Evangelische Kirchengemeinde Eupen - Neu Moresnet 

Home Nach oben Gebet Konfirmation Musik Mitarbeiter Predigt Rundfunk Royal Rangers Archiv Inhalt Links

Glaube ohne Werke                                    

   

Predigt von Pfarrer Jürgen Ullmann am 16. November 2003

Mt 25, 31-36

31 Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, 32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, 33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. 34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. 36 Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.

Liebe Gemeinde

Wenn ich diesen Bibeltext lese, dann habe ich zunächst einmal den Eindruck, es geht in unserem Leben darum, möglichst viel Gutes zu tun. Es sieht so aus, als würde uns Jesus einmal danach beurteilen, wie sehr wir uns für unsere Mitmenschen eingesetzt haben. Wir werden dann von ihm angenommen, wenn wir etwas für die Hungrigen tun, wenn wir uns um Kranke und Gefangene kümmern und überhaupt uns für Menschen einsetzen, denen es schlecht geht. Es sieht also so aus, als werden wir einmal danach beurteilt, was wir alles geleistet haben. Dass wir uns sozial engagieren - darauf kommt’s also an.

Aber dann kommen mir auch ganz andere Bibeltexte in den Sinn. Fast im ganzen Galaterbrief geht es darum, dass wir ohne Werke gerecht werden. Wir haben doch immer und immer wieder gehört, dass Gott uns nicht aufgrund unserer Leistung annimmt, sondern allein, weil wir an Jesus glauben. Wie oft haben wir darüber gesprochen, dass Jesus am Kreuz alles weggenommen hat, was uns von Gott trennt und dass wir uns nicht mehr ängstlich fragen müssen: Habe ich denn nun auch genug geleistet? Habe ich genug getan, um mir den Himmel zu verdienen?

Und nun ist hier in unserem Text nur von guten Werken die Rede. Wer sich um andere Menschen gekümmert hat, ist gerettet; wer sich nicht um sie gekümmert hat, ist verloren. Davon, dass man an Jesus glauben soll oder dass man durch den Glauben gerettet wird – davon wird hier überhaupt nichts gesagt.

Nun, in solche Konflikte kommen wir, wenn wir Bibeltexte aus dem Zusammenhang herausreißen. Dann stoßen wir immer wieder auf scheinbare Widersprüche. Damit wir verstehen, wovon in unserem Bibeltext hier die Rede ist, muss ich ein bisschen auf die Endzeit eingehen. Ich muss ein paar Worte darüber sagen, welchen Plan Gott mit dieser Welt und mit uns Menschen hat. Ich will das jetzt nicht zu ausführlich machen, denn dazu bräuchte man einige Stunden. Nur ein paar Worte, damit wir wissen, wie wir diesen Text verstehen können.

Das nächste große Ereignis, auf das wir Christen warten, ist die Entrückung. Gott hat in der Weltgeschichte einen Moment eingeplant, wo er alle Christen zu sich holen wird. Plötzlich - in einem Augenblick - werden wir von dieser Erde verschwinden und wir werden bei Jesus sein. Das heißt diejenigen unter uns, die ganz bewusst Jesus als ihren Herrn angenommen haben.
Im gleichen Moment werden auch diejenigen, die im Glauben an Jesus gestorben sind, auferstehen; sie werden entrückt werden und bei Jesus sein.

Unser Leben wird dann von Jesus beurteilt werden. Paulus sagt, wir müssen alle vor dem Richterstuhl Christi erscheinen. Aber bei diesem Gericht geht es nicht mehr darum, ob man verloren oder gerettet ist. Wer an Jesus glaubt, der hat das ewige Leben - daran dürfen wir festhalten. Da dürfen wir gewiss sein: Nicht aufgrund unserer Werke werden wir angenommen, sondern aufgrund dessen, was Jesus für uns getan hat.

Und doch heißt das nicht, dass unsere Werke überhaupt keine Rolle spielen. Auch das, was wir getan haben als Christen, wird beurteilt. Die Bibel sagt, manche werden zwar gerettet, aber wie durchs Feuer hindurch. So wie man jemanden gerade noch im letzten Moment aus einem brennenden Haus herauszieht.
Gerade noch mal durchgekommen. Die Bibel sagt auch, dass einige bei diesem Gericht beschämt werden, weil Jesus aus ihrem Leben nicht das machen konnte, was er eigentlich vorhatte. Und es wird andere Christen geben, die in besonderer Weise belohnt und geehrt werden. Auch vor dem Richterstuhl Christi werden die Werke bewertet; auch wenn es da keine Verurteilung mehr gibt.

Hier in unserem heutigen Bibeltext ist aber von einem anderen Gericht die Rede. Manche Theologen nennen es das “Völkergericht”. Dieses Gericht findet statt, wenn Jesus auf die Erde zurückkommt, um sein Tausendjähriges Friedensreich zu errichten. Hier werden nun die Menschen gerichtet, die bei der Wiederkunft Jesu noch am Leben sind und die bei der Entrückung nicht mit dabei waren.

Und ganz am Ende der Bibel ist noch von einem dritten Gericht die Rede. Das Gericht vor dem großen weißen Thron. Dieses Gericht findet erst nach dem 1000-jährigen Friedensreich statt, bevor Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde schafft. Dann werden auch die Toten auferstehen, die nicht an Jesus geglaubt haben und auch ihr Leben wird von Gott beurteilt.

So weit ein kurzer Überblick über die zukünftigen Gerichte, von denen in der Bibel die Rede ist. Wenn das jetzt jemand nicht ganz verstanden hat, ist das nicht schlimm.
Wichtig ist mir, dass wir an der Zusage festhalten dürfen: Wer an Jesus glaubt, hat das ewige Leben. Er wird bei diesem Völkergericht, von dem unser Bibeltext spricht, nicht dabei sein, sondern er ist durch den Glauben an Jesus gerettet.

Das soll nun aber nicht dazu führen, dass wir uns auf unserer Rettung ausruhen. Jesus hat uns die Gemeinschaft mit Gott nicht geschenkt, damit wir uns gemütlich zurücklehnen und sagen: “Dann ist ja alles in Ordnung. Hauptsache, ich habe meine Schäfchen im Trockenen und die Ewigkeit ist für mich abgesichert.”

Nein, ein Glaube, der uns bequem und selbstzufrieden macht, ist kein wirklicher Glaube. Wenn ich bewusst in der Gemeinschaft mit Jesus lebe, dann wird sich das auch in meinem Alltag auswirken. Im Jakobusbrief heißt es, dass der Glaube ohne Werke tot ist. Und Paulus schreibt: Bei Jesus gilt der Glaube etwas, der durch die Liebe tätig ist (Gal.5,9).

Wenn mein Glaube in meinem Leben nichts ändert, dann muss ich mich schon fragen: Lebe ich tatsächlich in einer Beziehung zu Jesus oder besteht mein Glaube nur aus ein paar frommen Sätzen, die ich einmal im Konfirmandenunterricht auswendig gelernt habe? Wenn wir behaupten, dass Jesus uns wichtig ist, dann müsste es uns auch wichtig sein, was er hier sagt. Jesus sagt: “Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.”

Vor einigen Jahren fand in Deutschland ein Tiergottesdienst statt. Das kennt ihr vielleicht aus dem Fernsehen. Da werden alle möglichen Tiere in die Kirche geholt, damit die auch mal was von Gottes Segen abkriegen. In diesem Gottesdienst wurde dann über Tierversuche gesprochen. Und der Leitvers des Gottesdienstes war dieser Satz von Jesus. “Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.” Es wurde dann in der Predigt gesagt: Die geringsten Brüder von Jesus, das sind die Tiere. Was man den Tieren antut, das tut man dann also Jesus an.

Ich denke, die meisten von euch merken, wie absurd so eine Auslegung ist. Jesus nennt nirgends die Tiere seine Brüder. Ja, er nennt nicht einmal alle Menschen seine Brüder. So schön es auch klingt; aber der Satz “alle Menschen werden Brüder” steht nicht der Bibel.
Sondern Jesus sagt: “Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.” Im ganzen NT werden immer wieder die Christen Brüder Jesu genannt. Diejenigen, die sich ganz bewusst auf Jesus eingelassen haben und mit ihm leben - die sind seine Brüder und Schwestern.

Und nun sagt Jesus: “Was ihr diesen Menschen, die zu mir gehören - was ihr diesen Menschen tut - das tut ihr mir.” Zunächst einmal ist das ein ungeheuer großer Trost für mich. Das zeigt mir, wie wichtig ich Jesus bin. Für Jesus bin ich nicht einfach ein abscheulicher Sünder, den er aus lauter Großherzigkeit begnadigt hat; sondern er sagt: Ich stehe dir so nahe, dass das, was man dir tut, so ist, als hätte man es mir getan.”

Als Paulus vor seiner Bekehrung die Christen verfolgte und ihm Jesus erschien, da fragte ihn Jesus nicht: “Was verfolgst du diese armen Christen?” Sondern er fragte: “Saul, was verfolgst du mich?” Und seinen Jüngern hat Jesus einmal gesagt: “Wer einem dieser Geringsten auch nur einen Becher kalten Wassers zu trinken gibt, weil er ein Jünger ist, wahrlich ich sage euch, es wird ihm nicht unbelohnt bleiben.”

Manche von uns kommen sich als Christen manchmal ganz klein und mickrig vor. Sie sagen sich: “Wer bin ich denn schon? Wer kümmert sich denn schon drum, wenn man mich in der Schule ärgert, weil ich mich zu Jesus bekenne? Wen interessiert es denn schon, wenn man mich immer wieder belächelt, weil ich so unbeholfen bin?”

Jesus sagt: “Mich interessiert es. Das, was man dir tut, das sehe ich. Da leide ich mit und es wird einmal zur Sprache kommen, wenn ich Gericht halte. Was man dir antut, das tut man nicht nur dir an, sondern man tut es dem an, der einmal die ganze Welt richten wird.” Wie unheimlich viel müssen wir Jesus wert sein, dass er so etwas sagen kann.

Das zu wissen, ist einerseits ein unheimlich großer Trost. Andererseits ist es aber auch eine Anfrage an mich: “Wie gehst du mit anderen Menschen um? Und ganz besonders: Wie gehst du mit deinen Glaubensgeschwistern um - mit den Brüdern und Schwestern von Jesus?” Sind da nicht auch einige dabei, über die du dumme Bemerkungen machst ... die du schlecht machst bei anderen? Dann tust du das Jesus an.
Wenn ich über andere Christen oder Gemeinden spotte, weil ihre Art, ihren Glauben zu leben, für mich ungewohnt ist, dann spotte ich über Jesus.

Und manchmal muss ich mich schon fragen: Drehe ich mich mit meinem Glauben nur um mich selbst, oder interessiere ich mich dafür, wie es anderen Christen geht? Interessiere ich mich dafür, wenn ein Bruder oder eine Schwester alleine mit Problemen zu Hause sitzt und niemanden hat, der sich darum kümmert? Juckt es mich überhaupt, wenn irgendwo auf der Welt, Christen vor Hunger sterben müssen? Ich häufe mir zu Hause meinen Reichtum an. Ich leiste mir eine Stereoanlage, einen Farbfernseher, Videorekorder, Schränke voller Kleider und in andern Ländern müssen Glaubensgeschwister verhungern, weil ich auf meinen Luxus nicht verzichten will. Jesus sagt: Was du diesen Menschen vorenthältst, das enthältst du mir vor.

Oder: Wie oft lese ich in Zeitschriften, dass Christen gefangen und gefoltert werden, weil sie sich zu Jesus bekennen. Ich lese über diese Artikel hinweg und klappe die Zeitschrift zu. Vielleicht seufze ich noch darüber, wie böse doch diese Welt ist. Aber mir fällt es nicht ein, für diese Menschen zu beten; denn schließlich fängt ja gleich der spannende Film im Fernsehen an. Und doch sagt Jesus: Wenn diese Menschen dir gleichgültig sind, dann zeigst du damit, dass ich dir gleichgültig bin. Was du nicht getan hast einem von diesen Geringsten, das hast du auch mir nicht getan.

Wir können nicht behaupten, wir lieben Jesus, wenn uns das Schicksal derjenigen kalt lässt, die Jesus ganz arg am Herzen liegen. Wie können wir sagen, die Liebe Gottes sei in uns, wenn diese Liebe keine Auswirkungen hat? Unser Glaube - wenn er echt ist - wird Früchte bringen. Und eine dieser Früchte ist die Liebe zu den Glaubensgeschwistern. Noch einmal: Wir müssen nicht gute Werke tun, um uns den Himmel zu verdienen. Aber unserem Glauben - wenn er echt ist - werden gute Werke folgen. Das ist ein Unterschied, der für uns manchmal schwer zu verstehen ist. Und doch ist es ein ganz wesentlicher Unterschied.

Vielleicht kann man es so sagen: Ein Mensch, der sich den Himmel mit guten Werken verdienen will, der ist sich seiner guten Werke bewusst. Und er ist stolz drauf, wenn er viele gute Werke aufzählen kann.

Ihr erinnert euch wahrscheinlich daran, wie der Pharisäer im Tempel gebetet hat: Er betet: “Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.” Dieser Mann zählt Gott seine guten Werke auf, weil er sich damit bei Gott Pluspunkte sammeln will.

Hier beim Völkergericht, von dem Jesus erzählt, wissen die Menschen aber nicht einmal, dass sie etwas Gutes getan haben. Sie fragen: “Wann haben wir dich aufgenommen ... oder haben dich gekleidet? Wann haben wir dich besucht?”

Auch sie könnten all’ die guten Taten aufzählen, die sie getan haben. Aber sie tun es nicht. Es ist ihnen nicht einmal bewusst, dass sie etwas Besonderes geleistet haben. Dass sie sich um Not leidende Menschen kümmern, ist ihnen ganz selbstverständlich.

Seht ihr: Dahin will uns Jesus bringen, dass es für uns selbstverständlich ist, dass wir anderen in ihrer Not beistehen ... dass wir uns nicht hinterher selbst auf die Schulter klopfen und sagen: “Jetzt hab’ ich aber wieder mal was Gutes gemacht. Das hast du doch hoffentlich gesehen, lieber Gott. Vergiss es nicht, aufzuschreiben in deinem dicken Buch.”

Wenn unser Glaube echt ist, dann bringt er Frucht, so wie ein guter Baum gute Frucht bringt. Ich glaube nicht, dass sich ein Baum bewusst ist, dass er Frucht bringt. Er tut es einfach, weil es in ihm steckt. Er ist dazu veranlagt, Frucht zu bringen. Wenn wir in der Gemeinschaft mit Jesus leben, dann veranlagt er uns dazu, Gutes zu tun. Es wird für uns eine Selbstverständlichkeit. Wenn uns Jesus liebgeworden ist, dann werden uns auch andere Menschen - und besonders unsere Glaubengeschwister - lieb werden. Das, was wir für sie tun, tun wir letztlich für Jesus.

Natürlich ist es so, dass wir nicht überall helfen können, wo Not herrscht. Gerade jetzt vor Weihnachten werden uns wohl wieder massenweise Spendenaufrufe in den Briefkasten geworfen. Die Not, die in dieser Welt herrscht, wächst uns über den Kopf. Wir können nicht überall helfen und wir müssen auch nicht überall helfen.

Ich denke, wir dürfen da einfach Jesus bitten: “Zeig du mir, was heute für mich dran ist. Zeig du mir, wo du heute einen Teil von meiner Zeit, von meinem Geld oder von meiner Kraft möchtest. Wo kann ich heute ganz konkret jemandem helfen, der mich nötig hat? Wo sollte ich vielleicht auf ein schönes Kleidungsstück oder auf ein großartiges Essen verzichten und das Geld jemandem geben, der wirklich Hunger hat oder der es sich nicht leisten kann, im Winter die Wohnung zu heizen? Sollte ich heute vielleicht mal nicht ins Kino oder in die Disco gehen und dafür jemanden besuchen, der alleine ist?

Wenn jeder, der Jesus seinen Herrn nennt, in einem kleinen Bereich bereit ist zu verzichten, dann kann schon sehr vielen Menschen geholfen werden.

Amen.

 

Home ] Nach oben ]

Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an: webmaster@ev-Kirche-Eupen-NeuMoresnet.org 
Stand: 04. Juni 2010