danken und ich will IHN loben und ich will IHN preisen.

Liebe Gemeinde, wer das Minderwertigkeitsgefühl in seinem Inneren trägt, braucht Heilung. Denn dieses Gefühl ist wie der Aussatz auf seiner Seele. Und dieser Aussatz ist die Sünde. Und wenn wir sagen, wir haben keine Sünden begangen, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.

Wenn wir aber unsere Sünden einsehen und bekennen, so ist Gott treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Schuld.

Gott segne Sie alle.

Amen.

 

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Stand: 04. Juni 2010