Evangelische Kirchengemeinde Eupen - Neu Moresnet 

Home Nach oben Gebet Konfirmation Musik Mitarbeiter Predigt Rundfunk Royal Rangers Archiv Inhalt Links

Gott ist in den Schwachen                                    

   

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 1. Februar 2004

2. Kor 4,6-10

Denn Gott, der da gesagt hat: Aus der Finsternis leuchte das Licht hervor!“ der hat es in unseren Herzen Licht werden lassen, um die Herrlichkeit Gottes im Angesicht Christi zum Strahlen zu bringen. Doch wir tragen diesen Schatz in irdenen Gefäßen; denn die überlegene Kraft soll Gottes sein und nicht etwa von uns selbst ausgehen. In allem sind wir bedrängt, aber doch nicht eingeengt. Wir wissen nicht, wo aus noch ein, aber den Weg verlieren wir doch nicht. Verfolgt werden wir, aber nicht im Stich gelassen; zu Boden geworfen, aber nicht zunichte gemacht. Immer tragen wir den Tod Jesu an unserem Leibe umher, damit auch das Leben Jesu an unserem Leibe offenbar werde.

Liebe Gemeinde,

wie stellen Sie sich den Apostel Paulus vor?

Paulus heißt: der „Kleine“ – also stelle ich ihn mir, als einen Mann vor, der von kleiner Gestalt ist, einen sehr ernsten, nachdenklichen Gesichtsausdruck hat, der auch dazu neigt, leicht aufzubrausen, aber im Großen und Ganzen recht schwächlich und unscheinbar wirkt.

Betrachtet man aber, was Paulus geleistet hat, könnte man zu einem ganz anderen Ergebnis kommen. Paulus reiste unter widrigsten Umständen, bei Regen und Kälte, Wind und Wetter zu Fuß über Tausende von Kilometern, das soll ihm mal einer nachmachen. Er wurde von Räubern überfallen, von falschen Brüdern verraten. Er erlitt Schiffbruch und trieb im offenen Meer. Einmal hatte man ihn gesteinigt – wütende, religiöse Eiferer und der Mob bewarfen ihn solange mit Steinen, bis er reglos am Boden lag. Als seine Henker weg waren, kamen seine Glaubensgeschwister, umringten ihn betend, da stand er auf und ging zu Fuß in die nächste Stadt und predigte das Evangelium von der Kraft Gottes, ohne irgendwie eingeschüchtert zu sein. Vier Mal erhielt er die harte Prügelstrafe von 39 Stockhieben. Oft wurde er ins Gefängnis gesperrt. Einmal sang er zusammen mit Silas im Hochsicherheitstrakt von Philippi Lobpreislieder, da erbebte die Erde, dass die Gefängnistore aufsprangen, doch alle Gefangenen blieben vor Ehrfurcht drinnen. Der Sicherheitsbeamte kam mit seiner ganzen Familien zum Glauben an Jesus. Er hatte gemerkt, dass da eine unermessliche Kraft am Wirken ist. In allen Städten, in denen Paulus zu Menschen redete, kamen Menschen zum Glauben, sie kehrten um von verkehrten Wegen und sie priesen Gott. In der Pilgerstadt Ephesus und deren Umgebung kamen so viele Menschen zum Glauben, dass es einen Aufstand der Kioskbesitzer gab, weil kein Mensch mehr ihre kleinen Talismänner abkaufte. Selbst die Schweißtücher von Paulus schienen vor Kraft zu strotzen. Denn man legte sie, so heißt es in Apg. 19,12, auf die Kranken, damit sie gesund würden. Paulus muss unglaublich großen Erfolg gehabt haben, sonst hätte er nicht mehr Neider und Feinde gehabt als Haare auf dem Kopf. Die ganze Tempelbürokratie und die Jerusalemer High Society verschwor sich gegen ihn, und versuchte alles dranzusetzen, um ihn aus dem Weg zu räumen. Doch es gelang ihnen nicht.

Neben all dem turbulenten und erfolgreichen Leben schrieb Paulus die theologisch tiefgründigsten Bücher. Worte, welche die Welt veränderten, die alle Generationen von Christen Mut gemacht haben. Manche Passagen der Paulusbriefe wie zum Beispiel 1.Kor. 13 gehören zu den schönsten Worten der Weltliteratur.

Ich kann da nur fragen: Paulus – wie hast Du das geschafft?

Für Paulus gibt es nur eine Antwort: Es ist die „Überschwängliche Kraft Gottes, die in mir wirkt.“ Es ist dieselbe Kraft, die am Anfang ein Wort sprach. Aufgrund dieses Wortes entstand Licht und Leben. Und diese unermessliche, herrliche Kraft wirkte in Paulus.

Dem Wesen des Menschen liegt es nahe Gottes Macht zu missbrauchen, um damit anzugeben. Paulus hätte sagen können: Schaut mich an, was bin ich für ein Super Apostel. So einen großartigen Diener wie mich kriegt unser Gott kein zweites mal. Ich hab mehr Menschen bekehrt als die Zwölf von Galiläa. Ebenso könnte Gottes Kraft missbraucht werden, indem man sie zum Schaden für andere Menschen, eventuell gegen seine Feinde anwendet.

Doch Gott hat für diese Weltzeit einen Schutz eingebaut, dass seine Macht nicht missbraucht wird. Er schüttet seine Herrlichkeit und Kraft in „irdene Gefäße“. Irdene Gefäße, das sind Krüge, Töpfe oder Teller aus Ton. Ton ist im Grunde nasser Dreck, der zuerst geformt, dann getrocknet und zuletzt gebrannt wird. Ton ist bis heute ein sehr günstiges und herkömmliches Material. Was bei uns heute Plastik ist, das war damals Ton. Ton hatte nie den Glanz von Gold, die Schärfe und Härte von Eisen, den Tauschwert von Silber, die Eleganz von Holz. Ton ist einfach das gebräuchlichste Material gewesen, das sich am wenigsten etwas auf sich einbilden könnte. Eine kleine Schatztruhe aus Elfenbein, mit goldenen Beschlägen, die hätte sich vielleicht etwas einbilden können, aber nicht Ton. Ebenso ist Ton auch sehr zerbrechlich. Fiel ein Tonkrug zu Boden, dann war er in Zeiten, als es noch keinen Sekundenkleber gab, ein für alle mal kaputt.

Paulus sagt von sich als Person: „Ich bin nicht mehr, als Krug aus Ton. Nicht besonders wertvoll und nicht besonders stabil. Und das wird auch immer und immer wieder an mir sichtbar.“ An anderer Stelle sagt er ungefähr folgendes: „Aber das, was in mir ist, ist der größte Schatz auf Erden. Es ist voller Kraft. Ja, je zerbrechlicher ich oft scheine, um so heller leuchtet die Gnade. Gott sagte zu mir: Lass Dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Durch dieses Prinzip kommt die Herrlichkeit Gottes noch viel klarer und deutlicher zum Ausdruck. Sie schafft, mit schwachen Geschöpfen unermessliches. Es ist, wie, wenn die Dunkelheit zu leuchten beginnt.

Liebe Gemeinde, ich bin der Meinung, dass dieses Prinzip auch heute noch gilt. Gott will seinen himmlischen Reichtum durch den Heiligen Geist, denen schenken, die an Jesus Christus glauben.

Und so erleben wir Christen, wenn wir diesen Reichtum, diese Kraft in uns wirken lassen, Zerbrechlichkeit, Schwachheit und Sterben. Wir Christen sind keine perfekten Überflieger, sondern zerbrechliche Wesen. Und doch in diesem Verlieren und Sterben kommt Gottes Kraft zum Leuchten. Bis heute wirkt Gott durch solche Gefäße unermessliches, wenn sie bereit und offen sind, sich von seiner Gnade füllen zu lassen.

An einem Bericht, über eine chinesische Christin, den ich kürzlich im Magazin von Offene Grenzen (1/04) gelesen habe wurde mir dieses Prinzip besonders bewusst.

Die Überschrift lautet: Erdulden bringt Segen.

Das ist die Geschichte von „Aunty Mabel“ einer alten Ärztin in Peking. Um sich um ihren kranken Bruder zu kümmern, verzichtete sie auf die Ehe. Sie gehörte zu einer wohlhabenden Familie, die in einem großen Haus im Zentrum von Peking lebte. Mit der Ausrufung der Volksrepublik China 1949 wendete sich ihr Geschick dramatisch. Wegen ihrer Villa wurde sie als Vertreterin der Besitzer-Klasse gebrandmarkt. Sie musste ihr Haus räumen und in eine Gartenhütte mit einem Ofen, zwei Liegestühlen und einem alten Bett ziehen. Ihre christlichen Überzeugungen machten sie von vornherein verdächtig. Als die Kulturrevolution ausbrach, verlor sie ihre Stelle als Ärztin und wurde in eine Arbeiterkolonne gesteckt, wo sie Sand schaufeln musste. Die schlimmsten Demütigungen widerfuhren ihr durch die „Roten Garden“ – junge Leute, die die Macht bekamen, die Revolution durchzusetzen. Sie verprügelten Mabel, trieben sie durch die Straßen und zwangen sie, ein Plakat zu tragen, auf dem ihre Verfehlungen aufgelistet waren. Die Roten Garden machten ihre Arbeit gründlich. Vor Mabels Haus brachten sie ein Schild an, auf dem sie als Ausgestoßene bezeichneten wurde. Ihr Verfehlungen bestanden darin, „imperialistische Schriften verteilt zu haben, das heißt im Klartext: dass sie Bibeln verschenkt hatte. Für die Roten Garden gab es nur einen wahren Gott, das war Mao, und eine einzige zulässige Bibel, sein rotes Büchlein.
Mabel ging durch die Hölle. Von ihren Nachbarn geächtet, täglich von ihrer Arbeiterkolonne schikaniert und regelmäßig von den Roten Garden verprügelt, kehrte sie eines Abends in ihre kleine Hütte zurück und sagte zu Gott: „Ich kann nicht mehr.“ Sie ergriff ein großes Hackmesser, hielt es über ihre Handgelenke, und bevor sie es niedersausen ließ, richtete sie ihr letztes Gebet an Gott: „Herr, wenn ich falsch handle, dann hilf mir.“
Das Hackmesser kam nie zum Einsatz. Sie legte es weg, setzte sich nieder, brach in Tränen aus und erduldete weitere acht Jahre Prügel und Ächtung. „Auf irgendeine Weise verlieh Gott mir die Kraft, auszuharren, aber ich fand nie heraus, wie“, sagte sie. Erst viele Jahre später verstand sie den Grund. Ende der Siebzigerjahre, als Mao starb und Deng an die Macht zurückkehrte, begann China, die Auswüchse der Kulturrevolution auszumerzen. Die verhassten Roten Garden wurden aufgelöst und das rote Büchlein wurde überflüssig. Mabel aber wurde nicht rehabilitiert und bekam auch ihr Haus nicht zurück. Statt dessen kamen plötzlich Menschen in Strömen zu ihr. Zu ihrem Erstaunen waren die meisten Besucher hochrangige Mitglieder der kommunistischen Partei. Und was sie noch mehr verblüffte: alle baten sie um Bibeln. „Warum kommt ihr zu mir? Warum sucht ihr unter allen Bewohnern Pekings ausgerechnet das Haus einer 70-jährigen Frau auf?“ fragte sie immer wieder. Und die Antwort war stets die gleiche: „Während der Kulturrevolution stand doch ein Schild vor Ihrem Haus mit der Liste ihrer Verfehlungen. Eine davon war die Verteilung von Bibeln. Deshalb bin ich gekommen, in der Hoffnung, dass Sie vielleicht eine übrig haben.“
Auf wunderbare Weise gab ausgerechnet jenes Schild, das ihr Leben zur Hölle gemacht hatte, den Anstoß für ein neues Werk. Es hatte sie während der Kulturrevolution zur Ausgestoßenen gestempelt, und nun, da sie dies erduldet hatte, führte es die Menschen zu ihr. Mabel gelang es durch die Verbindung mit einer Missionsgesellschaft im Westen den ersten Lieferkanal für den Bibelschmuggel in die chinesische Hauptstadt zu eröffnen. Ihrem Erdulden verdanken einige der Christen unter den hochrangigen Mitgliedern der kommunistischen Partei ihren Glauben.
Wenn Mabel über das Geschehene nachdenkt, sagt sie: Es hat mir gut getan, den Grund für das Leid zu erfahren. Das stärkt meinen Glauben. Aber es war hart, jeder Tag war ein Kampf. Ich kann nicht einmal sagen, dass ich Jesus gesehen oder ihn nahe gefühlt hätte, oder jedenfalls sehr selten. Irgendwie bekam ich die Kraft auszuharren, und das genügte.“

Gott kann uns helfen, indem er eine Situation gleich zum Guten wendet. Noch häufiger aber steht er uns bei, indem er uns die Kraft gibt, die Situation trotz aller eigener Schwachheit durchzustehen. Gott bewahrt uns nicht immer vor der Not, sondern weit öfter verheißt er, dass er sich unser in der Not annimmt. Die verwandelt nicht nur uns selbst, sondern sie bringt, die Gnade Gottes in uns zum Leuchten, bringt den hellen Schein hervor. Paulus und Mabel sind lebendige Beispiele dafür.

Amen.

 

Home ] Nach oben ]

Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an: webmaster@ev-Kirche-Eupen-NeuMoresnet.org 
Stand: 04. Juni 2010