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Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 19. Januar 2001
anlässlich eines ökumenischen Gottesdienstes in der Maria Himmelfahrtskirche in
Kelmis
„Seid ohne Sorge, und habt keine Angst!“ forderte
Jesus seine Jünger auf. „Vertraut Gott, und vertraut mir! Denn im Hause
meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch
nicht gesagt: Ich gehe hin, um dort alles für euch vorzubereiten. Und wenn alles
bereit ist, werde ich wiederkommen und euch zu mir holen. Dann werdet auch ihr
dort sein, wo ich bin. Den Weg dorthin kennt ihr ja.“
„Nein, Herr“ widersprach ihm Thomas, „wir wissen
nicht einmal, wohin du gehst! Wie sollen wir dann den Weg dorthin finden?“
Jesus antwortete:
„ich bin der Weg, ich bin die Wahrheit, und ich bin das Leben! Ohne mich kann
niemand zum Vater kommen!“. (Joh. Kap. 14 Verse 1-6)
Liebe Schwestern und Brüder,
Das Leben gleicht einer weiten Fußwanderung durch ein fremdes Gelände. Mal
scheint die Sonne und alles erscheint schön und freundlich, es ist wie ein
Sonntagsspaziergang. Aber dann kann es auch plötzlich sehr unwirtlich kommen.
Ein Unwetter bricht herein, Unbehagen und Streit kommt unter den Weggefährten
auf, Wege werden beschwerlicher und die gute Laune ist verflogen. Dann wünscht
man sich nichts lieber als endlich ans Ziel zu kommen.
Jesus befindet sich mit seinen Jüngern an solch einem wolkenverhangenen
Wegabschnitt:
Jesus weiß, dass in den nächsten Stunden Soldaten kommen, ihn
festnehmen und misshandeln werden. Er weiß, dass seine Jünger kopflos
auseinanderlaufen und ihre Welt so wie ihr Glaube zusammenbrechen wird. Man
könnte sogar sagen: Der Weg mit Jesus hat seine Freunde nun in eine Katastrophe
geführt.
Und da sagt er zu ihnen:
„Seid ohne Sorge, habt keine Angst – vertraut Gott, vertraut mir.“
Hier tut sich die Frage auf: Wie kann denn Jesus so etwas am
Vorabend seiner Kreuzigung sagen? Ist das nicht, eine Kopfhoch Mentalität? Eine
billige Vertröstung?
Die Antwort heißt dennoch:
Ja, Jesus kann diese tröstlichen Worte uns mit Vollmacht
zusprechen, denn er kennt das Ziel der Wanderung. Mag es auch für die Jünger so
ausgesehen haben, als ob sie in ihrem Leben mit Jesus nun scheitern würden, als
ob der bisherige Weg umsonst gewesen wäre, alle Opfer, Anstrengungen und Mühen
vergeblich.
Aber Jesus sieht ein Stück weiter. Er sieht, dass das Ziel trotz allem nicht
mehr weit entfernt liegt. Und zwar ein Ziel, das sich lohnt.
Was ist das für ein Ziel?
Das Ziel heißt: Das Vaterhaus Gottes. In der Einheit mit Gott zu leben.
Jesus sagt und ich zitiere noch einmal den Vers: „Seid ohne Sorge, und habt
keine Angst!“ forderte Jesus seine Jünger auf. „Vertraut Gott, und
vertraut mir! Denn im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“
Diese Ziel kann man gar nicht so richtig beschreiben. Die Bibel ist da auch sehr
zurückhaltend. Oft wird es wie ein großes Fest beschrieben, mal wird es mit
einem Haus verglichen.
Jedenfalls:
Es ist dort, wo man einfach zuhause ist, dort wo man nicht um
seine Existenz kämpfen muss, dort wo man so richtig geliebt wird, dort wo Freude
und Gerechtigkeit regieren. Dort, wo die Fehler beglichen sind und nicht immer
irgend etwas Böses noch nachgetragen wird. Dort, wo man keinen Tod, kein
Scheitern, kein Zusammenbruch fürchten muss. Es ist das wahre Leben. Das Haus
von Jesu Vater. Das Haus Gottes.
Nebenbei will ich noch das Augenmerk auf den Ausdruck „viele Wohnungen“
richten:
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Viele Wohnungen, dass heißt, da gibt es viel Platz. Da
kommen alle unter, die das Ziel erreichen.
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Viele Wohnungen, das heißt: Unterschiede sind erlaubt. So
wie jeder von uns seine Wohnung anders eingerichtet hat, so gibt es dort auch
vielfältige Möglichkeiten.
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Viele Wohnungen – d. h. für mich: Ich kann Christen
akzeptieren, die etwas anders sind als ich, die ihren Schwerpunkt auf andere
Dinge richten als ich. Viele Wohnungen, das heißt für mich: Bei Gott ist Platz
für die Vielfalt der vielen Glaubensgemeinschaften. Das ist für mich die
Grundlage der Ökumene.
Für dieses Ziel lohnt es sich auch den beschwerlichsten Weg
auf sich zu nehmen. Aber wie finde ich den richtigen Weg dorthin. Wer garantiert
mir, dort auch anzukommen?
Darauf antwortet Jesus nun ganz klar und prägnant:
„Ich bin der Weg, ich bin die Wahrheit, ich bin das Leben.
Niemand kommt zum Vater, denn durch mich.“
Damit sagt Jesus etwas ungeheuerliches. Er sagt: Es gibt nur einen Weg dorthin.
Und dieser Weg bin ich. Nur durch mich kommst Du dorthin, sonst wirst Du dich
verlaufen. Alle anderen Wege führen nur wieder zu dir selbst, in deine alte
Welt. Ich bin, der, der den Weg zum Vater gebahnt hat. Ich bin dieser Weg zu
Gott. Und er fügt hinzu: "Ich bin die Wahrheit."
Mit "Ich bin die Wahrheit." mutet er seinen Jüngern ganz schön was zu.
Manchmal sagt man von einem Menschen, der durch und durch ehrlich ist: Der ist
die Ehrlichkeit in Person.
Wenn Jesus von sich sagt: „Ich bin die Wahrheit!“, dann behauptet er:
Du kannst Dich auf mich durch und durch verlassen. Darauf
kannst Du bauen. Das ist keine relative Wahrheit, die heute richtig ist, morgen
aber schon überholt.
Thomas kannte Jesus. Er wusste, dass Jesus ihn nie angelogen hatte. Jesus sagte
immer die Wahrheit – schöne Wahrheiten, aber auch unbequeme. Thomas wusste, wenn
Jesus etwas sagte, dann geschah es auch und es war so. Sagte Jesus: Dein
Glaube hat Dir geholfen, dann war einem Kranken auch geholfen. Sagte er: Lazarus
steh auf, dann stand auch ein Toter auf – auch wenn alles es für unmöglich
hielten.
Keiner konnte Jesus je eine Lüge nachweisen.
Thomas kannte Jesus, darum konnte er ihm vertrauen. Ich glaube, zu jedem anderen
hätte er wohl gesagt: „Du bist verrückt. Du bist krank.“ Aber Thomas kannte
Jesus und er wusste: Jesus sagt die Wahrheit.
Kennen wir Jesus? Kennen wir ihn, dass wir ihm in den dunklen Stunden unseres
Lebensweges vertrauen können?
Wir können nicht beweisen, ob es stimmt, was Jesus da sagt. Aber wir
können ihn kennenlernen. Wir können auf seine Worte hören, von ihm lernen, unser
Leben auf ihn ausrichten, mit ihm sprechen, indem wir beten. Wenn wir ihn
kennenlernen, können wir beurteilen, ob man sich auf ihn verlassen kann.
Eines kann ich ihnen schon im voraus sagen: Jeder, der sich richtig auf Jesus
eingelassen hat, von denen, die ich kenne, hat gemerkt: Dieser Weg geht nicht am
Kreuz vorbei. Das Leid bleibt nicht außen vor. Und dennoch hat dieser Weg keinen
zugrunde gerichtet, sondern Heil gemacht von vielen Wunden.
Und es ist ein lebendiger Weg, der einen Menschen immer wieder etwas von der
Liebe, vom Frieden und von der Freude des Vaterhauses spüren lässt.
Lasst uns als Christen diesen Weg beschreiten und noch viele mitnehmen, auf dass
das Vaterhaus auch schön voll sein wird.
Amen.
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