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ganz und gar sich Gott hingeben                                    

   

Predigt von Pfarrer Martin Schuler am 23. März 2003

Liebe Gemeinde,

Meine Konfirmation war im März 1980. Die Kirche war gefüllt bis auf den letzten Platz, der Posaunenchor spielte, wir Jugendlichen waren alle recht aufgeregt, ob wir auch unsere Texte im rechten Augenblick noch wissen würden. Es war spannend, ein Fest, die Geschenke, die eingeladenen Verwandten und ich freute mich darauf, dass ich öffentlich vor der Gemeinde, meine getroffene Entscheidung, Jesus mein Leben anzuvertrauen, bekennen durfte und ich freute mich auf den Segen.

Endlich kam ich an die Reihe. Ich bekannte mich zu Jesus, kniete nieder, wurde gesegnet. Und dann kam der Konfirmationsspruch:

Wer seine Hand an den Pflug legt und schaut zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Dieser Spruch wirkte wie eine kalte Dusche auf meine heiße Konfirmationsfreude. Einerseits verstand ich ihn nicht so richtig und andererseits hätte ich mir einen Vers gewünscht, der mich bestätigt, der Mut gemacht hätte. Ich war enttäuscht.

Nebenbei bemerkt bin ich heute sehr dankbar für diesen Vers. Er hat mir vor allem in Tagen vor schweren Entscheidungen geholfen, den Blick nach vorwärts zu richten – aber damals konnte ich den Wert dieses Wortes nicht schätzen.

Jedenfalls kann ich mir vorstellen, dass die drei Personen, von denen heute die Rede ist und zu denen Jesus diese Worte sagte, ebenfalls erst einmal schlucken mussten:

Ich lese aus Lk 9,57-62:

Unterwegs wurde Jesus von einem Mann angesprochen: "Ich will mit dir gehen, ganz gleich wohin." Jesus gab ihm zu bedenken: "Die Füchse haben ihren Bau, die Vögel ihre Nester, aber der Menschensohn hat hier keinen Platz, an dem er sich ausruhen kann." Einen anderen forderte Jesus auf: "Gehe mit mir!" Als dieser erwiderte: "Ja, Herr, aber vorher lass mich noch meinen Vater beerdigen", antwortete ihm Jesus: "Überlass es denen, ihre Toten zu begraben, die nicht auf Gott hören und nichts vom ewigen Leben wissen wollen. Du aber sollst verkünden, dass Gott seine Herrschaft aufrichtet." Noch einer sagte zu Jesus: "Ich will mit dir gehen, Herr. Wenn ich mich von meiner Familie verabschiedet habe, komme ich mit." Ihm antwortete Jesus: "Wer seine Hand an den Pflug legt und schaut zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“

Liebe Gemeinde – Jesus spricht hier hart. Mir geht es so, dass ich mich innerlich immer wieder versuche gegen diese Worte zu wehren. Ich will diese knallharte Konsequenz nicht wahrhaben. Ich will lieber sowohl als auch. Und gleichzeitig weiß ich, dass Jesus das Beste für diese drei Menschen im Sinn hatte. Schauen wir uns seine drei Worte über die Nachfolge noch etwas näher an.

Nachfolge Jesu bedeutet: Verzicht auf menschliche Absicherungen.

Zuerst kommt zu Jesus ein begeisterter Mensch. Wahrscheinlich hatte er von den vielen Wundern Jesu gehört, vielleicht gefiel es ihm, einer der engsten Mitarbeiter eines Menschen zu sein, dem viele Tausend Menschen stundenlang gebannt zuhörten. Vielleicht wollte er einfach nur bei Jesus sein.

Doch Jesus bremst seinen Eifer und erklärt ihm, was das heißt Jesus nachzufolgen:

Die Füchse haben Gruben und die Vögel ihre Nester, doch der Menschensohn hat nicht, wo er sein Haupt hinlegen kann.

Füchse graben sich kleine Höhlen in der Erde. Dort sind sie sicher gegen größere Feinde; dort finden sie Geborgenheit, besonders, um ihre Jungen aufzuziehen. Ähnlich ist es bei den Vogelnestern.

Doch diese Sicherheit, die ein Fuchsbau einem Fuchs bietet kann Jesus und damit auch dessen Freunde nicht auf dieser Welt versprechen.

Im vorigen Bibelabschnitt war die Rede davon, dass Jesus in einem Dorf übernachten wollte. Aber es fand sich niemand, der ihm und seinen Jüngern Quartier bot. Die Schar mit den Jüngern musste im Freien übernachten. Schon als Jesus auf die Welt kam, fand sich kein Platz in der Herberge, seine Mutter musste ihn in eine Futterkrippe legen und die kleine Familie blieb nicht lange in Bethlehem. Sie wurden verfolgt und flohen ins Ausland.

Liebe Gemeinde, eine große menschliche Sehnsucht ist, eine Heimat zu haben. Ein Nest, wo man geborgen und zuhause ist, ein Ort, aus dem man nicht so leicht vertrieben werden kann. Wer unter uns schon einmal fliehen musste, ins Ausland zog oder eine Kündigung des Vermieters bekam, der kennt das Gefühl, heimatlos zu sein. Man beneidet dann alle, die ein eigenes schönes Häuschen haben.

Jesus macht deutlich: Ich verzichte auf diese weltliche Sicherheit und Absicherung, ich verzichte darauf hier ein Haus und eine Heimat zu haben. Bist Du bereit, um meinetwillen, ebenfalls darauf zu verzichten?

Liebe Gemeinde – der Preis ist hoch. Doch gleichzeitig wird ein Nachfolger auch frei. Frei von menschlichem Sicherheits- und Absicherungsbedürfnis, - man muss sich nicht mehr schlagen, um sein Erbe, um seinen Platz an der Sonne, man ist frei, dort hinzugehen, wohin Gott jemanden schickt.

Und in diesen Tagen, wo alle Welt nach Bagdad blickt, sieht man, wie unsicher unsere menschlichen Fuchsbauten sind.

Man ist frei, auf die himmlische Heimat zu hoffen. Und so denke ich, dass Jesu Wort zwar hart ist, aber auch sehr heilsam.

Kommen wir zur zweiten Person, die Jesus trifft: Jesus beruft diesen Menschen, das Evangelium weiterzuerzählen. Der aber zögert. Er fühlt sich noch an zuhause gebunden. Er will erst seinen Vater beerdigen. Jesus zeigt ihm, dass der Auftrag, den er von ihm bekommt, wichtiger ist, als die Aufträge, die wir durch unsere menschlichen Verwandtschaftsverhältnisse haben. Schon die Priester durften keinen Toten berühren und an keiner Beerdigung teilnehmen, weil der Tod sie für ihren Dienst entheiligen würde. Und so soll dieser junge Mann die Botschaft vom Leben weiter tragen und nicht die Botschaft, dass der Vater gestorben ist.

Und so kann es in der Nachfolge Jesus manchmal zum schmerzlichen Bruch in der Familie kommen.

Sehr bewegt hat mich kürzlich der Bericht des großen Lehrers Sadhu Sundar Sing:

„Am nächsten Tag predigte ich in ein paar Dörfern in der Nähe und ging dann nach Rampur. Auch dort hörten die Leute aufmerksam zu. Gegen Abend ging ich in mein Elternhaus. Zuerst weigerte sich mein Vater, mich zu sehen, oder mich hereinzulassen; denn dadurch, dass ich Christ geworden, hatte ich die Familie in Unehre gebracht. Doch nach einer kleinen Weile kam er heraus und sagte: „Wohlan, du magst diese Nacht hier bleiben; aber du musst früh am Morgen abziehen; zeige mir dein Gesicht nicht noch einmal.“ Ich schwieg und am Abend ließ er mich in einiger Entfernung sitzen, damit ich nicht sie oder ihre Gefäße beschmutze. Dann bracht er mir zu essen und gab mir Wasser zu trinken. Er hob ein Gefäß in die Höhe und goss es in meine Hände, wie man tut, wenn man einem Kastenlosen zu trinken gibt. Als ich sah, wie er mich behandelte, konnte ich die Tränen nicht zurückhalten: Sie stürzten aus meinen Augen, weil mein Vater, der mich sonst so sehr zu lieben pflegte, mich jetzt hasste, als ob ich unberührbar wäre. Aber trotz alledem war mein Herz von unaussprechlichem Frieden erfüllt. Ich dankte ihm auch für diese Behandlung und sagte: „Es macht nichts, dass du mich verstoßen hast; denn ich habe Christus ergriffen aus Liebe zu ihm, der sein Leben für mich gegeben hat, und seine Liebe ist unwandelbar und bei weitem größer als die deine. Bevor ich Christ wurde, entehrte ich Christus, aber er verstieß mich nicht; so klage ich jetzt nicht. Ich danke dir für deine frühere Liebe zu mir und auch für die gegenwärtige Behandlung.“ Dann sagte ich höflich Lebewohl und ging fort. Draußen auf dem Felde betete ich und dankte Gott, und dann schlief ich unter einem Baum. Am Morgen setzten ich meinen Weg fort.“

Kommen wir noch zum letzten Wort Jesus:

Wer seine Hand an den Pflug legt und schaut zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Im Alten Orient da war das Pflügen harte Knochen- und Konzentrationsarbeit. An ein Joch spannte man zwei Ochsen, die einen Pflug zogen. Der Bauer nun musste mit der linken Hand die Pflugschar halten und sie in den Boden drücken. Mit der anderen Hand hielt er eine lange Rute, um die Ochsen anzutreiben. Einerseits musste er genau aufpassen, wenn ein Stein, oder ein Stück Weg kam und andererseits musste er Kurs halten und zwischen den beiden Kühen durchschauen, damit er die Furche parallel zur anderen zieht. Damals wurde das Korn vor dem Pflügen ausgestreut. Wenn also die Erde nicht umgepflügt war, so blieb sie unfruchtbar. Ein Bauer, der zurückblickte, vielleicht stolz darauf, was er alles geleistet hat, vielleicht auch um nach seinem Hof zu schauen, der geriet in Gefahr, den Kurs zu verfehlen und großes Stück des Feldes ungepflügt zu lassen. Oder, wenn er nicht aufpasste, dann konnte es sein, dass der Pflug gegen einen Stein rammte und kaputt ging. Insofern war ein Bauer, der bei dieser Arbeit nicht aufpasste, nicht geeignet für diese Tätigkeit.

Ebenso will Jesus seinen Jüngern deutlich machen:

Wenn Du im Reich Gottes anpacken willst, wenn Du mir nachfolgen willst, dann hat dieser Dienst erste Priorität.

Wenn Du dich von irgendetwas anderem ablenken lässt, wenn Du zurückschaust nach dem Haus, nach deinen Verwandten, nach deiner Sicherheit, dann geht was schief.

Darum:

Jünger sein heißt ganz und gar sich Gott hingeben.

Amen.

 

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Stand: 04. Juni 2010